In der Nähe des Sees - Noita & Cedric

Er sprach ihren Namen aus. Erneut. Am liebsten hätte sie ihn gebeten es zu lassen. Denn immer wenn er ihn aussprach, hatte sie das Gefühl es hatte den selben Klang wie damals auf diesem Fest als sie sich das letzte Mal gesehen hatte - als alles zu Ende ging. Es fühlte sich an als wäre es eine Ewigkeit her. Irgendwie erinnerte sie sich an nichts Anderes mehr an diesem Tag. Irgendwie war die ausgelassene Stimmung, die dieses Fest mit sich bringen hätte sollen nicht in ihrem Gedächtnis geblieben. Auch das Gespräch mit anderen Menschen hatte sie kaum noch in Erinnerung. Mit seinen Worten war alles andere in den Hintergrund gerückt - hatte alles was vielleicht positiv gewesen war überschattet und letztendlich wohl auch den Klang ihres Namens aus seinem Mund. Sie schloss die Augen einen Moment - presste die Lippen aufeinander und spürte die Wunde in ihrer Brust, welche die Situation damals zurückgelassen hatte. Es war nicht das gleiche Gefühl aber annähernd schmerzhaft, denn mit der Erinnerung kam auch das Gefühl der Wertlosigkeit zurück. Er hatte es nicht gewollt - so waren seine Worte damals gewesen. Es war anscheinend einfach passiert aber konnten diese Dinge einfach passieren? Wenn man jemanden mochte - nicht nur mochte sondern wenn man in denjenigen verliebt war - konnte so etwas dann einfach so passieren? Er hatte doch deutlich gemacht, dass er dieses andere Mädchen - wahrscheinlich weit mehr Frau als sie es war - liebte. Er hatte es selbst gesagt. Also was wollte er jetzt? Warum suchte er nach dieser langen Zeit des Schweigens wieder den Kontakt zu ihr? Es war alles gesagt. Er liebte eine Andere also warum zur Hölle tat er ihr das an? Warum tauchte er plötzlich wieder auf gerade wenn es ihr anfing besser zu gehen? Gerade als sie sich ein bisschen Selbstbewusstsein zurück erkämpft hatte. Gerade als sie anfing zu glauben sie könnte vielleicht irgendwann für Jemand Anderen genug sein. Offensichtlich nicht für ihn - das hatte er mehr als deutlich gemacht aber vielleicht gab es irgendwann mal Jemanden, dem sie genügte. Unweigerlich dachte sie an Jemand Bestimmten auch wenn es dumm war zu glauben, dass sie ihm genug sein würde. Sie ignorierte seine Worte, konzentrierte sich auf das Versorgen der Wunde an seinem Bein und bemühte sich ihren Fokus dort zu lassen - bemühte sich keine Hoffnungen aufkeimen zu lassen nur weil er sie dabei ansah. Etwas das sie nicht konnte. Es tat zu sehr weh und sie hätte es wissen müssen. Sie hatte es insgeheim gewusst, dass sie nicht bereit war für ein Treffen und deshalb nicht zurückgeschrieben. Allein seine Nachricht hatte sie aufgewühlt. Sie wusste was ein Treffen mit ihr machen würde und nun waren sie hier und befanden sich in einer Situation, die absurder wohl nicht sein konnte. Als sie am Morgen dieses Tages aufgestanden war, hätte Noita nicht für möglich gehalten, dass sie hier am Nachmittag das Bein ihres Exfreundes verarzten würde, weil dieser von einem Schwan angegriffen worden war. Ihr Leben war ein Witz. Sie war ein Witz. Mayo würde sie auslachen. Sie würde sie eine Idiotin schimpfen. Sie würde ihr raten ihm wahrscheinlich eher Schmerzen zuzufügen als diese zu stillen. Beinahe hätte die Schwarzhaarige bei diesem Gedanken geschmunzelt aber konnte es sich dann doch verkneifen. Es wäre in dieser Situation wohl auch etwas absurd gewesen, denn wenn ihr nach etwas ganz und gar nicht war dann nach einem Schmunzeln.
