[Simon] mit Alice in der Küche; geht
Simon hatte sich schon zum Gehen bereit gemacht, hatte nichts anderes erwartet als dass Alice sein Angebot freudig annehmen würde und war schon dabei, nach ihrer Hand zu greifen, um ihr beim Aufstehen zu helfen, als... "Nein". Nein? Sollte das ein Scherz sein? "Komm schon, Alice, mach dich nicht lächerlich. Lass uns einfach gehen." Der junge Student sah auf, von ihrer Hand, die sich ihm entzogen hatte, in das Gesicht seiner Freundin und verharrte in seiner Bewegung. Der Ausdruck in ihren Augen kam ihm so bekannt vor und trotzdem war etwas nicht so wie sonst. Simon glaubte, Schmerz in ihren Augen zu erkennen, aber da war noch etwas anderes. Etwas neues. Etwas, dass seinen Puls beschleunigte, das einen Kloß in seinem Hals verursachte. Sein Magen zog sich zusammen. Dann rollten plötzlich Tränen über die Wangen seiner Freundin und er befürchtete, zu wissen, was jetzt passieren würde. "Alice...", setzte er an, doch sie unterbrach ihn und die Panik, die sich in seiner Brust breit machte, hielt Simon davon ab, ihr wiederum ins Wort zu fallen. Ihren Namen hatte er gerade noch so mit fester Stimme herausgebracht. Und jetzt? Er musste weiter so tun, als ob ihm das nichts ausmachte. Ihre Worte waren nichts wert, sie waren schließlich nur aus flüchtigen, unbedeutenden Emotionen entsprungen. Und gleich würde sie alles wieder zurücknehmen, richtig? So war es immer gewesen. Gleich würde er sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wie bei jedem Streit. Jeder ihrer kurzen Befindlichkeiten. Notfalls mit Gewalt. Er hörte, wie Alice von Liebe sprach... Das war das, was er auch mal für sie empfunden hatte. Hatte, denn mittlerweile fühlte er viel größere Dinge, wenn er an sie dachte. Eifersucht. Wut. Macht... Und Liebe? War er überhaupt noch dazu in der Lage, so etwas wie Liebe zu empfinden, für irgendjemandem? Aber wenn er sie nicht liebte- wieso tat es dann so weh, was Alice da gerade tat? "Ich hab dich auch immer geliebt", flüsterte er, schien sie damit jedoch kaum zu erreichen. Mittlerweile war das blonde Mädchen neben ihm aufgestanden. "Ich hab das alles nur getan, weil ich dich liebe. Ich wollte nur dich, ich wollte dich behalten, verstehst du? Ich wollte dich auf keinen Fall verlieren. Ich wollte dich nur für mich-" ein lautes Geräusch aus der Küche lenkte ihn ab, aber nur für einen Moment. Einer der letzten Momente, die er jemals mit ihr haben würde. Jedenfalls schien Alice sich nicht von ihrem Plan abbringen zu lassen. "Bitte tu das nicht, Alice", jetzt war seine Stimme nur noch ein leises Flehen. "Ich will dich nie wieder sehen". "Bitte geh nicht." Doch es war zu spät. Selbst wenn er sie mit Gewalt bei sich behalten hätte können, Alice war längst gegangen. Simon spürte ein Stechen in seiner Brust und heiße Tränen liefen unversehens nun auch über sein Gesicht. "Ich kann mich ändern. Ich weiß, ich war nicht immer perfekt, aber ich kann anders sein. Ich kann die Person sein, die du brauchst." All diese Lügen verließen seine Lippen nicht mehr. Sie hatte recht. Sie musste gehen und ihren gemeinsam Sohn beschützen. Wieso tat nun auch der Gedanke weh, dieses kleine Wesen zu verlieren, für das er nie etwas anderes als Scham und Reue empfunden hatte? Aber er war sich so sicher gewesen, dass sein Sohn blieb -und mit ihm Alice-, dass er nie auch nur eine Sekunde daran gedacht hatte, jemals beide verlieren zu können. Die Vorstellung, der Wunsch, von einer glücklichen, intakten Familie zerbrach still in ihm, in dem Augenblick, in dem er realisierte, dass er diesen Wunsch überhaupt gehegt hatte. Noch einmal versuchte Simon, nach Alice Hand zu greifen. Er wollte nicht, dass es endete. Sie war doch auch alles, was er hatte. Sein Zuhause. Sein wichtigster Mensch. Der Mensch, dem er alles anvertraut hatte, den er am meisten liebte, der Mensch, mit dem er jede Sekunde verbringen wollte. Aber schließlich konnte er nichts anderes tun, als sie anzustarren. Simon brachte all das, was er ihr hätte sagen müssen nicht über seine Lippen- und dann war sie weg. In ihm tobte ein Sturm an Gefühlen, die er nicht ganz zuordnen konnte. Insgesamt fühlte es sich schlicht so an, als würde er sterben. Die Hoffnung, Alice würde auf dem Absatz kehrt machen und alles zurücknehmen, bewahrheitete sich nicht. Es war zu spät. Er hatte sie verloren.
Bis zum Ende seiner Schicht war Simon kaum zu etwas zu gebrauchen. Die Gedanken in seinem Kopf waren zu laut, um Anweisungen wahrzunehmen oder sie gar zu befolgen. Und auch auf dem Weg nach Hause hörte es nicht auf. Es würde wahrscheinlich nie wieder aufhören.