[Cedric] & Noita
Die Zeit verstrich langsam, als sich das Schweigen über sie legte.
Cedrics Mund war trocken. Er hatte vermutlich so viel am Stück geredet, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es war eine seltsame Erfahrung - kam ihm surreal vor. Hatte er Noita gerade wirklich alles erzählt, bis zu dem Tag ihrer Trennung? Er konnte es kaum glauben, fühlte sich regelrecht entrückt. Fühlte.
Sein Herz klopfte wild in seiner Brust, musste so viel verarbeiten - Emotionen die er die letzten Monate unterdrückt hatte. Er empfand Erleichterung, weil Noita noch hier war, wagte kaum zu hoffen. Gleichzeitig war da unendlich viel Scham, weil er ihr alles ungefiltert aufgetischt hatte - und auf vieles davon war er alles andere als stolz.
Aber vor allem war da die Angst. Angst, dass er Noita zu viel war, dass sie gehen würde, dass sie keinen Nerv und keine Kraft hatte, sich mit jemanden rumzuschlagen, der so viel Ballast mit sich herumschleppte und darüber hinaus erst dann damit herausrückte, wenn es eigentlich längst zu spät war. Er hatte Angst vor ihrem Urteil.
Cedric zwang sich, auf seinen Atem zu achten, damit die Angst nicht in Panik umschlug. Ein. Aus. Ein. Aus. Panik half jetzt niemanden.
Noch immer kein Wort. Doch vermutlich war kaum Zeit verstrichen.
Schließlich hörte er ihre Stimme, bemerkte, wie sie aufstand, sich von ihm entfernte.
Geh nicht, flehte er in Gedanken. Ich habe kein Recht dazu und wünsche es mir trotzdem: Bitte bleib.
Als sie sich wegdrehte, ließ Cedric den Kopf sinken. Schloss für einen Moment die Augen. Er war so müde.
"Dasselbe hat deine Cousine auch gesagt.", sagte er und wich damit einer richtigen Antwort aus. Er hatte es bereits versucht zu erklären, wusste nicht wie er die verquere Perspektive in seinem Kopf deutlich machen konnte. Eine verdrehter Instinkt, Noita vor sich selbst zu schützen, ja. Ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl. Aber wenn er so darüber nachdachte, hatte er sich womöglich selbst für sein Vergehen bestrafen wollen - ungeachtet der Tatsache, dass es mit das Schlimmste war, dass er ihr hätte antun können. Bisher hatte er seinen Fehler vor allem auf die Tat - den Kuss - an sich reduziert und seine Worte, seine Lüge, die von ihm iniziierte Trennung weniger Relevanz beigemessen. Für ihn war es die Konsequenz seines Fehler gewesen - für Noita eine weitere Handlung, mit der er ihr weh getan hatte.
Bisschen spät für diese Erkenntnis, höhnte es.
Cedric öffnete den Mund, auch wenn er nicht wusste, was er sagen wollte, doch Noita kam ihm mit einer Entschuldigung zuvor.
Moment... was? Cedric blinzelte irritiert und suchte ihren Blick, doch sie wich ihm aus.
Sein Name auf ihren Lippen.
Sein Name, sanft.
Kein Unwille. Keine Abneigung. Keine Zurückweisung.
Sanft.
Seine Augen wurden weit, noch weiter, als sie vor ihm in die Hocke ging. Er wollte ihren Namen sagen, doch sein Hals war noch ganz rau. Ihre Hand an der seinen, ihre Berührung an seiner Haut. Ihn durchzog ein Prickeln, ausgehend von ihrer Geste. Ein Teil von ihm - der ängstliche, selbstverhasste Teil - wollte beinahe zurückweichen, denn das konnte nicht passieren. Er hatte weder Zuneigung noch Mitleid verdient. Ich bin wertlos. Gib dich nicht mit mir ab. Verfluche mich. Ich hab dir weh getan.
Sei still, sei still, seistillseistillseistill.
Er ließ es zu. Natürlich ließ er es zu, es war das, wonach er sich so lange schon sehnte. Nähe. Wärme. Sie war so warm. Trotzdem war er von der Situation mit einem mal überfordert. Er war so lange alleine gewesen, hatte so lange Distanz zu allem gehalten, dass er... schlicht nicht erwartet hatte, dass es anders sein konnte. Erst recht nicht mit Noita, insbesondere nach all dem Schmerz, der zwischen ihnen entstanden war. Den er verursacht hatte.
Als die Erkenntnis über ihre Umarmung allmählich durchsickerte, hob Cedric zögerlich die Arme, versuchte die Anspannung fallen zu lassen. Als er nasse Tränen an ihrer Wange spürte, klammerte er sich unwillkürlich an sie. Er wollte etwas sagen, so viel, doch der Kloß in seiner Kehle war zu dick.
Ihr Frage schließlich, traf direkt in sein Herz.
Ein Beben ging durch seinen Körper. Unfähig der Worte drehte er einfach nur den Kopf von links nach rechts. Nein. Nein, natürlich nicht. Es war das erste mal - sie die erste Person, der er so ausführlich etwas von sich erzählt hatte. Nicht nur etwas - alles. Das Beben durchzuckte ihn erneut und er begriff, dass er weinte.
Es tat weh, doch er verstand die Ursache überhaupt nicht. Nichts davon war neu. Die Geschichten begleiteten ihn schon sein halbes Leben. Also was...?
Als sich ihre Tränen mit den seinen vermischten, dämmerte es ihm. Er hatte es sich endlich erlaubt sich jemanden zur Gänze anzuvertrauen. Und dieser jemand hatte ihn - trotz allem - nicht verlassen, sondern in eine Umarmung gezogen. Hatte ihn getragen. Endlich konnte er ein klein wenig loslassen.
Und als die Tränen schließlich weniger wurden, Noita sich zurückzog und ihn ansah, sagte sie etwas, dass auch seine Schwester schon so ähnlich zu ihm gesagt hatte.
Nicht allein.
Cedric schüttelte den Kopf, nickte dann, schüttelte ihn wieder.
"Das... nicht wirklich.", nuschelte er als Antwort. Wenn er an die vielen Stunden zurückdachte, die er alleine im Bett verbracht hatte, unfähig aufzustehen, in der Gewissheit niemanden zu haben und schutzlos seinen Gedanken ausgeliefert zu sein, wurde ihm ganz flau. "Aber...", versuchte er fortzufahren, "Ich hab kürzlich begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass ich nicht so weitermachen kann." Die Worte kamen nur langsam, bedächtig über seine Lippen. Er zögerte, bevor er fortfuhr, wich ihrem Blick aus, denn am Ende war es ihm doch unangenehm. "Ich will... versuchen mir Hilfe zu holen."