Beiträge von Avokaddo

    [Antoinette] & Yuri


    Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, spürte sie wie Yuri sich ihr gegenüber verschloss. Genau das hast du doch auch getan. Stimmt. Das hatte sie. Es war ganz reflexartig passiert. Denn ihr ging es furchtbar. Ihr ging es schon relativ lange furchtbar. Sie fühlte sich alleine, sie fühlte sich einsam, der einzige Mensch mit dem sie auch gerne Zeit verbracht hatte, hatte Gefühle für sie, die sie so nicht erwidern konnte. Sie hatte nur sich selbst und ihren Laden und es würde niemanden kümmern, wenn sie einfach nicht mehr da wäre.

    Und das tat verdammt weh. Sie hatte nicht lügen wollen, aber sie hatte unmöglich ehrlich sein können, also hatte sie unwillkürlich ihre inneren Mauern wieder hochgezogen. Und Yuri hatte das bemerkt. Sie war so viel sensibler, so viel aufmerksamer, als den meisten Leuten denen sie bisher begegnet war. Und als die Schneiderin sich schließlich zurückzog, erkannte Antoinette ihren Fehler.

    Wieso zum Teufel konnte sie nur so schlecht mit Menschen?

    Antoinette öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch keine Worte kamen hervor. Sie hatte keine mehr, wusste nichts passendes, was die Situation irgendwie retten konnte. Also sah sie hilflos zu, bis schließlich Yuri es war, die zu Schluchzen anfing. Der Laut traf sie mitten ins Herz.

    "Yuri, ich-", brachte sie mit erstickter Stimme hervor, als diese sich stammelnd entschuldigte. So sollte das nicht sein. So sollte das nicht laufen. Erneut schossen Tränen in ihre Augen. Was war das bloß für eine Situation. Zwei Frauen, die sich kaum kannten, saßen im Laden auf dem Boden, mit Tee besudelt und weinten. Es war absurd, absurde!

    Schließlich kramte Antoinette mit fahrigen Händen in ihrem Täschchen und zog ein Stofftaschentuch heraus. Zögerlich hielt sie es Yuri hin. "Je suis désolé.", sagte sie kaum hörbar, dann erneut, korrekt: "Es tut mir leid."

    [Hahkota] & Yahto & Rumi


    Die beiden Inseljungs waren - gelinde ausgedrückt - hilflos. Hahkota war so frustriert, das war alles seine Schuld - oder nein, die der Hexe. Aber wäre er ihr nicht im Wald begegnet, hätte sie ihn nicht mit dem Fluch des Feuergottes treffen können. Eine bleibe zu Verlieren war hart. Er konnte es noch immer nicht ganz glauben. Sie hatten ja schon einmal ihr zu Hause verloren, ihre Insel, aber das hatten sie im Guten zurückgelassen (und vor allem vollständig). Als Yahto dann mit der Anleitung zu kämpfen hatte und Hahkota mit den Stöcken war es völlig mit ihm vorbei.

    "VERFLUCHT SEID IHR GÖTTER DES BÖSEN", brüllte er aus Leibeskräften. Wer sollte ihn schon hören, außer sein Blutsbruder? Die alte, schwerhörige Frau im Gebäude? Das konnte er verschmerzen. "AAAAAAAHHHHHHHHHHHHH!", brüllte er weiter. Die Wut und der Frust mussten einfach raus. Er merkte kaum wie Yahto hinfiel. Sorry Bro.

    Dann kam Rumi angedackelt. Ob sie ihn gehört hatte? Sie ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Er war gerade tatsächlich froh sie zu sehen, sie konnte ihn bestimmt helfen. Weil er verstand diese neumodische Welt um ihn herum einfach nicht mehr. Selten hatte Hahkota sich so verloren gefühlt.

    "Rumi!", rief er ihren Namen und stakste schnellen Schrittes auf sie zu. Sie stand bei Yahto um ihm aufzuhelfen. Hahkota riss ihm stattdessen die Zeltaufbau-Anleitung aus der Hand. "Du verstehen? Uns helfen?", fragte er sie und sah sie dabei intensiv an. Am Rande registrierte er, dass er sich gerade ziemlich daneben benahm, Rumi so zu überfallen und seinen geliebten Bruder so zu ignorieren. Normalerweise war Hahkota die Gutmütigkeit und Geduld in Person, aber gerade war er mit den Nerven einfach am Ende. Er würde sich später entschuldigen müssen. Aber zuallererst wollte er nicht mehr frieren.

    Max am flanieren


    Eine Frühlingsbrise wehte durch den Park und ließ die Sakura Blüten im Wind tänzeln. Hier war es gefühlt immer Frühling. Für Max war es eine der schönsten Orte von Trampoli außerhalb der Villa. Er hatte sich zu einem entspannten Spaziergang entschlossen und hoffte keiner Menschenseele zu begegnen. Außer vielleicht einer. Aber das wollte er nicht zugeben, nicht einmal vor sich selbst. Das Rendav-, pardon, der kurze Ausflug mit der wunderhüb- der Bürgerlichen Julia war wirklich desaströs geendet. Nicht nur das dieser Bauernjunge Kiel auf einmal aufgetaucht war, wie ein ekelhafter Parasit, der sich zwischen sie drängte. Nein, er hatte auch noch eine allergische Reaktion auf das ärmliche Essen gezeigt! Das war so peinlich gewesen vor den Augen der niederen Zunft. Rote Flecken zeigten sich auf seinen Wangen, allein bei dem Gedanken daran. Er blieb kurz stehen und atmete einmal ruhig die frische Frühlingsluft ein. Besser. Er musste schleunigst einen klaren Kopf bekommen und das Fräulein Julia vergessen - um ihrer beider Willen.

    [Cinnamon] & Kanno


    Cinnamon spielte mit dem langen Stoffende ihres Hutes in ihren Fingern. Nicht weil sie gelangweilt war, was ihr Großvater erzählte - sondern ganz im Gegenteil. Sie hörte interessiert zu, vermutlich das erste Mal in ihrem Leben, dass sie so aktiv auf ihn zugegangen war. Sie sah ihn dabei nicht an, weil sie ganz in ihren Gedanken versunken war. Die Enkelin des Magiermeisters antwortete nicht sofort, sondern drehte die Worte in ihrem Kopf, wieder und wieder. "Das leuchtet mir ein.", sagte sie schließlich. "Weißt du, die Magie hat mir... und Joe... letztens das Leben gerettet." Sie hatte eigentlich nicht vor gehabt ihren Großvater die Geschichte in der Alten Ruine zu erzählen. Immerhin war es gefährlich und dumm gewesen und sie hatte keine Lust auf eine Standpauke gehabt. Aber irgendwie schien es jetzt passend. "Wir sind Monstern begegnet und der Zauber, den du mir beigebracht hast, den konnte ich nutzen und so sind wir davon gekommen.", erzählte sie und fügte hinzu: "Leicht war es nicht. Eigentlich sogar verdammt schwierig. Aber seitdem denke ich nach." Cinnamon rückte ihre Brille zurecht, sie zauderte. Aber im Grund war Magie doch das einzige Thema was Kanno immer bewegt hatte - mehr noch als seine Familie. Das hatte sie ihm ja jahrelang vorenthalten. War sie eifersüchtig auf die Magie gewesen, weil sie ihren Opa weggenommen hatte? Im Nachhinein konnte man das vielleicht so sehen. Und jetzt war sie erwachsen. Und Kanno war... ein alter Mann. Dinge änderten sich. Zeiten änderten sich. Und zuletzt war es Magie gewesen, ihre ganz eigene Magie, die ihr das Leben gerettet hatte. Sie presste die Lippen aufeinander, ehe unzählige Fragen aus ihr herauspurzelten: "Welcher Magie fühlst du dich zugehörig, Opa? Mit was hast du angefangen? Wie hast du angefangen? Woher wusstest du, dass du Magier werden wolltest? Wer war dein Meister? Was ist Magie für dich? Und wie schaffst du es, anderen Menschen Zauber beizubringen?" Mit jeder Frage war sie auf ihrem Stuhl ein Stückchen weiter vor gerutscht. Obwohl die Magie immer zwischen ihnen gestanden hatte, hatte sie ihn nie nach seinem persönlichen Bezug dazu gefragt. Und auf einmal brannte sie darauf, die Antworten zu erfahren.

