Beiträge von Kyubey


    Azel hatte Glück. Die Wahl des Rothaarigen war tatsächlich auf einen Essensstand gefallen, was Azels Magen mit einem gewaltigen Knurren bejubelte. In Folge dessen stieg eine sanfte Röte in das Gesicht des Silberhaarigen, hatte er eigentlich versucht, seinen Hunger zu unterdrücken - offensichtlich erfolglos. So war er umso froher über die Entscheidung seines neu gewonnen Freundes, welcher es augenscheinlich auch kaum noch abwarten konnte, etwas zu essen.
    Der Stand, zu dem sich die beiden jungen Männer daraufhin begaben, bot eine ganze Reihe von Leckereien an: Frisches Brot, dessen Duft Azel sofort in die Nase stieg, goldener Mais, dessen Glanz in den Augen des Silberhaarigen in diesem Moment hinreißender wirkte, als der von echtem Gold, und so viele verschiedene Süßwaren, man könnte sich damit sicher Karies in jedem einzelnen Zahn fangen. Kurzum: Von diesem Anblick lief dem Hutträger das Wasser im Mund zusammen, wenn ihn der letzte seiner Gedanken auch zugleich besorgt stimmte - von den Süßigkeiten ließ er die Finger wohl lieber. Nichtsdestotrotz ließ Azel seinem Gefährten den Vorsprung und ließ ihn zuerst seine riesige Bestellung machen. Dann war er dran. Er holte tief Luft und begann aufzuzählen: »Also ich hätte gerne das da zwei Mal« - sein rechter Zeigefinger zeigte auf einen Maiskolben und danach auch noch auf einige andere Leckereien - »und davon drei möchte ich drei und dann noch das da und... ja, das bitte auch ein mal.« Der Verkäufer machte zurecht große Augen, als er mit dem Einsammeln der verschiedenen Produkte kaum noch hinterher kam. Schließlich überreichte der Silberhaarige dem Verkäufer Geld - er hatte glücklicherweise gerade genug, um seine Massenbestellung zu bezahlen - und nahm seine Waren an sich.
    Zufrieden und mit dem ganzen Essen in seinen Armen drehte er sich dann um und entdeckte, dass hinter ihm eine blonde Frau stand, die von Kyle bereits angesprochen wurde. Auf dem ersten Blick machte sie auf Azel einen wirklich gespenstischen Eindruck: Diese blasse Haut, ihre zunächst ruhig wirkende Aura und dazu auch noch ihre farblich nicht ganz zusammen passenden Augen erschienen auf den jungen Mann tatsächlich eher ungewöhnlich, schien sie aber dennoch ein ganz normales Mädchen zu sein - immerhin konnte sie nicht wirklich ein Gespenst sein, diese gab es ja nicht! ..Oder? Azel schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein, weg mit diesem Gedanken!
    Da er eine Weile gebraucht hatte, um seine Bestellung zu beenden, war Kyle bereits in ein Gespräch mit der Fremden verwickelt. Zu gerne hätte der Silberhaarige zwar mitgesprochen, jedoch schien der Rothaarige wahrlich.. fasziniert von der gespenstischen Frau - und diese genau so sehr von ihm. So wollte Azel auch nicht einfach dazwischen platzen. Abgesehen davon hatte er auch wirklich Hunger. Er biss in eines seiner Brote, das er auf seinen Armen gestapelt hatte, und hörte dann dem Gespräch der beiden interessiert zu.


    Als sich das Gespräch der beiden dem Ende zuneigte, war die Sonne schon dabei unterzugehen und Azel hatte seinen Berg an Essen gänzlich vertilgt - er hatte ja so einen Hunger gehabt! Jedoch sollte das nicht alles sein, was der Silberhaarige heute verspeisen würde, denn kurz darauf wurde ihm von Kyle eine weitere Scheibe Brot in die Hand gedrückt. Vielleicht ein Abschiedsgeschenk? Immerhin schien er sich langsam auf den Weg zur Sternenwarte, dem »Highlight« dieses Festes, aufmachen zu wollen - und das alleine. »Ich bin mir auch sicher, dass wir uns bald wieder sehen werden«, entgegnete Azel ihm mit einem Lächeln im Gesicht, als er das Brot an sich nahm und auch direkt hinein biss. Es war unglaublich, wie viel Platz dieser junge Mann in seinem Bauch hatte.
    »Machs gut!« Mit dem Brot noch in der Hand winkte er seinem Freund dann hinterher. Ein wenig traurig machte es ihn schon, zu sehen, wie der Rothaarige von dannen ging, nachdem die beiden beinahe den ganzen Tag miteinander verbracht hatten, aber Azel war sich sicher, dass er den anderen noch viele weitere Male sehen würde - und er wurde ja auch nicht ganz allein gelassen.
    Sein Blick schweifte hinüber zu der mysteriösen Frau, die noch nicht einmal ihren Namen preisgeben wollte. Das ganze Gespräch über hatte es sehr den Anschein gemacht, als würde sie den Fragen des Rotschopfes ausweichen, geheimnisvoll bleiben wollen. Ob sie wohl Schwierigkeiten damit hatte, andere an sich ranzulassen? Nun, das ging Azel wohl mal wieder nichts an, auch wenn es ihn durchaus interessierte. »Freut mich ebenfalls, dich kennenzulernen!«, entgegnete er der Dame fröhlich, nachdem sie ihre höfliche Verbeugung getätigt hatte. Er nahm einen letzten Bissen von dem Brot, das Kyle ihn als Erinnerung gegeben hatte, bevor er auf die Frage der Blonden einging. »Ja, ich denke, das werde ich.« 
    Nach dieser Antwort lächelte er die Blonde ein weiteres Mal an. Vielleicht war ihre unnahbare Art ja nur eine Art Schild, um zu verheimlichen, dass sie eigentlich Gesellschaft wollte? »Wollen wir zusammen zur Sternwarte gehen?«, stellte er dann selbst die Frage. Zwar wusste er nicht genau, was so besonders an diesem Ort war, lebte er ja noch nicht wirklich lange in der Gegend, aber dann wiederum war das auch nur ein weiterer Grund, warum er sich ihn unbedingt angucken sollte! »Ich gehe auf jeden Fall. Und du kannst gerne mitkommen.« 
    Azel holte sich daraufhin eine der Fackeln und winkte der Blonden noch einmal zu. Was würde sie tun? Würde sie wirklich mitkommen oder würde sie lieber für sich bleiben? Nun, das lag jetzt nicht mehr in seiner Kontrolle.


    » Die Sternwarte


    Kyle hatte Recht. Würde Azel an diesem Stand Wurzeln schlagen, bliebe den beiden bald keine Zeit mehr, sich auch noch die anderen Stände anzusehen. Und wer wusste, was sie da womöglich verpassten? Vielleicht wurde irgendwo auf diesem Platz zauberhaftes Essen verkauft, das nur so darauf wartete von Azel verspeist zu werden oder seltenes Geschirr, auf dem jedes Essen super schmackhaft wirkte, egal wie billig es war?! So etwas konnte und durfte der Silberhaarige sich nicht entgehen lassen! Aber auch dieser Stand mit den vielen hochwertigen Büchern war so reizvoll, dass sich der junge Mann kaum vom Fleck bewegen, geschweige denn das soeben entdeckte Buch aus der Hand legen konnte.. Ach, warum musste es so schwer sein, Entscheidungen zu treffen?!
    Nachdenklich betrachtete Azel das gebundene Buch, das er seit einer Weile in seinen Händen hielt. Er konnte sich dieses Sammlerstück unmöglich leisten und so war es wohl an der Zeit Lebewohl zu sagen und weiterzuziehen. Vorsichtig und langsam streckte er also seinen Arm aus, um, nicht nur im übertragenen Sinne, loszulassen und das Buch wieder an seinen Platz zu legen... als Kyle ihm plötzlich eine Frage stellte und er es rasch wieder an sich zog. Seine Augen fingen an zu strahlen sobald er realisierte, was der Rothaarige ihn gefragt hatte und prompt streckte er ihm das Buch entgegen, damit er es sich ansehen konnte. »Das hier heißt Legenden des Stockbrots! Ja, ich weiß, der Titel klingt etwas.. sonderbar.. Aber es war mein Lieblingsbuch, als ich noch ein kleiner Junge war! Es geht darin um einen Bauernjungen, der in die Welt zieht, um seinen Träumen zu folgen und sein Leben zu leben. Es hat mich damals wirklich bewegt! Und das hier ist eine Sonderausgabe.. Ich hätte nicht gedacht, ich würde dieses Buch in meinem Leben nochmal wiedersehen...« Nun leicht melancholisch betrachtete der Silberhaarige das Buch nochmal genau, bevor er es mit einem schmalen Lächeln im Gesicht doch zurück ins Regal legte - in der Ferne konnte man den Besitzer des Standes enttäuscht seufzen hören. »..Aber ich kann es mir eh nicht leisten.« Azel warf noch einen letzten verstohlenen Blick auf das Sammlerstück, bevor er sich umdrehte und wieder dem großen Angebot an anderen Ständen, die dieses Fest zu bieten hatte, gegenüber stand. »Wir wollten uns die anderen Stände doch auch noch ansehen, oder? Sag du, wo wir als nächstes hin wollen!« Immerhin war Azel einfach selbstständig hierher gelaufen, ohne auf seinen Weggefährten zu achten. Nun war es also an der Zeit für ihn, das nächste Ziel zu wählen. Oh, hoffentlich würde er sich einen Stand mit Essen aussuchen, der Silberhaarige hatte schon Hunger..

