Beiträge von Avokaddo

    [Cedric] & Noita


    Die Zeit verstrich langsam, als sich das Schweigen über sie legte.

    Cedrics Mund war trocken. Er hatte vermutlich so viel am Stück geredet, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es war eine seltsame Erfahrung - kam ihm surreal vor. Hatte er Noita gerade wirklich alles erzählt, bis zu dem Tag ihrer Trennung? Er konnte es kaum glauben, fühlte sich regelrecht entrückt. Fühlte.

    Sein Herz klopfte wild in seiner Brust, musste so viel verarbeiten - Emotionen die er die letzten Monate unterdrückt hatte. Er empfand Erleichterung, weil Noita noch hier war, wagte kaum zu hoffen. Gleichzeitig war da unendlich viel Scham, weil er ihr alles ungefiltert aufgetischt hatte - und auf vieles davon war er alles andere als stolz.

    Aber vor allem war da die Angst. Angst, dass er Noita zu viel war, dass sie gehen würde, dass sie keinen Nerv und keine Kraft hatte, sich mit jemanden rumzuschlagen, der so viel Ballast mit sich herumschleppte und darüber hinaus erst dann damit herausrückte, wenn es eigentlich längst zu spät war. Er hatte Angst vor ihrem Urteil.

    Cedric zwang sich, auf seinen Atem zu achten, damit die Angst nicht in Panik umschlug. Ein. Aus. Ein. Aus. Panik half jetzt niemanden.

    Noch immer kein Wort. Doch vermutlich war kaum Zeit verstrichen.

    Schließlich hörte er ihre Stimme, bemerkte, wie sie aufstand, sich von ihm entfernte.

    Geh nicht, flehte er in Gedanken. Ich habe kein Recht dazu und wünsche es mir trotzdem: Bitte bleib.

    Als sie sich wegdrehte, ließ Cedric den Kopf sinken. Schloss für einen Moment die Augen. Er war so müde.

    "Dasselbe hat deine Cousine auch gesagt.", sagte er und wich damit einer richtigen Antwort aus. Er hatte es bereits versucht zu erklären, wusste nicht wie er die verquere Perspektive in seinem Kopf deutlich machen konnte. Eine verdrehter Instinkt, Noita vor sich selbst zu schützen, ja. Ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl. Aber wenn er so darüber nachdachte, hatte er sich womöglich selbst für sein Vergehen bestrafen wollen - ungeachtet der Tatsache, dass es mit das Schlimmste war, dass er ihr hätte antun können. Bisher hatte er seinen Fehler vor allem auf die Tat - den Kuss - an sich reduziert und seine Worte, seine Lüge, die von ihm iniziierte Trennung weniger Relevanz beigemessen. Für ihn war es die Konsequenz seines Fehler gewesen - für Noita eine weitere Handlung, mit der er ihr weh getan hatte.

    Bisschen spät für diese Erkenntnis, höhnte es.

    Cedric öffnete den Mund, auch wenn er nicht wusste, was er sagen wollte, doch Noita kam ihm mit einer Entschuldigung zuvor.

    Moment... was? Cedric blinzelte irritiert und suchte ihren Blick, doch sie wich ihm aus.

    Sein Name auf ihren Lippen.

    Sein Name, sanft.

    Kein Unwille. Keine Abneigung. Keine Zurückweisung.

    Sanft.

    Seine Augen wurden weit, noch weiter, als sie vor ihm in die Hocke ging. Er wollte ihren Namen sagen, doch sein Hals war noch ganz rau. Ihre Hand an der seinen, ihre Berührung an seiner Haut. Ihn durchzog ein Prickeln, ausgehend von ihrer Geste. Ein Teil von ihm - der ängstliche, selbstverhasste Teil - wollte beinahe zurückweichen, denn das konnte nicht passieren. Er hatte weder Zuneigung noch Mitleid verdient. Ich bin wertlos. Gib dich nicht mit mir ab. Verfluche mich. Ich hab dir weh getan.

    Sei still, sei still, seistillseistillseistill.

    Er ließ es zu. Natürlich ließ er es zu, es war das, wonach er sich so lange schon sehnte. Nähe. Wärme. Sie war so warm. Trotzdem war er von der Situation mit einem mal überfordert. Er war so lange alleine gewesen, hatte so lange Distanz zu allem gehalten, dass er... schlicht nicht erwartet hatte, dass es anders sein konnte. Erst recht nicht mit Noita, insbesondere nach all dem Schmerz, der zwischen ihnen entstanden war. Den er verursacht hatte.

    Als die Erkenntnis über ihre Umarmung allmählich durchsickerte, hob Cedric zögerlich die Arme, versuchte die Anspannung fallen zu lassen. Als er nasse Tränen an ihrer Wange spürte, klammerte er sich unwillkürlich an sie. Er wollte etwas sagen, so viel, doch der Kloß in seiner Kehle war zu dick.

    Ihr Frage schließlich, traf direkt in sein Herz.

    Ein Beben ging durch seinen Körper. Unfähig der Worte drehte er einfach nur den Kopf von links nach rechts. Nein. Nein, natürlich nicht. Es war das erste mal - sie die erste Person, der er so ausführlich etwas von sich erzählt hatte. Nicht nur etwas - alles. Das Beben durchzuckte ihn erneut und er begriff, dass er weinte.

    Es tat weh, doch er verstand die Ursache überhaupt nicht. Nichts davon war neu. Die Geschichten begleiteten ihn schon sein halbes Leben. Also was...?

    Als sich ihre Tränen mit den seinen vermischten, dämmerte es ihm. Er hatte es sich endlich erlaubt sich jemanden zur Gänze anzuvertrauen. Und dieser jemand hatte ihn - trotz allem - nicht verlassen, sondern in eine Umarmung gezogen. Hatte ihn getragen. Endlich konnte er ein klein wenig loslassen.

    Und als die Tränen schließlich weniger wurden, Noita sich zurückzog und ihn ansah, sagte sie etwas, dass auch seine Schwester schon so ähnlich zu ihm gesagt hatte.

    Nicht allein.

    Cedric schüttelte den Kopf, nickte dann, schüttelte ihn wieder.

    "Das... nicht wirklich.", nuschelte er als Antwort. Wenn er an die vielen Stunden zurückdachte, die er alleine im Bett verbracht hatte, unfähig aufzustehen, in der Gewissheit niemanden zu haben und schutzlos seinen Gedanken ausgeliefert zu sein, wurde ihm ganz flau. "Aber...", versuchte er fortzufahren, "Ich hab kürzlich begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass ich nicht so weitermachen kann." Die Worte kamen nur langsam, bedächtig über seine Lippen. Er zögerte, bevor er fortfuhr, wich ihrem Blick aus, denn am Ende war es ihm doch unangenehm. "Ich will... versuchen mir Hilfe zu holen."

    Ceita - Parkbank in der Nähe des Sees


    Jetzt, wo er hinsah, den Blick nicht mehr abwandte, erkannte er es. Den inneren Konflikt den Noita führte - seinetwegen. Der Wunsch, am liebsten das Weite zu suchen. Ihn hinter sich zu lassen, ihn zu vergessen - oder zumindest soweit in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen, bis er nur noch eine vage Erinnerung war. Ein Ex, der sie abserviert hatte, nichts weiter.

    Trotzdem stand sie noch hier.

    Sie hatte ihn vor dem Schwan gerettet. Sie hatte die Wunde verbunden. Und sie war noch immer hier.

    Cedric schluckte. Er wagte es kaum, sich darauf Hoffnungen zu machen, doch sein Herz klopfte wie verrückt bei dem Gedanken, dass sie ihn - vielleicht, womöglich - noch eine zweite Chance gewähren könnte.

    Ein Wunschdenken. Genau das: Er wünschte es sich so sehr.

    Gleichzeitig war da auch diese panische Angst. Was würde sein, wenn die Hoffnung zerplatzte? Sie war so trügerisch, lockte einen naiven Glauben hervor, dass sich vielleicht am Ende doch alles zum Guten neigen würde. Und wenn dem nicht so war - was dann?

    Cedric wusste genau, was passieren konnte, wenn einen alle Hoffnung verließ. Er fürchtete sich genau deswegen davor - das es noch einmal passieren könnte.

    Sein Name auf ihren Lippen.

    Wenn er nur nicht so gequält klingen würde. Obwohl ihre Haltung nur allzu verständlich war, stach es ihm trotzdem im Herzen. Der Klang ihrer Stimme der verriet, sie wolle eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben und stand nur noch hier, weil sie zu höflich war um einfach zu gehen. Ja, das war sie, nicht? Einfach zu nett, um ihn stehen zu lassen. Ihre ganze Haltung sprach Ablehnung aus, aber solange sie hier war, durfte er nicht aufgeben.

    Ich will dich nicht noch einmal verlieren.

    Und dann sagte Noita etwas, dass ihm einer Ohrfeige gleich kam. Er lachte verzweifelt auf.

    'Woher... kam dieser Gedanke? Ich hatte nie die Absicht dir das Gefühl zu geben, dass es ohne dich... besser wäre...?'

    In seinen Ohren klingelte es. Cedric vergrub das Gesicht in seinen Händen. Gerade konnte er sie nicht ansehen, aber das musste er erstmal sacken lassen. Im Grunde machte er sich all seine Probleme doch nur selbst, oder? Und genau da kam er wieder, der Gedanke, der ihm einflüsterte, sie sei ohne ihn besser dran, denn wer sich so sehr selbst in die Scheiße ritt, würde andere nur mit hineinziehen. In sein eigenes Elend. Und das wollte er doch niemanden sonst antun, nicht? Cedric presste sich die Lippen aufeinander. Am liebsten wollte er schreien.

    "Nein.", sagte er hingegen, ehe er langsam die Hände wieder sinken ließ und zu ihr aufsah. "Und das ist vermutlich der Kern des Problems."