    Murakumo mit Elsje und den Kindern


    Wenig später saßen sie alle zu viert in einem großen Behandlungsraum. War ihm ganz Recht so, gerade wollte er niemanden der drei gerne aus den Augen lassen. Nicht, dass er viel tun konnte... aber irgendwie fühlte er sich auch verantwortlich. Immerhin hatte er Elsje irgendwie da mit reingezogen und ohne sein Eingreifen, wäre Aria wohl auch nicht verletzt worden. Sicher, entführt zu werden war noch schlimmer, davon konnte man erstmal ausgehen... oder nicht?

    Das im Blick behalten war allerdings gar nicht so einfach. Die Heilerin hatte einen Kollegen dazugeholt. Sie selbst kümmerte sich gerade um das Mädchen und Murakumo sah nicht ganz, was vor sich ging. Sie hatte ihr auch einen Trank eingeflößt, zur Heilung? Zur Beruhigung? Er wusste es nicht. Der kleine Elfe stand einfach in der Ecke und es wirkte, als würde eine unheilvolle, zornige Aura ihn umgeben, weswegen sich ihm gerade keiner Recht nähern wollte. Dafür, dass er noch ein Kind war, hatte er eine ganz schöne Ausstrahlung. Oder er war einfach nur gemein. Ein ungezogener Bengel. Murakumo hatte seine Worte vorher genau gehört. Aber er sollte nicht so streng sein, das war sicher nur der Schock und die Sorge um seine kleine Freundin.

    Der Kollege hatte ihn und Elsje einfach auf zwei Stühle im selben Raum verfrachtet. Elsje hatte den Kopf auf seine gesunde Schulter gelegt und sabberte ihn voll. Das war nicht schön, aber er erduldete es. Wirklich was dagegen tun konnte er gerade eh nicht. Der Heiler kümmerte sich um seinen verletzten Arm. Als der Stress und das Adrenalin langsam abgefallen waren, bemerkte Murakumo erst, wie scheiße weh das tat. Verdammte Bastarde. Murakumo bemühte sich um eine stoische Miene. Keine Schwäche zeigen, erst Recht nicht vor den Kindern. Ihm ging's gut. Er war ein Jäger, ein Reißwolf, er war harte Kämpfe ge- autsch! Ein Knurren entroll seiner Kehle. Der Heiler zuckte unwillkürlich zusammen. Gut so. Sollte er sich beim verarzten Mühe geben ihm weniger ouchies zuzufügen >:(

    "Wie geht's der Kleinen?", presste er hinter zusammen gebissenen Zähnen hervor. Dann deutete er mit dem Kopf auf seine schlafende Begleitung. "Und wie kann sie jetzt einfach schlafen?!"

    Charlie und Ben


    Ich werd's mir überlegen. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie kannte ihre Zwilling gut genug um zu wissen, dass das so gar nicht sein Ding war und sie ihn vermutlich trotzdem überzeugt kriegen würde, wenn sie nur hartnäckig blieb. Und das liebte sie so an ihm, dass er immer für sie da war. Sie hoffte, er konnte das auch von ihr sagen... ihr war bewusst, dass sie der impulsive, chaotische Part der Zwillinge war. Sie würde ihn weiterhin fragen, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlte, aber sie würde ihn nicht drängen. Auch wenn sie Zwillinge waren, mussten sie auch mal Solo auftreten können.

    "Mmhhh, vermutlich hast du Recht.", gab sie nuschelnd zu, als Ben den Einwand brachte, ihre Oma wäre nicht so einfach zu überzeugen. Auf seinen Vorschlag hin, glänzten ihre Augen. Oma aus dem Weg gehen, bis sie wieder ausgenüchtert war? Gemeinsam was mit ihrem Bruder in der Stadt unternehmen, ganz entspannt? Das klang doch gut!

    "Großartige Idee!", bekundete sie und stand schwankend auf. Kurz drehte sich alles, weswegen Charlie sich zurück aufs Bett plumpsen ließ. "Gib mir nur einen Moment." Sie strich sich die wilde Lockenmähne aus dem Gesicht. "Oder zwei. Bevor wir irgendwo hingehen, brauch ich ne Dusche."

    Der Teenager schaffte es ins Bad und putzte sich ausgiebig die Zähne. Und dann nochmal. Irgendwie musste sie doch die Fahne aus ihrem Mund bekommen oder? Ihr war noch immer ganz flau im Magen. Zumindest waren die stechenden Kopfschmerzen dank der Tablette einem seichten Pochen gewichen.

    Die Dusche wirkte wunder und langsam kehrte das Leben zurück in Charlie. Zumindest in ihre fleischliche Hülle. Sie hatte sich aber auch ordentlich Zeit gelassen im Bad, anders ging es nicht. Nach etwa einer Stunde stakste sie zurück in Ben's Zimmer. "Ich bin ready. Naja... mehr oder weniger. Wie sieht's bei dir aus?"

    Ein schöner Gedanke nicki.


    Ich glaube in Zeiten, wo man einfach alle Antworten googeln kann, Social Media dominiert und alles mit KI überflutet wird, ist ein einzelnes Forum aus der Zeit gefallen - und wieso sich auf ein Forum einschießen, wenn man auf Reddit zig Foren hat und das auf einer Plattform?


    Ich finds schade und mich macht das wehmütig und ich will deinen Enthusiasmus auf keinen Fall dämpfen!

    Aber selbst Zeit investieren werde ich auch nicht, ich schaffe es ja kaum im RPG zu posten ;(

    (Cedric) & Noita auf der Parkbank


    Du bist ein Idiot. War es falsch, dass es sich gut anhörte, die Worte aus ihrem Mund? Keine Feindseligkeit lag in ihrer Stimme und allein diese Tatsache ließ ihn erweichen. Als sie ihn dann aufzog und dabei lächelte war es, als würde eine unfassbare Last von seinen Schultern gehoben. Hoffnung. Vielleicht... vielleicht könnten sie die Gräben, die er geschaufelt hatte, tatsächlich überwinden. Ihm war klar, dass es so einfach nicht getan war, aber es ließ ihn träumen.

    Was würde er dafür geben, sie wieder häufiger lächeln zu sehen.

    Der Impuls ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen, sie zu betrachten, den Mund, der sich eben noch leicht nach oben geneigt hatte, zu küssen-

    Nein. Was dachte er da bloß? Zugegeben, dass er nie aufgehört hatte etwas für diese junge Frau zu empfinden, egal wie sehr er versucht hatte seine Emotionen zu begraben, stand außer Frage. Doch die Distanz zwischen ihnen ließ sich nicht so einfach reparieren. Es würde Zeit brauchen und den Willen aufeinander zuzugehen. Er wusste das selbst am besten. Ran einfach zu küssen war immerhin auch nicht besonders gut ausgegangen. In jeglicher Hinsicht.

    Cedric war erleichtert, als sie sich neben ihn setzte, gab es ihm doch die nötige gedankliche Pause.

    "Das will ich jetzt auch.", beteuerte er zerknirscht. Etwas in die Richtung hatte er sich in letzter Zeit häufiger anhören dürfen. Aber ein Leben lang erlernte Glaubenssätze warf man nicht mal eben über Board. "Ich geb mir Mühe, es... also, manchmal merke ich gar nicht, wie ich in bekannte Muster zurück falle." Eine schwache Erklärung, aber so war es nun einmal.