    « Der Gasthof 


    Schließlich hatten Azel und Kyle sich dazu entschieden, gemeinsam das besagte Fest zu besuchen. Der Silberhaarige wusste zu dem Zeitpunkt immer noch nicht, was da auf ihn zukam, weswegen er besonders neugierig war. War es ein Fest, bei dem man tanzte? Oder eher Sachen kaufte? Vielleicht ein Fest, um einen besonderen Feiertag, den Azel vergessen hatte, zu feiern? Die Möglichkeiten schienen schier unendlich! So folgte der junge Mann seiner neuen Bekanntschaft munter, als diese ihm den Weg zeigte, obwohl Azel auch auf diese Weise noch einige Male beinahe falsch abgebogen wäre.


    Als sie dann schließlich an ihrem Ziel angekommen waren, kam Azel aus dem Staunen kaum noch heraus. Überall waren Stände und in der Mitte eine kleine Tanzfläche zu sehen, auf der sich bald bestimmt der Großteil der Besucher sammeln würde. Ein Lächeln erschien im Gesicht des Silberhaarigen, als er etwas abseits dieser Fläche einen Stand entdeckte, der allem Anschein nach Bücher verkaufte. Sofort trugen ihn seine Füße dorthin, brauchte er immerhin eine Stelle, an der er anfangen konnte, sich die vielen Attraktionen dieses Festes anzusehen. »Hey, Kyle, guck mal!«, rief er seinem Weggefährten zu, als er gerade ein äußerst seltenes Exemplar seines Lieblingsbuches gefunden und in die Hand genommen hatte. Er wusste zwar noch nicht mal, ob Kyle ein eifriger Leser war oder ob er überhaupt lesen konnte, aber schön aussehen tat das Buch auf jeden Fall, also würde er es sicher auch sehen wollen. Wenn ihn alle dieser Stände hier so begeistern würden, würde Azel es heute vielleicht doch nicht mehr schaffen, sich alle Stände anzusehen.


    Im Verlaufe dieses Gespräches fiel es Azel oft auf, dass Kyle langsam immer offener wurde und immer mehr von sich erzählte, was im Kontrast zu seiner anfänglichen Kälte besonders zu erkennen war. Hatte er seine Meinung über den Silberhaarigen also doch noch geändert? Den Anschein machte es ganz, was den jungen Mann sehr freute. Auch er fand den anderen nämlich sympathisch und hätte es schade gefunden, hätte der andere ihm aufgrund seiner anfänglichen Neugier die kalte Schulter gezeigt. Und nun stimmte der Rothaarige seinem Vorschlag zu einem weiteren Treffen einfach zu und fing an ihm davon zu erzählen, wo er gerade herkam - das war ein großer Unterschied zu seinem anfänglichen Verhalten und so schlich sich doch glatt ein Lächeln in Azels Gesicht. »Nun, zu oft ins Badehaus zu gehen wäre sowieso nicht gut, da verschrumpelt die Haut doch sicher«, kommentierte er die Aussage seines Bekannten dann, halb scherzhaft und halb nachdenklich. Bei der Erwähnung des Festes hingegen, spitzte er wieder die Ohren. Kyle hatte mit seiner Annahme voll ins Schwarze getroffen; Azel liebte Feste. Warum? Aus dem einfachen Grund, dass es dort viele fröhliche Menschen gab, mit denen man sich oftmals gut unterhalten konnte. In dem Wort »Fest« ist Spaß immerhin schon inbegriffen! »Hast du vor dahin zu gehen? Ich würde mir das wirklich gerne mal ansehen.« Er wusste zwar noch nicht mal, um was für eine Art von Fest es sich dabei handelte, aber der Name »Sternnachfest« klang zumindest nach keiner satanischen Aufopferungszeremonie, also konnte es so schlimm nicht sein. Und wo bliebe der Spaß im Leben, wenn man sich nicht hin und wieder auch mal überraschen ließe?
    Das Lächeln im Gesicht des jungen Mannes wurde breiter und breiter, als Kyle seinen Wunsch äußerte, dass Azel hier bleiben würde und die beiden Freunde werden könnten, denn genau das wünschte dieser sich auch. So nahm er auch ohne zu zögern die Hand des anderen und schüttelte diese freudig. »Ich werde ganz sicher bleiben, versprochen!«, entgegnete er seinem Gesprächspartner und (hoffentlich) zukünftigen Freund daraufhin. Der Silberhaarige fand es unglaublich, dass sein Tag damit angefangen hatte, dass er verschlafen und sich verpennt aus dem Haus geschlichen hatte und nun damit enden würde, dass er einen neuen Freund gewann. Komisch, was manchmal in so einem kurzen Zeitraum alles passieren kann, nicht?



