Beiträge von Ella

    Orland & Aria, Murakumo & Elsje


    Orland verweigerte sämtliche Untersuchungen. Es ginge ihm gut. Es war nichts. Sie sollten sich um Aria kümmern. Verdammt nochmal!

    Also wurde er in eine Ecke des Untersuchungszimmers abgestellt. Mit hohen Blutdruck. Die Hände immer noch zu Fäusten geballt, beobachtete er das ganze Geschehen mit wachen Augen.

    Die Erwachsenen wurden auf der anderen Seite auf zwei Stühle platziert. Ein Arzt versorgte die Wunde des Halbwesens. Ab und zu zuckte er zusammen oder begann leise zu knurren. Anscheinend konnte er doch Schmerzen empfinden, interessant.

    Dieses Schauspiel beruhigte ein wenig seine Nerven.

    Die komische Alte hatte ihren Kopf auf seine gesunde Schulter abgelegt. Sie schlief tief und fest. Seltsame Frau. Orland hatte kein Mitleid mit dem Mann. Auf der Kutsche hatte es ihn auch nicht interessiert, als sie Orlands Schulter vollgesabbert hatte. Jetzt musste er es aushalten.

    Als Aria endlich untersucht wurde, durchbohrte sein Blick regelrecht den Rücken der Ärztin. Er verfolgte jeden ihrer Schritte. Aria beteuerte immer wieder, dass es ihr gut ging, aber von Außen betrachtet sah es nicht ganz danach aus. Sie hatte Angst.

    Die Ärztin hatte eine Tinktur vorbereitet, die Orland fürchterlich in der Nase brannte. Was auch immer das war, es stank bestialisch. Als sie diese auf Arias Wunde auftrug, schrie sie plötzlich auf.

    Da geschah es einfach.

    Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Doch plötzlich stand er neben ihr und hielt ihre Hand.

    Sie war ganz kalt und zitterte leicht.

    Er drückte sie sanft. Die Augen starr nach vorne gerichtet. Die Lippen fest aufeinander gepresst.

    Er schaute sie nicht an. Vielleicht wollte er ihre Wunde nicht sehen. Vielleicht wollte er den Schmerz in ihren Augen nicht sehen. War es das schlechte Gewissen?

    "Es tut mir leid ...", sagte er leise. Seine Augen versuchten einen Punkt in der Ferne zu fixieren. Aber es gelang ihn nicht ganz. "Es ist meine Schuld ... wir wurden entführt, weil ich nicht auf dich gehört habe ... und jetzt musst du meinetwegen solche Schmerzen erleiden. Das tut mir leid."

    Sie konnte seine Hand drücken, so doll, wie es ihr weh tat. Vielleicht konnte er ihr so etwas von ihren Schmerz nehmen?



    Elsje


    Von all dem bekam Elsje nichts mit. Sie war längst in anderen Sphären.

    Sie träumte.

    Von gelben Feldern. Rapsfeldern.

    Sie ritt auf den Rücken eines violetten Wolfes. Mit den Händen pflückte sie rechts und links die gelben Blüten ab. Es sollte ein großer Blumenstrauß werden. Aber der Weg wurde plötzlich immer unebener und sie wurde hin und her geschleudert. Um sich besser festhalten zu können, musste sie die Blumen loslassen. Dann lehnte sie sich nach vorne und vergrub ihre Hände und ihr Gesicht tief in sein samtiges Fell. Die Haare kitzelten in ihrer Nase. Es roch nach Wald und Kiefern.

    Dann wurde es plötzlich hell um sie herum. Als sie den Kopf anhob, starrte sie in das grelle Licht der Sonne, welche auf einmal am Horizont erschienen war. Es war so hell, dass sie gar nichts anderes mehr sehen konnte.


    In Wahrheit hob der Kollege, der kurz zuvor noch Murakumos Wunde versorgt hatte, Elsjes Augenlid hoch, um ihre Pupillenreaktion mit einem kleinen Hohlspiegel, der das Licht reflektierte, zu testen. "Alles in Ordnung", sagte er schulterzuckend. "Ihr Puls ist auch in Ordnung, ihr Herz schlägt normal. Sie scheint wirklich nur zu schlafen ... Vielleicht ist es das Adrenalin? Der Schock? Und jetzt ist ihr Körper eben runtergefahren."

    Der Kollege packte seine Materialien wieder ein. "Sie ist kein Fall für die Klinik." Mit anderen Worten: dein Problem. Sieh' zu, wie du sie nach Hause bekommst!

    Dann klärte er das Halbwesen noch über seine Verletzung auf. Sie war nicht lebensgefährlich, aber er sollte den Arm die nächste Zeit ein wenig schonen. "Und in einer Woche sollten Sie wieder kommen, zum Fäden ziehen!" Da lächelte der Arzthelfer schelmisch, als hätte es ihn doch ein wenig Spaß gemacht, den Wolf zu quälen.

    Die Erwachsenen sollten noch warten, bis Aria versorgt war. Keiner der vier war so schlimm verletzt, dass sie hier bleiben mussten. Murakumo musste also auch die Kinder nach Hause bringen. Alles blieb erstmal an ihn hängen. Elsje schlief tief und fest. Und das Rehragout? Also das, was davon noch übrig war, das verbrannte längst in der Pfanne ...

    Micah & Shara


    Einen Moment - einen kurzen Augenblick - nachdem er alles ausgesprochen hatte, was ihn auf dem Herzen gelegen hatte - hatte er sich ein kleinwenig besser gefühlt. Ja. Wirklich. Er hatte sogar kurz erleichtert ausgeatmet. Ganz unwillkürlich. Ganz natürlich.

    Aber dann - als er im Halbdunklen Sharas Körpersprache studierte, kehrte sich das Ganze wieder ins Gegenteil um. Und das Gedankenkarussell raste.

    Hätte er lieber nichts sagen sollen? Hätte er lieber gehen sollen? Was hätte ihre Gefühle mehr verletzt? Die Wahrheit? Oder die Unwissenheit?

    Wieder einmal zerriss es ihn innerlich. Sharas Anblick, wie angespannt sie war, versetzte ihn wieder einen Stich ins Herz. Er hatte es mal wieder bloß schlimmer gemacht, oder?

    Als sie den Mund öffnete, erwartete er das Schlimmste, aber ... Shara überraschte ihn wiedermals.

    Das war nicht die Art von von vorne anfangen ... Seine Mundwinkel zuckten ein wenig in die Höhe. Sie war nicht gut in diesem "Kennenlernen". "Ich auch nicht", sagte er knapp. "In letzter Zeit war ich meinen sozialen Umfeld keine besondere Bereichung ..." Von welchem sozialen Umfeld er auch immer redete. Den Rübenpflanzen auf dem Feld? Oder den Hühnern im Stall? Er hatte doch gar keine Freunde mehr. Wie auch - wenn man sich komplett isolierte.

    Mittlerweile hatte er sich wieder beruhigt. Sein Kopf wurde leerer und er sackte langsam auf der Bank in sich zusammen, als wäre er ein Ballon aus dem man die Luft gelassen hätte.

    "Ich weiß es nicht ...", sagte er auf ihre Frage ihn. "Ich wünschte, ich wüsste es ..." Das würde vermutlich einiges erklären. Aber so war es nun mal mit Gedächtnisverlust, in der Regel erinnerte man sich nicht an dessen Ursache.

    Als die Blonde wild mit den Händen herumfuchtelte und einen zweiten Versuch wollte, musste Micah wieder leicht schmunzeln. Er würde ihr auch einen dritten, vierten oder fünften Versuch geben. Quatsch, soviele wie sie wollte! Das war er ihr schuldig!

    Lächelnd hielt sie ihm die Hand hin. Einen Moment starrte er sie einfach nur an. Einen kurzen Augenblick kamen seine Zweifel wieder hoch. Passierte das gerade wirklich? Oder träumte er das bloß? Dass Shara so gut auf seine Worte reagierte, hätte er nie gedacht ... Sie war so ein gutmütiger Mensch! Oder wollte sie bloß, so wie er, an einer sorgenfreien Vergangenheit festhalten?

    Micah versuchte diesmal nicht weiter dadrüber nachzudenken.

