Der Eichhorn-Hof

  • [Tara] bei Marlin


    2412-tara-robins-pngDie Anspannung - wenn auch immer noch klar vorhanden - fiel etwas von ihr ab, als der Schwarzhaarige vor ihm tatsächlich mit einem weniger schroffen Tonfall ihrer Frage entgegnete. Sie versuchte ihre Intuition immer noch zu ignorieren. Wollte sich erzählen, dass sie hier nur mit einem Fremden redete, der sie zufällig an ihn erinnerte. Doch auch, wenn sie in der kurzen Zeit, die sie zusammen gelebt hatten fast keine Worte miteinander gewechselt hatten, so erinnerte sie sich doch an die Gespräche mit ihm und ihrer Mutter. An seine Stimme, seinen Tonfall, und es half ihr bei der Verleugnung auch ganz und gar nicht, dass er sich nicht mal einen neuen Haarschnitt oder Garderobe zugelegt zu haben schien. Es war schmerzhaft offensichtlich, dass es sich bei ihm immer noch um den gleichen Mann handelte, von dem er immer mal wieder Streitereien mit ihrer Mutter aus ihrem eigenen Zimmer hören konnte. Ruhig erklärte er ihr, wie sie zu dem Erdbeerfeld finden konnte, und sie schaute in die Richtung, in die er zeigte. Sie stellte sich unwillkürlich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können, wo sie hinmusste, auch wenn es sowieso nicht dabei half, das Feld zu sehen, da ihr Blick von Tomatenpflanzen und Weizen verdeckt waren. Dass er dabei einen Schritt zurückmachte, beruhigte sie schließlich wieder ein wenig und sie fragte sich, ob er sie überhaupt erkannte. Hatte sie doch einen Fremden vor sich? War dies einer dieser Doppelgänger-Momente? Der Gedanke, dass er eventuell nicht wusste, wer sie war, brachte ihr ein wenig Frieden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie jetzt ein unangenehmes Gespräch führen musste, würde sich damit drastisch reduzieren. Ach, warum verhielt sie sich auch wieder so komisch? Am besten sie ließ sich nichts anmerken. Egal, ob er eine Ahnung hatte, oder nicht. Dass ihre eigenen Augen ein ziemlich offensichtlicher Identifikator waren, kam ihr tatsächlich nicht in den Sinn. "Oh, danke. Sorry, ich bin zum ersten Mal hier...", entschuldigte sie sich vorsichtig. Obwohl er schon nicht mehr so genervt schien wie zuvor, hatte sie eigentlich immer noch das Bedürfnis einfach wegzugehen, diesen Vorfall zu vergessen und ihr Leben weiterzuleben. Doch mittlerweile kannte sie sich zu gut. Sie würde es nicht einfach schulterzuckend von sich abschütteln und nachts ruhig schlafen können. Sie würde sich alle möglichen Sachen fragen und wieder bis in die Morgenstunden darüber grübeln, warum sie von keiner ihrer Eltern jemals das Gefühl hatte, wirklich gewollt zu sein. Dieser Gedankenstrang war eine Abwärtsspirale, die sie schon mehrere Male runtergerutscht war, und es brachte ihr nie irgendetwas Gutes. Direkt ansprechen wollte sie allerdings ebenfalls nichts, und so wollte sie nur die Fragen loswerden, die nichts mit ihrer Familie zu tun hatten. Wenn die Person vor sie sie wieder abwies, könnte sie wenigstens so tun, als hätte sie nur ein wenig Smalltalk machen wollen. "Und... was machst du eigentlich hier? Arbeitest du hier?" Der Augenkontakt zu ihm war immer noch etwas spärlich, aber sie tat ihr bestes, um sich nichts anmerken zu lassen. Sie wollte lediglich wissen: warum jetzt? Was brachte ihn hierher? Zufall? Absicht? War es temporär, oder permanent geplant? Würde sie hier wieder auf ihn treffen? Wenigstens solche Kleinigkeiten würde sie gerne wissen, damit sie sich eventuell darauf vorbereiten konnte, dass sie ihm noch öfter über den Weg lief. Obwohl dieser Zufall vielleicht sowieso recht unwahrscheinlich war, da ihre Mutter auch schon seit Jahren hier mit ihr wohnte und sie sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Doch sicher war sicher. Und wenn solche kleinen Informationen ihren rasenden Kopf beruhigen konnte, wollte sie zumindest versuchen, ein ungezwungenes Gespräch zu führen.

  • [Marlin] & Tara



    Marlin nickte nur langsam, als sie sich noch entschuldigte, beinahe rechtfertigte. Sie klang ein bisschen entspannter, immerhin. Gut, dachte er sich. Das war's dann. Er erwartete nicht, dass sie jetzt noch etwas von ihm wollte. Den Weg hatte sie, der Rest schien sie nicht zu interessieren, Life can go on. Das unpassende Gefühl von Bitterkeit versuchte er gekonnt zu ignorieren. Nicht, dass ihm Bitterkeit per se fremd wäre - im Gegenteil, sie war sein offensichtlichster, fast schon sein bester Charakterzug - aber diese hier, die schmeckte anders. Und es ärgerte ihn, weil es das nicht sollte. Als hätte irgendetwas davon eine Bedeutung. Er hatte seine Entscheidung vor Jahren getroffen. Kein Grund jetzt etwas zu bereuen. Das tat er auch nicht - ein bitteres Gefühl ließ sich dennoch nicht abstreifen. Was für ein Bullshit.

    Instinktiv wollte Marlin die Hände in den Jackentaschen vergraben und gehen. Nur musste er ohne Jacke auskommen, denn sein Sweatshirt lag noch bei seinen wenigen anderen Habseligkeiten im Gewächshaus. Man mochte es ja kaum glauben, aber Feldarbeit brachte einen tatsächlich ins Schwitzen. Also dann - ohne den obligatorischen Move eben - wandte Marlin sich um, um das Mädchen in Frieden seine Erdbeeren pflücken zu lassen und ihn hingegen mit seinen Gedanken alleine. In der Hinsicht ganz gut, das die Arbeit keine Leichte war. Allerdings, und das kam nun überraschend, sprach Tara ihn noch einmal an.