    » Der Platz des Volkes


    Die Frage des Rothaarigen, ob ihn manche Gesellschaft nicht nur noch schläfriger machen würde, ließ Azel kurz aufschrecken, glich diese Frage ja schon der Unterstellung, er würde nicht jedwede Art von Unterhaltung genießen können - und das war doch der Fall bei dem Silberhaarigen! »Aber nein, nicht doch!«, gab er dann überzeugt und, zugegeben, etwas lauter als seine normale Lautstärke zurück. Als ihm das auffiel räusperte er sich kurz und fuhr dann in einem ruhigeren Ton fort. »Ich finde alles interessant, was Leute von sich zu erzählen haben, sogar wenn sie einfach nur über einen ihrer Spaziergänge oder so was reden.« Nun war von dem anfänglichen Schreck in dem Gesicht des Silberhaarigen nichts mehr zu sehen, war die völlige Entspannung bei ihm zurückgekehrt. Er wusste nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund entspannten ihn solche beiläufigen Gespräche einfach. »Ich mag es, wenn Leute so offen von sich erzählen können.« Kurz lächelte der Silberhaarige seinen Gesprächspartner an, bis ihm eine plötzliche Erleuchtung kam. Seine Augen, die vorher leicht verträumt gewirkt hatten, weiteten sich mit einem Mal und Azel wandte den Blick wieder ab, denn in diesem Moment war ihm aufgefallen, dass die Frage des Rothaarigen vermutlich einfach nur ein Witz gewesen war - Immerhin hatte er dies sogar noch mit einem hinterher gestellten Lachen verdeutlicht. Er kauerte nun etwas zusammen und nahm eingeschüchtert einen weiteren Schluck von seinem Bier, war es ihm jetzt schon etwas peinlich, dass er auf diesen harmlosen Witz eine so ernsthafte, persönliche Antwort gegeben hatte.
    Als Kyle jedoch seufzend sagte, dass er nicht die Stimmung ruinieren wollte, und seinen Gesprächspartner auf die Schulter klopfte, kehrte ein verständnisvolles Lächeln in das Gesicht des Silberhaarigen, der seinen Kopf selbst nun wieder hob, um den anderen ansehen zu können. »Mach dir darüber keine Sorgen, ich bin froh dass ich dir ein Ohr leihen konnte«, antwortete er dann in einem ruhigen Ton, wollte er dem anderen zu verstehen geben, dass es wirklich keinen Grund gab, Schuldgefühle zu entwickeln - vor allem weil Azel immerhin gerne zuhörte.
    Schuld konnte man bei dem Rothaarigen jedoch weit und breit nicht entdecken, eher schien es, als machte sich die Müdigkeit in seinem Gemüt breit - das Senken seiner Augenlider und das Gähnen war ein sicherer Hinweis darauf. Nun befand sich Azel in einem Zwiespalt: Sollte er den anderen ansprechen und wach halten oder sollte er ihn lieber in Ruhe lassen? Die natürlichste Reaktion wäre vermutlich ein belustigtes »Hey, wachbleiben, du Schlafmütze!«, aber Azel entschied sich mit einem leichten Kopfschütteln dagegen. Kyle hatte schon keinen besonders fröhlichen Eindruck gemacht, als der Blauäugige ihn an der Theke vorgefunden hatte und wenn er jetzt auch noch halb einschlief, hatte er heute sicher schon viel durchgemacht und war erschöpft. So entschied sich der Silberhaarige dazu, ihn fürs erste etwas in Ruhe zu lassen und trank wortlos den letzten Schluck Bier aus seinem Krug, als er zusah, wie sein Gesprächspartner beinahe auf dem Tresen einschlief.
    Bevor das Ganze dann allerdings doch zu weit gehen konnte, stellte Azel vorher lieber seine Frage, worauf der Rothaarige mit einem leicht verschlafenen »Was?« und einer dahinter geschobenen Erklärung für seine Schläfrigkeit antwortete. »Man sieht es dir an«, entgegnete der Silberhaarige dann mit einem Lächeln im Gesicht, sollte sein Gesprächspartner erkennen können, dass er ihn keineswegs beleidigen wollte. Dieser brauchte, aufgrund seiner Müdigkeit, auch noch eine kurze Weile, bis er wach genug war, um Azel eine Antwort auf seine Frage zu geben. Diese war dafür aber auch ziemlich ausführlich und so hörte der junge Mann interessiert zu. »Es ist gut, dass du dich so entspannen kannst«, gab er schließlich zur Antwort, während er Augenkontakt mit dem anderen Mann hielt. »Ruhe ist im Leben auch wichtig, und ich bin mir sicher, irgendwann wird dir das, worauf du wartest, noch begegnen.«
    Auf die Gegenfrage hin zog Azel dann scherzhaft eine Schnute. »Also mein Hobby ist das auch nicht..« Danach hellte sich sein Gesicht jedoch wieder auf und er dachte selbst kurz über die Frage nach. Wohin er gerne ging? Nun.. »Ich bin ja noch nicht so lange hier, aber bisher..« - er drehte sich kurz zur Seite und sah sich hier im Keller des Gasthofs um - »Ja, bisher find ichs hier ganz schön. Hier ist es so angenehm still.« Den Blick richtete er nun wieder auf seinen Gesprächspartner, was ihn wieder daran erinnerte, wieso er diese Frage überhaupt gestellt hatte: Er hatte nach einer Sache gesucht, die die beiden das nächste Mal - sollte es ein nächstes Mal geben - tun könnten. »Lass uns irgendwann doch mal zusammen in ein Badehaus gehen!«, schlug er also vor, um wieder zurück auf den Punkt zu kommen.


    Es dauerte nicht lange, da hatte der Fremde ihm auch schon seine Frage mit dem eigenen Namen beantwortet; »Kyle« hieß der Rotschopf also. Auf die knappe, aber dennoch offene, Vorstellung hin musste Azel ein wenig lächeln, er war froh zu sehen, dass dieser Mensch doch bereit für ein Gespräch war, auch wenn er anfangs nicht so den Anschein erweckt hatte.
    Wenig später kam der Mann, der hinter der Theke arbeitete, dann auch mit dem Getränk für den Silberhaarigen an, welcher sich dafür bedankte und dann auch direkt ein paar Schlücke des kalten Biers zu sich nahm, war er von seinem Weg hierher doch etwas durstig geworden. Wie er jedoch so aus seinem Glas trank, stellte Kyle - das war gewöhnungsbedürftig - selbst eine Frage, über die Azel beim Trinken erstmal nachdenken musste. Genau, warum war er nochmal hierhergekommen? Er stellte sein Glas wieder ab und sah nachdenklich zur Seite, bis es ihm wieder einfiel und er wieder Augenkontakt mit dem Rotschopf herstellte. »Ich hab heute irgendwie verschlafen..«, fing er an, sich immer noch wundernd, wie das passieren konnte, wo er sonst eigentlich immer früh aufstand, um mehr an einem Tag schaffen zu können. Nicht, dass er nicht gerne ausschlief, oh nein! Er empfand es nur nicht gerade als.. nun, praktisch, länger als nötig zu schlafen. »Und da dachte ich, ich misch mich mal unter die Leute, um mich richtig aufzuwecken!« Tatsächlich war sein Plan sogar aufgegangen - was war immerhin ein besserer Start in den Tag als ein Bier ausgegeben zu bekommen? Nun, jetzt wo er so drüber nachdachte, gab es sicher einige bessere Möglichkeiten in den Tag zu starten, vor allem, weil es für seine Verhältnisse eigentlich noch zu früh war, um Alkohol zu konsumieren, aber er würde sich nicht beschweren! Er gönnte sich immerhin nicht oft freie Tage, hatte aber so eben beschlossen, dass dieser einer werden sollte, also konnte er sich auch ruhig mal ein Bier am Mittag erlauben.
    Gerne hätte Azel hier auch eine Gegenfrage gestellt, würde er eigentlich gerne wissen, was der Rothaarige hier trieb, doch entschied er sich dann dagegen, immerhin hatte er wenige Minuten zuvor schon eine ähnliche Frage gestellt und wie das ausgegangen war, wissen wir ja mittlerweile. Also trank er einfach in Ruhe einen weiteren Schluck Bier, an dem er sich fast verschluckte, als sein Bekannter dann doch anfing mehr von sich zu erzählen, was den Silberhaarigen offensichtlich sehr überraschte. Deswegen ließ er das Trinken fürs erste dann wohl doch lieber sein und stellte sein Glas ab, so lange Kyle von sich erzählte, um seine Erzählungen nicht mit unnötigem Rumhusten unterbrechen zu müssen. Seine neue Bekanntschaft hatte also auch schon viel durchgemacht.. Das konnte man auch merken; Er hatte einfach nicht die Aura von einem naiven kleinen Kind, das dachte, es gäbe in der Welt nichts Böses. Solche Leute hatten einen anderen Ausdruck in den Augen, Azel kannte sich mit so was aus, hatte er es in seiner Heimat mit vielen verschiedenen Leuten zu tun gehabt und die Sorte Mensch, die schon viel erlebt hatte, kannte er am besten, wohl auch weil er sich selbst dazu zählen konnte.
    So gut er diese Sorte Mensch aber auch kannte, wusste er nicht, was gerade eine angebrachte Reaktion auf die Geschichte des Rothaarigen gewesen wäre. Hätte er weiter nachfragen, irgendwas sagen sollen? Oder wär Schweigen hier vielleicht tatsächlich am passendsten? Zwar fragte Azel sich wirklich, was denn der Grund für die damalige Handlung seines Gesprächspartners gewesen war, wenn es sich dabei nicht um die Angst gehandelt hatte, aber wollte er ihn auch nicht dazu bringen, mehr von sich zu offenbaren, als es ihm lieb war. So ließ er dann den Kopf bedrückt hängen und entschied sich im Endeffekt doch dazu, dass ein nichtssagendes »Ich verstehe..« vielleicht die beste Antwort war.