    Entschlossen nahm er ihre Hand und drückte sie leicht. "Freut mich", sagte er mit trüben Augen und einen kleinen Lächeln auf dem Lippen. "Ich bin Micah."

    Einen Moment verharrten sie so. Das war ein bisschen komisch, also löste er seinen Griff schnell wieder. Er hatte den Blick abgewandt. "Ich hab das schon lange nicht mehr gemacht ...", kam es ihn schließlich über die Lippen. "Dieses Kennenlernen ... was fragt man denn da nochmal so ...?" Man könnte es meinen, aber diese Frage war nicht witzig gemeint. Micah war einfach ein wenig aus der Übung, was diese Sozialengeflogenheiten anging. Solange war er einsam gewesen und er hatte es nicht mal bemerkt.


    Misasagi & Priscilla


    Priscilla stellte genau die richtige Frage. Verkaufen oder sammeln. Misasagi hielt kurz inne. Überlegte die Rosahaarige etwa den Achat in ihrer Hand zu kaufen. Yippie, ein Kunde - nein! Das war der schönste Achat in ihrer Sammlung und sie hatte bloß dreizig! Oder vierzig, wenn man die auf dem Dachboden nicht mitzählte. Misasagi musste ihr den Stein irgendwie unbemerkt wieder abnehmen und ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken. Dieser Gedanke beherrschte sie so sehr, dass sie ganz vergessen hatte auf Priscillas Frage zu antworten. Sie stellte das Glas mit den Eidechsen zurück und als sie gerade einen Schritt auf die Kleine zu machte und ihre Hand nach vorne schnellte, um ihr den Stein wieder abzuluchsen, stieß Priscilla plötzlich absichtlich oder unabsichtlich gegen eines der größeren Regale, welches wie die anderen komplett überladen war und mitten im Raum stand. Ugh! Hatte Misasagis Übersprungshandlung dazu geführt oder war es die Unachtsamkeit des Mädchens? Egal, das Regal wackelte unaufhörlich und drohte zu fallen!

    Das Halbwesen hechtete vor und noch bevor es beide Frauen unter sich begraben konnte, konnte sie es aufhalten.

    Das Regal war gekippt, Misasagis Position war äußert unglücklich. Eine Hand hielt das Holz oben, das Einlegebrett drohte ihr entgegen zu kommen. Hätte sie die Schränke damals doch lieber von einem ausgebildeten Tischler aufbauen lassen. Aber Misasagi wollte ja Geld sparen. Der Kopf war nach unten geneigt und sie musste zusehen wie allerhand Gegenstände aus dem Regal auf den Boden fielen. Glas zersprang. "NEIN!" Jedesmal wenn etwas zerbrechliches zu Boden fiel zerbrach auch etwas in ihren Herzen.

    Sie konnte nichts tun. Das Regal war furchtbar schwer, Hina und Murakumo hatten ihr schon immer voraus gesagt, dass sie eines Tages von der Last ihrer Sammelleidenschaft erdrückt werden würde.

    Mist! "Priscilla! Hilf mir!" ARRRRGH! "Wir müssen es nur wieder aufrichten!" Das wird schwer und unhandlich. Würde das die Kleine überhaupt schaffen? Konnte man ihr das zumuten?

    Was wäre die Alternative? Das Regal auf den Boden fallen lassen und schnell wegspringen, um nicht zerquetscht zu werden? Nein! Der Großteil ihrer Schätze würde kaputt gehen! Außerdem stand das nächste Regal nicht weit entfernt. Möglicherweise würde es zu einer Kettenreaktion kommen und den ganzen Laden zerstören! Dazu durfte es nicht kommen!

    Joe & Martin

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    Joe tat das, was Joe immer tat. Da war er der Beste drin. Er hatte eine Gefahr erkannt und gehandelt, so wie er immer handelte. Ohne große Überlegung. Ohne Sinn und Verstand. Und meistens hatte er Glück damit! Manchmal ... aber auch nicht. So wie vor einigen Tagen mit seiner geliebten Cinnamon und dem Felis in der alten Runie. Aber (!) Ausnahmen bestätigten die Regel!

    Dieses Federvieh hatte ihnen ganz bestimmt aufgelauert - es hatte bloß auf den richtigen Augenblick gewartet, aber Joe war ihm zuvor gekommen! Ganz bestimmt!

    Leider hatte er das Viech aufgrund des dichten Gestrüpps nur gestreift. Im hohen Bogen kam es aus dem Busch geschossen. Die Männer sprangen auseinander. Autsch-! Sein verletzter Fuß! Verdammt! Er war dumm aufgekommen und jetzt vibrierte das Ding wie eine Stimmgabel. Dr Natalie hatte ihn so ein Ding in der Klinik auf den Kopf gesetzt. Darum wusste er, wie so eine Stimmgabel funktionierte. Damit wollte sie seine kognitiven Fähigkeiten überprüfen ... oder so.

    Joe musste die Zähne zusammenbeißen - er durfte sich vom Schmerz nichts anmerken lassen. Keine Schwäche zeigen!

    "Komm her, du Scheißvieh!" Der Vogel setzte zum Sturzflug an. Joe hatte nur eine Chance. Durch den Fuß war er viel zu langsam - Ausweichen war also keine Option. Er hatte nur einen Versuch! Er musste auf den richtigen Augenblick warten und dann ...

    Das Monster nahm ihn ins Visier, kreischte und raste direkt auf ihn zu. Unaufhaltsam.

    Ein Atemzug. Ein Augenblick. JETZT!

    Joe holte aus.

    ...

    Und traf?

    Ja!

    Ja, verdammt!

    Er hatte das Viech erwischt! Und er hatte bloß ein paar wenige Kratzer davon getragen!

    Aber es war kein K.O.-Schlag. Einige Meter von ihn entfernt krepelte der Vogel benommen auf dem Boden herum. Es war noch nicht vorbei! Aber das war ihre Chance.

    "Martin!", schrie er. "Jetzt!" Mach dem Vieh den Garaus! Das war ja viel zu einfach, oder?

    Elsje/Murakumo/Aria/Orland

    Elsje
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    Klipp. Klapp. Die Kutsche wippte hin und her. Klipp. Klapp. Ab und zu mischte sich ein Quietschen unter das rhythmische Geklapper. Klipp. Klapp. Quietsch.
    Elsje hatte Mühe die Augen offen zu halten.
    Kurz vorm Einschlafen kippte ihr Kopf zur Seite und somit auf die Schulter des Elfenjungen. Genervt schubste er sie zurück, worauf sie schlaftrunkend ein: "... ups, -tschuldigung .." hauchte. Dieser Vorgang wiederholte sich etliche Male. Armer Orland. Klipp. Klapp. Quietsch. Bis sie die Klinik endlich erreichten.
    Keine Ahnung, wie sie ohne Hilfe von der Kutsche gestiegen war. Murakumo hatte sich um die Kinder gekümmert. Elsje hingegen war nicht wirklich anwesend. Das war sie auch nicht, als sie die Verbrecher bei den Wächtern "abgegeben" hatten. Der Elfenjunge hatte das meiste gesagt, Murakumo hatte sich sicherheitshalber nach hinten verzogen und Elsje hatte geistesgegenwärtig neben Orland gestanden und zufälligerweise in den richtigen Momenten genickt. Sie ließen sie ohne viel zu fragen weiter passieren.
    Und nun standen sie vor einer Heilerin- oder so. Keine Ahnung. Elsje war längst im Land der Träume. Stehend. Schwankend ...