    Um Himmels willen, wie sollte er dieser Frau nur irgendeine Wahrheit erzählen, wenn er selbst vor einem Scherbenhaufen stand und kaum wusste, welche Teile zusammen passten? Schließlich jedoch nickte er. "Ich will es versuchen." Mit diesen Worten umfasste er bedacht Noitas Handgelenk und zog sie zu sich auf die Parkbank. Mit Abstand, sicherlich, aber wenn er sich wirklich öffnen wollte, ging das nicht, wenn Noita mit ablehnender Haltung vor ihm stand. Sie ließ es geschehen, vermutlich konnte sie gar nicht anders. Der Moment der Flucht war verstrichen. Es hatte genug Chancen gegeben.

    Schweigen legte sich über sie. Er wusste, es war sein Zug und doch herrschte in seinem Kopf nur blankes Chaos. Gleichzeitig kam ihm die ganze Situation mit einem Mal total absurd vor. War er wirklich gerade dabei, zu versuchen seine Liebe zurück zu gewinnen, indem er über seine Ex redete? Was für ein bescheuerter Humbug war das? Aber es war nunmal die Lüge die er ausbessern musste.

    Unter anderem.

    Cedric zog sein unverletztes Bein hoch und legte die Arme um das Knie.

    Als er den Mund schließlich öffnete, fing er am Anfang an.

    Er erzählte, wie er aufgewachsen war. Er erzählte, dass Ran eine Kindheitsfreundin sei. Er gestand, dass sie sich in jungen Jahren ineinander verliebt hatten. Er erzählte, dass sie zu Stiefgeschwistern mit einer gemeinsamen Halbschwester wurden. Er erzählte von der Verlobung.

    Und dann war sie weg.

    "Dann habe ich dich kennen gelernt."

    Das war gut gewesen.

    Er erzählte von jenem Tag, an dem er angeschossen wurde. Vom Vater seiner Verlobten. Vor lauter Furcht hatte er noch nie darüber gesprochen, aber was hatte er jetzt noch zu verlieren? Nachdem er schon am Abgrund gestanden hatte?

    "Sie ist tot, du Idiot. Und dann hat er gelacht." Die Hände um sein Knie verkrampften sich für einen Moment.

    Er hatte überlegt, ob dieser Mann sie getötet hatte. Immerhin hatte er auch skrupellos auf ihn geschossen. Ob er ohne Noitas Rettungs (und die ihrer Cousine) verblutet wäre? Wer könnte das jetzt noch sagen? Er wusste, er hätte etwas äußern müssen. An irgendwem. Aber er konnte nicht. Er zögerte, ehe er zugab, dass er auch Angst um sie, um Noita, gehabt hatte. Es war nicht fair.

    "Und dann ging das Leben weiter. Wir kamen uns näher und... das hat mich sehr glücklich gemacht."

    Errötete er? Vermutlich. Ziemlich sicher sogar.

    Es war halbwegs ertragbar, Vergangenes zu rezitieren. Viel schwieriger hingegen war es, seine Gefühle zu artikulieren. Möglicherweise kamen sie zu kurz.

    Er tat sich mit vielem schwer. Aber wenn Noita da war... wenn sie zusammen waren... dann war es okay. Gut sogar. Das Leben wirkte leichter. Ob in schneebedeckten Bergen, im immergrünen Wald oder beim Picknick im Park. Ihm wurde warm in ihrer Nähe und auch wenn an dem Tag, als sie zusammen gekommen waren, vieles wie hinter einem Schleier hing, so trat eines deutlich hervor: Die Zuneigung, die sie füreinander empfanden. Davon war nichts gelogen gewesen. Niemals.

    Cedric atmete einmal tief aus. Sammelte sich.

    "Und dann bin ich Ran begegnet."

    Er schüttelte den Kopf. Damals wie heute wollte er es nicht wahrhaben. Sie war tot, dass hatte ein Lügner ihm erzählt und selbst wenn, waren acht Jahre verstrichen. Er hatte lange darum gekämpft, sie hinter sich zu lassen und voran zu gehen. Und doch hatte er sich in diesem Moment in die Vergangenheit zurückgesetzt gefühlt. Als wäre alles, was seit ihrer letzten Begegnung geschehen war, nie passiert. Als wäre er wieder 16. Er hatte die Begegnung für einen Traum gehalten, bis die Realität einsetzte. Bis er begriff, dass Zeit verstrichen war, Jahre, und sie existierte. Sie lebte, die ganze Zeit gelebt hatte und ihn einfach ohne ein Wort sitzen gelassen hatte. Aber es war nie einfach gewesen, nicht? Nichts war einfach.

    "Ich kann nichts ungeschehen machen." Seine Stimme war rau, "Es hat mich wieder eingeholt. Das was du vorhin gesagt hast, es ist genau das." Er griff sich an die Brust. "Ich weiß nicht warum oder woher. Es ist eine innere Überzeugung, dass-" Er biss sich auf die Unterlippe. Solche Sachen laut auszusprechen, war das Schlimmste. Weil die Gedanken, die einem sonst nur selbst gehören, dann offen für alle daliegen. Bereit für ihr Urteil, gepaart mit der Angst, dass dieses nicht positiv ausfallen würde. Begleitet von unfassbar viel Scham. Cedric ring mit sich, ehe er den Satz leiser zu Ende sprach. Im Grunde hatte er es vorhin schon gesagt. "Dass ich nichts wert bin. Dass alle, insbesondere du, ohne mich besser dran wären. Es ist.. schwierig zu erklären. Ich beginne langsam zu begreifen, dass das... dass es... dass es nicht stimmen muss." Cedric fuhr sich aufgelöst durch die Haare. Nichts davon erklärte auch nur ansatzweise, was in ihm vorging. Seit Jahren schon. Mal stärker, mal schwächer. In Noitas Gegenwart immer schwächer, weil er ihr zeitweise mehr Glauben schenkte, als seinen eigenen, zerrütteten Gedanken. Sein Herz schlug so heftig, doch diesmal war es nicht die Hoffnung die flatterte. Es war die blanke Panik. Er schluckte, grub die Fingerspitzen in seinen Handballen um sich davon abzulenken. Die nächsten Worte kamen beinahe plump über seine Lippen.

    "Es war gelogen, dass ich sie noch liebe."

    Denn mein Herz gehörte längst dir.

    Es war so simpel, so dumm, so verfehlt. Cedric hatte es in dem Moment gewusst, dass er log. Sie war aus einem sehr verdrehtem Schutzmechanismus heraus entstanden. Er hatte sie verletzt und damit das nicht noch einmal geschah, war es das Einfachste sich fernzuhalten. Von allem. Von jedem.

    Das er so auf Dauer nicht leben konnte, hatte er ein wenig zu spät gemerkt.

    Schweigen legte sich über sie. Cedric fühlte sich regelrecht aufgebraucht, nach allem was er in den letzten Minuten von sich gegeben hatte. Vermutlich mehr als je zuvor in seinem Leben. Erschöpfung machte sich in ihm breit, als wäre er einen Marathon gelaufen. Nie hatte er jemanden so viel von sich erzählt, so viel von sich preis gegeben. Er war roh. Und er wusste nach wie vor nicht, ob das eine gute Idee gewesen war oder völliger Humbug, doch die eine Chance die Wahrheit zu schildern, hatte er ergreifen müssen. Alles. Bis zu dem Moment, aus dem sie auseinander gegangen waren.

    [Murakumo] bei den besiegten Entführern & Kindern & Elsje


    Das Adrenalin pulsierte noch durch seinen Körper, während Murakumo langsam begriff, dass der Kampf vorbei war. Beide Entführer, gefesselt. Beide Kinder, unversehrt. Weitgehend zuminest. Das Mädchen hatte eine fiese Schnittwunde abbekommen und der Junge zitterte wie Espenlaub. Und Elsje? Die schien nur verwirrt zu sein.

    Ein tiefes Seufzen entfuhr seiner Kehle und Murakumo hätte sich erschöpft hingesetzt, würde er nicht längst auf einem der Ganoven sitzen. Zurecht hatte seine Kochbegleiterin einige Fragen. Gute Fragen. Eigentlich wusste er selbst nicht so recht, was passiert war, aber damit würde sie sich kaum abspeisen lassen.

    "Najaaa....", begann er gedehnt, "Als wir im Wald waren, hab ich was Verdächtiges gehört." Seine Wolfsohren zuckten dabei wie zur Bestätigung. "Da wollte ich nur mal eben nachsehen haha." Er lachte trocken auf, aber es klang nicht echt, nur... erschöpft. Vielleicht auch einen Ticken nervös. Nachdem was sich hier gerade abbildete, könnte er es niemanden verdenken, ihn nicht als Monster zu sehen. Dabei hatte er nur helfen wollen, aber was für eine Rolle spielte das am Ende des Tages schon? Er hasste es als Monster wahrgenommen zu werden und wollte nicht, dass Elsje sich von ihm abwandte, am Ende gar Angst vor ihm hatte. Immerhin fand er ihre Gesellschaft recht angenehm. Und gefürchtet zu werden, dass war nun wirklich nicht sein Stil, ganz gleich wie er aussah.

    "Jedenfalls.", fuhr er schließlich mit seiner Erklärung Elsje gegenüber fort, "Waren diese Kinder in einer Kiste eingesperrt und offenbar von diesen Männern unfreiwillig festgehalten worden." Er machte eine vage Gestik mit seiner gesunden Hand. "Da kam es dann zu dieser kleinen Auseinandersetzung." Die dann schließlich in einen eiskalten Kampf mündete. Bei den Runeys, das war heute nun wirklich nicht auf seiner To-Do-Liste gestanden.

    "Am besten wir bringen sie zu den Wächtern am Stadttor.", schlug Murakumo vor, "Du kannst nicht zufällig die Pferde dazu bringen uns dorthin zu fahren? Pferde mögen mich nicht besonders." Vermutlich witterten sie den Wolf in ihm. "Danach sollten wir die Kinder am besten zu Natalie in die Klinik bringen.", fügte er hinzu, als er einen Blick auf die zwei warf, die beide völlig fertig schienen. Zurecht. So eine Entführung steckte man nicht so einfach weg.