    Kyle selbst war es dann, der das Thema, und die darum liegende Stimmung, wechselte und so auf ein paar angedeutete Pläne für die Zukunft zu sprechen kam. »Hm, wo gehst du noch gerne hin, außer in Bars?«, fragte Azel dann also, zum einen um seinem Gesprächspartner dabei zu helfen die Stimmung zu lockern, zum anderen weil er ihn wirklich näher kennenlernen wollte und nichts dagegen einzuwenden hätte, in der Zukunft mal etwas richtiges zu unternehmen, wo der Rothaarige auch schon angedeutet hatte, dass es ein nächstes Treffen geben könnte.


    Mit einem gekünstelten Lachen tat Azel die Antwort des Fremden dann ab. Er hatte ja gewusst, dass er mit seinem neugieren Gefrage ziemlich unhöflich gewirkt haben musste und hatte so auch keine andere Reaktion erwartet. Dennoch war es ihm schon etwas unangenehm, direkt am Anfang der Konversation so etwas entgegen geworfen zu bekommen, vor allem weil der Silberhaarige normalerweise schon wusste, wie man sich in in so einer Situation zu verhalten hatte. Dieser Fehler war also durchaus vermeidbar gewesen und doch war er dem jungen Mann unterlaufen - peinlich. Da hatte er einmal verschlafen und schon war er unfähig, ein kompetenter Bürger der Gesellschaft zu sein.
    Jetzt stand jedoch die offene Frage im Raum: Was nun? Einen lockeren Gesprächseinstieg hatte der Blauäugige ja offensichtlich nicht hinbekommen. Sollte er sich dann einfach entschuldigen und wieder gehen, um weitere unangenehme Vorkommnisse zu vermeiden? Oder wäre das eine etwas übertriebene Reaktion gewesen? Unsicher, welche Handlung jetzt angebracht wäre, saß Azel also einfach da und starrte peinlich berührt auf die Theke, weg von dem Rothaarigen, dem er soeben zu nahe getreten war. Und vermutlich hätte diese unangenehme Situation auch noch einige Minuten lang ihren Lauf genommen, hätte der Fremde sich nicht dazu entschieden, dem Neuankömmling seinen kleinen Fehler doch zu verzeihen. Auf die Einladung hin sah Azel den zuvor betrübten Mann überrascht an. Zugegeben hätte er mit so einer Reaktion nicht gerechnet, also brauchte der Silberhaarige eine kurze Weile, bis er das Angebot verarbeitet hatte. Es war auf der einen Seite eine Einladung zum Trinken, aber symbolisch gesehen wohl auch so etwas wie eine zweite Chance; Immerhin wurde Azel noch nicht weggeschickt. So bestand gar kein Zweifel daran, dass er diese Einladung auf jeden Fall annehmen würde! »..Vielen Dank!«, gab der junge Mann dann also freudig zur Auskunft, bevor er sich ein einfaches Bier bestellte - er wollte die Freundlichkeit des Fremden immerhin auch nicht zu sehr ausnutzen, vor allem nicht nachdem er sich mit seinen bisherigen Aktionen schon nicht gerade beliebt gemacht hatte.
    Der Barkeeper nahm die Bestellung des jungen Erwachsenen auf und ging erstmal zur Seite, um ein Glas mit dem gewünschten Getränk zu füllen, weswegen die beiden Männer fürs erste alleine an der Theke saßen. Zunächst herrschte also wieder Schweigen und Azel fand die Stimmung immer noch etwas gedrückt, was es für ihn schwer machte, offen zu reden. Aber nachdem der Rothaarige schon offen Interesse an etwas Kontakt gezeigt hatte, würde er sich davon doch nicht unterkriegen lassen, oder?! »Ich hab mich noch gar nicht vorgestellt, oder?«, wagte der Erwachsene dann einen Neustart, während er den anderen mit einem sanften Lächeln im Gesicht ansah. »Mein Name ist Azel. Wie heißt du denn? Ich glaube, ich hab dich hier noch nie gesehen..« Zugegeben lebte er natürlich noch nicht so lange in Trampoli und auch die Bar hatte er bisher nur selten betretenen, also war es klar, dass der Fremde ihm nicht bekannt vorkam. Dennoch konnte es ja sein, dass er den Rothaarigen einfach nur vergessen hatte, Azel hatte immerhin viele Gedanken, da ging das ein oder andere Gesicht schon mal verloren. Der Blauäugige musterte den anderen also nochmal mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Nein, er war sich doch ziemlich sicher, er hatte diesen Menschen vorher noch nie gesehen.

    « Die Kaserne



    Nach einem etwas längeren Weg zu seinem Ziel, stieß Azel schließlich auf den Gasthof, öffnete seine Eingangstüren voller Entschlossenheit und trat daraufhin hinein. Er war sich sicher, dass er hier, an diesem Ort, der von Menschen nur so wimmelte, einen geeigneten Gesprächspartner finden würde. Doch zu seiner Enttäuschung musste er nach einem schnellen Blick in die Runde leider feststellen, dass jeder hier Anwesende bereits mehr oder minder in ein Gespräch verwickelt war - und stören wollte er da dann auch nicht. Das entschlossene Lächeln in seinem Gesicht war schon dabei zu verblassen, als dem Erwachsenen plötzlich einfiel, dass es hier ja auch eine untere Etage mit einer Bar gab. Vermutlich würde er dort ja auf einige einsame Seelen treffen, die sich genau wie er nach Kontaktaufnahme sehnten? Einen Versuch war es auf alle Fälle wert. So setzte sich der Blauäugige wieder in Bewegung, schritt diesmal die Treppen hinab und fand unten die Bar vor.
    Das Licht war hier etwas gedämmter, wodurch die ganze Atmosphäre etwas düsterer wirkte, zumindest kam es Azel so vor. Nichtsdestotrotz betrat er die Mitte des Raumes und sah sich erst einmal wieder um. Hier waren eindeutig weniger Gäste anwesend, dafür wirkten diese aber auch empfangsbereiter. Vor allem ein bestimmter junger Mann fiel dem Neuankömmling dabei sehr auf - und zwar nicht nur wegen seiner roten Haare: Er saß alleine an der Theke und schaute ziemlich deprimiert drein. Vermutlich hatte er gerade etwas Aufwühlendes erlebt oder machte sich einfach zu viele Gedanken - und beide Gefühle kannte Azel nur zu gut. Also ging er langsam auf seine auserkorene Zielperson zu und ließ sich neben ihr auf einem Stuhl nieder. »Hey!«, initiierte er das Gespräch mit dem Rothaarigen, während er ihn freundlich anlächelte und die richtigen Worte in seinem Kopf noch zusammen sammelte. »Ich weiß, wir kennen uns nicht, aber du machst einen sehr.. besorgten Eindruck. Da wollte ich fragen, ob etwas los ist?« Diese Frage hatte der Silberhaarige in seinem sehr vorsichtigen Tonfall geäußert, wollte er dem Mann ja nicht in ihrem ersten Gespräch schon zu nahe treten, aber es fiel ihm dennoch auf, dass es mit seiner Besorgnis langsam zu weit ging: Jetzt machte Azel sich auch noch Gedanken um ihm völlig Unbekannte, die einem so neugierigen Fremden vermutlich eh nichts anvertrauen würden, nur weil er sich aufgrund ihrer Ausstrahlung in etwa in ihre Situation reindenken konnte. »..Entschuldige, es geht mich natürlich nichts an.«, hing er also, jetzt selbst mit einem betretenen Gesichtsausdruck, hinterher, während er leicht beschämt zur Seite blickte. Er hatte sich wohl einfach so sehr auf ein simples Gespräch gefreut, dass er ganz vergessen hatte, seine Höflichkeit zu bewahren.