    Orland
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    "... kann mir hier mal einer helfen!", ertönte Orlands Stimme genervt. Wütende Augen fixierten das Halbwesen. "Kümmer' dich doch mal um diese Trulla ...!" Was stimmte bloß nicht mit dieser Frau? Orland hatte Mühe sie festzuhalten. Schon während der Kutschfahrt war sie ständig eingeschlafen - was nicht schlimm gewesen wäre, wenn sie nicht ständig ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und ihn vollgesabbert hätte. Bäh! Eklig! Und viel zu viel Körperkontakt! Auch Aria hatte die ganze Zeit dicht neben ihn gesessen -von außen, also wenn man nichts von den Umständen wusste, sahen sie alle ganz putzig aus. Eine kleine Familie auf einen Ausflug.
    Und die ganze Kutschfahrt über hielt sich Aria an ihn fest - was ihn komischerweise nicht störte. Er würde es niemals zu geben, aber er hatte sie während der gesamten Fahrt nicht einmal aus den Augen gelassen. Er traute dem Frieden nicht, er befürchtete, ihr Zustand könne sich jederzeit verschlechtern.
    Auch als Murakumo sie aus der Kutsche hob, beäugte er sie mit besorgten Blick. Das Halbwesen hatte sich ebenfalls verletzt und obwohl seine Wunde viel schlimmer und größer war, als die von Aria, machte er nicht den Eindruck, dass er wirklich Schmerzen hatte. Vielleicht war das so ein Halbwesen-Ding?
    Eine Heilerin hatte sie schnell entdeckt, sie nahm Aria sofort in ihre Obhut und doch hielt sie sich (für Orlands Geschmack) viel zu lange an den Erwachsenen auf. Als sie den jungen Elf dann noch fragte, ob er auch verletzt sei, platzte ihn allmählich der Kragen. "Nein!", sagte er entschieden. "Und jetzt hören Sie auf Zeit zu verschwenden und kümmern sich endlich um Aria! Sie blutet!" Mein Gott! Musste man hier jeden seinen Job erklären!

    Joe und Martin

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    Sparsam? Der Hüne lachte. Guter Witz. Schon immer - also seitdem er seine Familie verlassen hatte, um Abenteuer zu erleben - lebte er in Saus' und Braus' und das, obwohl er nur von der Hand in den Mund lebte. Und bisher funktionierte das immer gut, denn er konzentrierte sich nicht auf die Zukunft oder die Vergangenheit: Er lebte den Moment. Nichts konnte ihn stressen. Oder ängstigen. Es war also nicht verwunderlich, dass Martin glaubte, dass er die ganze Sache auf "die leichte Schulter" nahm. Aber das stimmte nicht. Joe hatte sich informiert. Er wusste genau worauf er sich einließ. Allerdings er neigte auch zur Selbstüberschätzung und er liebte den Nervenkitzel und die Gefahr ...
    Umso mehr gefiel ihn Martins Entscheidung. "Der steilte Pfad" sollte es werden! "Hervorragende Wahl!" Er klatschte in die Hände. Dafür hätte er sich auch entschieden. Es gab doch nichts öderes als schwitzend durch den Wüstensand zu latschen. Aktion! Monster! Gefährliche Bergrouten! Juhu! Er klopfte Martin auf die Schulter. "Ich wusste doch, dass es mit dir nicht langweilig wird!" 
    Seine Hand ruhte immer noch auf Martins Schulter, als es plötzlich laut neben ihnen raschelte. Beide erstarrten. Seine Finger krallten sich in die Haut des anderen. Was war das? Der Wind? Ein Vogel? Ein ... Monster? Mit den Augen gab er den anderen zu verstehen sich ruhig zu verhalten.
    Dann raschelte es wieder. Wo ...? Joe fuhr herum. Das dichte Gestrüpp neben ihnen. Man konnte nichts erkennen. Egal! Der Hüne machte kurzen Prozess und donnerte das Schwert mit voller Kraft auf den Busch.

    Joe & Martin

    Wenn Joe eins gut konnte, dann war es ignorant sein. Er bemerkte und hörte nur das, was er bemerken und hören wollte. Aber diesmal entging es ihn nicht, dass der Jüngere genervt von seinen Sprüchen war. Das beeindruckte ihn allerdings nicht, im Gegenteil, es amüsierte ihn eher und inspirierte ihn zu weiteren klugen Sprüchen. "Das Frühstück", sagte er mit erhobenen Zeigefinger, "ist die wichtiges Mahlzeit des Tages! Du solltest auch etwas essen!" Er warf dem Anderen den Proviantbeutel vor die Füße. "Du wirst alle deine Kräfte brauchen!"
    Die Hände immer noch in die Hüften gestemmt betrachtete der Hüne die Umgebung. Während er versuchte sich eine gute Route zu überlegen, löcherte ihn der Jüngere mit all möglichen Fragen. "Richtig", sagte er ohne den anderen anzusehen. Das Erz bekommt man nur auf dem Gipfel. "Das macht es so selten. Es gibt nicht viele Bekloppte die sich all den Gefahren aussetzen, um es zu bergen." Um seine Worte zu unterstreichen starrte er den anderen mit großen Augen an. Ohne ein Miene zu verziehen. Aber beim Anblick des Jüngeren zuckte doch sein Mundwinkel in die Höhe. Dann begann er plötzlich zu lachen. "Lass dich nicht verunsichern, Junge! Wir sind zwei starke Männer, bis an die Zähne bewaffnet - das wird ein Kinderspiel, haha!" Joe durfte es nicht übertreiben. Er kannte den Jüngling nicht und wenn er ihn zu sehr einschüchterte, suchte der vielleicht noch das Weite. Und diese Mission alleine durchzuziehen war reiner Selbstmord. Zu zweit war es schon wahnsinnig.
    Auf Martins nächste Frage reagierte der Hüne wieder mit einem breiten Grinsen. "Weil ich ein Schlitzohr bin! Leo wollte die Kaserne mit dieser Mission beauftragen. Diese hat aber abgelehnt, weil ...", er überlegte kurz - nicht zu sehr verunsichern -,"... Kapazitätsmangel ... Tja, der Alte ist jedenfalls total scharf auf das Erz. Der zahlt sicherlich ne ordentliche Summe dafür. Darum habe ich mir sämtliche Unterlagen dazu angeguckt-" (Martin wusste zum Glück nicht, dass Joe gar nicht lesen konnte) "- und mich ausreichnet über diesen Ort informiert, so wie das ein guter Abenteuerer macht."
    Mit dem Fingernagel pullte er die zähen Apfelstücken aus seinen Zahnzwischenräumen. "Wir haben mehrere Möglichkeiten für den Aufstieg. Einen etwas längeren mit einem kleinen Abstecher durch die Wüste. Angeblich treiben sich dort weniger Monster herum und falls doch, kann man sie auf den ebenen Terrain gut entdecken. Sie haben wenig Verstecke und somit kaum Chancen uns zu überraschen. Allerdings sind die Temperaturen höllisch und der Wagen wird sich durch den Wüstensand sehr schwer ziehen lassen. Wir werden viel Wasser und Energie verbrauchen bis wir überhaupt zum Gebirge gelangen und dann müssen wir immer noch den Berg besteigen ..." Nicht gerade optimal. Joe holte einmal tief Luft, dann zeigte er mit dem Arm in die Gegenrichtung. "Oder wir nehmen den kürzeren Weg, einen steilen Pfad der uns direkt zum Gipfel führt. Der Aufstieg soll sehr beschwerlich sein, es kann sein, dass wir losen Steinen ausweichen müssen, um nicht wieder hunderte Meter in die Tiefe zu fallen." Und wenn das nicht genug wäre, fügte er noch hinzu: "Außerdem erzählt man sich von einem Goblin Lager, dass irgendwo auf dieser Strecke liegen soll. Blutrünstige, gierige Goblins ... nicht gerade die angenehmsten Gegner. Aber vielleicht können wir uns ja an ihnen vorbeischleichen?"

    Beide Optionen hatten ihre Vor- und Nachteile. Beides könnte ihren sicheren Tod bedeuten, entweder durch die Natur oder durch die Monster. Ohne es mitbekommen zu haben, hatte er sein Schwert aus der Scheide gezogen. Seine Finger fuhren vorsichtig über den scharfen Rand.

    "Natürlich gibt es noch andere Wege, aber diese wurden noch nicht entdeckt, also ... man könnte es auf gut Glück probieren."

    Joe schaute von seiner Klinge auf wieder zu Martin.

    "Die zwei Wege aber wurden schon von Menschen dokumentiert und gelten als ... machbar. Also, was sagst du?"