    Heh? Marlin hielt in der Bewegung inne, drehte sich noch einmal zu seiner Tochter um und schoss ihr einen scharfen, ziemlich misstrauischen Blick zu. "Are you playing me?", entfuhr es ihm, bevor er sich eines besseren Besinnen konnte. Was sollte das werden? Bisschen netter Smalltalk aus heiterem Himmel? Jedem, der Marlin auch nur auf 3 Meilen Entfernung sah, war klar, dass heiteres Geplänkel, belangloses Gelaber, bei ihm nicht fruchteten. In der Regel ignorierte er das auch und ging einfach seiner Wege. Warum also jetzt nicht? Ein höhnischer Kommentar, ein abwertendes Grinsen und ciau. Das ging bei jedem - naja jeden, den er nicht mochte, was also die überwiegende Anzahl der Menschen beinhaltete - aber bei Tara nun, hielt ihn etwas zurück. Die Tatsache, dass er nicht wusste wie er zu ihr stand - stehen sollte - und vice versa. Wer hätte das gedacht, huh? Er selbst, sicher nicht.

    Marlin bemerkte, dass das ängstliche Häschen in dem Mädchen wieder zum Vorschein gekommen war. Falls es sich je versteckt hatte. Er verwarf die Idee, dass sie hier bewusst etwas inszenierte also. Ein wenig ironisch, weil Mia und er beide der Typ für ein Spektakel (Mia) oder eine gerissene List (er) gewesen wären, Tara hingegen... davon nichts ausstrahlte. Wieso sollte sie auch? Weshalb zog er überhaupt einen Rückschluss? Was sollte Tara denn von irgendjemanden von ihnen haben, wo keiner auch je wirklich für sie da gewesen war? Es machte keinen Sinn. Und es machte umso weniger Sinn, dass solch eine Überlegung es überhaupt in seinen Schädel schaffte. Marlin fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, strich ein paar lose Haarsträhnen weg. In der Zeit versuchte er seinen misstrauischen Blick, der sich nach ihrer harmlos wirkenden Frage breit gemacht hatte und sicher nicht allzu einladend aussah, wieder in einen neutralen Ausdruck zu verwandeln. "Also.", sagte er schließlich, "Wenn du was zu sagen hast - meinetwegen. Wenn nicht, du weißt wo die Erdbeerfelder sind." Das klang sicherlich nicht allzu einladend. Dabei war es als das gemeint. Die Wahrheit hinter dem Berg zu halten war jetzt jedenfalls überflüssig. Die Unsicherheit, ja, fast schon die Panik in ihrem Blick, regten beinahe schon ein Gewissen in ihm an, von dem er nicht wusste, dass er es noch besaß. "Das ist als Angebot gemeint.", setzte er daher unwirsch nach. Das war mehr, als man sonst von ihm bekam. Aber vermutlich würde sie so oder so alles in den falschen Hals bekommen - nicht, das er ihr das verübeln könnte. Marlin's ganze Ausstrahlung war nicht unbedingt das, was die Leute als charmant betiteln würden. Er zuckte mit den Schultern. "Wie du willst." Damit wandte er den Blick schließlich von ihr ab, ließ ihn über die weite Ebene streifen. Er stellte sie vor die Wahl, damit geschickt umgehend, was er selbst wollte. Wollte er überhaupt etwas? Ignoranz funktionierte gut für ihn - das hatte es die letzten Jahre und das würde es auch nach dieser obskuren Begegnung. Eine Auseinandersetzung würde auf lange Sicht auch nichts ändern, nicht das was in der Zukunft lag und sowieso nichts Vergangenes. Wie immer verstand es Marlin nur darauf, in der Gegenwart zu leben. Wie es Tara dabei ging? Was sie davon hielt? Er hatte keine Ahnung. Denn immerhin, und das war ein Fakt, kannte er seine Tochter nicht. Er wusste nicht, was für ein Mensch sie war, was sie bewegte, traurig oder glücklich machte. Er war sich auch nicht sicher, ob es ihn überhaupt interessierte. Aber komplett ignorieren - daran war er gerade eben gescheitert. Also musste er jetzt mit der Konsequenz ausharren.