    Die Sonne stand bereits an ihrem höchsten Punkt und hatte ihre Sonnenstrahlen auf die Erde geschickt, als Azel langsam in seinem Zimmer in der Kaserne erwachte. Noch ziemlich verschlafen blinzelte der junge Mann erstmal den Schlaf aus seinen Augen, noch nicht ganz bemerkend, dass er tatsächlich bis Mittag geschlafen hatte. Tatsächlich dauerte es auch nach seinem Erwachen noch eine Weile, bis er sich erschrocken aufrichtete, den Blick gen Fenster gerichtet. Hatte er wirklich schon wieder so lange geschlafen? Rasch stieg der Silberhaarige aus seinem Heubett und sammelte die Klamotten von dem Boden auf, um sie sich dann überzuziehen. Er wollte dieses Faulsein und dieses lange Ausschlafen wirklich nicht zur Gewohnheit werden lassen, also musste er sich jetzt schnell herausputzen! Nachdem er sich also komplett bekleidet hatte, hob er seinen Hut zuletzt von seinem Stuhl hoch und stellte sich mit diesem in der Hand vor seinen Spiegel. Nun erst konnte Azel sehen, dass einige Ecken und Enden seines Hemdes unter seiner Jacke hervorguckten, wo man sie eigentlich gar nicht sehen können sollte - Er hatte sich beim Anziehen also vielleicht etwas zu sehr beeilt, aber das war ihm nun auch egal.
    Mit einem Lächeln im Gesicht gab Azel seinem Aussehen dann den krönenden Abschluss und setzte sich seinen Hut auf den Kopf; Der gehörte einfach dazu, keine Frage! Jetzt war der Blauäugige auch bereit, in die große, weite Welt zu ziehen. Motiviert schritt er daraufhin zur Tür, streckte seine Hand nach dem Türknauf aus, doch hielt dann inne. Wo.. wollte er überhaupt hin? Der junge Mann geriet ins Nachdenken, während er seine raue Hand, die den Türknauf fest im Griff hatte, betrachtete. Er könnte natürlich einfach eine Runde spazieren gehen, aber wäre das nicht langweilig? Viel lieber würde er einen Ort besuchen, an dem sich viele Menschen befanden, mit denen er sich unterhalten könnte; Etwas sozialer Kontakt konnte immerhin nicht schaden! Vor allem konnte er niemandem schaden, der eh schon den halben Tag alleine in seinem Bett verpennt hatte. Also würde er es so machen! Entschlossen drehte er den Türknauf nun um und trat den ersten Schritt zu seiner - mehr oder weniger - aufregenden Reise an. Sein Ziel: Der Gasthof!


    » Der Gasthof

    Hallo!
    Ich würde gerne wieder mitmachen und zwar mit Azel! Da Sonia nicht vergeben ist, kann ich schlecht nach ihrer Erlaubnis fragen und deshalb ist hier gleich der Steckbrief... Ich hoffe der ist ok so?!
    (Den ganzen Steckbrief und vor allem die Persönlichkeit überarbeite ich dann noch, so bald die Ideen kommen orz )



    Chlorica schien nicht sehr begeistert von der Höhe dieses Berges zu sein. Sie konnte kaum runtergucken und wenn sie es doch tat, drehte sie ihren Kopf sofort wieder mit einem nervösen Ausdruck im Gesicht weg. Man konnte ihr ihre Höhenangst wirklich ansehen, aber anstatt sie darauf anzusprechen, beschloss Vishnal das lieber sein zu lassen. Wahrscheinlich war das eine weitere ihrer Unsicherheiten und es wäre ihr sicher lieber, wenn der Blauhaarige nichts davon wusste. So tat der Butler einfach, als hätte er nichts davon mitbekommen und lächelte sie ein wenig aufmunternd an.
    Trotz ihrer deutlichen Angst entschied sich die Lilahaarige schließlich doch dafür, den Weg gemeinsam mit ihrem Kollegen entlangzugehen, auch wenn sie deutlich keine Lust mehr dazu hatte. Aber Vishnal hatte sich vorgenommen sie nicht darauf anzusprechen und so würde er es auch belassen. Selbst wenn er Chlorica wirklich zu nichts zwingen wollte, musste er sich wohl zusammenreißen. Nach allem war es ja auch immer noch ihre Idee gewesen hierher zu kommen!


    Der Butler nickte der Dame entschlossen zu, bevor er ihre rechte Hand mit seiner Linken nahm und sich dann langsam in Bewegung setzte. Vorsichtig drückte er sich an die Wand des schmalen Bergpfades, während er die ängstliche Frau, die jetzt hinter – beziehungsweise neben – ihm stand, weiterhin an der Hand hielt. Nun setzte Vishnal vorsichtig einen Fuß vor den anderen, darauf aufpassend, dass er auch ja nicht runterfiel.
    Als er nach einigen weiteren Schritten immer noch Boden unter seinen Füßen hatte, fing er an ein wenig zu lächeln. Er war ernsthaft überrascht, dass er bei seinem Pech noch nicht runtergefallen war. So wurde er dann übermütig und ließ die Hand seiner Begleitung los, um sich ein wenig flinker bewegen zu können. »Siehst du, Chlorica, du musst hier gar keine Angst haben!«, rutschte es dem Herren dann doch raus, woraufhin er sich zu seiner Gefährtin umdrehte. »Dir kann hier gar nichts passieren, so lange du aufpasst und – huch?« Versehentlich hatte er in der Bewegung seinen Fuß zu weit nach hinten gesetzt, was dazu führte, dass Vishnal verwirrt nach hinten kippte und runterfiel, während er ein überraschtes Quietschen von sich gab. Ironie des Schicksals.
    - Beziehungsweise, er fiel nicht ganz runter, da er sich gerade noch so am Abhang festhalten konnte. Wie erstarrt schaute der Herr in die Tiefe und konnte nicht mehr weggucken. Nun verstand er die Höhenangst seiner Begleitung.
    Der Blauhaarige schluckte und drehte seinen Kopf langsam wieder in Richtung Berg, wandte seinen Blick von dieser grausamen Ansicht ab. »Ein bisschen, uh, Hilfe wäre vielleicht ganz.. nett...« Auf diesen gestammelten Satz folgte ein nervöses Lachen. So etwas konnte auch wirklich nur ihm passieren.

    « Der Polisee.


    Eines war dem Butler mittlerweile klar: Chlorica war keine Freundin der großen Worte. In der Tat war ihre Antwort auf die Frage des Blauhaarigen noch nicht einmal ein vollständiger Satz. Aber vielleicht wollte sie sich ihren Atem auch einfach nur für den langen Weg zu ihrem genannten Zielort sparen. Und ebenjener Ort war die Sternwarte. Es wurde ihr nachgesagt, dass sie vor allen Dingen bei Nacht ein sehr schöner Ort sei. Und diese Tageszeit würde ja bald anbrechen.
    Es stimmte, die beiden Bediensteten hatten in der Tat schon eine ziemlich lange Zeit gemeinsam verbracht - so lang, dass es mittlerweile schon Abend war. Zwar war es noch hell, aber das würde sich auf jeden Fall bald noch ändern. Das war immerhin der Lauf der Dinge: Erst war es hell und dann würde es irgendwann wieder dunkel werden. Eine Selbstverständlichkeit.
    Ein schlechtes Gewissen hatte Vishnal schon dafür, dass er die Lilahaarige um ihre kostbare Freizeit gebracht hatte, auch wenn er inzwischen so ein bisschen das Gefühl hatte, dass seiner Begleitung der kleine Ausflug mit ihrem Kollegen tatsächlich ein wenig gefiel. Aber wahrscheinlich wirklich nur ein wenig. Naja, immer noch besser, als wenn die Dame ihn verabscheuen würde, nicht?


    Nachdem Chlorica ihr nächstes Ziel deklariert hatte, setzte sie sich schon direkt in Bewegung, davon ausgehend, dass Vishnal ihr einfach folgen würde, was er auch tat. Rasch lief er zu ihr und ging dann den Rest des Weges neben ihr, während er ihr begeistert von seiner neuesten Komposition auf dem Klavier erzählte. Ob es die Frau überhaupt interessierte, war dem Herren unklar, aber so lange sie sich nicht beschwerte, würde sie schon nicht zu abgeneigt von der »Geschichte« des Klavierspielers sein.
    Nach einer etwas längeren Wanderung war das Ziel dann zum Greifen nah - nur nicht ganz. Zwischen den zwei Bewohnern Trampolis und dem ersehnten Reiseziel befand sich noch ein weiterer beschwerlicher Marsch in Form eines Bergpasses. Vishnal starrte diesen ungläubig an. »Ha, und ich dachte wir hätten den Großteil des Weges schon hinter uns«, gab er dann seufzend von sich. Wie man sich doch irren konnte. Aber wenn es Chloricas Wunsch war, zu dieser Sternwarte, die sich irgendwo hinter diesem langen Weg befand, zu gehen, würde ihre blauhaarige Begleitung keine Kosten und Mühen scheuen, um sie dahin zu bringen. Ja, das hatte er sich vorgenommen und jetzt würde er auch nicht mehr kneifen. »Wollen wir?«, fragte der Diener seine Kollegin entspannt und mit ruhiger Stimme.