    [Hahkota] & Yahto -- kommen vom niedergebrannten zu Hause



    Hahkota wusste kaum wie ihm geschah. Was zugegeben nicht nur am Schock lag, dass sie ihr neues zu Hause an den Feuergott verloren hatten, sondern auch an seinen, nunja, mangelnden Sprachkenntnissen. Die Feuerbezwinger fragten sie so viele Dinge und Hahkota verstand so wenig. Ein Glück war Rumi da, um ein wenig auszuhelfen, aber sie war auch nur ein Mädchen. Es dauerte eine Weile bis Hahkota begriff, was in ihm vorging.

    Er fühlte sich hilflos.

    Das durfte er vor Yahto nicht zeigen. Er musste seinem Blutsbruder eine Stütze sein.

    Und jetzt standen sie hier, in einem Gebäude, dass wohl das Häuptlingshaus des Campingplatzes war. Eine ältere Frau, mit verhutzeltem Gesicht, aber freundlichem Lächeln sah sie mitleidig an. Aufgrund ihres Alters hatte sie sofort Hahkotas höchsten Respekt.

    "Oh, ihr armen Jungs.", sagte die Frau - soviel verstand er gerade noch. Dann ging sie kurz und als sie wiederkam, hielt sie ein paar Klamotten in den Händen. Fundgrube? Hahkota war nicht sicher, ob er richtig verstand, hatte sie die etwa ausgegraben? Sowas versteckte sich hier in der Erde?! Vielleicht sollten sie es mal als Schatzgräber versuchen.

    Jedenfalls schien es, als dürften sie die Klamotten erstmal haben. Was ihm nur Recht war. Seitdem das Adrenalin nachgelassen hatte, zitterte Hahkota aufgrund der Kälte, die hier herrschte. Dankbar zog er sich einen dicken Pullover über, der zwar kratzte und ein bisschen muffig roch, aber ihn sofort wärmte. Ein Seufzen entwich ihm.

    Dann drückte die Frau ihnen noch Plastik in die Hand und zeigte ihnen eine freie Stelle, an der sie das "Zelt" aufschlagen durften. Dann trottete sie wieder ins Häuptlingshaus. Ein wenig verwirrt sah Hahkota auf das Etwas zu ihren Füßen. Ringsrum waren dummerweise keine anderen Zelte aufgebaut, weil wer war schon so wahnsinnig um im Januar draußen zu zelten?! Das wusste Hahkota aber noch nicht.

    "Gut.", sagte er und versuchte entschlossener zu klingen, als er sich fühlte. "Wenn ich das richtig erkenne, sind dass die Materialien für unsere vorübergehende Bleibe, richtig? Du hast sie vermutlich besser verstanden als ich.", fügte er hinzu und hoffte nicht allzu geknickt zu wirken. Was die Sprache anging, hatte Yahto eindeutig die Nase vorn.

    [Cedric] 1 & Alessa & Hina | im Wohnzimmer


    Als Alessa den Namen ihres gemeinsamen Bruders erwähnte, hätte Cedric beinahe aufgelacht. Aber nur beinahe. Fürs Lachen war er dann doch viel zu angespannt. Aber das Simon am selben Tag wie er ihre vernachlässigte Schwester aufsuchen wollte, war zu unwahrscheinlich. Er hatte seit dem Streit nichts mehr von ihm gehört.
    'Entspann dich, Cedric.'

    Er verzog das Gesicht. Setzte sich aber brav auf die Couch, stellte das Wasserglas auf dem Tisch ab und knabberte widerwillig an seiner Pizza. Entspannen, was war das? Er wusste überhaupt nicht mehr wie das ging. Cedric war schon seit Monaten nicht mehr entspannt gewesen, das letzte Mal musste gewesen sein bevor... er ihr wieder begegnet war. Danach ging's nur noch bergab. Wäre sie mal besser tot geblieben, dachte er zynisch. Wobei er den Rest schon selber vermasselt hatte.

    Entspann dich.

    Cedric kam nicht dazu - weder sich zu entspannen, noch weiter in den Zynismus zu verfallen, denn seine Schwester kam in Begleitung ihrer besten Freundin zurück ins Wohnzimmer. Auweia. Nichts gegen Hina, aber er hatte schon Schwierigkeiten in der Konversation mit Alessa, wie sollte das denn funktionieren? Normalerweise war das jetzt der Moment, in dem er gehen würde. Sich zurückziehen. Die Mädels unter sich lassen.

    ...

    Aber er war immer noch gefühlt obdachlos und wusste nicht wohin mit sich. Alessa hatte zwar gesagt, er könne bleiben, aber nach der halben Stunde, die er jetzt hier war, fühlte er sich noch nicht wieder so sehr angekommen um zu sagen, So! Ich bezieh jetzt mein Gästebett und chille oben und ihr macht euer Ding.

    Also blieb er sitzen. In Ermangelung an anderer Möglichkeiten. Das konnte ja nur akward werden. Um sich als normal funktionierender Mensch zu tarnen, biss er sogar ein weiteres Mal von der Pizza ab. Am Ende brauchte er noch ein zweites Stück. Schockierende Vorstellung. Das Gramm Fett was sich Hina zu viel ausmalte, war bei ihm definitiv zu wenig, von dem her war das eigentlich ganz gut.

    "War auch verschollen.", erwiderte er möglichst locker (spoiler: er war nicht entspannt). "Komm gerade aus der Versenkung gekrochen und versuche mich wieder am Leben." Es könnte witzig gemeint sein. War es nicht. Das traf die Wirklichkeit ein wenig zu genau. Aber warum musste sie auch nach Simon fragen, als wäre es erwartbar, dass er auch hier wäre? Wusste sie nicht, dass ihre beste Freundin ganz und gar nicht gut auf ihre Brüder zu sprechen war?

    Das war ein bisschen viel. Seine Verzweiflung hatte ihn hierher geführt. Aber nicht nur das. Alessa war für ihn, trotz aller Schwierigkeiten, der einzig plausible Punkt gewesen, wieder anzuknüpfen. Vielleicht, weil sie Familie war. Vielleicht, weil sie die einzige Person war, mit der er nicht im Konflikt auseinander gegangen war. Ihre Distanz hatte sich entwickelt und er hoffte dass sich diese Brücke leichter wieder aufbauen ließ. Er hatte sie verdammt vermisst, wie sehr, war ihm erst klar geworden, als sie ihm vorhin die Tür aufgemacht hatte.

    Es war alles andere als selbstverständlich hier zu sein. Und da fragte Hina so mir nichts dir nichts nach dem fehlendem Geschwisterchen? Cedric verzog das Gesicht.

    "Nein.", sagte er schließlich, in seinem Kopf begann es zu pochen. Mit Simon war so vieles ungeklärt. Er wollte Antworten - und hatte gleichzeitig Angst sie zu bekommen. "Ich meine-", korrigierte er sich, "Ich bin spontan hier. Keine Ahnung was mit Simon ist." Und das war ehrlich gesagt viel mehr, als er hatte eingestehen wollen. Cedric verkniff sich ein Seufzen. Er sprach es nicht aus, aber Hina hatte sich gerade den schlechtmöglichsten Zeitpunkt ausgesucht mit den schlechtmöglichsten Fragen. 'Was macht das Leben?' Erneut hätte er beinahe aufgelacht, wenn es nicht so absurd gewesen wäre. Stattdessen griff er sich ein zweites Stück Pizza. Und das mochte schon einiges heißen. Genauso absurd wie die Frage kam ihm vor, dass er überhaupt hier saß - hier sitzen konnte. 'Was macht das Leben?' - Na, abgesehen das ich vor wenigen Tagen kurz davor war es zu beenden, alles supi.

    Offensichtlich konnte er das nicht sagen.

    Also zuckte er nur mit den Schultern. "Ich lebe." Mehr konnte man von ihm gerade echt nicht erwarten. "Bei dir?"

    Ceita - Parkbank in der Nähe des Sees


    Sie wollte ihn weg haben, er wusste es. Das Herz sank ihm in die Hose. Es war der Wink mit dem Zaunpfahl, sich die Wunde ansehen zu lassen - von irgendwem, nur nicht von ihr. Es war nicht ihre Aufgabe.

    Umso überraschter war er, als sie sein Handgelenk umfasste und ihn kurzerhand auf die Parkbank verfrachtete. Damit nicht genug, ging sie vor ihm auf die Hocke und sah sich das blutige Massaker an. Das Herz, welches er gerade noch verloren geglaubt hatte, spürte er nun wie das Flattern eines Vogels in seiner Brust. Oh verdammt.

    "Ähm... Noita...?", stammelte er und war froh, dass sie abgelenkt war, denn er war sich sicher, dass sich Röte in seinem Gesicht abzeichnete. Noita blieb konsequent auf die Wunde fokussiert. Ein neutrales Thema, bei dem man nicht zu viel in die Tiefe gehen musste. Behände schob sie das Hosenbein nach oben, wusch die Wunde mit etwas Wasser auf, sprach dabei unentwegt. Warum nur tat sie das? Sie könnte ja auch Genugtuung empfinden, sich denken, er hätte es verdient. Karma. Ihn, wie sie gesagt hatte, sich selbst überlassen und auf einen Arzt verweisen. Stattdessen besah sie sich die Sache nun selbst. Aber so war sie schon immer gewesen. Noita konnte nicht wegsehen, sie konnte das Leid Anderer nicht einfach ignorieren. Das war eines der Gründe, warum er sich in sie verliebt hatte. Ihr unfassbares Maß an Empathie, das selbst jemanden wie ihn einschloss. Und weswegen er glaubte, sie vor ihm selbst schützen zu müssen.

    "Hör auf.", sagte er schließlich, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Es war nicht richtig. Sie jedoch sah nicht auf, blieb konzentriert bei seiner Wundversorgung. Es war das erste Mal seit Monaten, dass er sie so lange ununterbrochen betrachten konnte. Und es riss ihn in zwei. Die widersprüchlichen Signale, die sie ihm sandte - oder bildete er sich die nur ein? Weil er es einfach so sehen wollte? Cedric setzte erneut zu Wort an, in dem Moment jedoch löste sie ihr Haarband und ihr langes, schwarzes Haar fiel ihr nach vorne ins Gesicht. Er sog scharf die Luft ein - keinen Moment zu spät, denn sie presste Taschentücher gegen die Bisswunde und das brannte höllisch. Das war jedoch nicht der Grund seiner Reaktion. Es war sie. Sie war einfach bezaubernd und es gab nichts was er dagegen tun konnte.