  • [Tara] bei Marlin


    2412-tara-robins-pngIhr Körper spannte sich augenblicklich an, als er ihr als Antwort auf ihre Frage einen scharfen Kommentar ins Gesicht warf. Sie fühlte sich automatisch schuldig dafür, ihn anscheinend irgendwie beleidigt zu haben, auch wenn sie sich eigentlich sicher war, dass ihre Frage eigentlich ziemlich unschuldig und harmlos gemeint war. "Ähm" Ihr Herz fing gleich an, schneller zu pochen. Gott, wie hasste sie dieses Gefühl. Das Gefühl, dass sie nichts als die tiefe Abneigung und Abweisung des Anderen verspürte und es sich quasi in sie hineinfraß. "Nein?" Sie quetschte die kurze Silbe gerade noch so aus sich heraus. Schließlich wollte sie ihm trotz ihrer Angst klarmachen, dass sie nicht im Entferntesten daran gedacht hatte ihn auf irgendeine Weise zu 'playen'. Im Allgemeinen fand Tara, dass sie eigentlich überhaupt kein guter Player in irgendwas war. Außer vielleicht auf ihrer Violine. Kurz nachdem er diesen schneidigen Kommentar losgeworden war, wurde sein Gesicht glücklicherweise auch schon wieder etwas sanfter, oder zumindest weniger misstrauisch. Das 'Angebot', wie er es nannte, welches er ihr daraufhin machte, ließen jegliche Unsicherheiten darüber wer der Mann vor ihr war letztendlich verschwinden. Ein Fremder würde so nicht mit ihr reden. Ein Fremder würde ihr nicht die Gelegenheit geben, nach all den Jahren ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Kaum hörbar schluckte sie, um sich bereit zu machen, etwas zu sagen. Doch eigentlich wusste sie nicht wirklich, was. Sollte er wirklich die tiefgreifenden Fragen, wie 'Warum bist du weggegangen?', oder 'Warum hast du dich nie für deine Tochter interessiert?' wirklich glücklich machen? Was erhoffte sie sich? War sie bereit dazu, ihn anzuhören, selbst wenn er für sie bereit war? Nein, eigentlich nicht. Es gab einen Grund, warum sie sich für den belanglosen Smalltalk entschieden hatte. Sie war einfach nicht bereit, zerschmetternde Kommentare wie 'Du bist mir egal' zu hören. Und sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass er diese Antworten für sie in Zuckerwatte verpacken würde. Sie kannte ihn nicht gut, doch solche offensichtlichen Persönlichkeitsmerkmale konnte sie kaum ignorieren und denken, dass er sicher Worte auswählen würde, die sie nicht bis in ihren innersten Kern verletzen würden. Sie holte noch einmal tief Luft und wiederholte noch einmal ihre Frage. Diesmal in einem direkteren Ton. "Ich wollte wirklich nur wissen, was du hier machst. Wie lange du hier bist, warum du hier bist und warum jetzt" Warum bist du hier wo wir leben, wenn du es bei uns eigentlich immer gehasst hast? War es nur ein unglücklicher Zufall für ihn, dass er gerade in diese Stadt gekommen war? Hatte die Göttin des Schicksals einfach einen echt schlechten Tag gehabt und wollte sich mit ihnen allen einen Spaß erlauben? Ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer wollte ihr einreden, dass er sich vielleicht doch ein wenig um seine Familie scherte, die er damals zurückgelassen hatte, aber aus Angst vor Enttäuschung wollte sie diesen Gedanken nicht zulassen. "Ich wollte einfach nur wissen, was dich hierher geführt hat", hing sie noch an ihre Fragen an. Nur um sicher zu gehen, dass er ihre Fragen nicht wieder nur für eine Farce hielt. Es waren die einzigen Fragen, die sie sich traute daraufhin eine Antwort zu erhalten, und auch wenn es für ihn wie ein Scherz klang, so wollte sie doch wenigstens darauf eine gescheite Antwort haben.

  • [Marlin] & Tara



    Die Stille legte sich über Landschaft und somit auch über die zwei Fremden, doch familiären Personen unter ihnen. Für den Moment zumindest. Einen kurzen Moment, in dem Marlin den Blick noch bewusst abgewandt hielt. Als wollte er nicht sehen, was in seiner Tochter vorging. Selten hatte er sich so wenig in Kontrolle gefühlt, auch wenn das seiner grimmigen Ausstrahlung keinen Abbruch tat. Ihr plötzliches Auftreten schien jedenfalls wie der Beweis zu sein, dass man vor nichts ewig davonlaufen konnte. Auch er nicht. Ganz egal wie oft oder wie konsequent er es versucht hatte. Oder hatte er einfach nur wahnsinniges Pech?

    Jetzt gab es jedenfalls nichts mehr daran zu ändern. Es gab keinen Platz für Reue. Weder für jene Taten, die weit zurücklagen, noch für den kürzlichen Verlauf. Alles in Allem hatte Reue ihm jedoch noch nie besonders gut gestanden.

    Als Tara schließlich ihre Stimme wieder gefunden hatte, drehte er den Kopf wieder zu ihr. Musterte sie schweigend, wägte ihre Worte im Kopf ab. So also. Gelinde überrascht war er, dass sie wirklich nur ihre Frage wiederholte - klarer formuliert diesmal, direkter. Vehementer. Nicht so wischiwaschi von der Seite als schlechten Smalltalk getarnt. Marlin verstand sich darauf, Fragen, die er nicht beantworten wollte - oder die ihn einfach nicht genug dafür interessierten - schlichtweg zu übergehen, anstatt sie zu entgegnen und es war erstaunlich, wie oft und einfach man damit durchkam. Er reagierte nicht sofort. Vielleicht kam ja noch etwas hinzu? Auch hier: Es war verblüffend, wie häufig die Leute dann doch noch etwas nachschossen, mit ihrem wahren Anliegen ankamen. Doch Tara beließ es bei ihrer ursprünglichen Frage.

    Eine Provokation schlich sich auf seine Lippen. So viele verlockende, stichelnde Gegenfragen. Ein ganzes Repertoire, welches alle Wahrheiten an die Oberfläche holen konnte. Auf eine möglichst brutale Art und Weise.

    Marlin schwieg jedoch. Das war nicht Mia. Oder sonst wer. Das war seine verdammte Tochter und die war mit ihren Elternteilen schon gestraft genug. Huh, etwas das wir tatsächlich gemeinsam haben, was?

    War es Mitleid, welches die Mäßigung in ihm veranlasste? Oder steckte, trotz entschiedener Negierung, doch ein Fünkchen Reue, ein Hauch von Bedauern, in seiner schwarzen Seele? Lächerlich.

    "Zufall.", sagte er schließlich, bemüht seinen Widerwillen in Zaum zu halten. Er hatte die Initiative immerhin angeboten, nicht? "Und Arbeit." Er zuckte mit den Schultern. Dabei war Gelassenheit gerade eine absolute Farce. Wie die ganze Situation. Marlin wusste, dass ihr diese Antwort nicht reichen würde, und fügte nach kurzer Aversion hinzu: "Ich hatte keine Ahnung, dass ihr hier seid. Weder du noch deine Mutter.", sagte er und war am Ende doch erstaunt, wie leicht ihm der simple Tatsachenbericht fiel. Warum auch nicht? "Riverport war einfach die nächste Stadt auf der Karte." Keine Gute Wahl, im Nachhinein betrachtet. Ganz abgesehen von seinen, nun, familiären Beziehungen hier, bot Riverport auch sonst einfach nichts. "Ich weiß nicht, wie lange ich bleibe." Oh? Moment - wäre die richtige Antwort nicht gewesen: 'Ich bin schneller wieder weg, als du dir wünschen kannst.'? So etwas in die Art? Das war doch sein Plan, nicht? Ja. Aber wie lange die Umsetzung dieses Vorhabens dauern mochte, wusste er tatsächlich nicht. Also war es nicht gelogen. Vermutlich sogar wahrer, als es in seiner Absicht gelegen hatte. Hatte er damit all ihre Fragen beantwortet? Oder eine übersehen? Marlin wartete, zögerte - und schwieg.