    Scheinbar durchfuhr Chlorica ein plötzlicher Sinneswandel, als sie langsam wieder ihre Hand senkte. Vishnal war ihrem Zorn wohl noch einmal entkommen, das nächste Mal - welches es hoffentlich nicht geben würde - würde sie ihn wahrscheinlich nicht so locker davon kommen lassen. Ob das Rütteln wirklich etwas gebracht hatte? Vielleicht war sie ja tatsächlich wie in einer Art Trance gefangen gewesen und musst einfach.. aufgeweckt werden. Diese Theorie wurde dem Blauhaarigen bestätigt als die Dame erschrocken nach seinem Handgelenk griff, um sich von ihm loszureißen, woraufhin die Dame konfus herumtaumelte. Das machte dem Butler dann jedoch wieder ein wenig Sorgen. »Chlorica.. alles in Ordnung?«, fragte er leicht beunruhigt, als er seine Hand nach ihr ausstreckte, um sie wieder zum Stillstand zu bringen. Das schaffte die Lilahaarige dann aber doch von alleine, woraufhin Vishnal seine Hand schnell wieder zurückzog. Er wollte sie ja nicht bedrängen.
    Dann war Chlorica es, die den nächsten Schritt machte. Wortwörtlich. Sie blickte ihr Gegenüber strengen Blickes an und ging dann auf ihn zu. Jedoch schien es trotz ihres Blickes nicht so, als würde sie den armen Mann wieder ohrfeigen wollen. Deshalb blieb dieser auch einfach ruhig dastehen, selbst als die Lilahaarige ihre Hand wieder bewegte. Er vertraute ihr - Was ziemlich naiv war, wenn man bedachte, dass er der Frau vertraute, die Stimmungsschwankungen wie sonst wer hatte. Allerdings hatte Chlorica diesmal wirklich nichts Böses im Sinne. Sie hatte ihre Hände nur gehoben, um die des Butlers mit ihnen zu umschließen. Danach lächelte sie seicht und entschuldigte sich, irgendwie zumindest. Leider konnte Vishnal ihr Lächeln nicht erwidern, da er immer noch um ihren Zustand besorgt war. Der Mann hatte die letzten paar Stunden damit verbracht, ihr das Leben schwer zu machen und jetzt war sie der Meinung, sie müsse sich entschuldigen? Nein, da ging etwas nicht mit rechten Dingen vor. Erneut streckte er vorsichtig seine freie Hand nach ihr aus, ohne sich runter zu beugen, und fühlte ihre Stirn ab. Sehr zu seiner Verwunderung hatte sie jedoch kein Fieber. Aber wenn es das nicht war, was war es dann? »Geht es dir wirklich gut?«, fragte er noch einmal behutsam nach, während er seine linke Hand wieder wegzog und diese dann benutzte, um sie auf Chloricas Hände zu legen. Seine rechte Hand befreite er dann auch aus ihrem Griff, um ihre zarten Hände zu umklammern. »Du musst dich nicht entschuldigen, du hast nichts falsch gemacht.« Damit zog er seine Hände auch langsam wieder weg und lächelte die Bedienstete sanftmütig an. Er wollte ihr wirklich nicht das Gefühl geben, als hätte sie etwas falsch gemacht.


    Das Thema wechselnd stellte Chlorica dann die Frage, ob sie den Standort wechseln wollten. »Das ist vielleicht gar nicht mal so eine schlechte Idee«, antwortete Vishnal ihr darauf und richtete seinen Blick kurzzeitig ebenfalls auf die Wasseroberfläche. »Was hältst du davon, wenn du dir jetzt aussuchst, wo wir hingehen?« 
    Auf das geflüsterte Danke der jungen Frau reagierte er nicht großartig, außer dass sich sein Lächeln noch ein wenig weitete. Das Thema war jetzt abgehakt und die Tatsache, dass es der Lilahaarigen besser ging, war schon Freude genug für Vishnal.

    Und ein weiteres Mal bekam die Lilahaarige die Aussagen des Butlers in den falschen Hals. Sie unterstellte ihm doch tatsächlich zu lügen und sah ihm dabei noch nicht mal in die Augen. Tatsächlich versuchte sie ziemlich stark den direkten Augenkontakt mit dem Blauhaarigen zu vermeiden. Vishnal wusste nicht woran es lag, wahrscheinlich tat ihr Nacken vom vielen Hochgucken weh, aber dass sie ihm nicht glauben konnte - oder wollte -, bekümmerte ihn schon ein weg.


    Allerdings wusste er auch nicht, was er noch tun konnte, um seine Kollegin zu besänftigen. Vielleicht wollte sie einfach nur ein bisschen Wut auslassen. Immerhin hatte sie einen schweren Tag gehabt, was zugegeben auch teilweise Vishnals schuld gewesen war. Dass sie jetzt gereizt und sauer war, war nur allzu verständlich.
    Der Herr atmete tief aus, während er Chlorica weiterhin hoffnungslos anblickte. Diese hatte sich inzwischen dazu entschieden, ihren Gesprächspartner doch eines Blickes zu würdigen und - war das ein Lächeln? Vermutlich spielten die Augen Vishnals ihm nur einen Streich, doch er hätte schwören können, in dem Gesicht seiner Begleitperson wenn auch nur den Hauch eines Lächelns gesehen zu haben. Leider verweilte dieses nicht lange, sondern verschwand sofort wieder und es wirkte so, als hätte es diesen kurzen Stimmungswechsel nie gegeben.
    Nein, lange in positiven Gefühlen zu schwelgen war wirklich nicht Chloricas Ding, doch übelnehmen konnte man es ihr wohl auch nicht. Dies war wirklich nicht der geeignetste Moment, um plötzlich in Gelächter auszubrechen, aber daran würde sich die Lilahaarige auch später nicht stören. Jedoch hatte Vishnal für den Moment größere Probleme. Ein weiteres Mal hatte er die Dame verärgert und das ließ sie ihn auch sehen. Einen Schritt trat sie näher an den Mann heran, während sie versuchte bedrohlich zu wirken (was ihr nicht ganz gelang; es sah in Vishnals Augen eher putzig aus).
    »Chlorica, es tut mir leid! Wie oft soll ich es denn noch sagen!«, stieß er aus, nachdem besagte Frau ihre Hand erneut gehoben hatte. Der Lilaäugige packte sie nochmals an ihren Schultern und schüttelte sie ein wenig, als wenn sie einen Alptraum hätte und Vishnal versuchte sie aufzuwecken. Eine simple Entschuldigung würde dennoch nicht alles wieder gut machen. Auf der anderen Seite blieben ihm kaum noch andere Möglichkeiten. Schlimmstenfalls müsste er eben damit leben, dass die Lilahaarige ihm nie verzeihen würde. Oh Gott, wo hatte er sich da nur reingeritten.