    Er durfte sie nicht noch einmal verlieren.

    Als sie losließ, sich erhob und sich unwillkürlich eine erneute Distanz zwischen sie schob, ergriff er kurzerhand ihr Handgelenk und zog sie ein Stück näher zu sich ran. Nun stand sie vor ihm und er blickte zu ihr hoch. Bislang waren die Berührungen und Gesten - überraschenderweise - von ihr ausgegangen, er hatte es nicht gewagt, wollte keine körperlichen Grenzen überschreiten. Doch diese Hemmungen schienen ihrerseits nicht zu bestehen und nun war sie im Begriff zu gehen, er spürte es. Also hielt er sie fest. Sein Herz pochte wie verrückt in seiner Brust.

    "Hör zu. Ich sag dir was ich will.", begann er mit ungewohnter Intensität. "Ich will mein Leben zurück." Diesmal sah er nicht weg. Es fühlte sich kaum wirklich an. "Ich hab alles verloren. Meine Freunde. Meine Familie. Dich." Er schluckte kurz, ehe er fortfuhr. "Und ich pack das alles nicht mehr. Es war alles leer. Ich kann so nicht weitermachen. Ich weiß, ich hab scheiße gebaut, ich hätte dir einfach alles erzählen sollen, anstatt dich anzulügen. Ich bin abgehauen." Seine Hände begannen zu zittern, seine Stimme klang kratzig. "Ich bin abgehauen, weil ich dachte für alle, die ich kenne, wäre es besser, wenn ich nicht da bin." Er löste die Umklammerung um ihr Handgelenk abrupt und legte die Hände in den Schoß, zur Faust geballt, in der Hoffnung so das Zittern einzudämmen. Kurz senkte er den Blick. Es war so schwachsinnig. Es war das erste Mal, dass er diesen Gedanken, der ihn schon lange verfolgte, laut aussprach - und es klang erbärmlich. Weil du erbärmlich bist. Cedric presste die Lippen aufeinander. Verkriech jetzt nicht in Selbstmitleid. Er hob den Kopf erneut und sah wieder in das Gesicht der jungen Frau, die ihm so viel bedeutete - und die er so sehr verletzt hatte.

    "Ich will mein Leben zurück.", wiederholte er nun leiser, ruhiger. "Und du warst seit unserer ersten Begegnung ein fester Teil davon."

    Tori 2 + Joe 2 + Gaius 2



    Tori war heillos überfordert.

    Sie war ganz zufrieden damit, in der Taverne aufzuräumen, zu putzen und Besorgungen für die hiesige Küche zu übernehmen. Aber der Kundenkontakt stellte sich als weitaus schlimmer heraus, wie sie befürchtet hatte. Und sie hatte Schlimmes befürchtet. Wie schafften ihre Kolleg:innen und Rita das nur so locker? Oohh, hoffentlich war Gaius ihr nicht böse, weil sie ihn nicht ordentlich begrüßt hatte. Wie... auch immer das aussehen mochte, so als... Paar. Begrüßten sich Paare nicht üblicherweise mit einem... K-K-Kuss?! Tori lief bei dem Gedanken knallrot an - erneut. Sie hatte eine bildliche Illustration eines Liebesromanes vor Augen, in dem genau solch eine intime Handlung dargestellt wurde. (Ja, Tori las nicht nur Fachlektüre). Noch bevor sie sich weiter in die Sache hineinsteigern konnte, ergriff ihr Kunde wieder das Wort - mit einem Kompliment.

    Nur... dass es sich nicht wie ein Kompliment anfühlte. Sie wusste nicht wieso, immerhin waren seine Worte sehr nett, aber sie fühlten sich nicht so an. Eine Schönheit... wie sie? Aber sie... war doch gar nicht schön? Und irgendwie, erschienen ihr die Worte nicht ehrlich...? Aber wer war sie schon, um sich darüber ein Urteil zu erlauben. Es war nicht gerade höflich, dem Gegenüber nicht zu glauben, ohne einen spezifischen Grund. Das Resultat blieb jedoch dasselbe: Sie fühlte sich trotz seiner Worte nicht geschmeichelt, sondern... unwohl.

    "N-Nein, also... ich- äh-", stammelte sie, weil sie nicht ganz wusste, wie sie darauf reagieren sollte. Sie hoffte inständig nicht öfter eingesetzt zu werden. Die erste Arbeitsstunde war noch nicht mal um, doch eines stand fest: Nächstes Mal würde sie Rita klipp und klar absagen! Ganz bestimmt! Am liebsten würde sich Tori sowieso den lieben langen Tag mit Büchern und Alchemie beschäftigen.

    Als sich der Kunde mit seinem Namen vorstellte, kam sie nicht umhin, sich wohl auch vorzustellen. Das war... schon okay, oder? "T-Tori.", erwiderte sie nervös - und dann hörte sie Gaius' Stimme.

    Ich würde gerne auch etwas bestellen. Innerlich seufzte sie - aber es war ein erleichtertes Aufseufzen. Wenn sie Gaius' Stimme hörte, wurde ihre Welt einfach ein Stück gerade gerückt. Er erdete sie - und dafür reichte seine bloße Anwesenheit aus. (Naja entweder erden oder nervös machen, depends on the situation).

    Sie wollte schon zu ihm eilen, als ihr erster Kunde - Joe - erneut das Wort ergriff und sie so aufhielt. Anstatt zu bezahlen, bestellte er nochmal. Sie schätze, das war in Ordnung. In der Regel bezahlte man nachdem alles getrunken und gegessen war, oder nicht? Warum nur verunsicherte er sie dann so? Und WARUM WOLLTE ER IMMER EMPFEHLUNGEN VON IHR WISSEN?! Das machte sie regelrecht wahnsinnig. Woher sollte sie denn wissen, was ihm mundete? Das war doch bescheuert?!

    Nichts davon verließ ihre Lippen. Stattdessen erinnerte sie sich an den Geruch, der aus der Küche gekommen war.

    "L-Linseneintopf.", sagte sie schlicht. Dann deutete sie zaghaft über sich. Dort waren auf einer Kreidetafel einige Gerichte beschrieben, teils mit.. schwer erkennbaren Kreidezeichnungen. Die Taverne appellierte an die Kreativität ihrer Besuchenden. Natürlich war es üblich, den Kunden auch einfach die Karte vorzutragen - die Auswahl war ja überschaubar und viele konnten auch nicht lesen - aber Tori wollte ja auch ihren anderen Kunden nicht warten lassen. "S-Sagt be-bescheid, wenn I-Ihr euch e-entschieden habt.", nuschelte sie und flüchtete dann zu Gaius.

    Tori ergriff seine Hände, die auf dem Tresen lagen, und drückte sie einmal fest. Rette mich, dachte sie insgeheim, sagte jedoch mit leiser Stimme: "I-Ich bin f-froh dich zu sehen." Dann ließ sie seine Hände wieder los und versteckte die ihren in ihrer Schürze. Das war sicher ziemlich ungebührlich. Ihre Gefühle hatten sie einfach übermannt. "R-Rita hat m-mich zum aushelfen v-verdonnert.", erklärte sie hastig die Situation, obwohl der Zwerg sie vermutlich längst durchschaut hatte. "M-Möchtest du etwas?"

    [Antoinette] in Yuris Schneiderei // Nein, du! Nein, du! Nein, du!



    Yuri erwiderte ihren Tee (pun intended) und kurz sagte keiner von ihnen ein Wort. Antoinette war zu perplex von der Situation und wusste überhaupt nicht mehr, wie sie agieren sollte. Wo war das soziale Handbuch für solche skurrilen Begebenheiten nieder geschrieben? Woher sollte sie wissen, was angemessen war zu sagen und zu tun? Antoinette fühlte sich ein klein wenig hilflos.

    Als es bei Yuri Klick machte - es war recht eindeutig, wann es bei Yuri Klick machte - kam direkt die Nachfrage nach ihrem Befinden. Das war... sweet. Wieso war sie so sweet. Wieso war Yuri jetzt auf einmal so sweet und sonst nahm sie immer vor Panik reißaus, als wäre Antoinette ein fürchterliches Monster? Der Gedanke schmerzte, doch die junge Belgierin versuchte ihn wegzuschieben und sich einfach auf den Moment zu konzentrieren, in dem Yuri sie nicht wie ein Monster behandelte. Im Gegenteil ihre Hand behutsam auf ihrem Oberschenkel - oder besser gesagt all die Kleiderschichten darüber - legte. Da setzte es für Antoinette einen Augenblick lang aus. Sie legte ihre Hand auf die der Schneiderin.

    "Wenn wir uns hier um jemanden Sorgen machen, dann wohl lieber um dich. Yuri du bist umgekippt!" Keine Ahnung, wann sie diesen vertrauten Ton angeschlagen hatte, aber nachdem sie zuvor vor lauter Beschämtheit nur Tee hervorgebracht hatte und sie nunmal so dicht aneinander auf den Boden saßen und alles irgendwie seltsam war, blieb ihr kein Nerv mehr übrig, um sich über ihre Formulierungen Gedanken zu machen. Und das Handbuch dafür fehlte ihr gerade ja sowieso.

    Und als Yuri sich überschwänglich entschuldigte, entfuhr ihr einfach ein kurzes Lachen. Es war kein fröhliches Lachen. Es war eher ein amüsierter Laut, der ihr aufgrund der Absurdität der Situation entwich. Ihre Nerven lagen immer noch blank, weil sie vorhin erst geweint hatte, dann war Yuri hyperventiliert und jetzt saßen sie hier beide am Boden und wollten auch wirklich sicher gehen, dass es der jeweils anderen Person gut ging, obwohl sie sich im Grunde kein Stück kannten. "Was machen wir hier eigentlich?", stellte sie die Frage laut, die in ihrem Kopf umher waberte, und mehr zu sich selbst. Da fiel ihr ein, dass sie auf Yuris Entschuldigung gar nicht reagiert hatte. Ah.