  • [Tara] bei Marlin


    2412-tara-robins-pngEs fühlte sich fast schon triumphierend an, dass sie tatsächlich Antworten auf ihre Fragen bekommen hatte. Nicht nur das, sondern auch Antworten, die nicht mit Worten gewählt waren, die sie bis in ihren tiefsten Kern zerschmettern würden, so wie sie sich innerlich schon darauf eingestellt hatte. Ein Teil der Anspannung in ihrem Körper verließ sie daraufhin, auch wenn die Nervosität in ihrem Magen immer noch bestehen blieb. Es war also wirklich nur ein dummer Zufall gewesen. Natürlich. Ein Zufall, den er wahrscheinlich gerade in diesem Moment hasste. "Verstehe", murmelte sie nüchtern. Sie hatte es mittlerweile geschafft zumindest immer mal wieder in seine Nähe zu schauen, auch wenn sie größtenteils eher seinen Oberkörper im Visier hatte und sich noch nicht an direkten konstanten Augenkontakt traute. Und mit dem Abfall der körperlichen Anspannung, schlich sich ein wenig Bitterkeit zusammen mit ihrer Nervosität. Sie hatte es sich doch sowieso gedacht, hatte sich bewusst keinerlei Erwartungen gesetzt. Warum fühlte sie sich also trotzdem so niedergeschlagen, fast schon enttäuscht? Es machte keinen Sinn, aber das war ja auch nichts neues für sie. Sie konnte einfach nur hoffen, dass diese Gefühle nach dem Einschlafen wieder weg waren und sie sich nicht wieder tagelang damit beschäftigte, was seine Worte für sie bedeuteten. Plötzlich regsitrierte sie die Tatsache, dass er spezifisch ihre Mutter erwähnt hatte. Vermutlich war es nicht allzu komisch, dass man die minderjährige Tochter am Wohnort ihrer Mutter vermutete, aber irgendwas daran ließ sie aufhorchen, etwas vermuten. "Hast du Mama schon getroffen?" Mit diesem Satz traute sie sich doch, in sein Gesicht zu schauen. Sie wollte sehen, wie er mit seiner Mimik darauf reagierte. Die Bitterkeit in ihr, die annahm, dass dies der Fall war, dachte sich unwillkürlich wie überraschend es doch wäre, wenn er trotz dessen in der Stadt geblieben war, doch die Nervosität in ihr fühlte sich im gleichen Moment schlecht, dass sie überhaupt so negativ dachte. Aus irgendeinem Grund konnte sie alles mögliche an Verhalten anderer Menschen tolerieren und verzeihen, doch ihre Eltern, insbesondere ihre Mutter, hatten dieses Talent, sie mit den kleinsten Sachen innerlich so emotional aufzuwühlen, genau die richtigen Knöpfen zu drücken, dass sie sich selbst verlor. Zumindest fühlte es sich so an. Doch sie musste sich zusammenreißen. Sie wollte sich nicht wieder in ihren Emotionen verlieren, anfangen zu weinen und den Finger auf andere richten. Sie hatte sich so angestrengt, davon wegzukommen, ruhiger zu werden, aber es war eben doch zu einfach, wieder in dieses Loch reinzufallen.

  • Marlin & Tara



    'Verstehe.' Wie? Das war's? Marlin sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu seiner Tochter. Ihm entging nicht, dass sie es bewusst vermied, ihn anzusehen. "Keine Vorwürfe?" Ausnahmsweise behielt er die Frage nicht für sich, sondern sprach sie aus. Ein Hauch von Spott ließ sich dabei nicht aus seiner Stimme verbannen - obwohl es in keiner Weise so gemeint war. Viel mehr war er überrascht. Marlin hatte sich nie Gedanken darum gemacht, wie ein potenzielles Wiedersehen aussehen würde. Solche hypothetischen Gedankengänge waren in seinen Augen ganz einfach nutzlos. Selbst wenn, fehlte ihm ja die essenzielle Grundlage: Daten darüber, um was für einen Mensch es sich überhaupt handelte. Also, doppelt sinnlos. Zudem hatte er auch alles dran gesetzt, dass es nie dazu kam - nicht gut genug offenbar, aber hey. Dennoch merkte er nun, das er tatsächlich mit einer deutlich ablehnenderen Haltung gerechnet hatte. Anklagen vielleicht oder ein Verlangen nach sowas wie Versöhnung oder dergleich Absurdem. So wie Mia eben, sofort wieder angefangen hatte davon zu reden, Zeit miteinander zu verbringen, all die letzten Jahre zu vergessen und neu anzufangen. Absurd. Sollte eine solche Erwartungshaltung in dem Mädchen versteckt sein, so zeigte sie es nicht. Tara wirkte in dieser Hinsicht viel umsichtiger, gar vorsichtig und ein wenig so, als fürchtete sie, er würde ihr gleich den Kopf abschlagen. Nein, wirklich nicht, was er vermutet hatte.