    Und dann hörte er zu, wie sie ihm gestand, sich selbst verkrochen zu haben, um ihm und Ran nicht zu begegnen. Das war... vermutlich nicht der geeignete Zeitpunkt ihr zu erzählen, dass sie sich einmal gesehen, er sie geküsst, sie sich dann gestritten und nie wieder gesehen hatten - oder? Und wegen einem Kuss löst du die Beziehung mit der Person auf, die dir im JETZT wirklich etwas bedeutet hat... du Narr.

    Besser nicht.

    Eine Entschuldigung lag ihm bereits wieder auf den Lippen, diesmal blieb sie jedoch stumm. Als hätte ein sensibler Teil von ihm endlich verstanden, dass das gerade ganz und gar nichts brachte - außer vielleicht, die Dinge schlimmer zu machen.

    Trotzdem hatte er den Drang etwas dazu zu sagen, sich zu erklären, sich vielleicht auch zu rechtfertigen, es in jedem Fall runterspielen was zwischen Ran und ihm in der kurzen Auseinandersetzung geschehen war. Aber hätte es das wirklich besser gemacht? Nicht nur das, gerade ging es Noita um etwas anderes - sie wollte ihn etwas fragen.

    Als er den Kopf in ihre Richtung drehte und in ihre Augen blickte, die ihn forschend ansahen, wusste er nicht wie er reagieren sollte. Automatisch öffnete er den Mund - und schloss ihn schließlich wieder, als klar wurde, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten war. "Du warst wie vom Erdboden verschluckt also... wo warst du.... oder war es wirklich nur Zufall?"

    "Ich... war...", begann er langsam, ohne zu wissen, was er sagen wollte. Sein Herzschlag beschleunigte sich. "Ich... konnte nicht..." Es schnürte ihm die Kehle zu. Es war als würde sich sein ganzer Körper gegen ihn stellen. Nicht gegen das Reden per se, doch um ihr ehrlich zu antworten, musste er sich daran zurück erinnern, wie es gewesen war, die ganze Zeit. Wie einsam, wie verloren er sich gefühlt hatte. Nichts wert. Nicht geliebt. Nur eine Last - er selbst, das Leben. Er sah die Zimmerdecke über sich und den Abgrund unter sich. Er verstand nicht - wie konnte eine Leere so schmerzhaft sein? Und erst als ein Teil seines Gehirns ihn aufforderte, Noita doch anzusehen und ihr eine Antwort zu geben, wurde ihm klar, dass er schluchzte. Er hatte sein Gesicht nie von ihrem abgewandt, der Tränenschleier hatte ihm lediglich die Sicht genommen. Es durchbeutelte seinen ganzen Körper. All den Schmerz, den er in den Monaten der Isolation aufgestaut hatte, brach aus ihm heraus. "Sorry.", stieß er irgendwann unnötigerweise hervor, ehe er sich die Tränen am Ärmel abwisch. "Mir ging's... nur einfach... nicht so besonders... gut.", nuschelte er geistesabwesend, als ihm erneut Tränen in die Augen schossen, die er schnellstmöglich wieder wegwischte. "Sorry. Ich bin erbärmlich. ... Sorry."

    Charlie und Ben


    Charlie war immer noch Recht zerrüttet. Das würde sich so schnell auch nicht ändern. Die Haare fielen ihr kreuz und quer über das Gesicht, als sie sich langsam aufsetzte. Allein der Kopfschmerz war so ablenkend, dass sie kaum auf ihren Gestank achtete. Ugh.

    Als Ben sie am Rande auf das Wasser hinwies, dauerte es eine Weile bis die Information in ihrem verkaterten Gehirn verarbeitet wurde. Träge schnappte sie sich das Glas und exte es in einem Zug. "Aahh."

    Schweigen. Was in Ben vorging keine Ahnung, in Charlie selbst passierte erstmal nicht viel. Schließlich versuchte sie aufzustehen, purzelte aber mehr oder weniger aus dem Bett und landete vor Ben auf dem Boden. "Uugggh.." Ob es heute noch eloquenter wurde? Unwahrscheinlich. "Mir dreht sich alles.", nuschelte sie und sah mit treuherzigem Blick zu Ben hoch. "Das doch doof."

    Charlie rappelte sich auf, als ihr Bruder sich nach ihrer Nacht erkundigte und sie konnte sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. "Komm doch nächstes Mal wieder mit!", forderte sie ihn auf, wohlwissend, wie wenig Bock Ben drauf hatte. Daher nötigte sie ihn mittlerweile auch nicht mehr, obwohl sie ihn immer gerne dabei hatte. Er zumindest würde den Hausschlüssel nicht vergessen.

    "Christoph hatte doch seinen 18. und wir haben bei seinem Paps in der alten Scheune auf dem Hof gefeiert. Sven hat diesmal einen auf DJ versucht und das war... interessant, kann ich dir sagen." Sie schüttelte sich kurz. Gestern war die Musik wirklich nicht so ihr Fall gewesen. "Gegen ein bisschen Feiern am Geburtstag kann Oma doch eigentlich gar nichts haben!"

    (Cedric) & Noita auf der Parkbank


    Cedric hob ein wenig unbeholfen die Schultern. Noita ließ es klingen als hätte er eine riesige Last auf dem Rücken getragen, dabei... hatte er doch nur nicht über die Themen geredet, die ihm Kummer bereitet hatten. Er wollte einfach nicht die schönen Momente mit seinen Freunden mit unnötigen Sachen trüben, die ja nur ihn etwas angingen. Was hätte das auch genutzt? Erst recht, wenn die Dinge geschehen waren und sich nicht länger ändern ließen? Am Ende machten sie sich nur Sorgen und damit war niemandem geholfen.

    Cedric schloss für einen Moment die Augen.

    Doch. Ihm wäre geholfen gewesen. Und es kam ihm so unfassbar egoistisch vor.

    Das hatte er zumindest immer geglaubt, doch als Noita weiter sprach und ihm das Gegenteil erklärte, schien etwas in ihm zu fallen. Er ergriff Noitas Hände und lehnte seine Stirn gegen sie. Was sie sagte klang so bittersüß, so sehr zugeneigt. Nicht nur, als könne er ihr noch etwas bedeuten, sondern vor allem eine Wahrheit, die er sich lange schon so gewünscht hatte. "Es tut mir leid.", wisperte er, "Ich bin ein Idiot. Mein Wunsch niemanden schaden zu wollen, hat allen nur noch mehr Schaden hinzugefügt." Ein gequälter Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit. Es war schmerzhaft sich eingestehen zu müssen, dass es bereits an ganz grundlegenden Mechaniken zwischenmenschlicher Beziehungen scheiterte. Wie war er nur so geworden?

    Und Noita hatte recht. An den vergangenen Ereignissen hatte sich zwar rein gar nichts geändert, aber nachdem er ihr alles ungeschönt erzählt hatte, fühlte er sich tatsächlich ein wenig besser. Cedric ließ ihre Hände wieder sinken und richtete sich ein klein wenig auf. "Danke.", sagte er mit rauer Stimme, "Dass du... dass du geblieben bist und mir zugehört hast." Das hätte sie nicht tun müssen. Er hoffte so sehr, sie bereute es nicht. Er hatte ihr so sehr weh getan und jetzt hatte er ihr auch noch all seinen Kummer erzählt. In seinem Kopf kam das Verständnis noch nicht ganz an, wie das gut sein konnte, aber ja: Dass in ihm ein Idiot steckte, hatten sie bereits etabliert.

    Als Noita sich zaghaft erkundigte, ob sie ihn noch etwas fragen könne, horchte er auf.