    Elsje, Murakumo und die Kinder
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    Nachdem Murakumo ihr die Situation erklärt hatte, war sie nicht schlauer als vorher. Nicht, dass sie ihm nicht zugehört hätte. Sie hatte es versucht. Wirklich! Hier rein, da raus. Oder so ähnlich. Allmählich wurde sie auch wieder müde ... es war ganz schön viel passiert. Aber hä? Zwei Kinder gefangen in einer Kiste? Wie? Warum? Und was hatten diese Männer davon ...? Nun ja, eigentlich wollte sie das auch gar nicht wissen. Aber wie konnte Murakumo wissen, dass ... war das wieder so ein Halbmensch-Monsterdingens? Egal, mit einem hatte Murakumo recht! Sie sollten diese Männer zu den Wächtern am Stadttor bringen. Sollten die sich damit rumschlagen. Und die Kinder ... die sollten ärztlich versorgt werden. Das kleine Mädchen blutete am Hals und der Junge stand eindeutig unter Schock. Aber dann sagte der stämmige Kerl etwas, was sie überraschte. "D-die Pf-pferde ... ich?" Wie sollte sie das den anfangen? Mit Pferden kannte sich die junge Köchin nun wirklich nicht aus. Aber Pferde konnten vermutlich mit Wölfen noch weniger anfangen ... Also musste sie es irgendwie versuchen.
    "Und ... die da?", fragte sie und zeigte angewidert auf die beiden Männer. "Beförderst du die irgendwie auf die ... Kutsche?" Elsje wollte sie jedenfalls nicht anfassen. Allein ihr Anblick - wie Murakumo sie zugerichtet hatte - wurde ihr übel.
    Und trotz seines verletzten Armes beförderte er die Männer leichtfertig auf die Ladefläche der Kutsche. Die Kinder positionierten sie nach vorne, mit den Rücken zu den Entführern - oder das, was davon übrig geblieben war. Elsje hielt die Zügel fest in den Händen. "Los, los!", rief sie, aber die Tiere setzten sich nicht in Bewegung. Unbeeindruckt standen sie da. Sie schwang die Zügel etwas fester. "Los, los, Pferdchen! Mach Trab!" Aber nichts geschah. Kein Schritt. Kein Trab. Nur ein verächtliches Schnaufen. Oh Gott. Was sollte sie denn jetzt machen?


    Orland & die anderen auf dem Weg zum Stadttor / gehen
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    "... lass mich mal!", rief Orland plötzlich und nahm der jungen Frau die Zügel aus der Hand. Das konnte ja niemand mitansehen! Mittlerweile ging es ihm etwas besser. Seine Hände zitterten nur noch leicht. Als das Halbwesen sich um die Männer gekümmert hatte, hatte er sich um Arias Verletzung gekümmert. So gut es ebend ging. In seiner Not hatte er ein Stück Stoff aus seinem Mantel gerissen und es der Rothaarigen auf die Wunde gedrückt. Damit immerhin die Blutung aufhörte. Aria versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Sie spielte die tapfere. Halb so wild, und so. Auch Orland tat cooler, als er in dieser Situation war. Er würde es im nachhinein niemals zugeben, aber er machte sich Sorgen um die kleine. Eigentlich wollte er nicht in die Klinik. Am liebsten hätte er protestiert, als das Halbwesen das der anderen Frau vorschlug. Er hasste Ärzte und Krankenbetten. Aber für Aria würde er mitgehen. Er wollte sichergehen, dass es ihr gut ging und ihre Wunde dort fachmännisch versorgt wird.
    Aber dafür mussten sie erstmal dort ankommen ... und mit dieser Trulla da am Steuer würde das ja nie passieren! Elfen hatten einen besonderen Draht zu Tieren, der sich nicht erklären ließ, aber unweigerlich bestand. Und siehe da: Orland schwang die Zügel und schnalzte mit der Zunge, etwas, was er so noch nie zuvor getan hatte und trotzdem setzten sich die Tiere plötzlich in Bewegung.
    Elsje war mehr als beeindruckt, als er die Kutsche wendete und sie zurück zum Stadttor spazierten ...

    Yatho & Hahkota beim Zelt "aufbauen"

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    Auf dem Weg zum Campingplatz war es ungewöhnlich ruhig. Keiner redete. Alle - einschließlich der Feuerwehrmänner - schienen ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Camping-platz, Yatho wusste nicht, was er sich darunter vorstellen konnte. Was sie dort erwarten würde. Erstmals durften sie dort kostenlos unterkommen - und das war das Wichtigste.
    Yatho versuchte Blickkontakt mit seinem Blutsbruder aufzunehmen, aber der starrte geistesabwesend aus dem Fenster. Vermutlich hatte er nicht mal gemerkt, dass er mehrmals seinen Namen geflüstert hatte. Was auch gar nicht schlimm war ... Yatho wollte zwar ursprünglich mit ihm reden, aber eigentlich wusste er gar nicht worüber ... Was hatte man sich in so einer Situation schon zu erzählen? Die Stimmung war getrübt. Das war sie auch, als sie im Häuptlingshaus des Campingplatzes standen und eine nette, runzlige Frau den beiden die Geflogenheiten dieses Ortes erklärte. Wo sie die Toiletten und Duschen fanden. Dass sie sich morgen früh eine Tüte Brötchen abholen konnten und wie und wo sie ihr Zelt aufbauen durften. Zelt? Ja, sie würden in einem Zelt wohnen. Das begeisterte und verunsicherte Yatho gleichermaßen. Selbst auf ihrer Insel hatten sie den Comfort in Blockhütten zu leben. Jetzt sollten sie in der Eiseskälte draußen zelten. Im Januar! Naja, vielleicht könnten sie ja ein Feuer zünd- ...! Ahhh - schlechte Idee!
    Nachdem die beiden sich an der Fundkiste bedient hatten - Yatho ergatterte noch einen dicken Pullover und eine Jacke-, machten sie sich zu ihrem Zeltplatz auf. Yatho schmiss den schweren Sack, in dem die Plane und allerhand Stangen und Klapperzeug drin waren, scheppernd auf dem Boden. "Hmm ...", Yatho schaute zu seinem Blutsbruder, der endlich wieder in der Lage war mit ihm zu sprechen. "Ja, jetzt müssen wir gucken, wie wir das aufbauen." Er öffnete den Sack und holte eine gefühlt zwei Meter hohe und drei Meter breite Anleitung hervor. Darauf waren nur Bilder abgebildet, keine Worte. Yatho studierte die Bilder, aber es war, als würde er ein Buch in einer Fremdsprache lesen. Er verstand nur Bahnhof. "Hä ...? Hol mal diese Stangendinger ... ich glaube, damit müssen wir anfangen." Aber diese Dinger sahen in echt ganz anders aus, wie auf dem Bild. Es waren nur kleine Stöcker, die mit Fäden aneinanderhingen. Auf dem Bildern waren das aber zusammenhängende Stangen ... Yatho zog die Stangen auseinander. Alle Materialen langen mittlerweile auf dem Boden verteilt. "Verstehst du das?" Vielleicht sollten sie erst mit der Plane anfangen? Der Jüngere machte einen großen Schritt nach vorne und stolperte dabei über einen anderen Sack, welcher vorhin auch achtlos auf dem Boden geworfen wurde. Ein kurzer Aufschrei verließ seine Lungen, ehe er dumpf der Länge nach auf dem Boden landete. "Aua ..." Wenn es schon so anfing, na das konnte ja noch was werden.

    Yatho & Hahkota -> Campingplatz


    Wehmütig war sein Blick, er sah ihn in die Augen und gleichzeitig in die Ferne. Yatho war ganz ergriffen, Gänsehaut überfiel seinen Rücken - oder war es die kühle Brise aufgrund der niedrigen Temperaturen hier draußen? Und als er Rumi dann auch noch versicherte (und das auch noch in der neuen Sprache), dass er ihn - also Yatho - beschützen würde, wäre es fast um ihn geschehen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte der jüngere die Hand auf den Arm des Älteren gelegt. Er drückte ihn fest. Hoffnung lag in seinen Augen. Sie würden hier nicht weggehen! Nein! Nicht so lange sie nicht wollten! Und ihr Abenteuer hatte doch gerade erst angefangen. Oder?