    Sie schien sich auch unmerklich zu entspannen, nach seiner Antwort. Dabei hatte sie 'Zufall und Arbeit' gelautet und nicht: 'Ich habe jahrelang wieder nach euch gesucht und möchte all meine Fehler wiedergutmachen' oder einen ähnlichen Quatsch. Aber, dachte er, Mag sein, dass sie genau das erhofft hat. Kein herzzerreißendes - ha! - Wiedersehen, sondern stattdessen die Gewissheit, dass er so schnell wie möglich wieder weg sein würde, dass sie sich eben nicht mit einer vermeintlichen, plötzlichen Vaterfigur herumschlagen musste. Damit diene ich gerne. Wie dem auch sei. Fakt war, dass er selten einen Menschen so schlecht einzuschätzen wusste, wie nun seine eigene, gottverdammte Tochter, aber auch, dass es weitaus stressfreier war, als er je angenommen hatte. Naja, vielleicht kommt ja noch was. Das wäre sonst wahrlich zu einfach, oder? Es war sein in ihm verankertes Misstrauen, welches er niemals fallen lassen konnte.

    Womöglich auch zurecht. Tatsächlich fragte Tara nach Mia. Ausgerechnet. Zugegeben, den Stiefel konnte er sich selbst anziehen, immerhin hatte er sie zuerst angeführt. Selten dämlich. Sein Gesicht verfinsterte sich, bei der Erwähnung der Frau, die ihm jegliche Nerven kostete. "Ja.", brummte er kurz angebunden. Ihm fiel auf, dass Tara von Mia als 'Mama' sprach. Nicht mit dem Namen oder gar in völliger Vermeidung. Damit hatte er, ehrlich gesagt, nicht gerechnet und es erwischte ihn ein wenig von der Seite. Die wird mich doch nicht etwa mit 'Papa' anreden? Selbst, wenn er Tara nicht per se feindlich gegenübergestellt war, das ginge zu weit. Gruselte ihn fast schon. Nachdem er jegliche Worte für 'Vater' früh aus seinem Wortschatz gestrichen hatte, konnte er nichts damit anfangen und wollte dieser Bezeichnung auch nie und nimmer gerecht werden. Den Versuch hatte er unternommen, er war gescheitert, Thema erledigt. Ganz schön empfindlich, was?, verhöhnte ihn eine innere Stimme, die er unwirsch beiseite wischte. Vielmehr interessierte ihn - interessierte ihn wirklich - was das sollte. Wie stand Tara zu ihrer Mutter? Und wieso interessiert mich das überhaupt? Er wusste - naja, sagen wir, er war sich ziemlich sicher - dass Tara nicht bei ihr wohnte. Es lag ihm aber nichts daran, sie das wissen zu lassen. "Versteht ihr euch etwa?", fragte er daher schlicht, barsch. Und wenn dem so wäre? Würde ihn das etwa stören? Wieso sollte ihn das kümmern? Wo ist deine Gleichgültigkeit geblieben, hm, Marlin?

  • [Tara] bei Marlin


    2412-tara-robins-pngSie wusste nicht, was sie mit der Frage, von der sie sich nicht mal sicher war ob sie rhetorisch gemeint war oder nicht, machen sollte. 'Keine Vorwürfe'? Was sollte das? Wollte er, dass sie ihm Vorwürfe macht? Eine unerwartete Reaktion von jemandem, der eigentlich immer vor allem weggerannt war. Doch diesen Gedanken wollte sie nicht aussprechen. Es würde nur wieder in Streit enden. Wie es bei ihrer Mutter und ihr immer gewesen war. Wie es bei ihm und ihrer Mutter immer gewesen war. "Vorwürfe bringen jetzt doch auch nichts mehr, oder?" Sie konnte sich nicht helfen, den Satz ein wenig unterkühlt auszusprechen. Zwar tat sie ihr bestes, um die Fassung zu bewaren und ihn nicht anzukeifen, aber auch wenn sie es eigentlich immer allen recht machen und Verständnis zeigen wollte, nach Jahren voller Einsamkeit und Abweisung, die sie auf ihre Eltern zurückführte, konnte selbst sie nicht warmherzig mit diesem Thema umgehen. Irgendwie war diese Begegnung bizarr. Sie hatte sich so viele Gedanken darüber gemacht, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie ihn jemals wieder treffen würde. In jedem Szenario war das Aufeinandertreffen äußerst dramatisch und nervenaufreibend abgelaufen. Tränen waren geflossen, Vorwürfe wurden gemacht, es wurden Grausamkeiten ausgetauscht. So wie sie es eben manchmal zwischen ihren Eltern mitbekommen hatte. Doch das hier war ganz anders. Und trotzdem war sie sich nicht sicher, welche Version von der Begegnung ihr lieber gewesen wäre. War es besser, wenn er einfach widerlich und gemein zu ihr gewesen wäre, und sie ihn einfach aufrichtig hassen konnte, oder war diese nüchterne und distanzierte Art und Weise für sie beide besser? Die letztere Variante gab ihr definitiv die Chance, ein produktiveres Gespräch zu führen, und doch fühlte sie sich irgendwie so als... würde sie in der Luft hängen. Als sie ihre Mutter ansprach, regte sich sein Gesicht dann doch in eine Richtung, die sie eher erwartet hätte. Ein finsteres 'Ja', so ausgesprochen, als ob er gerade in Abneigung auf den Boden spucken würde, machte sie irgendwie glücklicher als es sollte. Sie konnte sich nicht davon abhalten, ein wenig Freude darüber zu empfinden, dass er sich nicht einfach mit ihrer Mutter wieder vertragen hatte und sie jetzt als Einzige außerhalb der Familie stehen würde. Es half natürlich niemandem, dass sie sich alle nicht miteinander verstanden, aber wenigstens fühlte sie sich so nicht mit ihren Gefühlen alleingelassen. Etwas verblüfft zog sie die Augenbrauen zusammen, als er sie dann tatsächlich fragte ob sie sich mit ihr verstand. Was dachte er sich denn? Dass er das zerüttete Familienverhältnis verlassen hatte und sie und ihre Mutter trafen sich irgendwann mal zum Kaffee, jeder gestand sich seine Fehler ein, sie verziehen einander und verstanden sich jetzt prächtig? Er kannte sie doch. Vermutlich besser, als Tara selbst. Männer waren ihr schon immer wichtiger gewesen, als ihre eigene Tochter, und sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie sich jemals einen Platz erkämpfen hätte können, an dem sie sich miteinander vertragen würden. Nicht, dass sie diese Hoffnung nicht schon längst aufgegeben hatte. "Nein, überhaupt nicht", stellte sie klar, war allerdings nicht mehr so kalt wie noch vorhin. Sie war immer noch ein wenig überrascht über die Tatsache, dass diese Annahme überhaupt ausgesprochen wurde. "Wieso? Versteht ihr euch jetzt etwa wieder?" Eine gehaltlose Frage, nach der offensichtlich negativen Reaktion seinerseits als sie ihre Mutter auch nur erwähnt hatte, aber vielleicht erhielt sie so ein wenig Informationen darüber, was bei ihrem Treffen so abgelaufen war. Immerhin ging es trotz allem um ihre Eltern. Und so sehr sie sich auch distanzieren wollte, sie waren eben immer noch genau das. Es war egal, wie oft sie diese Tatsache verflucht hatte, wie groß die eigene Abneigung ihnen gegenüber war, sie hatte immer noch diese Neugier in sich, den Drang zu wissen, was bei ihnen los war. Und die meiste Zeit konnte sie diesen Drang auch gut ignorieren, da sie ihre Zeit möglichst mit anderen Dingen verbrachte. Aber wenn sie schon einmal die Gelegenheit bekam, konnte sie unmöglich so tun, als würde es sie kein Stück interessieren.