    Sein Körper schien in der kurzen Zeit gefühlt jegliche Emotion verarbeitet zu haben. Es war eine Achterbahnfahrt aus Hoffnung und Sorge, Trauer und Wärme, Nervosität und Erleichterung, Angst bis hin zu Panik - ein gigantischer Knoten, der ihn regelrecht räderte. Doch er war dankbar für jede einzelne davon. Auch wenn sein Herz begann schneller zu schlagen, weil er sich vor den Fragen fürchtete, die Noita stellen mochte. Ihm war klar, dass er noch nicht alles erzählt hatte. Doch jetzt gab es kein zurück mehr. Cedric schluckte. "Frag mich." Das war er ihr auch irgendwie schuldig. "Ich... geb mein Bestes zu antworten, aber..." Er suchte nach den passenden Worten. Am Ende hatte er doch einfach Angst. "Wenn ich dir zu viel bin, ich meine, ich kann mir vorstellen, dass das gerade echt viel war und ähm... ja, ich habe Angst einfach zu viel zu sein...", stammelte er und schloss schließlich den Mund. Besser wurde es nicht mehr. Vielleicht sprach er da auch von sich aus - es war wahnsinnig intensiv gewesen, so radikal offen und ehrlich zu sein und er fühlte sich gleichzeitig erschöpft wie elektrisiert. Ob er bereit war noch das letzte Quäntchen Wahrheit zu erzählen? Er wusste es nicht.

    Marlin & Mia - von der Parkbank in der Innenstadt / Hotelzimmer


    Und sie zahlte. Blieb auch gar nichts anderes übrig, immerhin war er ja dauerpleite.

    Sie hätten auch den weiteren Weg auf sich nehmen und wieder in Mia's Apartment gehen können. Es war auch nicht so, als hätte Marlin nicht warten können. Doch Mia's Apartment beinhaltete ihr Leben. Ihr day-to-day life - wie trostlos es auch aussehen mochte. Und eine Armada von Kuscheltieren in ihrem Bett, die ihr naives, unschuldiges Wesen unterstrichen. Eines, dass er mit seiner bloßen Anwesenheit zerstörte. Er wollte das nicht so direkt vor Augen haben und vor allem wollte er nicht, dass Mia glaubte, dass könne zur Norm werden.

    Ein neutrales, unpersönliches Hotelzimmer - hier ging es nicht um ein Leben, hier ging es nur um Sex.

    "Na, ist das der Prinzessin genehmer als die Parkbank?", triezte Marlin sie, als er sie ins Zimmer schob.

    Seitdem Mia vorhin seine Hand ergriffen hatte, hatten sie einander nicht losgelassen. Als hätten sie beide Angst, der jeweils andere könne im nächsten Moment einfach verschwinden. Aber ist es nicht das, was du eigentlich wolltest?

    Erst als die Tür hinter ihnen geschlossen und abgesperrt war, löste er die Hand, umgriff stattdessen ihr Handgelenk und drängte sie mit den Rücken gegen die Tür. Mit der anderen Hand streichelte er ihre Wange, seine Lippen nur einen Hauch von ihrem Mund entfernt. So nah. So verlockend. Er schmeckte den Kuss von vorhin noch auf seiner Zunge. "Jetzt hast du mich hier.", raunte er, "Bist du nun zufrieden?"

    Marlin & Mia - gehen


    Sie ging drauf ein. Natürlich tat sie dass, es war immerhin genau das, was sie gewollt - von Anfang an angeboten hatte.

    Mia hatte gewonnen.

    Und das machte ihn

    so

    wütend.

    Gleichzeitig wollte er sich gerade nicht länger zurückhalten. Scheiß drauf! Dann vögelten sie eben! Sein Schwanz war hart und freute sich darauf, sich in ihr zu versenken.

    Mia hatte noch einen realistischen Einschub. Marlin schnaubte. "Natürlich nicht."

    Er ließ es zu, dass sie seine Hand ergriffen hatte. Sie hatte den Punkt erreicht, wo er sie nicht aus den Augen lassen wollte, bis auch er bekam, was er wollte. Jetzt, war sie seins. Sie zitterte. Ob vor Kälte oder etwas anderem, wusste er nicht. Aber er genoss es. "Motel, zwei Straßen weiter, du zahlst.", knurrte er und zog sie mit sich.

    Marlin & Sherry



    Wie ein trotziges Kind, dachte Marlin kurz, als sie sich so mit den Regeln herausredete. War ihm schon klar. Aber boooh. "Hatte nicht erwartet, dass du so ein regeltreuer Mensch bist - pardon, Hexe, richtig?", meinte er süffisant. Vielleicht hatte die Frau neben ihm ja wirklich einen psychischen Dachschaden? Oder gehörte zu den Esoterikern? War am Ende dasselbe, aber mit Esoterikern konnte Marlin so gar nichts anfangen. Sherry machte auch nicht einen solchen Eindruck, aber das Gelaber von Hexen und Teufeln und Verbrennen wirkte für ihn einfach... bescheuert. Weswegen er ursprünglich auch nicht weiter drauf eingegangen war.

    Als sie dann anfing zu lachen - ehrlich und aus voller Seele! - da entglitt auch Marlin für einen Moment sein Gesicht. Er war überrascht und diese Überraschung zeichnete sich einen Moment lang auch auf seinen Zügen ab. Warum... lachte sie? Es war kein Auslachen, es war keine Geste, um etwas zu überspielen... es wirkte echt. Und in diesem Moment, in dem Scherry lachte und die wilden Locken ihr Gesicht umrahmten, sah sie nicht nur jünger aus - sie war schön.

    Marlin wandte den Blick ab. Als wollte er sich von ihrem plötzlichen Strahlen verschonen. Er trank einen kräftigen Schluck, obwohl er nicht musste, überging ihre Rückfrage und sah ihr wieder in diese unnatürlich roten Augen, eher er weitermachte: "Du willst begehrt werden.", raunte er, "Du sehnst dich danach, berührt zu werden. Du willst Intimität, aber nur solange du es bist, die die Kontrolle behält."

    Er hatte sie einmal aus der Reserve gelockt und er wollte wissen, wie weit er es noch treiben konnte.

    Chris & Collete / in der Bäckerei


    Colette knallte gegen ihn, weil er mitten in der Tür stehen geblieben war. Vielleicht war Chris einfach noch nicht bereit gewesen in die dreckige Stube einzutreten - es fühlte sich nicht wie zu Hause an. Aber wie etwas, dass ein zu Hause werden könnte. Vielleicht.

    Seine Schwester schob sich an ihm vorbei und schalt ihn, weil er sich vor der Arbeit drücken wollte. Das Gesicht was sie dabei machte, sah dabei aber ganz und gar nicht ernst aus. Das konnte sie auch gar nicht. Collette war ein zuckersüßer Wirbelwind in allem was sie tat und das liebte er so an ihr. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, dass nur noch breiter wurde, als sie seiner Idee schließlich doch zustimmte. Weiterreisen. Wohin der Duft frisch gebackenen Brotes sie führte. So hatte er es bisher gehandhabt, bis er seiner Schwester wieder begegnet war. Sesshaft zu werden und sich etwas mit ihr aufzubauen klang nach einer wundervollen Idee, aber Chris war sich unsicher, ob ihm das wirklich gelingen würde. Ob er an einem Ort bleiben konnte.

    Er verdrängte den trüben Gedanken jedoch schnell, als der Staub, den Collette aufwirbelte in seine Lungen gelangte und er einen Hustenreiz nicht unterdrücken konnte. Schließlich stieg Chris doch über die Schwelle und riss das Fenster gegenüberliegend auf. Aah!

    "Rate, wer noch etwas in seinem Proviantbeutel hat.", meinte er schelmisch, ging zurück nach draußen und kramte in ihren Sachen nach besagtem Beutel, den er einladend hochhielt. Mit seinem Kopf deutete er Richtung Hinterhof. "Im Dreck will ich nicht essen, komm mit!" Chris schlich sich durch die schmale Gasse, durch die man hinter dem Gebäude herauskam. Es war ein abgeschotteter, gemütlicher kleiner Platz, umrahmt von den umliegenden Bauwerken.