    "Mir geht's...", begann sie automatisch, doch als sie in Yuris große grüne Augen sah, brachte sie die Lüge nicht über ihre Lippen. Sie war immer noch verletzt, doch das lag nicht am zerbrochenen Tee. Antoinette wandte den Blick ab. "Ich bin körperlich unversehrt.", erklärte sie stattdessen. "Und du brauchst dich materiell nicht erkenntlich zeigen." Sie wollte keine Geschenke von Yuri, alles was sie von ihr wollte war... Freundlichkeit.

    Cedric 2 & Noita 2 - In der Nähe des Sees


    Unsicherheit spiegelte sich in ihren Augen und wer könnte es ihr verdenken?

    Zögerlich richtete Cedric sich auf, bemüht den Blick nicht abzuwenden. Ihre ganze Haltung strahlte Unwohlsein aus, Ablehnung gar. Sein Herz zog sich bei ihrer Erscheinung zusammen, obwohl er damit hatte rechnen müssten. Vielleicht aber hatte ein naiver, kindlicher Glaube gar nicht so weit gedacht. Was genau hatte er eigentlich gerade von sich gegeben? War da überhaupt etwas halbwegs Sinnvolles dabei gewesen? Die Konsequenzen seines vergangenen Handelns zu spüren, setzte ihm mehr zu als erwartet. Es war das eine, sich auszumalen, dass Noita nichts mehr von ihm wissen wollte, etwas anderes, ihre Aversion anhand ihrer Körperhaltung zu erkennen. Das eine, anzunehmen, wie sehr er sie verletzt hatte, etwas anderes, den Schmerz in ihren Augen zu sehen.

    Cedric presste die Lippen aufeinander, diesmal nach Worten suchend, bevor er sie aussprach, als Noita ihm zuvorkam. Innerlich wappnete er sich gegen die Zurückweisung. Wandte den Blick schließlich ab, noch während sie die unausweichliche Frage formulierte: Was willst du eigentlich?

    Auf diese Frage gab es keine einfache Antwort. Außer vielleicht, dass er es nicht wusste. Aber das stimmte nicht einmal. Es gab Dinge, Wünsche, die sich zaghaft begannen zu manifestieren. Doch gleichzeitig war alles, was diese Frage umfasste, so komplex, so weitreichend, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. Als wolle man versuchen, Rauch einzufangen. Was wollte er?

    Cedric öffnete den Mund, bis er realisierte, dass sie ihre Frage gar nicht beendet hatte. "W-Was...?" Irritiert folgte er ihrem Blick und langsam verarbeiteten seine Ohren, auch das Gesagte. "Oh." Das erklärte auch das Brennen und die Feuchtigkeit, die er am Rande wahrgenommen hatte. Sein Gehirn hatte einfach die Bedrohung "Konflikt" viel schwerer gewichtet, als die Verletzung "Bisswunde durch Schwan". Huh. I mean, relatable. Talking about Priorisierung oder so.

    "Ja, schätze schon.", erwiderte Cedric schließlich nüchtern und blickte gleichermaßen perplex wie unschlüssig auf die Stelle an seinem Bein. Je mehr Aufmerksamkeit er der Wunde schenkte, desto mehr schien sie jedoch zu brennen - dafür saß durch die Ablenkung der Knoten in seiner Brust ein klein wenig lockerer. So gesehen kam ihm der physische Schmerz gerade recht...

    [Antoinette] in Yuris Schneiderei




    In einem Paralleluniversum wurde der Notruf für Antoinette gerufen und in dieser Welt versuchte sie gerade diesen für eine andere Person zu wählen. Nachdem sie endlich ihr vermaledeites Smartphone aus ihrer - offenbar zu großen - Handtasche gefischt hatte. Der ein oder andere mochte denken, sie schleppte zu viel herum, aber sie fühlte sich eben nur mit der Ausstattung Handy, Geldbeutel, Taschentücher, Deo, Make-up, eine kleine Wasserflasche und etwas Süßem als Notfallsnack sicher genug, um das Haus zu verlassen. Huh. Kein Wunder, dass es gedauert hatte bis sie ihr Smartphone entdeckt hatte, wow, Yuri hätte in der Zwischenzeit auch einfach verenden können.

    Stattdessen stand die junge Schneiderin von den Toten auf und Antoinette war so perplex von ihrem Aufrichten, dass ihr ihr Handy schlichtweg wieder in die Handtasche viel.

    "Yuri...?", stammelte sie nunmehr verwirrt als alles andere, aber zugegeben, das waren nunmal äußerst viele Gefühle in einer sehr kurzen Zeitspanne. Da konnte man schonmal etwas verdattert sein. Yuri beteuerte jedenfalls wiederholt, dass es ihr gut ginge, was Antoinette in erster Linie verunsicherte. Sie kniete noch auf dem Boden neben der jungen Frau und war sich nicht sicher, als wie normal sie eine plötzlich auftretende Bewusstlosigkeit einschätzen sollte, ganz gleich, wie sehr sie ihr versichert wurde.

    "A-Aber.. du warst... bewusstlos..?! Bist du dir sicher, dass du okay-?"

    Antoinette brach ab und sie wünschte, sie wäre ein besserer Mensch, aber nachdem sie Yuri gemustert hatte... mustern wollte, um zu prüfen ob auch wirklich alles okay war, wie auch immer sie das mit ihren nicht medizinischen Background allein vom Gucken her hätte beurteilen wollen, jedenfalls, nur das war der Grund warum sie Yuri so von Kopf bis Fuß - oder naja, bis zur Hüfte, immerhin saß sie auf dem Boden - gemustert hatte und sie konnte nun wirklich nichts dafür, dass Yuri... das sie... das sich recht viel abzeichnete. Unterwäsche verstand sich. Nicht mehr und nicht weniger, lediglich Unterwäsche unter einer dünnen, nun recht nassen Bluse.

    Antoinettes Wangen verfärbten sich rot. Vielleicht schaute sie einen Moment zu lange hin. Das war nun wirklich ganz und gar nicht höflich. Mit Mühe wandte sie den Blick ab, Hitze schoss ihr nicht nur ins Gesicht, sondern regelrecht in den ganzen Körper. Warum war es plötzlich so warm hier drin?!

    "Ähm.", Ihre Gedanken waren ein einziger Knäuel, sie hatte keine Ahnung was sie sagen wollte.

    Und Yuri

    machte

    es

    nicht

    besser.

    "Wieso... sind wir so... feucht?"

    Antoinette schloss die Augen. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie knallrot ihr Gesicht gerade aussehen mochte. Dabei war sie ja nun wirklich keine 15 mehr! Was bei allen Göttinnen war nur mit ihr los?!

    Sie linste zu Yuri, deren Gesicht ungefähr dieselbe Farbe angenommen hatte, wie sie Antoinette bei sich selbst ausmalte. Die Hitze wollte ihren Körper einfach nicht verlassen! Wie groß wohl Yuris Brüste...? HALT STOPP! Das ging jetzt nun wirklich zu weit. Langsam kam ihr, dass sie der jungen Frau bisher noch nie so nah gewesen war - rein vom Abstand her. Und noch nie so lange hatte sehen können - wenn man bedachte, dass diese stets vor ihr weggerannt war. Der Gedanke sorgte ungewollt für die notwendige Abkühlung. Kummer ergriff ihr Herz und die Unsicherheit, die sie aufgrund von Scham empfunden hatte, wich der üblichen Unsicherheit, die sie stets begleitete.

    "Tee.", beantwortete sie schließlich Yuris Frage - ihre Stimme einen Tacken höher als sonst und nicht in der Lage weiter auszuholen.

    [Antoinette] 2 & Chris


    Sie hustete Wasser. Ihre Lungen brannten. Ihr Kopf dröhnte.

    Mühevoll versuchte Antoinette ihre Umgebung zu erfassen. Sie blinzelte, der Fokus wollte sich nur langsam wieder einstellen. Um sie herum waren Menschen, die sie nicht kannte. Woher...? Was war...?

    Wasser. So viel Wasser. Es schmeckte schal auf ihrer Zunge, eklig, und doch wollte der Fluss nicht stoppen. So viel Wasser.

    Ihr Gehirn setzte allmählich die losen Puzzleteile zusammen.

    Ach du Scheiße.

    Sie zitterte, doch nicht nur von der Kälte, die ihr die Lippen blaugefärbt hatte. Wie konnte sie nur so blauäugig sein? Antoinette presste die Augen zusammen, um die Welt für einen Moment auszublenden, doch sie hörte sie immer noch. Das Getuschel, der Bademeister der telefonierte und ihr etwas sagte, das Wasser im Hintergrund. Eine gezielte Frage.

    Antoinette öffnete irritiert die Augen wieder und drehte sich zu der Stimme, die sie angesprochen hatte. Ein junger Mann, in ihrem Alter vermutlich. Dankbar nahm sie das Badetuch an, welches er ihr über die Schulter gelegt hatte und zog es enger an sich. Als könnte sie ihren ganzen kleinen Körper darin verstecken. Aber dafür war sie dann doch nicht klein genug.

    Sie wollte instinktiv zu einem Nicken ansetzen, denn auf eine solche Frage hin war ihr erster Impuls immer sie mit einem Ja zu beantworten. Doch die Lüge schnürte ihr die Kehle zu und diesmal presste sie die Lippen zusammen, um die Tränen zurück zu halten, die sich anbahnen wollten.

    Schließlich ließ sie los und schüttelte nur leicht den Kopf.

    Nein, nein ihr ging es nicht gut. Ihr war kalt, ihr war schwummrig und sie musste sich damit auseinandersetzen, das vielleicht gar nicht so viel gefehlt hatte und sie wäre verdammt nochmal ertrunken. Schöner Sonntagnachmittagausflug. Der Gedanke jagte ihr eine Heidenangst ein.

    "Danke.", brachte sie schließlich hervor, die Stimme rau, von dem ganzen Wasser und dem Husten, der ihren Hals strapaziert hatte. Sie linste zu ihm herüber, die Hände umklammerten nach wie vor fest das Badetuch, welches sie wie ein Schutzmantel umwob. "Danke das du... mich..." Ihr fehlten die Worte um den Satz zu beenden, doch wie wollte man so etwas auch in Worte fassen?