  • Marlin & Tara



    Oha, so vernünftig. Den Zynismus behielt Marlin immerhin für sich. Es nervte ihn ein wenig. Lag wohl daran, dass weder Mia noch er selbst auch nur einmal im Leben vernünftig gewesen waren, also wer hatte ihrer gemeinsamen Tochter diesen Löffel Weisheit verabreicht? Beschwerst du dich gerade echt über ihre Abgeklärtheit? Wobei, ganz so abgeklärt war sie gar nicht, auch wenn ihre Worte den Anschein erweckten. Aber es mochte wohl das erste Mal sein, dass sie nicht mit Unsicherheit sprach, sondern mit etwas anderen. Reserviertheit? Hm. Wäre es ihm denn lieber, sie würde ihn anzicken und zurecht weisen? Nein. Bei einer solchen Haltung wäre er sofort zurück an die Arbeit gegangen. Ohne Witz. Leute im Regen stehen lassen? Damit hatte er wirklich kein Problem.

    Ihre Verneinung entspannte ihn ein wenig. Gut. Ach, wie gemein Marlin, wer freut sich denn, wenn Mutter und Tochter sich nicht verstehen? Naja, wie passend, dass er nie der Typ für Nettigkeiten gewesen war. Also fühlte er sich auch kein Stück schlecht für seine Gedanken. Es war das, was er ursprünglich auch erwartet hatte, doch der Verlauf der Dinge hatte ihn für einen Moment tatsächlich zweifeln lassen. Na, was wäre denn, wenn sie sich verstehen würden? Keine Ahnung. Aber wilde Spekulationen waren reine Zeitverschwendung, also hielt sich Marlin nicht mit Alternativen auf, die keine waren. Interessanterweise fragte Tara dasselbe. Herrlich ironisch. Marlin konnte sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen. Keine Wärme lag darin und sein Blick - jener, den sie stets bewusst mied - blieb kühl.

    "Nein.", sagte er schließlich, "Sicher nicht." Auf seinen Lippen hing das Überbleibsel eines verkorksten Grinsens, ehe seine Miene wieder einen finsteren Ausdruck annahm. Sicher nicht. Eine ziemlich klare Ansage von jemanden, der die erste Nacht in dieser beschissenen Stadt im Bett der Ex verbracht hatte. Wie musste das für Tara aussehen? War es nicht der romantische Wunsch eines jeden Kindes, das sich die eigenen Eltern gut verstanden? War es denn der deine? Nicht doch, nicht doch. Nachdem Tara ein gutes Verhältnis zu Mia bestritten hatte, tauchte die unbequeme Frage auf, wer denn dann für das Kind dagewesen war. Niemand, natürlich. Ouch. Fuck it. Solange er ihnen nicht begegnet war, war es einfach gewesen, sich einzureden, 'es würde schon passen'. Gar, als hätte er ihnen Gefallen getan - stimmte ja auch irgendwie, oder? Sich weiszumachen, es ginge ihn damit nicht länger was an - immerhin hatte er das, you know, Familie, Verantwortung, Bindungen - ja auch nie gewollt. Das hatte sich auch nicht geändert.

    Stattdessen war Mia zerbrochen. In einem derartigen Maße, wie er es nie antizipiert hatte. Beinahe erstaunlich. Er könnte sich darüber in Ruhe wundern, wenn ihn das nicht selbst betreffen würde. Und das tat es, ob er nun wollte oder nicht, solange diese Frau (Frauen?) ihn konfrontierten. Da blieb nur die Frage offen, welchen Schaden das Mädchen vor ihm schlussendlich davon getragen hatte, ganz gleich wie verborgen. Das fragst du dich nicht im ernst? Nein. Maybe. Naja, nicht wirklich. Nur Gedanken in seinem Kopf. Gedanken wie jene, was aus Mia geworden war, wie solche, ob seine Flucht, eine Grausamkeit oder ein Geschenk gewesen war. Nutzlose Gedanken.

    "Wart mal kurz.", murrte er kurz. Ja, genau, lauf nur wieder weg. Bullshit. Das Mädel schien ja nicht einmal Forderungen zu stellen. Aber er wusste damn well warum er sich sonst nicht mit Vergangenem beschäftigte. Nur Fragen, auf die niemand eine Antwort hatte. Er hatte jetzt genauso wenig Ahnung, wie zu der Zeit als Tara geboren wurde. Ablehnung und Wut wechselten damals mit einer intrinsischen Neugierde, die er weder verstanden noch gewusst hatte abzustellen. Ein Gefühl vor Ewigkeiten. Es hatte ja doch nicht funktioniert.