    Chris setzte sich auf die Treppe, die zur Bäckerei führte und zog ein langes Baguette und ein Stück Käse heraus. Von beiden brach er etwas ab und reichte es seiner Schwester. "Das ist das letzte Brot was ich habe. Wir müssen schleunigst mit dem Backen anfangen!" Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: "Meinst du, wir kriegen das hin?"

    Murakumo mit Elsje, Orland & Aria -- kommen vom Flüsterwald über den Wachposten in die Klinik


    Murakumo saß hinten auf der Kutsche, die Augen geschlossen. Das Schaukeln entspannte ihn. Er hatte mitbekommen, dass sich der Junge, Orland, als Kutscher bewährt hatte. Elsje hatte sich mit den Pferden ähnlich geschickt angestellt wie er.

    Am Wachposten hatten sie die Ganoven an zwei Wächter übergeben. Murakumo hatte sich im Hintergrund gehalten, weil er keine Lust hatte gleich mit festgenommen zu werden. Viele der Wächter kannten ihn zwar vom sehen, immerhin lebte er im Flüsterwald und ging häufig ein und aus, weil er, nunja, jagte, aber besser kein Risiko eingehen. Wichtig war nur, dass sie erstmal in Ruhe gelassen wurden. Ein Dank zwei Entführer auszuschalten wäre zwar nett gewesen, aber das war wohl zu viel verlangt.

    Also schaukelten sie mit der Kutsche und den zwei Pferden und Orland in der Führung einmal quer durch Trampoli.

    Tatsächlich hatten die Wächter nicht nach den Pferden und der Kutsche gefragt. Die gehörten ja eigentlich den Entführern... naja, schauen wir mal was wird.

    Murakumo blinzelte, als die Kutsche schließlich zum Stehen kam. Sie waren wohl an der Klinik angekommen.

    "Also dann.", stöhnte er. Sein ganzer Körper ächzte. "Wollen wir die Kinder mal versorgt wissen." Er fühlte sich ein klein wenig wie ein Papa in dem Moment. Murakumo hob Aria von der Kutsche und setzte sie erst ab, als sie zu viert in die Klinik hinein spaziert waren. Elsje sah auch aus, als würde sie jeden Moment einschlafen. Hoffentlich war ihr Essen noch nicht verschmort. Das wäre nun wirklich zu schade!

    Eine Heilerin kam auf sie zu und sah den desaströsen Zustand der Gruppe. Obwohl nur Aria und er selbst sichtbare Wunden zu haben schienen.

    "Also die Kleine braucht auf jeden Fall Eure Hilfe, gute Heilerin und der Junge wurde auch in einer Kiste eingesperrt, wer weiß was ihm fehlt, könnet Ihr euch bitte um die Kinder kümmern?", bat Murakumo freundlich.

    Die Heilerin nickte ernst, ehe sie sprach: "Um die Kinder kümmern wir uns selbstverständlich, aber Ihr bleibt ebenfalls hier."

    Murakumo blinzelte verwirrt. "Was, ich?"

    "Selbstredend! Und Eure Begleiterin. Sie wirkt absolut desorientiert und habt ihr mal Eure Wunde gesehen? So kann ich Euch unmöglich ziehen lassen!"

    Damit schob die Heilerin sie beide förmlich davon. Murakumo protestierte, sah dann hilfesuchend zu Elsje - aber die wirkte wirklich desorientiert. Schlief sie etwa im Stehen?!

    Dabei schmorte ihr Essen noch...!

    [Cedric] & Noita


    Die Zeit verstrich langsam, als sich das Schweigen über sie legte.

    Cedrics Mund war trocken. Er hatte vermutlich so viel am Stück geredet, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es war eine seltsame Erfahrung - kam ihm surreal vor. Hatte er Noita gerade wirklich alles erzählt, bis zu dem Tag ihrer Trennung? Er konnte es kaum glauben, fühlte sich regelrecht entrückt. Fühlte.

    Sein Herz klopfte wild in seiner Brust, musste so viel verarbeiten - Emotionen die er die letzten Monate unterdrückt hatte. Er empfand Erleichterung, weil Noita noch hier war, wagte kaum zu hoffen. Gleichzeitig war da unendlich viel Scham, weil er ihr alles ungefiltert aufgetischt hatte - und auf vieles davon war er alles andere als stolz.

    Aber vor allem war da die Angst. Angst, dass er Noita zu viel war, dass sie gehen würde, dass sie keinen Nerv und keine Kraft hatte, sich mit jemanden rumzuschlagen, der so viel Ballast mit sich herumschleppte und darüber hinaus erst dann damit herausrückte, wenn es eigentlich längst zu spät war. Er hatte Angst vor ihrem Urteil.

    Cedric zwang sich, auf seinen Atem zu achten, damit die Angst nicht in Panik umschlug. Ein. Aus. Ein. Aus. Panik half jetzt niemanden.

    Noch immer kein Wort. Doch vermutlich war kaum Zeit verstrichen.

    Schließlich hörte er ihre Stimme, bemerkte, wie sie aufstand, sich von ihm entfernte.

    Geh nicht, flehte er in Gedanken. Ich habe kein Recht dazu und wünsche es mir trotzdem: Bitte bleib.

    Als sie sich wegdrehte, ließ Cedric den Kopf sinken. Schloss für einen Moment die Augen. Er war so müde.

    "Dasselbe hat deine Cousine auch gesagt.", sagte er und wich damit einer richtigen Antwort aus. Er hatte es bereits versucht zu erklären, wusste nicht wie er die verquere Perspektive in seinem Kopf deutlich machen konnte. Eine verdrehter Instinkt, Noita vor sich selbst zu schützen, ja. Ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl. Aber wenn er so darüber nachdachte, hatte er sich womöglich selbst für sein Vergehen bestrafen wollen - ungeachtet der Tatsache, dass es mit das Schlimmste war, dass er ihr hätte antun können. Bisher hatte er seinen Fehler vor allem auf die Tat - den Kuss - an sich reduziert und seine Worte, seine Lüge, die von ihm iniziierte Trennung weniger Relevanz beigemessen. Für ihn war es die Konsequenz seines Fehler gewesen - für Noita eine weitere Handlung, mit der er ihr weh getan hatte.

    Bisschen spät für diese Erkenntnis, höhnte es.

    Cedric öffnete den Mund, auch wenn er nicht wusste, was er sagen wollte, doch Noita kam ihm mit einer Entschuldigung zuvor.

    Moment... was? Cedric blinzelte irritiert und suchte ihren Blick, doch sie wich ihm aus.

    Sein Name auf ihren Lippen.

    Sein Name, sanft.

    Kein Unwille. Keine Abneigung. Keine Zurückweisung.

    Sanft.

    Seine Augen wurden weit, noch weiter, als sie vor ihm in die Hocke ging. Er wollte ihren Namen sagen, doch sein Hals war noch ganz rau. Ihre Hand an der seinen, ihre Berührung an seiner Haut. Ihn durchzog ein Prickeln, ausgehend von ihrer Geste. Ein Teil von ihm - der ängstliche, selbstverhasste Teil - wollte beinahe zurückweichen, denn das konnte nicht passieren. Er hatte weder Zuneigung noch Mitleid verdient. Ich bin wertlos. Gib dich nicht mit mir ab. Verfluche mich. Ich hab dir weh getan.

    Sei still, sei still, seistillseistillseistill.

    Er ließ es zu. Natürlich ließ er es zu, es war das, wonach er sich so lange schon sehnte. Nähe. Wärme. Sie war so warm. Trotzdem war er von der Situation mit einem mal überfordert. Er war so lange alleine gewesen, hatte so lange Distanz zu allem gehalten, dass er... schlicht nicht erwartet hatte, dass es anders sein konnte. Erst recht nicht mit Noita, insbesondere nach all dem Schmerz, der zwischen ihnen entstanden war. Den er verursacht hatte.