    Cedric 2 & Noita 2 - In der Nähe des Sees


    Noita stand schließlich auf, noch bevor Cedric die Flucht ergriffen hatte (er arbeitete dran).

    Als sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen stahl, setzte sein Herz für einen Moment lang aus. Ein tiefer Atem verließ seine Brust, von dem er nicht gewusst hatte, das er ihn angehalten hatte. Ein Lächeln, ihr Lächeln. Sehnsucht breitete sich in ihm aus. In diesem Moment wurde ihm bewusst, wie sehr er diesen Anblick vermisst hatte. Für einen winzigen Augenblick konnte er sich ausmalen, dass die Welt wieder in Ordnung war.

    Doch es war eine Lüge. Ihr Lächeln galt nicht ihm, natürlich nicht, sondern den Enten auf dem Wasser. Als ihr Lächeln erstarb und sich schock auf ihren zarten Gesichtszügen abzeichnete, war klar wie die Wirklichkeit aussah: Er war weniger wert als die Enten. So tief war er also gesunken. Sie wollte ihn nicht sehen und er konnte es ihr nicht mal verübeln. Einen Moment lang schloss Cedric die Augen, als könne er so die Wahrheit vertreiben, doch ihr entsetztes Gesicht verfolgte ihn. Sein Körper verkrampfte sich. Was sollte er machen, jetzt wo sie ihn gesehen hatte? Zum Abhauen war es jetzt wohl zu spät, nicht? Und wie sollte das aussehen, wo er ihr vorhin noch geschrieben und um ein Treffen gebeten hatte? 'oh hab dich gesehen und gemerkt, wäre wohl doch besser wenn wir uns nie wieder sehen, bye'? Das war ganz sicher nicht, was Cedric rüberbringen wollte. Aber hoffentlich kam er jetzt nicht daher wie so ein Stalker. Obwohl das... vermutlich seine geringste Sorge sein müsste.

    Ein lautes Schnattern riss Cedric aus seiner Gedankenwelt und er riss erschrocken die Augen auf. Unwillkürlich hatte Ced einen Schritt nach vorne gemacht und war dem See nun sehr nahe gekommen - etwas was dem ansässigen Schwan hier offenbar ganz und gar nicht gefiel. Der riesige Vogel schnatterte erbost, schlug wild mit den Flügeln und schnappte nach ihm. Verdattert über die Aggressivität des Tieres stolperte Cedric rückwärts, geriet dabei jedoch ins Straucheln und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Das nutzte das Federvieh direkt aus. Ein stechender Schmerz fuhr ihm durchs Bein und diesmal drohte er wirklich hinzufallen, als ihn jemand wegzog.

    Noita.

    Er drehte den Kopf weg vom Schwan, hin zu ihr, auch wenn er nur ihren Hinterkopf sah und die schwarzen Locken, die in der Bewegung auf und ab wippten.

    Es kam ihm so vertraut vor. Sie waren schon einmal so gewesen, als Schnee vom Himmel fiel, der Atem in der Luft klirrte und sie ihn mit geröteten Wangen und einem Glitzern in den Augen vorwärts zog. Was war noch gleich ihr Ziel gewesen...?

    Es war der Tag, an dem sie sich das erste Mal küssten.

    Bei der Erinnerung schwoll der Kloß in seinem Hals an, dass es ihm fast die Luft zum Atmen raubte.

    Es war nicht fair. Es war sowas von nicht fair.

    Im selben Moment ließ Noita abrupt von ihm ab, als wäre sie sich jetzt erst über ihr Handeln bewusst geworden. Sie versteckte ihre Hände nun, indem sie ihre Arme vor der Brust verschränkt hatte. Er hätte so gerne nach ihrer Hand gegriffen.

    Stattdessen blieb er stehen. Noita tat es ihm gleich, blickte ihn jedoch nicht an. Er sah zur Seite. Der Schwan hatte, nachdem er sein Territorium erfolgreich verteidigt hatte, schließlich von ihnen abgelassen und war zurückgekehrt. Sein Bein pochte, die Stelle an der Wade fühlte sich nass an, aber er ignorierte es. Egal. Vollkommen egal.

    „Den scheinst du ziemlich verärgert zu haben…“

    "Ja, das Schwimmen verboten Schild ergibt jetzt mehr Sinn..."

    Nein.

    Nein, das konnte er unmöglich sagen, sich auf banale Ausflüchte einlassen. Es ging um alles.

    Trotzdem schwieg er. Starrte sie einfach nur an. Suchte vehement nach Worten, doch in seinem Kopf herrschte ein Sturm, der all seine Gedanken durcheinander wirbelte. Verzweiflung zeichnete sich auf seinen Gesichtszügen ab, als ihm Sekunde um Sekunde, die Zeit davon rieselte. Bis sie schließlich sagen würde: Also dann - tschüss. Oder noch schlimmer: Lass dich nie wieder blicken. Er sah bereits, wie sie sich zum gehen wandte - abwandte. Von ihm.

    "Noita." Es war kaum mehr als ein Krächzen. Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Wo nur sollte er anfangen? Was konnte er sagen, damit sie sich nicht sofort umdrehte und ging?

    "Ich wollte dich sehen. Ich... Ich kann nichts ungeschehen machen, aber ich kann versuchen, es... ich..." Zu erklären? Das hatte er vorgehabt, nicht? Aber was gab's da zu erklären? Er hatte fremd geküsst und dann mit ihr Schluss gemacht mit den Worten er liebte die Andere. Sein Herz zog sich schmerzvoll in seiner Brust zusammen. Ja, die Wahrheit tut weh, nicht? Cedric knickte ein, stützte sich mit den Händen an den Knien ab, als wäre er außer Atem - aber das Einzige was ihm die Luft raubte, war seine eigene Schuld. In seinen Ohren rauschte es.

    "Es tut mir leid!", brach es schließlich aus ihm hervor. "Es tut mir leid Noita! Ich hab Scheiße gebaut und dir weh getan, obwohl ich das nie wollte. Ich wollte nicht... wirklich nicht... ich weiß es ist unentschuldbar und ich wollte es trotzdem, mich entschuldigen, auch wenn es das nicht wieder gut macht und es vielleicht nie wieder gut sein wird, zwischen uns, auch wenn es mir das Herz brechen wird, aber ich hab deines gebrochen, also ist das vermutlich nur fair, es tut mir so leid, auch das ich jetzt erst ankomme, ich hab's nicht geschafft... nichts geschafft, konnte nicht... aber ich hoffe das du mir eine Chance gibst, mir zuzuhören, auch wenn du vermutlich nie wieder was von mir hören willst, was nur nachvollziehbar ist, ich weiß das, trotzdem... trotzdem..."

    Die Stimme versagte ihm. Es war vermutlich ein Wunder, dass überhaupt so viele Worte aus ihm herausgepurzelt waren - und das auch noch am Stück. Auch wenn das Meiste womöglich unverständlich und genuschelt war und er klang wie ein Irrer aus der Anstalt. Nun, da ging er bald hin und Medikamente hatte er auch schon verschrieben bekommen, also war das sogar ziemlich treffend. Jedenfalls.

    "Es tut mir leid.", wiederholte er, ein Wispern nur noch, als er den Kopf schließlich hob, bemüht ihren Blick zu suchen.

    Er hatte Angst.

    Angst, was sich hinter ihrem Blick verbergen mochte, Angst vor ihrer Ablehnung.

    Angst, dass sie ihn mit Wahrheiten konfrontierte, die er nicht hören wollte.

    Angst, sie endgültig zu verlieren.

    Cedric 2 - noch zu Hause


    Nachdem Cedric sehr lange die Decke in seinem neuen Zimmer angestarrt hatte, fragte er sich irgendwann, ob er nicht gerade dieselben Fehler wieder machte. Vermutlich. Immerhin hatte er in den vergangenen Monaten sehr viel Zeit damit verbracht, auf Decken oder Wände zu starren, aus seinem Bett heraus. Darüber wollte er lieber nicht zu viel nachdenken. Cedric setzte sich auf. Um ihn herum standen noch unausgepackte Kartons. Er hatte es noch nicht geschafft, sich weiter damit zu befassen. Wozu auch, wenn es sowieso bald weiter ging. Weiter. Tatsächlich stand bereits fest, wann es in eine psychiatrische Klinik für ihn ging. Schneller ging es vermutlich nur, wenn er - wie hatte es der Arzt formuliert? - "akut fremd- oder eigengefährdend war". War er wohl nicht mehr, sonst säße er jetzt nicht in seinem Zimmer im Hause Evans. Ein kleiner Erfolg an dieser Front, juchee. Die Therapeut*innenliste durfte er trotzdem noch selber durchtelefonieren. Tja, hier ließ der Erfolg noch auf sich warten.

    Cedric hatte es mittlerweile geschafft aufzustehen (wieder ein Plus auf der Erfolgsseite) und kramte in einen seiner Kisten nach einem frischen Pulli. Es war... tatsächlich kein schlechtes Gefühl wieder Zugriff auf seine eigene Garderobe zu haben, anstatt auf die Kleidung eines gewissen Punks angewiesen zu sein.

    Zögerlich griff er nach seinem Handy. Keine Antwort bisher. Natürlich nicht. Was hatte er auch erwartet? Eine positive Reaktion binnen 5 Minuten? Mach dich nicht lächerlich. Vielleicht würde nie eine kommen und dann würde er damit leben müssen. Leben müssen. Oh man. Direkt Futter für eine Therapeutin, sobald er dann mal jemanden fand. Yay.

    Jedenfalls packte er sein Handy trotzdem in die Hosentasche, schnappte sich dann eine Jacke und verließ das Haus. Und es fühlte sich hier deutlich freier an, als noch im Wohnheim. Wenn er jetzt noch den Kopf freibekommen würde - Jackpot.