    Leider ging der Plan des Blauhaarigen nicht ganz so gut auf, wie er es sich erhofft hatte. Zwar machte es zunächst den Anschein, als hätte seine Begleitung sich beruhigt und würde die Umarmung erwidern, aber der Schein trügt ja bekanntlich. Tatsächlich benutzte Chlorica ihre Hände nur, um den armen Mann von sich wegzuschubsen. Das ist der Zeitpunkt, an dem das Publikum anfangen würde zu jammern, wenn es eines gäbe.
    Allerdings beließ es die Lilahaarige nicht bei dieser einen Form der Ablehnung, nein, natürlich musste sie noch einen draufdrücken, um noch deutlicher zu machen, dass Vishnal etwas falsch gemacht hatte. Dieser verstand jedoch nicht ganz, worin sein Fehler lag und stand einfach nur perplex da, während die Hand der Bediensteten schallend auf seine Wange traf. Autsch, das würde einen bösen Abdruck hinterlassen. Erstarrt, fast schon ein bisschen erstaunt, blickte der Lilaäugige die Frau an. Das konnte er nur nicht lange tun, denn kurz darauf folgte eine weitere, noch schmerzvollere Schelle. Scheinbar dachte Chlorica sich, dass eine einzige nicht Strafe genug für den Mann war. Nun war sie wirklich sauer und das konnte man in ihrer Stimme hören und in ihren Ohrfeigen spüren. Vishnal verstand nicht, wieso die Dame so sauer war. Hatte sie vielleicht Berührungsängste? Oh, was hatte er nur falsch gemacht?
    Immer noch geschockt fasste der Butler sich an die wunde Stelle in seinem Gesicht, die sich schon ziemlich taub anfühlte. Zu geschockt war er, um irgendeine Reaktion oder Veränderung in seinem Gesichtsausdruck zu zeigen. Vishnal schaute Chlorica nur an, versuchte ihren Worten zu lauschen und sie besser verstehen zu können, ohne wirklichen Erfolg. »Was, ich..«, fing er an ahnungslos vor sich hin zu stammeln. »Ich hab mich gar nicht nicht über deine Größe lustig gemacht?« Ehrlich gesagt, war ihm ihre Größe bis dato noch nicht mal bewusst aufgefallen. Erst jetzt nahm er ihre Körpergröße mit seinen feuchten Augen genauer in Betracht. Die Größte war sie tatsächlich nicht und das beste Selbstbewusstsein hatte sie wohl auch nicht. Auch wenn es dazu doch eigentlich gar keinen Grund gab. »Okay, vielleicht bist du nicht ganz so groß, aber dafür hast du doch andere gute Qualitäten!« Außerdem war sie auch als kleine Person schon echt hübsch. Wie groß sie war hatte darauf gar keinen Einfluss.

    Nein, Worte brachten den Herren hier nicht weiter. Aber was sollte er dann tun, um das Fräulein zu beruhigen? Schlagen würde er sie sicher nicht, was wäre das denn für ein Benehmen! Auf der anderen Seite wollte die Lilahaarige von Vishnal doch, dass er sich männlicher verhielt, also zog er die Option tatsächlich für einen Moment in Betracht, schüttelte seinen Kopf aber direkt danach ablehnend. Und natürlich wurde er just in diesem unachtsamen Augenblick von einem kleinen Stein gegen die Brust getroffen. Vielleicht sollte sich der Butler mehr aufs Ausweichen und weniger auf den Ausdruck seiner ungehörten Gedanken konzentrieren. Allerdings sollte er doch noch einige Sekunden seiner Zeit darin investieren, über eine Lösung zu diesem schier unlösbaren Problem nachzudenken. Was ein wenig unlogisch klingt, aber genau das machte diesen Satz doch gerade so passend für diese Situation. Unlogisch. Eine wirklich unlogische und unverständliche Reaktion hatte Chlorica immerhin schon an den Tag gelegt, also war es nun an ihrem Begleiter, nach einer unlogischen Erwiderung zu suchen. Mit geschlossen Augen seufzte Vishnal leicht angenervt aus, als er einen weiteren Stein gegen seinen Körper prallen spürte. Sicherlich würde er heute noch ein paar blaue Flecken davontragen. Ganz zu schweigen von den emotionalen Wunden, die dieser Vorfall bei ihm hinterlassen würde.
    Ohne großartig darüber nachzudenken ging er dann auf die gereizte Dame zu und beugte sich ein wenig zu ihr runter, um in etwa auf Augenhöhe mit ihr zu sein. Danach packte er ihre Schultern und sah ihr tief in die Augen. »Hör zu«, sagte Vishnal in einem ernsten Ton und sein Griff verstärkte sich. »Es ist okay, wenn du sauer bist. Du hast allen Grund dazu. Ich habe deine Gefühle missachtet und es tut mir Leid. Es ist meine Schuld, nicht deine.« Jetzt wo das geklärt war, ließ er von ihren Schultern ab, um sie in den Arm zu nehmen und ihren Kopf mit seiner linken Hand liebevoll zu tätscheln. »Keine Sorge, es wird alles wieder gut.« Die therapeutische Methode war sein letzter Ausweg gewesen.

    Zugegeben, das war keine wohl überlegte Handlung von Vishnal, aber das war auch noch lange kein Grund so sauer zu werden. Der Blauhaarige hatte wirklich Glück, dass Chlorica so klein und schwächlich war, sonst würde er schon längst blutend am Boden liegen. Oh, in Zukunft würde er gut darüber nachdenken, welche seiner Worte er aussprach und welche Worte lieber ungehört blieben. Einige Schritte ging die Lilahaarige näher auf den armen Mann zu, wahrscheinlich um bedrohlich zu wirken. Aber eigentlich schadete es nur dem Nacken des Herren, da er jetzt ziemlich steil runtergucken musste, um den Blickkontakt mit ihr Aufrecht zu erhalten - auf der anderen Seite wollte er das vielleicht gar nicht und sollte Chlorica lieber den Rücken zukehren und wegrennen. Doch auf so einen Gedanken kam das Dummerchen natürlich nicht. Stattdessen stand er da, den Kopf gesenkt, in wunderschöne braune Augen blickend. Vielleicht war es gar nicht so schlecht den ganzen Tag lang angemeckert zu werden, wenn seine Entschädigung dafür ein bisschen weniger Einsamkeit war. Auch wenn er in diesem Moment nicht sehr glücklich darüber sein konnte, eher Angt um sein Leben hatte.
    Bald begann die kleinere Dame nach etwas zu suchen. Wonach könnte man in so einer Situation suchen wollen? Vishnal interessierte es nicht wirklich, wenigstens konnte sie ihm nichts antun, wenn sie sich nur umsah. Erleichtert atmete er die unterbewusst angestaute Luft aus. »Es freut mich zu sehen, dass du wieder bei Sinnen bist und dich doch ni- Oh Gott.« Gerade als er seine Dankesrede halten wollte, erkannte er wieso und wonach Chlorica gesucht hatte. Steine, es waren Steine. Sie wollte ihrem Ärger Luft machen, indem sie die Person, auf die sie sauer ist, mit Steinen bewirft. Und wer war diese Person? Leider nicht der See, wie Vishnal wenige Sekunden später feststellen musste als er von einem kleinen, runden Kiesel direkt in die Magengrube getroffen wurde. »Okay, du hast dich also nicht beruhigt«, erkannte er daraufhin leicht panisch. Nicht, dass dieser Kiesel ihn wirklich verletzt hatte, aber er konnte sehr wohl sehen, dass Chlorica noch weitere und auch größere Steinchen gesammelt hatte. Worüber Vishnal sich Sorgen machte, waren allerdings nicht die möglichen Kratzer, die er vielleicht davontragen würde, wenn er nicht aufpasste, sondern eher etwas anderes. Hatte dieser kleine, harmlose Spruch sie wirklich so stark verletzt? Oder war sie einfach nur extrem reizbar? Beides war sehr gut möglich. »Hey, wow, es tut mir wirklich leid, wenn das was ich gesagt habe dich in irgendeiner Weise verletzt haben sollte, aber«, gab er von sich, während er weiter von kleinen Steinen attackiert wurde. »man kann doch über alles reden!« Sein Satz wurde gegen Ende hin lauter, als er von einem etwas schwereren Stein in den Brustbereich getroffen wurde. Das tat tatsächlich ein kleines bisschen weh. Ein kleines bisschen. Noch war er nicht am Heulen. Noch nicht.