    Als die Erkenntnis über ihre Umarmung allmählich durchsickerte, hob Cedric zögerlich die Arme, versuchte die Anspannung fallen zu lassen. Als er nasse Tränen an ihrer Wange spürte, klammerte er sich unwillkürlich an sie. Er wollte etwas sagen, so viel, doch der Kloß in seiner Kehle war zu dick.

    Ihr Frage schließlich, traf direkt in sein Herz.

    Ein Beben ging durch seinen Körper. Unfähig der Worte drehte er einfach nur den Kopf von links nach rechts. Nein. Nein, natürlich nicht. Es war das erste mal - sie die erste Person, der er so ausführlich etwas von sich erzählt hatte. Nicht nur etwas - alles. Das Beben durchzuckte ihn erneut und er begriff, dass er weinte.

    Es tat weh, doch er verstand die Ursache überhaupt nicht. Nichts davon war neu. Die Geschichten begleiteten ihn schon sein halbes Leben. Also was...?

    Als sich ihre Tränen mit den seinen vermischten, dämmerte es ihm. Er hatte es sich endlich erlaubt sich jemanden zur Gänze anzuvertrauen. Und dieser jemand hatte ihn - trotz allem - nicht verlassen, sondern in eine Umarmung gezogen. Hatte ihn getragen. Endlich konnte er ein klein wenig loslassen.

    Und als die Tränen schließlich weniger wurden, Noita sich zurückzog und ihn ansah, sagte sie etwas, dass auch seine Schwester schon so ähnlich zu ihm gesagt hatte.

    Nicht allein.

    Cedric schüttelte den Kopf, nickte dann, schüttelte ihn wieder.

    "Das... nicht wirklich.", nuschelte er als Antwort. Wenn er an die vielen Stunden zurückdachte, die er alleine im Bett verbracht hatte, unfähig aufzustehen, in der Gewissheit niemanden zu haben und schutzlos seinen Gedanken ausgeliefert zu sein, wurde ihm ganz flau. "Aber...", versuchte er fortzufahren, "Ich hab kürzlich begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass ich nicht so weitermachen kann." Die Worte kamen nur langsam, bedächtig über seine Lippen. Er zögerte, bevor er fortfuhr, wich ihrem Blick aus, denn am Ende war es ihm doch unangenehm. "Ich will... versuchen mir Hilfe zu holen."

    Ceita - Parkbank in der Nähe des Sees


    Jetzt, wo er hinsah, den Blick nicht mehr abwandte, erkannte er es. Den inneren Konflikt den Noita führte - seinetwegen. Der Wunsch, am liebsten das Weite zu suchen. Ihn hinter sich zu lassen, ihn zu vergessen - oder zumindest soweit in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen, bis er nur noch eine vage Erinnerung war. Ein Ex, der sie abserviert hatte, nichts weiter.

    Trotzdem stand sie noch hier.

    Sie hatte ihn vor dem Schwan gerettet. Sie hatte die Wunde verbunden. Und sie war noch immer hier.

    Cedric schluckte. Er wagte es kaum, sich darauf Hoffnungen zu machen, doch sein Herz klopfte wie verrückt bei dem Gedanken, dass sie ihn - vielleicht, womöglich - noch eine zweite Chance gewähren könnte.

    Ein Wunschdenken. Genau das: Er wünschte es sich so sehr.

    Gleichzeitig war da auch diese panische Angst. Was würde sein, wenn die Hoffnung zerplatzte? Sie war so trügerisch, lockte einen naiven Glauben hervor, dass sich vielleicht am Ende doch alles zum Guten neigen würde. Und wenn dem nicht so war - was dann?

    Cedric wusste genau, was passieren konnte, wenn einen alle Hoffnung verließ. Er fürchtete sich genau deswegen davor - das es noch einmal passieren könnte.

    Sein Name auf ihren Lippen.

    Wenn er nur nicht so gequält klingen würde. Obwohl ihre Haltung nur allzu verständlich war, stach es ihm trotzdem im Herzen. Der Klang ihrer Stimme der verriet, sie wolle eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben und stand nur noch hier, weil sie zu höflich war um einfach zu gehen. Ja, das war sie, nicht? Einfach zu nett, um ihn stehen zu lassen. Ihre ganze Haltung sprach Ablehnung aus, aber solange sie hier war, durfte er nicht aufgeben.

    Ich will dich nicht noch einmal verlieren.

    Und dann sagte Noita etwas, dass ihm einer Ohrfeige gleich kam. Er lachte verzweifelt auf.

    'Woher... kam dieser Gedanke? Ich hatte nie die Absicht dir das Gefühl zu geben, dass es ohne dich... besser wäre...?'

    In seinen Ohren klingelte es. Cedric vergrub das Gesicht in seinen Händen. Gerade konnte er sie nicht ansehen, aber das musste er erstmal sacken lassen. Im Grunde machte er sich all seine Probleme doch nur selbst, oder? Und genau da kam er wieder, der Gedanke, der ihm einflüsterte, sie sei ohne ihn besser dran, denn wer sich so sehr selbst in die Scheiße ritt, würde andere nur mit hineinziehen. In sein eigenes Elend. Und das wollte er doch niemanden sonst antun, nicht? Cedric presste sich die Lippen aufeinander. Am liebsten wollte er schreien.

    "Nein.", sagte er hingegen, ehe er langsam die Hände wieder sinken ließ und zu ihr aufsah. "Und das ist vermutlich der Kern des Problems."

    Um Himmels willen, wie sollte er dieser Frau nur irgendeine Wahrheit erzählen, wenn er selbst vor einem Scherbenhaufen stand und kaum wusste, welche Teile zusammen passten? Schließlich jedoch nickte er. "Ich will es versuchen." Mit diesen Worten umfasste er bedacht Noitas Handgelenk und zog sie zu sich auf die Parkbank. Mit Abstand, sicherlich, aber wenn er sich wirklich öffnen wollte, ging das nicht, wenn Noita mit ablehnender Haltung vor ihm stand. Sie ließ es geschehen, vermutlich konnte sie gar nicht anders. Der Moment der Flucht war verstrichen. Es hatte genug Chancen gegeben.

    Schweigen legte sich über sie. Er wusste, es war sein Zug und doch herrschte in seinem Kopf nur blankes Chaos. Gleichzeitig kam ihm die ganze Situation mit einem Mal total absurd vor. War er wirklich gerade dabei, zu versuchen seine Liebe zurück zu gewinnen, indem er über seine Ex redete? Was für ein bescheuerter Humbug war das? Aber es war nunmal die Lüge die er ausbessern musste.

    Unter anderem.

    Cedric zog sein unverletztes Bein hoch und legte die Arme um das Knie.

    Als er den Mund schließlich öffnete, fing er am Anfang an.

    Er erzählte, wie er aufgewachsen war. Er erzählte, dass Ran eine Kindheitsfreundin sei. Er gestand, dass sie sich in jungen Jahren ineinander verliebt hatten. Er erzählte, dass sie zu Stiefgeschwistern mit einer gemeinsamen Halbschwester wurden. Er erzählte von der Verlobung.

    Und dann war sie weg.

    "Dann habe ich dich kennen gelernt."

    Das war gut gewesen.

    Er erzählte von jenem Tag, an dem er angeschossen wurde. Vom Vater seiner Verlobten. Vor lauter Furcht hatte er noch nie darüber gesprochen, aber was hatte er jetzt noch zu verlieren? Nachdem er schon am Abgrund gestanden hatte?

    "Sie ist tot, du Idiot. Und dann hat er gelacht." Die Hände um sein Knie verkrampften sich für einen Moment.