    Cedric 2 - Spaziergang



    Jaja, täglich einmal rausgehen soll gut sein für Körper und Geist. Es war die eine Aufgabe, die der Arzt ihm nahegelegt hatte. Cedric hätte beinahe erwidert, das letzte Mal als er das Haus nach langer Zeit für einen Spaziergang verlassen hatte, wäre er beinahe nicht lebend zurückgekehrt - dann wäre die Einschätzung zur "akuten Fremd- oder Selbstgefährdung" womöglich anders ausgefallen. Aber er ließ es sein. Es war ja nicht wirklich ein Spaziergang gewesen.

    Aber das war es jetzt. Seine Beine trugen ihn in den Park, weil es... naja, einfach ein schöner Park war und definitiv der richtige Ort für seinen stupid-mental-health-walk.

    Bis er sie sah.

    Cedric blieb wie angewurzelt stehen. Das Herz sackte ihm in die Hose.

    Oh nein.

    Er sollte sich freuen, oder? Noita zu sehen? Er hatte ihr doch noch geschrieben und sie um ein Treffen gebeten, verdammt! Und doch war da nichts als Angst und Panik und der Wunsch fort zu laufen, so wie er es immer tat. So wie er es schon damals nicht getan hatte, als sie weinend vor ihm stand und nach einer Erklärung verlangt hatte. War den vermeintlich einfachen Weg gegangen, als sich einfach mal ernsthaft mit der eigenen Gefühlswelt auseinander zu setzen - und ehrlich zu sein. Nicht nur zu ihr, sondern auch zu sich selbst. Was für ein verdammter Idiot er gewesen war. Die Tage waren so sehr ineinander verflossen, dass er nicht mal sagen konnte, wie viel Zeit seit ihrer letzten Begegnung vergangen war.

    Zu viel Zeit. So viel stand fest.

    Es war nicht fair von ihm oder? Sich einfach so aus dem Nichts wieder zu melden? Fragst du dich das im ernst?

    Cedric ballte die Hände zur Faust. Er war so wütend auf sich selbst und das war vermutlich sogar gut, denn nichts war grauenhafter als diese unendlich Leere, die ihn so lange schon begleitete. Der Gedanke daran bei ihrem Anblick nichts zu fühlen, war das Schlimmste was er sich ausmalen konnte. Ja, es war nicht fair. Ja, es war verdammt egoistisch. Aber es war ein Versuch, der Versuch sich sein Leben zurück zu holen und er wollte sich sein Leben ohne sie nicht vorstellen, noch nicht, nicht alles probiert hatte, was in seiner Macht stand. (Naja, ohne übergriffig zu werden, das wäre gut) Deswegen hatte er ihr geschrieben.

    Aber er hatte nicht damit gerechnet, sie zu sehen, bevor ihn ihre Antwort erreichte.

    Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Ihre Augen verfolgten die Gruppe Enten, die im See schwammen, ohne sie wirklich zu sehen. Ihr Blick war leer. Die Augen gerötet, die Wangen von Tränen benetzt. Aus der Entfernung, gegenüber des kleinen Gewässers, eigentlich kaum auszumachen, doch er erahnte es aus ihrer Haltung, als die Reaktion, die seine Nachricht ausgelöst hatte. In seiner Erinnerung dasselbe Bild von ihrem Gesicht und den Kummer, der sich darin widerspiegelte. "Warum? Warum hast du...?"

    Ja, warum hast du? Warum hast du dich überhaupt auf sie eingelassen? Warum hast du ihr nie erzählt, dass du verlobt warst? Warum hast du sie angelogen? Warum kannst du sie nicht in Ruhe lassen? Wer gibt dir das Recht, so ein Arschloch zu sein? Immer läufst du weg, aber kaum käme das mal jemanden zu Gute, kommst du wieder angekrochen. Was für ne Scheiß-Aktion. Sie will dich nicht sehen. Niemand will das. Wärst du doch-

    Die Welt schien für einen Moment aus den Fugen zu geraten. Er musste weg, weg, bevor sie aufsah und ihn erblickte. Es war offensichtlich, dass allein von ihm zu hören ihr Schmerz zufügte. Er konnte nicht einfach vor ihr auftauchen. Alles um ihn herum drehte sich, während die eine innere Stimme ihn fertig machte, die andere ihn anschrie endlich abzuhauen und sein Körper schlichtweg kapitulierte. In seinem Hinterstübchen flammte irgendwo der Hinweis auf, dass er mal wieder nichts gegessen hatte (das hätte ihm sein Gehirn auch wirklich noch zu Hause sagen können!), seine Beine waren so schwer, als wären Steine daran befestigt. Das kannte er. Wenn er im Bett lag. Cedric hatte sich instinktiv an etwas festgehalten und am Rande nahm er Notiz davon, dass es sich um ein Schwimmen verboten Schild handelte. Schade eigentlich. Ertrinken war dann wohl raus. Er klammerte sich regelrecht daran, während die Tatsache, das er nicht wusste was er tun sollte - oder konnte - ihn schlichtweg lähmte.

    [Cedric]

    Nachdem feststand, dass Cedric tatsächlich ins Hause Evans zu Alessa ziehen konnte, hatte er Kyle gebeten mit ihm sein Wohnhaus-Zimmer aufzusuchen, weil er das alleine nicht packte. Die Habseligkeiten rübergeschafft - schaffen lassen - war der junge Mann also wieder Besitzer eines Smartphones. Im Grunde hatte er es nur wenige Tage nicht bei sich gehabt, entsprechend gab es keine nennenswerten neuen Nachrichten. Es kam ihm jedoch wie Jahre vor (woran das nur liegen mag).


    Keine Ahnung, wie lange Cedric schon auf den Bildschirm starrte. Das Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er war scheiße nervös. Weil er wusste, wie sehr er verbockt hatte. Und weil er sich so sehr wünschte, die Dinge zu korrigieren, auch wenn einiges davon womöglich für immer verloren war.



    Die dritte Nachricht, war da schon viel, viel schwieriger.

    Er formulierte, löschte, tippte erneut. Tippte viel. Löschte wieder. Alles murks. Es war vermutlich nicht fair, sie [überhaupt zu kontaktieren. Vielleicht hatte sie ihn auch blockiert.

    Am Ende war die Nachricht kurz.



    Er warf das Handy in die Ecke, schmiss sich aufs Bett und fragte sich, ob er nicht wieder schnurstraks in den nächsten Fehler hineinrannte.


    ~Luchia~ Zyprim   Theru

    [Charlie] & Ben


    Es war die Hölle. Als die Sonnenstrahlen durch das Fenster hindurch ihr Gesicht piesackte, war es, als wären Laserstrahlen auf sie gerichtet. Ihr Kopf dröhnte. Sie wusste nicht, wo oben und unten war. Ein schmerzerfülltes Stöhnen entglitt ihren Lippen, als sie versuchte sich zu bewegen.

    Die gestrige Party war den Schmerz und die Übelkeit die sie jetzt verspürte sowas von nicht wert gewesen.

    Nicht falsch verstehen, es hatte eine Menge Spaß gemacht. Aber musste der denn immer zu einem so hohen Preis kommen? Immerhin konnte sie sich noch erinnern, wie sie heim gekommen war und das ihr Benjamin wie so oft den Arsch gerettet hatte. Dieser sah sie auch schon mit einem amüsierten Funkeln in den Augen vom Boden hinweg an.

    "Grins nicht so blöd.", murrte sie. Ah, er hatte es schon nicht so leicht mit ihr als Schwester.

    [Hahkota] bei Yahto und Rumi vor dem verbrannten Haus



    Als die Wehmut seines Blutsbruders ihn erreichte, machte sich eine tiefe Melancholie in Hahkota breit. Er vermisste seine Heimat, sein zu Hause. Und doch gab es hier so viele interessante Dinge zu entdecken und Neues zu erleben. Nein, er wollte nicht zurück. Er wüsste zugegebenermaßen auch gar nicht, wie sie das anstellen sollten. In diesem Moment fasste er einen Entschluss. Trauere später. Zuallererst mussten sie die Situation bewältigen. Jetzt musste er erst für seinen Bruder da sein. Hahkota wandte sich mit ernster jedoch entschlossener Miene zu Yahto und packte mit einer Hand seine Schulter. "Wir gehen nicht zurück. Nicht solange wir nicht wollen.", sagte er. Die wenigen Worte die Yahto in der hiesigen Sprache sagte hatte er verstanden, war jedoch nicht in der Lage alles was er jetzt sagen wollte in der fremden Zunge zu sprechen, weswegen er bei seiner Sprache blieb. Entschuldige Mädchen mit Zuckerwattehaar. "Wir sind Söhne von Kriegern, Söhne von Tūmatauenga! Wir werden unserem Stamm keine Schande bereiten. Alles was wir brauchen, haben wir von der Wiege auf gelernt, mein Bruder. Wir wissen, wie man Waffen herstellt, wir wissen, wie man jagt und wie man die Haut zu Kleidung verarbeitet, wir können eine Hütte bauen. Wir können unseren Ursprung nutzen um in dieser Neuen Welt zu bestehen. Es ist womöglich eine Aufgabe, die uns der Feuergott auferlegt hat, um uns daran zu erinnern wer wir sind. Damit wir unsere Fähigkeiten nicht verlernen." Hahkota nickte, wie um sich selbst zu bestätigen. "Wir können auch dieser Herausforderung trotzen Yahto!", schloss er und warf dann einen Seitenblick zu Rumi. Entschuldigend neigte er den Kopf. "Ichh... bechüzze in.", sagte er mit starkem Akzent in der hiesigen Sprache. Vielleicht sollte er Yahto doch mal bitten ihm dabei zu helfen...