    Marlin war zum Gewächshaus zurück gegangen, um sich seine Packung Zigaretten zu schnappen. Die erste Gönnung nachdem er dem Bauern einen Vorschuss abgeschwatzt hatte. Mochte er sein Suchtverhalten sonst im Zaum halten, gerade war der Drang zu groß. Für die Nerven. Haha. Fast schon peinlich. Er zündete sie auch direkt an, wo er war, griff noch nach einer Apfelsaftflasche, ehe er wieder zu Tara zurück stapfte. Marlin hielt ihr die Flasche hin, ignorant darüber ob sie Bedarf hatte - oder überhaupt etwas von ihm annehmen wollte - und genehmigte sich einen kräftigen Zug an der Zigarette, bemüht den Rauch von ihr fern zu halten.

    "Mia ist schwierig.", ergänzte er seine Antwort zu ihrer Frage, nun, da das Nikotin ihn entspannte, auch mit etwas mehr Ruhe in der Stimme. Seinen Blick nun nicht auf ihr, sondern auf die umliegende Landschaft gerichtet. Sie ließ sich nicht vermeiden, die Frage, wo sie untergekommen war, wenn sie mit ihrer Mutter nichts zu tun hatte, aber sie war zu deprimierend um sie zu stellen. Vermutlich in einem Internat oder sowas. Hatte er wirklich auch nur einmal ernsthaft geglaubt, Mia könnte Mutter für dieses Mädchen spielen? Mia? Er erinnerte sich vage, ihr das auch mehr als einmal vorgeworfen zu haben - nicht das er selbst besser gewesen wäre - aber da war es dann auch schon zu spät gewesen. Eine klassische All-or-nothing Entscheidung, da gab es keinen einfachen Weg raus. Moment, doch. Und er war ihn gegangen. No regrets.

  • [Tara] bei Marlin


    2412-tara-robins-pngKeine wirklichen Informationen gab er Preis. Abgesehen davon, dass die Begegnung anscheinend echt nicht gut gelaufen war. Es war ihr anfangs nicht wirklich aufgefallen, als starr vor Angst war, aber die Wortkargheit frustrierte sie doch ein wenig. Nicht, dass es etwas bringen würde, wenn sie dies aussprach. Der Mann vor ihr schien sich im Moment zwar nicht besonders antagonistisch ihr gegenüber zu verhalten, aber sie war sich immer noch sicher, dass er sich nicht wirklich darum kümmerte, was sie wollte, was sie brauchte. Wenn er das tun würde, wäre er nicht gegangen. Mit einem zusammengepressten Lächeln musterte sie ihren Vater. Seinen schiefen Mundwinkeln nach zu urteilen fand er die Annahme, dass sie sich verstehen also genauso absurd wie sie seine Annahme von vorhin, dass sie sich gut mit ihrer Mutter verstand. Es waren nicht viele Worte, die sie miteinander gewechselt hatten, und doch sagten diese paar kleinen und kurzgebundenen Fragen so viel über ihre Familiendynamik aus. Wenn man das überhaupt so nennen konnte. Sie sagte nichts, als er sie dazu aufforderte, zu warten. Zu schnell war er nach seiner Aussage auch schon weg, verschwand in einem Gewächshaus. Für einen Moment stand Tara einfach nur sprachlos da, bis er mit einer Zigarette und einem Getränk wieder auf sie zu kam. Diesmal war die Atmosphäre viel entspannter, wenn auch immer noch distanziert, als vor ein paar Minuten. Musste er jetzt wirklich unbedingt eine rauchen? Sie konnte sich nicht mal daran erinnern, dass er irgendwann mal vor ihr eine Zigarette geraucht hatte. Andererseits konnte sie die Momente, in denen er tatsächlich anwesend war und sie nicht nur seine Stimme vom oberen Stockwerk aus gehört hatte vermutlich auch an einer Hand abzählen. Sie musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sie ihn eigentlich gar nicht kannte. Sie hatte zwar ein starkes Bild von ihm, einen starken Eindruck, ein Gefühl dafür, was für eine Art Mensch er war, aber sie kannte ihn kein Stück. Wusste nicht, was er mochte, was er nicht mochte - naja gut, die Familie, an die er ganz offensichtlich unwillig gebunden war, mochte er nicht - und was er mit seinem Leben machen wollte. Doch wollte sie das überhaupt? Wissen, was für ein Mensch da vor ihr stand. Was für ein Mensch sie und ihre Mutter sich selbst überlassen hatte. Ihre Bitterkeit sagte nein, jedoch gab es immer noch einen kleinen Teil in ihr, der es auf einmal wissen wollte. Wenn die Begegnungen schon nicht so emotional aufreibend waren, wie mit ihrer Mutter... gäbe es diese Hoffnung? War es in Ordnung, sich ein kleines bisschen Hoffnung zu machen? Er hielt ihr den Saft hin und sie nahm automatisch die Flasche entgegen. "Ähm, danke", antwortete sie verwirrt. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass er das Getränk für sich mitgebracht hatte und wusste nicht ganz recht, was sie von der Geste halten soll. Bevor sie allerdings ihre Gedanken dazu ordnen konnte, führte er auch schon das Gespräch weiter. Hatte er sich extra deswegen eine Zigarette angezündet, weil es um ihre Mutter ging? Der Gedanke lockte ihr doch ein sanftes Schmunzeln aufs Gesicht. Auch wenn sie sich nicht wirklich sicher war, ob er das Recht hatte, sich darüber zu beschweren. Schließlich gab es einen Grund, warum sie gezeugt wurde. Irgendetwas muss es doch damals gegeben haben, dass nicht so schwierig war. Oder war sie das schon immer? Eigentlich hatte sie auch darüber keine Ahnung. "Naja, irgendetwas muss es gegeben haben, weswegen ihr damals was hattet, oder?" Eine Frage, die vermutlich viel zu persönlich war, und sie schon kurzer Zeit nachdem sie sie ausgesprochen hatte, bereute. Ugh, eigentlich wollte sie wirklich nichts über das frühere Beziehungsleben ihrer Eltern wissen. Doch sie konnte nicht anders als skeptisch über den Kommentar von Marlin sein. Schließlich fand sie, waren beide ziemlich schwierig. Ihre Mutter schien zu viele Emotionen zu haben, ihr Vater zu wenige. Und beides war für sie einschüchternd. Doch sie musste auch zugeben, dass sie schon lange nicht mehr so viel an einem Stück mit ihrer Mutter geredet hatte, wie eben gerade mit ihrem wiedergekehrtem Vater. Vielleicht sind wir auch einfach nur alle drei zusammen schwierig, dachte sie sich, als sie bemerkte, wie zwiegespalten sie selbst eigentlich war. Es war alles zu kompliziert. Und irgendetwas sagte ihr, dass das Auftauchen ihres Vaters die Dinge kein bisschen einfacher machen würden.