    Er hatte überlegt, ob dieser Mann sie getötet hatte. Immerhin hatte er auch skrupellos auf ihn geschossen. Ob er ohne Noitas Rettungs (und die ihrer Cousine) verblutet wäre? Wer könnte das jetzt noch sagen? Er wusste, er hätte etwas äußern müssen. An irgendwem. Aber er konnte nicht. Er zögerte, ehe er zugab, dass er auch Angst um sie, um Noita, gehabt hatte. Es war nicht fair.

    "Und dann ging das Leben weiter. Wir kamen uns näher und... das hat mich sehr glücklich gemacht."

    Errötete er? Vermutlich. Ziemlich sicher sogar.

    Es war halbwegs ertragbar, Vergangenes zu rezitieren. Viel schwieriger hingegen war es, seine Gefühle zu artikulieren. Möglicherweise kamen sie zu kurz.

    Er tat sich mit vielem schwer. Aber wenn Noita da war... wenn sie zusammen waren... dann war es okay. Gut sogar. Das Leben wirkte leichter. Ob in schneebedeckten Bergen, im immergrünen Wald oder beim Picknick im Park. Ihm wurde warm in ihrer Nähe und auch wenn an dem Tag, als sie zusammen gekommen waren, vieles wie hinter einem Schleier hing, so trat eines deutlich hervor: Die Zuneigung, die sie füreinander empfanden. Davon war nichts gelogen gewesen. Niemals.

    Cedric atmete einmal tief aus. Sammelte sich.

    "Und dann bin ich Ran begegnet."

    Er schüttelte den Kopf. Damals wie heute wollte er es nicht wahrhaben. Sie war tot, dass hatte ein Lügner ihm erzählt und selbst wenn, waren acht Jahre verstrichen. Er hatte lange darum gekämpft, sie hinter sich zu lassen und voran zu gehen. Und doch hatte er sich in diesem Moment in die Vergangenheit zurückgesetzt gefühlt. Als wäre alles, was seit ihrer letzten Begegnung geschehen war, nie passiert. Als wäre er wieder 16. Er hatte die Begegnung für einen Traum gehalten, bis die Realität einsetzte. Bis er begriff, dass Zeit verstrichen war, Jahre, und sie existierte. Sie lebte, die ganze Zeit gelebt hatte und ihn einfach ohne ein Wort sitzen gelassen hatte. Aber es war nie einfach gewesen, nicht? Nichts war einfach.

    "Ich kann nichts ungeschehen machen." Seine Stimme war rau, "Es hat mich wieder eingeholt. Das was du vorhin gesagt hast, es ist genau das." Er griff sich an die Brust. "Ich weiß nicht warum oder woher. Es ist eine innere Überzeugung, dass-" Er biss sich auf die Unterlippe. Solche Sachen laut auszusprechen, war das Schlimmste. Weil die Gedanken, die einem sonst nur selbst gehören, dann offen für alle daliegen. Bereit für ihr Urteil, gepaart mit der Angst, dass dieses nicht positiv ausfallen würde. Begleitet von unfassbar viel Scham. Cedric ring mit sich, ehe er den Satz leiser zu Ende sprach. Im Grunde hatte er es vorhin schon gesagt. "Dass ich nichts wert bin. Dass alle, insbesondere du, ohne mich besser dran wären. Es ist.. schwierig zu erklären. Ich beginne langsam zu begreifen, dass das... dass es... dass es nicht stimmen muss." Cedric fuhr sich aufgelöst durch die Haare. Nichts davon erklärte auch nur ansatzweise, was in ihm vorging. Seit Jahren schon. Mal stärker, mal schwächer. In Noitas Gegenwart immer schwächer, weil er ihr zeitweise mehr Glauben schenkte, als seinen eigenen, zerrütteten Gedanken. Sein Herz schlug so heftig, doch diesmal war es nicht die Hoffnung die flatterte. Es war die blanke Panik. Er schluckte, grub die Fingerspitzen in seinen Handballen um sich davon abzulenken. Die nächsten Worte kamen beinahe plump über seine Lippen.

    "Es war gelogen, dass ich sie noch liebe."

    Denn mein Herz gehörte längst dir.

    Es war so simpel, so dumm, so verfehlt. Cedric hatte es in dem Moment gewusst, dass er log. Sie war aus einem sehr verdrehtem Schutzmechanismus heraus entstanden. Er hatte sie verletzt und damit das nicht noch einmal geschah, war es das Einfachste sich fernzuhalten. Von allem. Von jedem.

    Das er so auf Dauer nicht leben konnte, hatte er ein wenig zu spät gemerkt.

    Schweigen legte sich über sie. Cedric fühlte sich regelrecht aufgebraucht, nach allem was er in den letzten Minuten von sich gegeben hatte. Vermutlich mehr als je zuvor in seinem Leben. Erschöpfung machte sich in ihm breit, als wäre er einen Marathon gelaufen. Nie hatte er jemanden so viel von sich erzählt, so viel von sich preis gegeben. Er war roh. Und er wusste nach wie vor nicht, ob das eine gute Idee gewesen war oder völliger Humbug, doch die eine Chance die Wahrheit zu schildern, hatte er ergreifen müssen. Alles. Bis zu dem Moment, aus dem sie auseinander gegangen waren.

    [Murakumo] bei den besiegten Entführern & Kindern & Elsje


    Das Adrenalin pulsierte noch durch seinen Körper, während Murakumo langsam begriff, dass der Kampf vorbei war. Beide Entführer, gefesselt. Beide Kinder, unversehrt. Weitgehend zuminest. Das Mädchen hatte eine fiese Schnittwunde abbekommen und der Junge zitterte wie Espenlaub. Und Elsje? Die schien nur verwirrt zu sein.

    Ein tiefes Seufzen entfuhr seiner Kehle und Murakumo hätte sich erschöpft hingesetzt, würde er nicht längst auf einem der Ganoven sitzen. Zurecht hatte seine Kochbegleiterin einige Fragen. Gute Fragen. Eigentlich wusste er selbst nicht so recht, was passiert war, aber damit würde sie sich kaum abspeisen lassen.

    "Najaaa....", begann er gedehnt, "Als wir im Wald waren, hab ich was Verdächtiges gehört." Seine Wolfsohren zuckten dabei wie zur Bestätigung. "Da wollte ich nur mal eben nachsehen haha." Er lachte trocken auf, aber es klang nicht echt, nur... erschöpft. Vielleicht auch einen Ticken nervös. Nachdem was sich hier gerade abbildete, könnte er es niemanden verdenken, ihn nicht als Monster zu sehen. Dabei hatte er nur helfen wollen, aber was für eine Rolle spielte das am Ende des Tages schon? Er hasste es als Monster wahrgenommen zu werden und wollte nicht, dass Elsje sich von ihm abwandte, am Ende gar Angst vor ihm hatte. Immerhin fand er ihre Gesellschaft recht angenehm. Und gefürchtet zu werden, dass war nun wirklich nicht sein Stil, ganz gleich wie er aussah.

    "Jedenfalls.", fuhr er schließlich mit seiner Erklärung Elsje gegenüber fort, "Waren diese Kinder in einer Kiste eingesperrt und offenbar von diesen Männern unfreiwillig festgehalten worden." Er machte eine vage Gestik mit seiner gesunden Hand. "Da kam es dann zu dieser kleinen Auseinandersetzung." Die dann schließlich in einen eiskalten Kampf mündete. Bei den Runeys, das war heute nun wirklich nicht auf seiner To-Do-Liste gestanden.

    "Am besten wir bringen sie zu den Wächtern am Stadttor.", schlug Murakumo vor, "Du kannst nicht zufällig die Pferde dazu bringen uns dorthin zu fahren? Pferde mögen mich nicht besonders." Vermutlich witterten sie den Wolf in ihm. "Danach sollten wir die Kinder am besten zu Natalie in die Klinik bringen.", fügte er hinzu, als er einen Blick auf die zwei warf, die beide völlig fertig schienen. Zurecht. So eine Entführung steckte man nicht so einfach weg.