    Auch Rumi versuchte die Fassung zu bewahren. Sie wusste nicht so recht, wie sie den beiden helfen sollte. Oder konnte. Immerhin war sie auch bloß eine Teenagerin. Die ganze Situation überforderte alle. Zum Glück gab es für solche Fälle fähige Männer in der Feuerwehr! Natürlich reichten ihre Fähigkeiten weit über das einfache Löschen eines Feuers hinaus! Mit ihren Scharfsinn entging ihnen nicht die ausweglose Situation der beiden seltsamen Männer. Auch wenn die Ursache des Brandes noch nicht geklärt war, diese zwei konnten unmöglich weiter in dieser zerstörten Bude wohnen.

    Aber erstmal bekamen alle eine Rettungsdecke.

    Während Yatho die goldene Folie und dessen Reflexion bestaunte, stellten die Männer von der Feuerwehr allerhand fragen.

    Ob sie sich ausweisen konnten - nein. Ob sie Familie oder Freunde hier hatten, wo sie unterkommen könnten - nein. Geld hatten sie auch keins, nicht Mal für eine Nacht in einem Hotel. Es musste eine andere Lösung her. Nach ewigen Hin- und Hertelefonieren - zum Glück hatten sie diese knisternden Decken und Rumi wich den beiden auch nicht eine Sekunde von der Seite -, gab es endlich eine Lösung. Der Campingplatz. Er war nicht weit von hier und sie könnten erstmal kostenlos eine Nacht dort übernachten. Danach müssten sie sehen ...

    Die beiden Brüder wussten in dieser Situation nicht wirklich was genau ein sogenannter Campingplatz war. Aber Rumi wirkte ganz zuversichtlich und die Feuerwehrmänner waren ebenfalls ganz zufrieden mit dieser Lösung. Also würde es schon was gutes sein!

    Da der Eingang ihres Hauses total zerstört war, durften sie selbst verständlich nichts weiteres aus der Wohnung holen. Das Gebäude könnte Einsturzgefährdet sein. Sie mussten also zum Campingplatz aufbrechen nur mit dem, was sie am Körper hatten. Und das war nicht sonderlich viel. Hahkota hatte nicht mal ein T-Shirt an. Nur Rumis Jacke und die Rettungsdecke.

    Die Feuerwehrmänner waren echte Götter. Sie waren so nett und fuhren die beiden noch zum Campingplatz und Rumi nach Hause. Eine Teenagerin konnten sie schließlich nicht mitten in der Nacht nach so einem Ereignis allein nach Hause schicken.


    -> Campingplatz

    Micah und Shara
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    Es war nicht zu beschreiben. Unmöglich. Das Gefühl, das er fühlte, das eiskalt seinen Rücken herunter rutschte, als er ihre tiefseemeeres blauen Augen sah, die seine dahin gesagte Entschuldigung zu verarbeiten versuchte. Er fühlte sich schuldig. So schuldig. So schlecht. Er war so ein schlechter Mensch, obwohl er zunehmend versuchte immer für den anderen das Beste zu wollen. Verdammt. Warum war er so? Warum war er so schlecht? Warum war er so dumm?
    "Shara ...", kam es ihm gerade so über die Lippen. Ja, was. Was genau tat ihm leid. Alles. "Alles." Alles, verdammt. Er hatte es gesagt. Noch immer stand er vor ihr. Wie ein Fels in der Brandung. Wie ein Häuflein Elend vor dem Kamin. Wie ein dummer Junge vor der tadelnden Lehrerin, der sich der Konsequenzen bewusst war, aber seiner Taten nicht bereute ... Was sollte er tun? Es gab so viel zu tun. Ihre Stimme war brüchig. Traurig. Er hatte sie so traurig gemacht und er hasste sich so sehr dafür. Vielleicht ... sagte sie ... sollten sie einfach neu anfangen. Neu anfangen? Ja. Es war, als wäre er betrunken. Als wäre er gar nicht richtig anwesend. Sein Rücken kribbelte immer noch, er spürte sie deutlich, die Gänsehaut, das unwohle Gefühl, das ihn voll und ganz beherrschte. "Shara ...", hörte er sich sagen. Vielleicht war es endlich so weit. Es schmerzte ihn sehr, weil es sie sehr schmerzen würde, aber vielleicht war es an der Zeit endlich mit offnenen Karten zu spielen. Womöglich würde sie ihn zu hören. Sicherlich würde sie ihn zuhören. Und wohlmöglich würde sie ihn verstehen. Sicherlich ... Shara war ein wunderbarer Mensch. Er erinnerte sich nicht an viel, aber er wusste, das sie es verstehen würde. Also fackelte er nicht lange, er hatte es schon zu lange hinaus gezögert - aus Angst, sie könnte schlecht über ihn denken. Aus Angst, sie ihr bestes geben würde, um ihn zu verstehen. "Shara ...", seine Stimme war genauso brüchig wie ihre. "Ich ... i-ich ... ich erinnere mich nicht an mein früheres Ich ...", wieder einmal sprach er in Rätseln. Das ärgerte ihn, weil er ja endlich die Karten offen legen wollte. Aber es fiel ihn so schwer. Jeder ausgesprochene Satz fiel ihn schwer. "Ich ... mein Gedächtnis ... hat so viele Lücken. Ich habe nichts gesagt ... weil ich dich nicht verletzen wollte, aber ... ich erinnere mich nicht wirklich an jene Nacht. An die Nacht in Alvarna, wo ... es tut mir leid." Mittlerweile hatte er sich neben Shara auf die Parkbank gesetzt. Keine Ahnung, wann genau das passiert war, aber es war passiert. "Ich erinnere mich nicht an unsere Freundschaft. Ich weiß von dir und von ... Raven, aber ich kann mich nicht an einzelne Momente erinnern. Vielleicht klingt es für dich wie eine Ausrede. Das würde ich an deiner Stelle auch vermuten, aber ... ich erinnere mich nur daran, dass ich dich gern gemocht habe, aber ich weiß nicht warum, ich weiß nicht mal genau, wer du bist, was dich aus macht. Du arbeitest im Blumenladen, das weiß ich, aber obwohl ich mich nicht genau an dich erinnern kann, weiß ich dass du ein perfekter Mensch bist, dass du oft für mich da warst und dass du ..." seine blauen Augen blickten in die ihre, er hatte ihre Hand ergriffen ohne es genau gemerkt zu haben. So lange hatte er schon nicht so viel geredet. "Verdammt ... ich würde gern mit dir von vorne anfangen ... ich würde gerne mehr Zeit mit dir verbringen, ich würde dich gerne auf meinen Hof einladen, aber jedes Mal, wenn ich dich sehe, blagen mich die Schuldgefühle, dass ich mich nicht an dich und unsere gemeinsame Zeit erinnern kann. Ich hasse mich so sehr dafür, dass ich ... ich wünschte ...", er seufzte tief, es tat gut sein Herz auszuschütten und gleichzeitig hatte er Angst vor ihrer Reaktion. "Und ... gleichzeitig wünsche ich mir nichts mehr als ... auch wenn ich fürchte, dass es mir nicht zu steht, wünsche ich mir nichts mehr als ... möchtest du ...", fragte er das gerade wirklich? "Möchtest du ... vielleicht morgen mit mir auf den Hof kommen? Ich würde so gerne Zeit mit dir verbringen, ich will mit dir ... von vorne anfangen ... "

    Joe 2 + Tori 2 + Gaius 2


    Joe legte den Kopf schief. Sein Lächeln erstarb nicht, auch nicht, als sie sein Angebot ablehnte. Die Kleine war echt eine harte Nuss. Auch wenn man das ihren Äußerem nach nicht vermuten würde. Sie war also 'bloß' eine Aushilfe. "Ach so", sagte der Hüne und lehnte sich dabei selbstgefällig ein Stück zurück. "Ich wollte schon an mir zweifeln, eine Schönheit wie dich hätte ich sicherlich nicht vergessen." Und noch bevor sie etwas darauf erwidern konnte - naja, zu den schlagfertigsten schien die Kleine eh nicht zu zählen, weshalb er sich eigentlich gar nicht beeilen musste -, quatschte er sie schnell zu. "Deswegen habe ich dich hier noch nie gesehen. Kommst du jetzt öfter? Würde mich freuen. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Joe." Jetzt lehnte er wieder halb über dem Tresen um der blonden Maus seine Hand zu reichen. Auch wenn er nicht damit rechnete, dass sie diese ergreifen würde.