    In ihrem Spiegelbild konnte Vishnal eine Regung auf der Seite seiner Begleitung erkennen, woraufhin er aufblickte, direkten Blickkontakt machte. Sie schien überrascht, wenn nicht sogar verwirrt, über den plötzlichen Sinneswandel des jungen Herren, was nur allzu verständlich war - sie konnte ja nicht wissen, was in seinen Gedanken vorging. Eigentlich wusste das niemand so richtig, noch nicht mal Vishnal selbst. Aber er versuchte das beste daraus zu machen. »Ist was?«, fragte der Blauhaarige in einem zärtlichen Ton. Die Antwort darauf bekam er kurze Zeit später in Form einer weiteren Frage, woraufhin der Butler beschloss dieser Serie aus Fragen ein Ende zu machen und endlich mal mit ein paar Antworten rauszurücken. »Es scheint dir hier nicht zu gefallen und ich denke nicht, dass ich dich noch umstimmen kann.« Das Lächeln in seinem Gesicht wurde schwächer, verschwand aber nicht ganz. Er versuchte nur ein bisschen ernster zu wirken, um Chlorica zu zeigen, dass er es wirklich meinte. »Ich will dich ja nicht dazu zwingen hier zu bleiben.« Nachdem sich die Braunäugige wieder aufgestellt hatte, gab auch sie dem Mann zu ihrer Seite einige Antworten. Auf ihre erste Aussage hin nickte Vishnal zustimmend. Allerdings war das noch nicht ganz die Antwort, die er sich erhofft hatte. Er wollte immerhin wissen, welcher Ort der Langhaarigen gefiel und nicht welchen Ort sie ganz und gar nicht mochte. Es sei denn natürlich Chlorica mochte den Gestank, aber das konnte der Bedienstete sich nicht vorstellen, bei dieser Frau schon gar nicht. Gerade sie sollte gute von schlechten Gerüchen unterscheiden können.
    Es dauerte eine gan schöne Weile unangenehmen Schweigens, bis Chlorica ihre Antwort endlich verfeinerte. Inzwischen hatte der Blauhaarige schon aufgegeben und sich seufzend an den Rand des Sees gekniet, um ein paar Steine in das Wasserloch zu werfen. Doch am Ende war seine Arbeit doch nicht ganz vergeblich. »Der Volksplatz..?«, wiederholte Vishnal schließlich nachdenklich, während er sich wieder aufstellte. Auch er mochte den Platz, von dem gerade die Rede war. Vielleicht hatten die beiden ja doch etwas gemeinsam. Was für eine Erleichterung!
    Dennoch machte es immer noch nicht ganz den Eindruck, als würde seine Kollegin jetzt unbedingt den Standort wechseln wollen. Sie wollte nicht hierbleiben, aber sie wollte auch nicht gehen. Es war schwer genau festzustellen, was sie sich dachte, da sie leider nicht besonders gesprächig war. Aber vielleicht lockerte sie noch auf und selbst wenn nicht, der junge Herr würde sich nicht daran stören lassen. Man musste ja nicht immer ununterbrochen miteinander reden. Auch für ein paar Momente der Stille war er dankbar. Ein weiteres Seufzen ertönte und sein Lächeln erschien wieder. Vielleicht wollte Chlorica auch wirklich einfach hierbleiben, etwas neues ausprobieren. Vishnal würde sie nicht daran hindern.


    Seine nächste Aussage hatte die Braunäugige dann anscheinend ein wenig zu genau genommen. Zwar hatte sie die Sache richtig verstanden, aber der Bedienstete wollte keine Kritik an ihr ausüben, sondern ihr nur einen Vorschlag geben, wie sie ihr Leben besser leben könnte, seiner Meinung nach. »Oh, nein, keineswegs!«, winkte er hektisch ab. »Ich.. wollte nur..« Zum Glück gab es in der freien Natur keine Besen oder sonstige Putzutensilien, mit denen Chlorica gewalttätig werden konnte. Nun durfte der Tollpatsch nur nichts falsch machen, sonst würde das unschön für ihn enden. »W-Was hältst du davon, wenn wir jetzt gehen?«, schlug er furchtsam vor. Ein vergeblicher Versuch sich selbst noch aus der Situation zu retten.

    Und immer noch war die junge Dame nicht von Vishnals Lieblingssee angetan. Der Blauhaarige fing schon an zu bezweifeln, ob es überhaupt möglich war, sie für etwas zu begeistern. Vielleicht war Chlorica einfach ein trauriger, missmutiger Mensch, der sich über nichts mehr freuen konnte. In diesem Fall musste Vishnal auf jeden Fall Rücksicht zeigen und ihrem Leben wieder einen Sinn geben! »Nun.. ich schätze, wir können auch wo anders hingehen«, erwiderte er nach einem kurzen Moment der Stille. Natürlich war es schade, dass die Lilahaarige nichts für diesen Ort empfand, aber man konnte sich eben nicht immer auf etwas einigen. Und der Frau eine Freude zubereiten hatte jetzt erstmal Vorrang! »Gibt es hier irgendeinen Ort, der für dich besonders ist, Chlorica?« Alleine würde der Butler es nie schaffen, diesen Ort zu finden, also müsste seine Kollegin ihm schon ein wenig unter die Arme greifen. Immerhin schien es äußerst schwer, die Haushaltshilfe glücklich zu machen. Sie selbst wusste bestimmt am besten, was ihr gefiel. Die Frage war nur, ob sie da mit der Sprache rausrücken oder dieses kleine »Geheminis« für sich behalten würde. Vishnal hoffte auf das Beste.
    »Hm?« Nun wendete sich das Blatt und Chlorica stellte dem Herren eine Frage, die er nicht so leicht beantworten könnte. Wahrscheinlich hoffte die Braunäugige auf eine bewegende Hintergrundgeschichte, bei der Vishnal bedeutende Erinnerungen an genau diesem Ort gesammelt hatte, aber dies war leider nicht der Fall. Es tat ihm wirklich leid, die Dame so enttäuschen zu müssen. »Oh, nein, eigentlich nicht«, antwortete er seiner Bekanntschaft ehrlich. »Ich schätze die schönen Dinge des Lebens nur.« Ein seichtes Lächeln erschien im Gesicht des Blauhaarigen, während er weiter sein und Chloricas Spiegelbild im Wasser betrachtete. Hoffentlich könnte die Lilahaarige auch eines Tages für solche simplen Dinge dankbar sein.

    Unglaublich, es schien tatsächlich als wäre Chlorica noch nie hier gewesen! Da hatte sie aber wirklich etwas verpasst, zum Glück hatte Vishnal die schlaue Idee sie zum Polisee zu bringen, sonst hätte sie womöglich ihr ganzes Leben gelebt ohne auch nur ein einziges Mal herzukommen, und was wäre das für ein Leben gewesen? »Natürlich hättest du einen Grund dazu!«, entgegnete der Blauhaarige ihr empört. »Da wäre zum Beispiel.. also...« Ratlos sah der Butler sich um. Er wusste, dass dieser Ort zumindest für ihn etwas ganz Tolles war, aber wieso? Was machte diesen Ort so großartig? Er wusste es nicht und konnte seiner Begleitung demnach auch keine Antwort auf die Frage geben, die wahrscheinlich sowieso keine Antwort verlangte. Die Lilahaarige schien nicht so angetan von dem kleinen See zu sein, sie blickte nur ausdruckslos auf die Wasseroberfläche. Oder war sie überhaupt ausdruckslos? Vishnal konnte ihr Gesicht momentan immerhin nicht sehen, sie hätte sich auch ins Fäustchen lachen können und er würde es nicht mitbekommen. Aber das erscheint ihm dann doch ein wenig unrealistisch. Ja, wahrscheinlich verzog sie keine Miene, während sie in das für sie unwichtige Wasser blickte. Das würde wohl am besten zu ihr passen. »Der See! Der See ist ein Grund hierher zu kommen!«, stieß der Mann dann plötzlich aus, bevor auch er sich zu Chlorica ans Ufer gesellte und gemeinsam mit ihr ihre Reflektionen beobachtete. »Das heißt, so lange du Gewässer magst. Vielleicht hast du ja auch Angst vor Wasser, weil du in deiner Vergangenheit mal fast ertrunken wärst, aber ich hoffe wirklich nicht, dass das passiert ist.« Einen anderen Grund gäbe es immerhin nicht, Seen nicht zu mögen. Jedenfalls fiel Vishnal kein anderer plausibler Grund ein.