    [Hahkota] & Yahto -- kommen vom niedergebrannten zu Hause



    Hahkota wusste kaum wie ihm geschah. Was zugegeben nicht nur am Schock lag, dass sie ihr neues zu Hause an den Feuergott verloren hatten, sondern auch an seinen, nunja, mangelnden Sprachkenntnissen. Die Feuerbezwinger fragten sie so viele Dinge und Hahkota verstand so wenig. Ein Glück war Rumi da, um ein wenig auszuhelfen, aber sie war auch nur ein Mädchen. Es dauerte eine Weile bis Hahkota begriff, was in ihm vorging.

    Er fühlte sich hilflos.

    Das durfte er vor Yahto nicht zeigen. Er musste seinem Blutsbruder eine Stütze sein.

    Und jetzt standen sie hier, in einem Gebäude, dass wohl das Häuptlingshaus des Campingplatzes war. Eine ältere Frau, mit verhutzeltem Gesicht, aber freundlichem Lächeln sah sie mitleidig an. Aufgrund ihres Alters hatte sie sofort Hahkotas höchsten Respekt.

    "Oh, ihr armen Jungs.", sagte die Frau - soviel verstand er gerade noch. Dann ging sie kurz und als sie wiederkam, hielt sie ein paar Klamotten in den Händen. Fundgrube? Hahkota war nicht sicher, ob er richtig verstand, hatte sie die etwa ausgegraben? Sowas versteckte sich hier in der Erde?! Vielleicht sollten sie es mal als Schatzgräber versuchen.

    Jedenfalls schien es, als dürften sie die Klamotten erstmal haben. Was ihm nur Recht war. Seitdem das Adrenalin nachgelassen hatte, zitterte Hahkota aufgrund der Kälte, die hier herrschte. Dankbar zog er sich einen dicken Pullover über, der zwar kratzte und ein bisschen muffig roch, aber ihn sofort wärmte. Ein Seufzen entwich ihm.

    Dann drückte die Frau ihnen noch Plastik in die Hand und zeigte ihnen eine freie Stelle, an der sie das "Zelt" aufschlagen durften. Dann trottete sie wieder ins Häuptlingshaus. Ein wenig verwirrt sah Hahkota auf das Etwas zu ihren Füßen. Ringsrum waren dummerweise keine anderen Zelte aufgebaut, weil wer war schon so wahnsinnig um im Januar draußen zu zelten?! Das wusste Hahkota aber noch nicht.

    "Gut.", sagte er und versuchte entschlossener zu klingen, als er sich fühlte. "Wenn ich das richtig erkenne, sind dass die Materialien für unsere vorübergehende Bleibe, richtig? Du hast sie vermutlich besser verstanden als ich.", fügte er hinzu und hoffte nicht allzu geknickt zu wirken. Was die Sprache anging, hatte Yahto eindeutig die Nase vorn.

    [Cedric] 1 & Alessa & Hina | im Wohnzimmer


    Als Alessa den Namen ihres gemeinsamen Bruders erwähnte, hätte Cedric beinahe aufgelacht. Aber nur beinahe. Fürs Lachen war er dann doch viel zu angespannt. Aber das Simon am selben Tag wie er ihre vernachlässigte Schwester aufsuchen wollte, war zu unwahrscheinlich. Er hatte seit dem Streit nichts mehr von ihm gehört.
    'Entspann dich, Cedric.'

    Er verzog das Gesicht. Setzte sich aber brav auf die Couch, stellte das Wasserglas auf dem Tisch ab und knabberte widerwillig an seiner Pizza. Entspannen, was war das? Er wusste überhaupt nicht mehr wie das ging. Cedric war schon seit Monaten nicht mehr entspannt gewesen, das letzte Mal musste gewesen sein bevor... er ihr wieder begegnet war. Danach ging's nur noch bergab. Wäre sie mal besser tot geblieben, dachte er zynisch. Wobei er den Rest schon selber vermasselt hatte.

    Entspann dich.

    Cedric kam nicht dazu - weder sich zu entspannen, noch weiter in den Zynismus zu verfallen, denn seine Schwester kam in Begleitung ihrer besten Freundin zurück ins Wohnzimmer. Auweia. Nichts gegen Hina, aber er hatte schon Schwierigkeiten in der Konversation mit Alessa, wie sollte das denn funktionieren? Normalerweise war das jetzt der Moment, in dem er gehen würde. Sich zurückziehen. Die Mädels unter sich lassen.

    ...

    Aber er war immer noch gefühlt obdachlos und wusste nicht wohin mit sich. Alessa hatte zwar gesagt, er könne bleiben, aber nach der halben Stunde, die er jetzt hier war, fühlte er sich noch nicht wieder so sehr angekommen um zu sagen, So! Ich bezieh jetzt mein Gästebett und chille oben und ihr macht euer Ding.

    Also blieb er sitzen. In Ermangelung an anderer Möglichkeiten. Das konnte ja nur akward werden. Um sich als normal funktionierender Mensch zu tarnen, biss er sogar ein weiteres Mal von der Pizza ab. Am Ende brauchte er noch ein zweites Stück. Schockierende Vorstellung. Das Gramm Fett was sich Hina zu viel ausmalte, war bei ihm definitiv zu wenig, von dem her war das eigentlich ganz gut.

    "War auch verschollen.", erwiderte er möglichst locker (spoiler: er war nicht entspannt). "Komm gerade aus der Versenkung gekrochen und versuche mich wieder am Leben." Es könnte witzig gemeint sein. War es nicht. Das traf die Wirklichkeit ein wenig zu genau. Aber warum musste sie auch nach Simon fragen, als wäre es erwartbar, dass er auch hier wäre? Wusste sie nicht, dass ihre beste Freundin ganz und gar nicht gut auf ihre Brüder zu sprechen war?

    Das war ein bisschen viel. Seine Verzweiflung hatte ihn hierher geführt. Aber nicht nur das. Alessa war für ihn, trotz aller Schwierigkeiten, der einzig plausible Punkt gewesen, wieder anzuknüpfen. Vielleicht, weil sie Familie war. Vielleicht, weil sie die einzige Person war, mit der er nicht im Konflikt auseinander gegangen war. Ihre Distanz hatte sich entwickelt und er hoffte dass sich diese Brücke leichter wieder aufbauen ließ. Er hatte sie verdammt vermisst, wie sehr, war ihm erst klar geworden, als sie ihm vorhin die Tür aufgemacht hatte.

    Es war alles andere als selbstverständlich hier zu sein. Und da fragte Hina so mir nichts dir nichts nach dem fehlendem Geschwisterchen? Cedric verzog das Gesicht.

    "Nein.", sagte er schließlich, in seinem Kopf begann es zu pochen. Mit Simon war so vieles ungeklärt. Er wollte Antworten - und hatte gleichzeitig Angst sie zu bekommen. "Ich meine-", korrigierte er sich, "Ich bin spontan hier. Keine Ahnung was mit Simon ist." Und das war ehrlich gesagt viel mehr, als er hatte eingestehen wollen. Cedric verkniff sich ein Seufzen. Er sprach es nicht aus, aber Hina hatte sich gerade den schlechtmöglichsten Zeitpunkt ausgesucht mit den schlechtmöglichsten Fragen. 'Was macht das Leben?' Erneut hätte er beinahe aufgelacht, wenn es nicht so absurd gewesen wäre. Stattdessen griff er sich ein zweites Stück Pizza. Und das mochte schon einiges heißen. Genauso absurd wie die Frage kam ihm vor, dass er überhaupt hier saß - hier sitzen konnte. 'Was macht das Leben?' - Na, abgesehen das ich vor wenigen Tagen kurz davor war es zu beenden, alles supi.

    Offensichtlich konnte er das nicht sagen.

    Also zuckte er nur mit den Schultern. "Ich lebe." Mehr konnte man von ihm gerade echt nicht erwarten. "Bei dir?"