    Der Zwerg, der vorhin noch hinter dem Tresen gestanden hatte, hatte er schon fast vergessen. In der Zwischenzeit hatte er sich nur wenige Stühle weiter ebenfalls an den Tresen gesetzt. Hmpf. Als dieser etwas sagte und somit die Aufmerksamkeit der kleinen Maid erregte, drehte Joe genervt den Kopf in seine Richtung ohne ihn direkt anzusehen. Seine Augen verengten sich leicht. Dann drehte er den Kopf wieder unbeeindruckt zu der kleinen Maus herum und sagte: "Ich würde auch gern noch etwas zu essen bestellen. Was kannst du mir empfehlen? Was ist denn heute das Tagesgericht?" Auf ihre Aufforderung hin, dass er noch bezahlen sollte, ging er vorerst nicht ein. Er würde noch bezahlen - keine Frage. Also er würde nach dem Essen bezahlen. Also ... nach dem Dessert.

    Sherry & Marlin
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    Die Hexe erwiderte sein Lächeln. "Aber Gegenfragen sind gegen die Regeln", sagte sie mit einen Schulterzucken. Zu schade.
    Auf ihre nächste Frage reagierte der Schwarzhaarige anders als erwartet. Er wirkte regelrecht enttäuscht. Aber Sherry blieb unbeeindruckt. Mit einen erneuten Schulterzucken sagte sie: "Auch das sind die Regeln, ich kann fragen, was ich möchte." Herausfordernd fixierten ihre roten Augen seine. Auch wenn sie die vermeintliche Antwort schon kannte. Auch wenn das unfair erscheinen mochte. Aber das Leben war nicht fair. Und Sherry war es auch nicht.
    Sie bemerkte seinen Blick, ließ ihn aber unkommentiert. Es störte sie nicht - im Gegenteil. Sie hatte schöne Brüste und hatte nichts dagegen, wenn man sie sich anschaute. Und obwohl es sie nicht berühren sollte, ertappte sie sich dabei, wie sie sich fragte, was wohl beim Anblick dieser in seinen Kopf vor sich ging. Ihr Blick wanderte fast automatisch zu dem, was er zwischen seinen Beinen hatte. Eine Weile verweilte er da, bis er seine Frage stellte.
    Was?
    Einen Moment - eine Millisekunde - fiel ihr alles aus dem Gesicht.
    Das hatte er jetzt nicht wirklich gefragt.
    Oder?
    Dann fing sie sich wieder. Und plötzlich ... fing sie an zu lachen. Sie lachte nicht aus Verlegenheit. Sie lachte wirklich. Sie schaute an sich herunter und sagte dann: "Woran hast du das erkannt?" An den Spinnnetzen an ihrem Schambereich? Ihr letzter Sex ... es kam ihr vor, als läge er schon Jahrhunderte zurück. Wie alt war Noita jetzt?
    Sie nickte den Schwarzhaarigen anerkennend zu, als sie einen großen Schluck ihres Getränks nahm. Wer hätte das gedacht, dass er sie zuerst aus der Reserve lockte? Und sie ihn nicht ausversehen ins Nimmerwiedersehen verbahnte ... was ein Glückspilz.

    Joe & Martin

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    Nachdem Joe den Jüngeren liebevoll aus dem Bett gescheucht hatte - wenn man es überhaupt als 'Bett' bezeichnen konnte -, hatten sie sich kurzerhand mit den gestohlenen Wagen zu Martins kleinen Bruder aufgemacht, damit er sich von diesen verabschieden konnte. Und natürlich hatte sich der Hüne dort wieder einmal von seiner besten Seite präsentiert. Aus Rücksichtsnahme wartete er extra vor dem Haus, allerdings kam er nicht drum rum unqualifizierte und lustige Kommentare ins Innere zu rufen, wie z.B: "Schau' ihn lieber nochmal ins Gesicht, so gut wird der nie wieder aussehen!" Oder: "Hast du auch an dein Testament gedacht?" Joe blieb hartnäckig und immerhin lachte einer, auch wenn seine Sprüche weder bei Martin noch bei seinen Bruder Anklang fanden.
    Als Martin sich noch ausreichend auf ihre Mission vorbereitete, sprich, sich umzog und seine Materialen zusammensuchte, wurde Joe ein wenig ungeduldig. Er tapste von einen Bein aufs andere und wies den anderen mit Rufen, wie: "Jetzt mach mal hinne, Grünschnabel!", an, sich gefälligst mal zu beeilen. Es wurde allmählich hell und Joe wollte es tunligst vermeiden von anderen aus der Kaserne mit dem gestohlenen Wagen gesehen zu werden. Aber von dieser Sorge wusste Martin ja nichts. Aus guten Grund.
    Der junge Schmied ließ ihn zum Glück nicht allzu lange warten und schließlich konnte sie sich nach der kurzen Verzögerung endlich auf den Weg zu den Ymir-Vulkan machen. Sie überquerten unebene Wege. Stock und Stein. Und Joe, der den Wagen zog, immerhin hatte er schon Übung darin, struggelte ein wenig auf dem holprigen Gelände, kam aber gut voran, trotz der frischen Verletzung an seinen Bein, welche ihn noch wenige Tage zuvor ans Bett in der Klinik gefesselt hatte. Für den Fall der Fälle hatte ihn Natalie damals ein Elxier zukommen lassen, dass ihn kurzzeitig keine Schmerz spüren lässt. Und mit 'zukommen lassen' war eigentlich gemeint, dass er es sich schnell geschnappt hatte, als sie mal kurz abgelenkt gewesen war. Manchmal wollte er sich selbst gerne voller Ehrfurcht auf die Schulter klopfen; schon damals hatte er geahnt, dass es ihn eines Tages nützlich sein würde. (Oder es immerhin für einen schönen Rausch sorgen würde.)
    Nachdem sie ein ganzes Stück voran gekommen waren, machten sie eine kleine Pause, die ihm sehr gelegen kam. Allmählich schmerzte sein Fuß etwas, auch wenn es noch gut zu ertragen war.
    Von hier aus konnte man schon den großen Ymir-Vulkan sehen. Bedrohlich ragte er in den Himmel und überschattete alles unter ihm. Beeindruckend. Aber abgesehen davon, wenn man sich nicht von seiner furchteinflössenden Struktur ablenken ließ, konnte man sich einen guten Überblick über die Umgebung verschaffen. Somit ein perfekter Ort für eine Lagebesprechung. Der Hüne hatte schon fast den halben Proviantbeutel geleert, als er gerade von seinen Apfel abbiss und mit vollen Mund sagte: "Gute Planung ist das A und O, wenn eine Mission gelingen soll!" Also stand er auf, die Hände in die Hüfte gestemmt und den Blick auf den Vulkan und das umliegende Gebirge gerichtet. "Dir ist bewusst, dass uns allerhand Monster begegnen werden, die uns nach dem Leben trachten, Grünschnabel?" Seine goldenen Augen fixierten die des anderen. "Wenn wir nicht aufpassen, nicht jeden Schritt bewusst und mit Köpfchen setzen, könnte das unser letzter sein!" Seine Fingerspitzen kribbelten, das Adrenalin das durch seine Adern floss, lähmte ihn regelrecht. Es war ein berauschendes Gefühl, endlich wieder auf ein Abenteuer zu sein!

    Er zeigte mit den Finger etwas unterhalb auf den Vulkankrater. "Da müssen wir hin! Nach ganz oben!" Was auch sonst. Joe lachte. Er war so aufgeregt. Er freute sich auf die Gefahren, die dort lauerten. Er wollte los. Er wollte kämpfen. Er wollte erfolgreich zurückkehren und wie ein Held gefeiert werden. Vielleicht würde selbst der alte Schmied ein wenig lächeln, wenn sie mit den Erz zurückkehrten.
    Hm? Joe war ein wenig in Gedanken gewesen, weswegen er die Frage des Jüngeren beinah überhört hätte. Ob er schon mal hier gewesen war? Hm? "Nein", sagte er knapp."Noch nie. Ich komme nicht von hier."

