Ceita - Parkbank in der Nähe des Sees
Jetzt, wo er hinsah, den Blick nicht mehr abwandte, erkannte er es. Den inneren Konflikt den Noita führte - seinetwegen. Der Wunsch, am liebsten das Weite zu suchen. Ihn hinter sich zu lassen, ihn zu vergessen - oder zumindest soweit in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen, bis er nur noch eine vage Erinnerung war. Ein Ex, der sie abserviert hatte, nichts weiter.
Trotzdem stand sie noch hier.
Sie hatte ihn vor dem Schwan gerettet. Sie hatte die Wunde verbunden. Und sie war noch immer hier.
Cedric schluckte. Er wagte es kaum, sich darauf Hoffnungen zu machen, doch sein Herz klopfte wie verrückt bei dem Gedanken, dass sie ihn - vielleicht, womöglich - noch eine zweite Chance gewähren könnte.
Ein Wunschdenken. Genau das: Er wünschte es sich so sehr.
Gleichzeitig war da auch diese panische Angst. Was würde sein, wenn die Hoffnung zerplatzte? Sie war so trügerisch, lockte einen naiven Glauben hervor, dass sich vielleicht am Ende doch alles zum Guten neigen würde. Und wenn dem nicht so war - was dann?
Cedric wusste genau, was passieren konnte, wenn einen alle Hoffnung verließ. Er fürchtete sich genau deswegen davor - das es noch einmal passieren könnte.
Sein Name auf ihren Lippen.
Wenn er nur nicht so gequält klingen würde. Obwohl ihre Haltung nur allzu verständlich war, stach es ihm trotzdem im Herzen. Der Klang ihrer Stimme der verriet, sie wolle eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben und stand nur noch hier, weil sie zu höflich war um einfach zu gehen. Ja, das war sie, nicht? Einfach zu nett, um ihn stehen zu lassen. Ihre ganze Haltung sprach Ablehnung aus, aber solange sie hier war, durfte er nicht aufgeben.
Ich will dich nicht noch einmal verlieren.
Und dann sagte Noita etwas, dass ihm einer Ohrfeige gleich kam. Er lachte verzweifelt auf.
'Woher... kam dieser Gedanke? Ich hatte nie die Absicht dir das Gefühl zu geben, dass es ohne dich... besser wäre...?'
In seinen Ohren klingelte es. Cedric vergrub das Gesicht in seinen Händen. Gerade konnte er sie nicht ansehen, aber das musste er erstmal sacken lassen. Im Grunde machte er sich all seine Probleme doch nur selbst, oder? Und genau da kam er wieder, der Gedanke, der ihm einflüsterte, sie sei ohne ihn besser dran, denn wer sich so sehr selbst in die Scheiße ritt, würde andere nur mit hineinziehen. In sein eigenes Elend. Und das wollte er doch niemanden sonst antun, nicht? Cedric presste sich die Lippen aufeinander. Am liebsten wollte er schreien.
"Nein.", sagte er hingegen, ehe er langsam die Hände wieder sinken ließ und zu ihr aufsah. "Und das ist vermutlich der Kern des Problems."
Um Himmels willen, wie sollte er dieser Frau nur irgendeine Wahrheit erzählen, wenn er selbst vor einem Scherbenhaufen stand und kaum wusste, welche Teile zusammen passten? Schließlich jedoch nickte er. "Ich will es versuchen." Mit diesen Worten umfasste er bedacht Noitas Handgelenk und zog sie zu sich auf die Parkbank. Mit Abstand, sicherlich, aber wenn er sich wirklich öffnen wollte, ging das nicht, wenn Noita mit ablehnender Haltung vor ihm stand. Sie ließ es geschehen, vermutlich konnte sie gar nicht anders. Der Moment der Flucht war verstrichen. Es hatte genug Chancen gegeben.
Schweigen legte sich über sie. Er wusste, es war sein Zug und doch herrschte in seinem Kopf nur blankes Chaos. Gleichzeitig kam ihm die ganze Situation mit einem Mal total absurd vor. War er wirklich gerade dabei, zu versuchen seine Liebe zurück zu gewinnen, indem er über seine Ex redete? Was für ein bescheuerter Humbug war das? Aber es war nunmal die Lüge die er ausbessern musste.
Unter anderem.
Cedric zog sein unverletztes Bein hoch und legte die Arme um das Knie.
Als er den Mund schließlich öffnete, fing er am Anfang an.
Er erzählte, wie er aufgewachsen war. Er erzählte, dass Ran eine Kindheitsfreundin sei. Er gestand, dass sie sich in jungen Jahren ineinander verliebt hatten. Er erzählte, dass sie zu Stiefgeschwistern mit einer gemeinsamen Halbschwester wurden. Er erzählte von der Verlobung.
Und dann war sie weg.
"Dann habe ich dich kennen gelernt."
Das war gut gewesen.
Er erzählte von jenem Tag, an dem er angeschossen wurde. Vom Vater seiner Verlobten. Vor lauter Furcht hatte er noch nie darüber gesprochen, aber was hatte er jetzt noch zu verlieren? Nachdem er schon am Abgrund gestanden hatte?
"Sie ist tot, du Idiot. Und dann hat er gelacht." Die Hände um sein Knie verkrampften sich für einen Moment.