  • [Marlin] & Tara



    Während er einen kräftigen Zug seiner Zigarette nahm, existierte er einfach nur. Marlin verlor sich nicht in Gedanken, nein. Sie waren da, unterschwellig stets anzutreffen, doch gerade behielt er seinen Fokus ganz auf den giftigen Rauch in seinen Lungen, der Wärme des Tages und der kitschigen Bilderbuchlandschaft hier draußen. Vermied - ob bewusst oder unbewusst - all die Fragen, auf die er vor über zehn Jahren schon keine Antwort parat hatte. Als ob sich daran etwas geändert hätte. Zeit machte einen weder klüger, noch besonnener, noch - wie sagt man so schön? - 'heilt sie alle Wunden'. Das war der naive Glaube der Verzweifelten, mehr nicht. Nein, er hatte sich kein Stück geändert. Stimmt nicht ganz. Hmpf. Na schön, ein wenig. Alles andere wäre aber auch obskur, wenn man bedachte, was für ein alter Sack aus ihm geworden war. Wenn eine Sache zutraf, dann die, dass er sich weitaus mehr aus Verstrickungen heraushielt. Naja, zumindest wenn Überbleibsel jener nicht plötzlich wieder vor ihm standen.

    Als Tara ihre Stimme wiederfand, reagierte er zunächst kein Stück. Marlin tippte nur ein wenig Asche von seiner Kippe. Werden wir jetzt also forscher, hm? Es schien, als wich ihre Unsicherheit langsam zurück. Ihm war nicht klar, was sie überhaupt gefürchtet hatte. Das er sie erkannte? Das er sie nicht erkannte? Oder einfach nur, das er sich wie der größtmögliche Arsch verhielt? Wäre ja nicht ganz abwegig. Was sollte man von einem Erzeuger halten, der keine Zuneigung zeigte, mit der Mutter nur im Streit sprechen konnte und irgendwann einfach von der Bildfläche verschwunden war? Arsch. Nein, ihre ängstliche, sorgenvolle Herangehensweise war durchaus gerechtfertigt gewesen.

    "Ja.", begann er schließlich leichthin und wandte den Kopf wieder in ihre Richtung. Er hatte nicht die Absicht diese Frage von ihr auch nur im Entferntesten zu beantworten. Doch in seinem Blick lag keine Feindseligkeit.

    "Erwartest du darauf wirklich eine Antwort von mir? Was ist es, was du gerne hören willst, hm? Das ich deine Mutter über alles geliebt habe, wir gemeinsam beschlossen haben Eltern zu werden und uns den Traum einer glücklichen Familie in einer friedlichen Nachbarschaft verwirklichen wollten? Es nur deswegen nicht geklappt hat, weil wir uns vielleicht ein bisschen übernommen haben?" Ferner könnte die Wahrheit nicht entfernt sein. Marlin sprach völlig ruhig. Kein Hohn, kein Hass, keine Provokation lag in seiner Stimme. Es lag nicht in seiner Absicht Tara zu verletzten. Bei zwei so verkorksten Eltern, hatte sie sich zumindest das verdient. Es schien ihm allerdings auch wie unmöglich zu sein, ernsthaft auf ihre Frage zu antworten. Ihm war auch klar weshalb. Sie hatte Recht. Das Gör hatte Recht in ihrer Annahme. Warum sonst war er so lange geblieben? Wieso sonst war er nicht sofort gegangen, noch am selben Abend, als Mia ihm voller Trotz verkündet hatte, dass sie schwanger sei? Aber er war geflohen, um zu vergessen und nicht um Jahre später ein Geständnis vor seiner Tochter abzulegen. Was kam als nächstes, der Beichtstuhl?

    Würde ich heute sofort gehen? Oder würde ich es besser machen? Die Antwort auf diese Frage war klar. Vielleicht machte die Zeit einen doch hin und wieder ein wenig klüger. Ändern würde es jedoch rein gar nichts.

    "Wir sind keine Familie." Im Tonfall leise, den Blick wieder abgewandt, sprach er sie doch laut aus, diese Worte, die klar die Grenzen dessen setzen, was sie alle längst wussten. Für wen sprach er sie also, für Tara? Oder doch nur, um sich selbst in seiner Gewissheit zu bestärken, dass Familie ein Konstrukt darstellte, welches ihnen allen verwehrt war? Tara war die Leidtragende dessen. Vermutlich war eine Entschuldigung angemessen, für so vieles. Stattdessen, anstatt nur einmal wahrlich ehrlich zu sein, hatte er wie immer zu sarkastischen Gegenwehr gegriffen. Damit ihn nur ja niemand sah, damit es sich auch weiterhin schön vermeiden, verdrängen, verleugnen ließ. Du verdammter Feigling. Er seufzte innerlich. Das war's dann vermutlich. Ersparte ihn zumindest die unbequeme Angelegenheit, sich zu fragen, ob er auch etwas über seine Tochter in Erfahrung bringen wollte. Das wolltest du doch nicht echt, oder?