    Yatho, Rumi & Hahkota


    Und schließlich war das Feuer gelöscht, was erst unmöglich zu sein schien, war am Ende, als die sogenannte Feuerwehr kam, plötzlich ganz schnell geschafft. Yatho hatte alle ihre Fragen zu ihrer (Nicht-)Zufriedenheit beantwortet, als er Hahkota dabei beobachtete, wie er über den Trümmern der Flammen stand. "Wo sollen wir denn jetzt hin?" Ein tiefer Stich in seinen Herzen. Rumi eilte herbei und nahm seine und Hahkotas Hand. Sie drückte sie fest und versuchte mit beruhigenden Worten auf sie einzureden. Sie fanden schon eine Lösung. Sie ließ sie nicht alleine ... Und trotzdem ließ Yatho den Kopf hängen. Inzwischen war es dunkel geworden. Das Feuer war gelöscht und Kälte machte sich breit. Es würde eine kühle Nacht werden, sollten sie diese draußen oder unter der Brücke verbringen. "M-müssen ...", fragte er seinen Blutsbruder, aber diesmal n nicht in seiner Muttersprache, sondern so, dass Rumi es auch verstand. "Müssen wir jetzt wieder zurück?" Zurück auf die Insel? War ihre Zeit in Riverport schneller vorbei als geplant? Waren sie nicht ebend erst in diese Wohnung gezogen? Mussten sie jetzt unverrichteter Dinge, ungelebter Träume wieder zurück in ihre Heimat ...?

    Sherry & Marlin

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    Sherry horchte auf. "Dann fühle ich mich ja regelrecht geehrt, dass du unser belangloses Geplauder als besonderen Anlass siehst." Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann schloss sie ihn unverrichteter Dinge wieder. Belangloses Geplauder? Besonderer Anlass? Sie legte den Kopf schief und sah den Schwarzhaarigen mit zusammen gekniffenen Augen an. Scheiße. Da wurde es ihr bewusst. Dieses belanglose Geplauder war wirklich ein besonderer Anlass für die Hexenprinzessin, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst gewesen war. Seitdem sie nach Riverport zurückgekehrt war, war das die 'normalste' Unterhaltung, die sie seitdem geführt hatte. Keine Drohungen, keine fiesen Pläne, die sie verfolgte. Eigentlich - wenn man weiter dachte -, war das die erste 'normale' Unterhaltung seit Michaels Verschwinden. Das wurde ihr schlagartig bewusst. Und das war der Moment, wo sie am liebsten auf der Stelle gegangen wäre. Scheiße! Was machte sie hier eigentlich? Sie saß nackt an einer Bar und philosophierte mit irgendeinen daher gelaufenen Typ Cocktails trinkend über das Leben. Wie konnte sie nur so tief sinken ...? Sie musste nach Hause. Sie musste ihre magischen Reserven auffüllen. Sie musste ihren teuflischen Plan in die Tat umsetzten als ... als sie endlich einen Treffer bei dem anderen gelandet hatte. Er trank einen großen Schluck seines Drinks. Stimmt. Sie spielten ja ein Spiel. Jetzt war sie wieder an der Reihe. Eigentlich war das ja ganz amüsant. Und sie hatte noch eine weitere provokante Frage im petto. Wäre doch schade sie nicht zu stellen? Sie konnte sich auch noch später auf nimmer Wiedersehen verabschieden. "Dachte ichs mir doch", sagte sie belustigt, den Strohhalm unverrichteter Dinge an den Lippen. "Nun gut ... eigentlich kenne ich die Antwort ja schon, aber it's the game, oder?" Sie lächelte verschmitzt und spielte somit auf die Situation im Wasserbecken an. "Du bist ein schlechter Liebhaber. Was auch immer das heißt."

    Micah und Shara, nachts bei einer Bank 4667-pasted-from-clipboard-png


    Das hatte er nicht gewollt. Das sagte sich immer so leicht, ja, aber das hatte er wirklich nicht gewollt. Vermutlich hatte er ihre Gutmütigkeit zu oft ausgenutzt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er sie provoziert. Von dem ständigen Hin und Her war es ja kein Wunder, dass Shara irgendwann so reagierte. Micah handelte immer unüberlegt, obwohl er alles andere immer bis ins kleinste Detail überdachte und überdachte ... Und doch wusste er gar nicht, was er eigentlich wollte. Das hatte er noch nie. Jedenfalls war es schon so, seitdem er denken konnte. Also seit der Tragödie von Alvarna. An die Zeit davor konnte er sich ja nur schemenhaft erinnern.
    Er hatte ein Gewitter herauf beschworen. Wie das Unwetter, dass sie vor einigen Stunden am Polisee heimgesucht hatte, hatte sich auch dieses langsam angekündigt, aber Micah hatte nicht auf dessen Warnungen reagiert. Wie immer. Für ihn kam es aus heiteren Himmel. Sozusagen. Er lebte in seiner eigenen Welt. Eine Welt, die durch Sharas plötzlichen Ausbruch bis ins Markt erschüttert wurde. Er hatte ihr den Rücken zu gewandt. Zum Glück. Obwohl er ihr Gesicht in der Dunkelheit sowieso nicht gesehen hätte, fürchtete er jeden Lichtstrahl, der vom Vollmond in ihr Zimmer gehen könnte.
    Ihre Worte zuckten wie Blitze über den Horizont. Und der daraufhin folgende Donner ließ seinen Körper vibrieren. Er kniff die Augen fest zusammen und ließ die Worte einfach ungehemmt auf seinen Körper prallen. "Was würde es ändern von mir zu hören, dass ich sauer bin?“ Micah rührte sich nicht von der Stelle. „Du würdest dich schlecht fühlen. Noch schlechter als es dir offensichtlich ohnehin schon geht." Ihre Wörter prasselten wie harter Regen auf ihn ein. „Vielleicht sind wir keine Freunde. Vielleicht waren wir es nie und wir hatten nur zufällig zur selben Freundesgruppe gehört.“ Es tat weh das zu hören. Die Wahrheit tat immer weh. Und er konnte ihr nicht widersprechen. „Aber ja lauf einfach wieder weg. Das kannst du schließlich gut." Er hatte den Kopf gesenkt, als er den frischen Luftzug spürte, den sie hinterließ, als sie an ihn vorbei ging, sich ihre Jacke schnappte und nach draußen ging. Sie ließ ihn einfach zurück. Mit seinen Kopf. Mit seinen Gedanken. Allein in der Dunkelheit. In der er glaubte sowieso schon zu Hause zu sein. Ihre Worte hallten noch nach. Immer wieder hörte er sie in seinen Kopf. Vielleicht waren sie nie Freunde. Vielleicht. Es tat so weh, als hätte er wirklich Verbrennungen am ganzen Körper. Warum war er so doof? Warum brauchte er erst so eine Ansage von ihr um das zu merken? Er hatte regelrecht darum gebettelt. Was sollte er jetzt machen? Am liebsten würde er einfach nach Hause gehen. Zu seinen Feldfürchten. Zu den Hühnern und Kühnen. Die einen zwar mitleidig anschauten, aber keine Fragen stellten. Micah legte beide Hände auf seine Augen. Sein Kopf tat weh. Zu viel Adrenalin. Zu viele Schuldgefühle. Zu viele Emotionen. In diesen Moment fragte er sich, wie er zuvor überhaupt gelebt hatte. Er hatte sämtliche menschliche Emotionen ausgestellt. Auf dem Feld war das auch viel einfacher, als im wirklichen Leben. Er hatte sich eigentlich schon nach Hause gehen sehen, das, was er gut kann, und doch trugen ihn seine Beine nach draußen, zu jener Bank, die im einzigen Mondschein vom Himmel stand. Er hatte sie ganz schnell gefunden. Die Arme hatte das Blumenmädchen um den Körper verschränkt. Tränen kullerten ihren Wangen herunter.
    Erst stand er nur da. Unfähig irgendetwas zu sagen. Was sagte man auch in so einer Situation? Was war richtig? Was war falsch? Jedes Wort könnte unwiderruflich einen weiteren Keil zwischen sie treiben. Wenn sie sich ohnehin nicht schon zu weit voneinander entfernt hatten.
    Langsam näherte er sich ihr. Am liebsten hätte er sie umarmt oder ihre Hand gehalten. Er mochte es nicht, sie so zu sehen. Sie weinte. Sie weinte wegen ihm. Er wollte sie trösten, ihr sagen, dass er es nicht wert war, Tränen zu vergießen, er ... Er wartete bis sie den Blick erhob und ihn anstarrte, dann sagte er: "Shara ... i-ich ..." So richtig wollten die Worte nicht aus ihm heraus. Seine Stimme versagte. Tränen liefen ihn die Wangen herunter. Er atmete schnell ein und aus. Und irgendwann kam es aus ihm heraus. Leider konnte er nicht mehr sagen, als: "Es tut mir leid ..."
     