    [Cinnamon] & Kanno



    Bedrängt er dich? Auf diese Frage sollte Cinnamon ihrem Opa besser keine ehrliche Antwort geben. Sie zuckte nur mit den Schultern. "Nichts, womit ich nicht fertig werde.", meinte sie leichthin - und es stimmte ja auch. Hätte sie ihn wirklich loswerden wollen, hätte sie ihn ganz einfach in der Alten Ruine liegen lassen können. ... Naja. Vermutlich nicht. Für sowas war sie nicht kaltherzig genug, da müsste das schon ein ganz schöner Übeltäter sein. Und wenn sie so darüber nachdachte, hatte sie ihre Antwort auf ihre eigene Frage gerade gefunden. Einen Zauber, der Leute von einem fernhielt. Das war zwar als Witz gemeint gewesen (schwierig mit Kanno, I know), andererseits war da ja nur ein wenig Kreativität gefragt. Mit ihrem Wurzelgeflecht Zauber konnte sie Joe ganz einfach an Ort und Stelle halten - vorausgesetzt ein Baum war in der Nähe. Nice. Das musste sie sich merken.

    "Muss ich mich denn zugehörig fühlen?", stellte Cinnamon die Gegenfrage, "Was soll das überhaupt heißen, zugehörig fühlen? Ich meine, du kannst doch auch jede Menge Arten von Magie, wieso soll ich mich auf nur eine Art festlegen müssen?" Es war nicht der Trotz aufgrund einer vermeintlichen Einschränkung, der aus ihr sprach, sondern vielmehr ehrliche Neugierde. Wenn sie so darüber nachdachte, war ihr gar nicht klar, welche Magie ihr Großvater überhaupt alles beherrschte. Aber als Magiermeister doch sicher etliche? Wie sonst sollte er in der Lage sein, sie dem ganzen Dorf hier beizubringen?

    Cinnamon zuckte erneut mit den Schultern, sah vielleicht ein klein wenig hilflos aus. "Ich meine... der Erde fühle ich mich jetzt nicht mehr oder weniger zugehörig wie Wasser, Feuer und Luft." Sie überlegte einen Moment, ehe sie hinzufügte: "Zugegeben, nur das hier mit Arkan und Schatten finde ich ein wenig sehr abstrakt."

    Marlin & Sherry


    Die Feststellung, dass sie diese unerwartete Konversation als besonderen Anlass geoutet hatte, rieselte zu ihr durch und Marlin sah sie fast schon aufspringen und gehen. Die Realisation, dass sie hier gerade ihre wertvolle Zeit mit einem Nichtsnutz wie ihm verschwendete. Hach. Was es wohl so wichtiges war, was sie sonst vorhatte? Das Einzige was sie daran zu hindern schien, war der Punkt, den sie gerade gegen ihn errungen hatte. Stolz war sie, diese Frau, so viel stand fest.

    "Ach, bei einer Gegenfrage würde ich den Punkt genauso bekommen, nicht wahr?", entgegnete er und sah sie dabei unverwandt an. Freunde. Wer brauchte schon Freundschaften? Lästig waren sie, Menschen im Allgemeinen.

    Marlin stellte sein Cocktailglas auf den Tresen ab.

    "Wieso stellst du eine Frage, deren Antwort du schon zu wissen glaubst?" Marlin klang fast ein wenig... enttäuscht. Das Thema hatten sie schon gehabt. Sicher, zwischen ihnen ging es nicht darum sich gegenseitig etwas kennen zu lernen. Eher wirkte es wie ein Wettbewerb, wer von ihnen besser sticheln, besser provozieren konnte. Etwas, worauf sie sich wohl beide etwas einbildeten. Sagt viel aus.

    Marlin hatte die Augen bisher auf ihr Gesicht gerichtet, ließ sie nun jedoch wandern. Sie hätte das Handtuch auch anders nutzen können - so wie er. Aber so? Sein Blick glitt an ihrem Körper herunter, hielt kurz an ihren wohlgeformten Brüsten inne, ehe er weiter wanderte. "Nun.", setzte er entspannt an, "Ich bin es ja wohl nicht, der diese Frage beantworten kann."

    Er ließ den Moment eine Weile ruhen, ehe er wieder ihren Blick suchte. Seine Frage - fand er zumindest. Seine grünen Augen funkelten. "Dein letzter Sex liegt schon ein paar Jährchen zurück."

    Tori 2 and the boys



    Der Kunde beugte sich noch weiter über den Tresen - noch ein Stück mehr und er landete direkt bei ihr dahinter. Eine grauenhafte Vorstellung. Trotzdem hoffte Tori, dass er ihren Blick nicht als angewidert (was er war), sondern als verunsichert (was sie auch war) wahrnahm - andernfalls würde Rita ihr noch eine Standpauke halten. Wobei, vielleicht auch nicht. Immerhin ging die Wirtin sehr direkt mit der Kundschaft um.

    Der Kerl bedrängte sie weiterhin. Zugegeben - so ganz verkehrt war seine Aussage nicht, man sollte von seiner Arbeit schon Ahnung haben, ABER: Sie war hier heute nur eine Aushilfe! Eine Aushilfe!! Das ist doch normalerweise gar nicht meine Aufgabe., dachte sie stumm. Tori hätte ihm das auch einfach sagen können, aber sie war so derart eingeschüchtert, dass sie den Mund einfach nicht aufbekam. Reiß dich zusammen Tori! Sie hatte doch schon ganz anderen Gefahren ins Auge geblickt. Gut, zugegeben, die hatten sie zum Teil so traumatisiert, dass sie monatelang nicht wagte das Haus zu verlassen und seither eine panische Angst vor Feuer hatte, aber hey. Nebensächlich. Im Gegensatz zu Grarag, dem Ork, war der Hüne hier ja fast noch handzahm.

    Tatsächlich beruhigte sie der Vergleich ein wenig. Der Kunde war immerhin kein echtes Monster, nur ein menschliches. Unweigerlich griff sie nach den alchemistischen Tränken in ihrer Kleidtasche. Die Anwesenheit der kleinen Fläschchen beruhigte sie ungemein. Sie konnte sich mittlerweile wehren, nicht? Sie könnte ganz einfach--

    "G-Gaius?!", entkam es ihr ebenso plötzlich, als der Zwerg - ihr Freund (ihr schoss bei dem Gedanken sofort wieder die Röte ins Gesicht) - plötzlich neben ihr stand. Oh, würde jetzt eine dramatische Szene folgen, wie in den romantischen Büchern, die sie natürlich nur äußerst selten zur Hand nahm? Am liebsten hätte die Magd nach seiner Hand gegriffen, ganz automatisch, aber dafür stand Gaius noch einen Schritt zu weit entfernt - und der Fremde war ihr stattdessen viel zu nah für ihren Geschmack. Das war ganz und gar nicht richtig. "I-Ich- ähm- ich- a-also-", begann sie stotternd und sah hilflos zwischen den beiden Männern hin und her. Hätte sie die Veranlagung dazu, sie würde Rita erwürgen, dass sie sie in diese Situation gebracht hatte. Aber die hatte sie nicht. Also piepste sie nur, kaum hörbar: "I-Ich m-muss... ar-arbeiten..."

    Damit wandte sie sich wieder dem unangenehmen Kunden zu, blickte ihm jedoch nicht direkt ins Gesicht, sondern sah betreten auf den Tresen. Ihre Fläschchen hatte sie losgelassen, stattdessen nestelte sie nun mit beiden Händen an ihrer Schürze herum.

    Sie nahm all ihr nicht vorhandenes Selbstwertgefühl zusammen und antwortete: "U-Und ich h-helfe h-heute n-nur aus." Daher brauche ich keine Tipps, vielen Dank fürs Herrklären (ey, Mansplaining ist zu englisch ok xD), "B-Bitte noch be-bezahlen." Dann konnte sie vielleicht von ihm weg. Rita würde am Ende noch schimpfen, wenn sie sich den Abend über nur von einem Kunden bequatschen ließ.

    [Pandora] mit ner Kräuterhexe am Blumen-Kräuter-Whatever-Stand



    Pandora schüttelte gedanklich den Kopf, über den nächsten Kommentar der Fremden. Die richtige Entscheidung? Und das wollte ausgerechnet eine Unbekannte beurteilen wollen? Das verfestigte nur das Bild davon, wie von sich eingenommen diese Person sein mochte. Und der Gedanke kam von ihr - sich darüber bewusst, dass Pandora selbst ganz schön von sich eingenommen war. Aber sie konnte es eben.

    Pandora war schon daran den Marktplatz zu verlassen, als sie aufgehalten wurde. Der Teenager verdrehte die Augen. "Ich dachte du wolltest zu 'nem Kräuterladen?" Sie ging ein paar Schritte zurück, dort wo sie das Landei verloren hatte. Diese beugte sich gerade über Blumen. Huh, hatte sie etwa schon gefunden, wonach sie suchte? Ging ja schnell. Und Pandora hatte ihr gar nicht ihre Version von Kräutergarten zeigen können, ein Jammer. Aber wenn sie so schnell ihren Stand gefunden hatte, wozu brauchte sie dann einen Fremdenführer?! Das war ja ein Witz. Sie atmete entnervt aus.

    Such dir was aus, geht auf mich. "Hä? Was soll ich mit Blumen?", entfuhr es ihr ohne nachzudenken. Das war nicht mal Böse gemeint, nur... was sollte sie damit? Aber irgendwie nett, dass sie ihr was ausgeben wollte - immerhin war Panda sonst diejenige, die bezahlte. Reiche Eltern und so. Daher fand sie die Geste der Fremden irgendwie niedlich - wenngleich unnötig. Die Oma am Stand hatte irgendwas gruseliges an sich. Naja zugegeben, alte Menschen waren meist entweder gruselig oder knauserig. Das die ihr Blumen andrehen wollte, war klar - wollte ja was verkaufen. "Nein danke, sowas brauch ich nich'." Hallooo?? Sie trug komplett schwarz-weiß? Sie war ein alles verteufelnder, alles ablehnender, immer alles besser wissender Teenager. WAS SOLLTE SIE MIT BLUMEN?

    Sie hatte einen Ruf zu wahren!

    Hoffentlich sah sie angewidert genug drein, damit auch die (vermutlich genauso halbblinde Oma wie sie lol) sah, was sie von dem Gedanken hielt.

    "Also, wenn du hier gefunden hast, was du brauchst, verzieh ich mich.", meinte sie zur der Fremden, die sie unfreiwillig als Fremdenführer (galt das eigentlich als Kinderarbeit? Konnte sie sie verklagen?) angeheuert hatte und wandte sich damit zum gehen.