Er hatte überlegt, ob dieser Mann sie getötet hatte. Immerhin hatte er auch skrupellos auf ihn geschossen. Ob er ohne Noitas Rettungs (und die ihrer Cousine) verblutet wäre? Wer könnte das jetzt noch sagen? Er wusste, er hätte etwas äußern müssen. An irgendwem. Aber er konnte nicht. Er zögerte, ehe er zugab, dass er auch Angst um sie, um Noita, gehabt hatte. Es war nicht fair.
"Und dann ging das Leben weiter. Wir kamen uns näher und... das hat mich sehr glücklich gemacht."
Errötete er? Vermutlich. Ziemlich sicher sogar.
Es war halbwegs ertragbar, Vergangenes zu rezitieren. Viel schwieriger hingegen war es, seine Gefühle zu artikulieren. Möglicherweise kamen sie zu kurz.
Er tat sich mit vielem schwer. Aber wenn Noita da war... wenn sie zusammen waren... dann war es okay. Gut sogar. Das Leben wirkte leichter. Ob in schneebedeckten Bergen, im immergrünen Wald oder beim Picknick im Park. Ihm wurde warm in ihrer Nähe und auch wenn an dem Tag, als sie zusammen gekommen waren, vieles wie hinter einem Schleier hing, so trat eines deutlich hervor: Die Zuneigung, die sie füreinander empfanden. Davon war nichts gelogen gewesen. Niemals.
Cedric atmete einmal tief aus. Sammelte sich.
"Und dann bin ich Ran begegnet."
Er schüttelte den Kopf. Damals wie heute wollte er es nicht wahrhaben. Sie war tot, dass hatte ein Lügner ihm erzählt und selbst wenn, waren acht Jahre verstrichen. Er hatte lange darum gekämpft, sie hinter sich zu lassen und voran zu gehen. Und doch hatte er sich in diesem Moment in die Vergangenheit zurückgesetzt gefühlt. Als wäre alles, was seit ihrer letzten Begegnung geschehen war, nie passiert. Als wäre er wieder 16. Er hatte die Begegnung für einen Traum gehalten, bis die Realität einsetzte. Bis er begriff, dass Zeit verstrichen war, Jahre, und sie existierte. Sie lebte, die ganze Zeit gelebt hatte und ihn einfach ohne ein Wort sitzen gelassen hatte. Aber es war nie einfach gewesen, nicht? Nichts war einfach.
"Ich kann nichts ungeschehen machen." Seine Stimme war rau, "Es hat mich wieder eingeholt. Das was du vorhin gesagt hast, es ist genau das." Er griff sich an die Brust. "Ich weiß nicht warum oder woher. Es ist eine innere Überzeugung, dass-" Er biss sich auf die Unterlippe. Solche Sachen laut auszusprechen, war das Schlimmste. Weil die Gedanken, die einem sonst nur selbst gehören, dann offen für alle daliegen. Bereit für ihr Urteil, gepaart mit der Angst, dass dieses nicht positiv ausfallen würde. Begleitet von unfassbar viel Scham. Cedric ring mit sich, ehe er den Satz leiser zu Ende sprach. Im Grunde hatte er es vorhin schon gesagt. "Dass ich nichts wert bin. Dass alle, insbesondere du, ohne mich besser dran wären. Es ist.. schwierig zu erklären. Ich beginne langsam zu begreifen, dass das... dass es... dass es nicht stimmen muss." Cedric fuhr sich aufgelöst durch die Haare. Nichts davon erklärte auch nur ansatzweise, was in ihm vorging. Seit Jahren schon. Mal stärker, mal schwächer. In Noitas Gegenwart immer schwächer, weil er ihr zeitweise mehr Glauben schenkte, als seinen eigenen, zerrütteten Gedanken. Sein Herz schlug so heftig, doch diesmal war es nicht die Hoffnung die flatterte. Es war die blanke Panik. Er schluckte, grub die Fingerspitzen in seinen Handballen um sich davon abzulenken. Die nächsten Worte kamen beinahe plump über seine Lippen.
"Es war gelogen, dass ich sie noch liebe."
Denn mein Herz gehörte längst dir.
Es war so simpel, so dumm, so verfehlt. Cedric hatte es in dem Moment gewusst, dass er log. Sie war aus einem sehr verdrehtem Schutzmechanismus heraus entstanden. Er hatte sie verletzt und damit das nicht noch einmal geschah, war es das Einfachste sich fernzuhalten. Von allem. Von jedem.
Das er so auf Dauer nicht leben konnte, hatte er ein wenig zu spät gemerkt.
Schweigen legte sich über sie. Cedric fühlte sich regelrecht aufgebraucht, nach allem was er in den letzten Minuten von sich gegeben hatte. Vermutlich mehr als je zuvor in seinem Leben. Erschöpfung machte sich in ihm breit, als wäre er einen Marathon gelaufen. Nie hatte er jemanden so viel von sich erzählt, so viel von sich preis gegeben. Er war roh. Und er wusste nach wie vor nicht, ob das eine gute Idee gewesen war oder völliger Humbug, doch die eine Chance die Wahrheit zu schildern, hatte er ergreifen müssen. Alles. Bis zu dem Moment, aus dem sie auseinander gegangen waren.