Orland & Aria, Murakumo & Elsje
Orland verweigerte sämtliche Untersuchungen. Es ginge ihm gut. Es war nichts. Sie sollten sich um Aria kümmern. Verdammt nochmal!
Also wurde er in eine Ecke des Untersuchungszimmers abgestellt. Mit hohen Blutdruck. Die Hände immer noch zu Fäusten geballt, beobachtete er das ganze Geschehen mit wachen Augen.
Die Erwachsenen wurden auf der anderen Seite auf zwei Stühle platziert. Ein Arzt versorgte die Wunde des Halbwesens. Ab und zu zuckte er zusammen oder begann leise zu knurren. Anscheinend konnte er doch Schmerzen empfinden, interessant.
Dieses Schauspiel beruhigte ein wenig seine Nerven.
Die komische Alte hatte ihren Kopf auf seine gesunde Schulter abgelegt. Sie schlief tief und fest. Seltsame Frau. Orland hatte kein Mitleid mit dem Mann. Auf der Kutsche hatte es ihn auch nicht interessiert, als sie Orlands Schulter vollgesabbert hatte. Jetzt musste er es aushalten.
Als Aria endlich untersucht wurde, durchbohrte sein Blick regelrecht den Rücken der Ärztin. Er verfolgte jeden ihrer Schritte. Aria beteuerte immer wieder, dass es ihr gut ging, aber von Außen betrachtet sah es nicht ganz danach aus. Sie hatte Angst.
Die Ärztin hatte eine Tinktur vorbereitet, die Orland fürchterlich in der Nase brannte. Was auch immer das war, es stank bestialisch. Als sie diese auf Arias Wunde auftrug, schrie sie plötzlich auf.
Da geschah es einfach.
Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Doch plötzlich stand er neben ihr und hielt ihre Hand.
Sie war ganz kalt und zitterte leicht.
Er drückte sie sanft. Die Augen starr nach vorne gerichtet. Die Lippen fest aufeinander gepresst.
Er schaute sie nicht an. Vielleicht wollte er ihre Wunde nicht sehen. Vielleicht wollte er den Schmerz in ihren Augen nicht sehen. War es das schlechte Gewissen?
"Es tut mir leid ...", sagte er leise. Seine Augen versuchten einen Punkt in der Ferne zu fixieren. Aber es gelang ihn nicht ganz. "Es ist meine Schuld ... wir wurden entführt, weil ich nicht auf dich gehört habe ... und jetzt musst du meinetwegen solche Schmerzen erleiden. Das tut mir leid."
Sie konnte seine Hand drücken, so doll, wie es ihr weh tat. Vielleicht konnte er ihr so etwas von ihren Schmerz nehmen?
Elsje
Von all dem bekam Elsje nichts mit. Sie war längst in anderen Sphären.
Sie träumte.
Von gelben Feldern. Rapsfeldern.
Sie ritt auf den Rücken eines violetten Wolfes. Mit den Händen pflückte sie rechts und links die gelben Blüten ab. Es sollte ein großer Blumenstrauß werden. Aber der Weg wurde plötzlich immer unebener und sie wurde hin und her geschleudert. Um sich besser festhalten zu können, musste sie die Blumen loslassen. Dann lehnte sie sich nach vorne und vergrub ihre Hände und ihr Gesicht tief in sein samtiges Fell. Die Haare kitzelten in ihrer Nase. Es roch nach Wald und Kiefern.
Dann wurde es plötzlich hell um sie herum. Als sie den Kopf anhob, starrte sie in das grelle Licht der Sonne, welche auf einmal am Horizont erschienen war. Es war so hell, dass sie gar nichts anderes mehr sehen konnte.
In Wahrheit hob der Kollege, der kurz zuvor noch Murakumos Wunde versorgt hatte, Elsjes Augenlid hoch, um ihre Pupillenreaktion mit einem kleinen Hohlspiegel, der das Licht reflektierte, zu testen. "Alles in Ordnung", sagte er schulterzuckend. "Ihr Puls ist auch in Ordnung, ihr Herz schlägt normal. Sie scheint wirklich nur zu schlafen ... Vielleicht ist es das Adrenalin? Der Schock? Und jetzt ist ihr Körper eben runtergefahren."
Der Kollege packte seine Materialien wieder ein. "Sie ist kein Fall für die Klinik." Mit anderen Worten: dein Problem. Sieh' zu, wie du sie nach Hause bekommst!
Dann klärte er das Halbwesen noch über seine Verletzung auf. Sie war nicht lebensgefährlich, aber er sollte den Arm die nächste Zeit ein wenig schonen. "Und in einer Woche sollten Sie wieder kommen, zum Fäden ziehen!" Da lächelte der Arzthelfer schelmisch, als hätte es ihn doch ein wenig Spaß gemacht, den Wolf zu quälen.
Die Erwachsenen sollten noch warten, bis Aria versorgt war. Keiner der vier war so schlimm verletzt, dass sie hier bleiben mussten. Murakumo musste also auch die Kinder nach Hause bringen. Alles blieb erstmal an ihn hängen. Elsje schlief tief und fest. Und das Rehragout? Also das, was davon noch übrig war, das verbrannte längst in der Pfanne ...