Sie war dabei sich zurückzuziehen. Sie war dabei sich der Situation zu entziehen weil sie viel war. Zu viel. Weil sie spürte, dass es ihr nicht gut tat damit konfrontiert zu werden oder einfach weil Flucht immer schon die einfachere Lösung war. Sie hasste Konfrontationen. Sie war schlecht darin und immer wenn es dazu kam - in den meisten Fällen mit ihrer Cousine - war sie diejenige die entweder die Flucht ergriff oder aber weinen musste und irgendwie... sie wollte vor ihm nicht weinen. Sie hatte schon so viele Tränen wegen ihm vergossen - sie konnte nicht mehr. Irgendwann waren es genug und den Zeitpunkt hatte sie doch längst erreicht, oder nicht? Irgendwann war doch auch der Zeitpunkt gekommen wo sie wieder glücklich werden durfte, oder? Er ergriff ihre Hand und zog sie ein Stück zu sich. Ihre Augen weiteten sich und ihr verräterisches Herz schlug viel zu schnell wenn man bedachte, dass er es doch gewesen war, der es gebrochen hatte. Er sah sie mit einer Intensität an, die sie erschaudern ließ und einen Moment versuchte sich Noita seinem Blick zu entziehen aber schaffte es irgendwie nicht. Im Gegenteil. Als er anfing sich zu erklären glaubte sie sogar einen Moment lang den Menschen zu erkennen, für den sie damals Gefühle entwickelt hatte auch wenn er... abgekämpft aussah. Sie schämte sich ein bisschen, dass es ihr erst jetzt auffiel aber das war wenig verwunderlich weil sie es bisher vermieden hatte direkten Blickkontakt aufzubauen. Aus Angst. Aus Angst sich wieder in ihm zu verlieren. Aus Angst erneut verletzt zu werden. Ihr war aufgefallen, dass er müde aussah aber es war nicht nur Müdigkeit, oder? Seine Worte klangen so ehrlich - vielleicht auch einfach weil ein Teil von ihr ihm glauben wollte. Weil ein Teil von ihr sich gut fühlte bei dem Gedanken, dass sie ihm offensichtlich nicht völlig egal gewesen war, denn dieser Gedanke hatte sie monatelang gequält. Das sie ihm nie etwas bedeutet hatte. Das sie sich das zwischen ihnen vielleicht einfach nur zusammengesponnen hatte weil sie sich verliebt hatte. Das alles vielleicht gar nicht so besonders gewesen war, wie es sich für sie in diesem Moment angefühlt hatte. "Cedric..." kam sein Name über ihre Lippen als er ihre Hand wieder losließ. Aber was wollte sie eigentlich sagen? Was waren die passenden Worte? Für sie und auch für ihn. Es gab so viel Ungesagtes zwischen ihnen. Er war noch nie ein Mensch vieler Worte gewesen aber das war nie schlimm für sie gewesen aber vielleicht war der Moment gekommen um zu reden. Aber war es nicht auch irgendwo ihr Recht sich selbst zu schützen? War es nicht irgendwo auch ihr Recht zu sagen: Nein. Allein hier vor dir zu stehen kostet so viel Kraft und ich kann sie kaum aufbringen weil ich am liebsten zusammenbrechen würde weil dein Anblick mich schmerzt? Sie seufzte. Kaum merklich aber doch so das man es nicht verstecken konnte. Jetzt wo er ihre Hand nicht mehr hielt, wusste die junge Hexe kaum wohin damit und so legte sie beide Arme einfach um sich - zog ihren Cardigan ein wenig enger um sich bevor sie neben ihm Platz nahm. Warum konnte sie es nicht abstellen sich um einen Menschen zu sorgen, der sie selbst zu verletzt hatte? Sie war wirklich selbstzerstörerisch. "Woher... kam dieser Gedanke? Ich hatte nie die Absicht dir das Gefühl zu geben, dass es ohne dich... besser wäre...?" Noita sah ihn von der Seite an - studierte sein Profil und senkte schnell wieder den Blick aus ihre Hände, welche in ihrem Schoß lagen und mit deren Fingern sie spielte weil sie schlichtweg nervös war und immer noch mit dem Fluchtgedanken kämpfte. "Sagst du sie mir dieses Mal? Die Wahrheit...?" Konnte sie sie überhaupt verkraften? Wieviel schlimmer konnte es schon werden? Sie war doch schon gebrochen also wie schlimm konnte es noch werden? Sie wagte es nicht ihn anzusehen. Sie war so ein Feigling.