    Misasagi & Priscilla 4625-misasagi-png


    Misasagis Enthusiasmus schien die Kleine anzustecken. Sie war ganz aufgeregt und begeistert und lief freudig auf und ab. Wer hätte das gedacht. Wenn Murakumo das sehen könnte! Oder Hina! Beide meckerten ständig mit ihr, ihr Laden wäre zu kremplig und unaufgeräumt. So könne man keine Kunden anlocken, blablabla. Wenn sie das sehen könnten, wie begeistert die kleine Rosahaarige war. Das erfüllte das Halbwesen mit noch mehr stolz. "Woher ich das alles habe ...?" Das hätte die Kleine lieber nicht fragen sollen. "Komm ...!" Das Halbwesen schnappte ihre Hand und führte sie zu den Regalen. "Das sind seltene Edelsteine", verkündete sie und drückte der anderen, obwohl sie ebend gesagt hatte, sie soll nichts anfassen, einen Achat in die Hand. "Das ist ein Achat und das ist ein Aquamarin und hier habe ich noch einen Amethysten, die habe ich alle vom Ymir-Vulkan. Der ist immer eine Reise wert! Da findet man so viele tolle Edelsteine und Erze und ...", sie bückte sich und holte kurz darauf eine Reagenzglas in die Luft. "... und Eidechsen! Schau, die hab ich selbst konserviert!" Das Lächeln des Halbwesen reichte von einer Backe zur anderen. "Und schau hier im nächsten Regal, dass ist eine Meerjungfrauschuppe, die ich einer vor der Walinsel ..." abgemurkst habe ... upps!


    Lukas und Rosalind


    Nachdem die Worte seiner positiven Rede gesprochen waren, fühlte er sich wunderbar. Erfüllt. Als würde die Sonne persönlich aus jeder Pore seines Körpers scheinen. Im Gegensatz zu der edlen Dame, deren Wesen plötzlich total verändert war. Zu ihrer Verteidigung, seitdem sie die Kapelle betreten hatte, hatte sie eh alles andere als glücklich gewirkt. Eine betrübte Schönheit. Was nicht ungewöhnlich war. Die meisten suchten Zuflucht in der Kapelle, wenn sie gerade eine Krise durchlebten - welcher Natur auch immer. Aber etwas hatte sich verändert im Ausdruck ihrer Augen. Sie stimmte ihn zu, obwohl Lukas glaubte, dass sie eigentlich anderer Meinung war ... Vielleicht hielt sie sich zurück, um nicht respektlos zu erscheinen, immerhin wird sie ihrer Abstammung nach eine gute Erziehung genossen haben und sie befand sich immerhin in einer christlichen Einrichtung und in der Gegenwart einen Geistlichen. Trotzdem ... er hätte gerne ihre wirklich Meinung gewusst. Aber Lukas erwischte sich nur auf ihre zustimmenden Worte zu nicken. Ihre Gegenwehr kam früh genug. War es Gegenwehr? Oder waren es nur provokante Worte? Jedenfalls reagierte sie bei seiner zweiten auswendig gelernten Rede nicht mehr ganz so zustimmend. Jetzt hat sie dich, haha! Das brachte den Geistlichen kurz aus dem Gleichgewicht. Er geriet in wahrsten Sinne des Wortes ins Straucheln. "Ähmmm ...", er wedelte wild mit den Armen herum. "Wie meint Ihr? I-ich ..." Geprobt? Das erwartete man von ihn? Er versuchte aus ihren Gesicht ihre derzeitigen Gemütszustand zu erkennen, aber es gelang ihn nicht. Also druckste er noch ein wenig herum. "I-ich ... äh ... ich ..." Schließlich nahm er seinen Mut zusammen und sagte: "Ich kann euch nicht deuten ... entschuldigt. Seid ihr adligen Blutes?" War es ein Akt der Verzweiflung? Vielleicht. Vermutlich würde sie es erkennen. Ein Ablenkungsmanöver.

    Das doppelte Lottchen hoch 3

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    "Nie?", wiederholte der Hüne mit großen Augen. Die Augenbraunen nach oben gezogen. Die Stirn in Falten. Wenn man die Kleine mal genau betrachtete, sollte einen ihre Aussage eigentlich nicht verwundern. Auch wenn sie in einer Art 'Kneipe' arbeitete und so Tag täglich mit Spiritosen zu tun hatte. Aber ihre niedliche Stupsnase, ihre naiven blauen Augen und die grünen Stellen an ihren Ohren sprachen eine eindeutige Sprache: sie war so unschuldig, sie hatte sicherlich nicht mal den Gedanken, Alkohol zu probieren. Und das gefiel dem Hünen irgendwie - naja, Frauen allgemein interessierten ihn, ganz egal welche Interessen sie hatten. Also neigte sich der Hüne wieder einmal etwas nach vorne über den Tresen der Kleinen entgegen und sagte, um sie ein wenig zu provozieren und aus der Reserve zu locken: "Und das obwohl du in einer Tarverne arbeitest? Alle Achtung ... Aber wenn du nicht weißt, was du verkaufst, kannst du es schlecht empfehlen, nicht?" Wieder dieses charmante Lächeln, als plötzlich ein dunkler Haarschopf hinter dem Tresen erschien. Im ersten Moment hatte er gar nicht erkannt, um was es sich da handelte. Ein Schatten? Ein Tropfen Trübsal? Ein weiches Ei? Vermutlich hatte Joe an dem Morgen nach jenen Abend mit Cinnamon als er wieso auch immer an einer halluzogenen Schnecke geleckt hatte, ganz ähnlich ausgesehen. Nur nicht ganz so miserabel. Joe hatte immer etwas, das nannte sich ... Rückgrat. Er war immer zu stolz, um die Augen nur halb zu öffnen und den Kopf nach unten zu senken. Er ging immer - egal, wie mies es ihn ging -, wenn Frauen in der Nähe waren, mit stolz geschwellter Brust durch die Gegend. Bevor er jedoch irgendwas unüberlegtes sagen konnte, betrachtete er den 'Schluck Wasser in der Kurve' nur skeptisch. Dafür hatte er zudem auch noch zu wenig, bzw. gar nichts getrunken. Appropros trinken ... Ohne auf den komischen Kerl hinter dem Tresen zu reagieren, er ignorierte ihn geradezu, fragte er das blonde Mäuschen frei heraus. "Wie wärs ... wir machen eine kleine Verkostung? Auf meine Kosten, natürlich. Dann kannst du die Weine demnächst besser deinen Kunden empfehlen. Das würde sich sicherlich rechnen." Den letzten Satz konnte er sich leider nicht verkneifen. "Und du wirst ein wenig selbstbewusster im Umgang mit deinen Kunden."Da opfterte sich der Hüne doch gerne!

    Joe 2 & Tori 2


    Der Hüne beobachtete die neue Bedienung immer noch eingehend. Es hatte den Anschein, als könne er den Blick gar nicht mehr von ihr abwenden. Wie ein rüdiger Kater, der mit seinen bernsteinfarbenden Augen die Maus vor dem Mäuseloch in der Wand fixierte. Vermutlich fühlte sie sich gerade wirklich so. In der Situation gefangen. Der Willkür ihres Gegenübers komplett ausgeliefert. Dem war sich Joe durchaus bewusst. Das konnte er aus der knallroten Farbe ihrer Wangen erkennen. Oder war sie doch bloß seinen Charme erlegen? Wer weiß ...?

    Als sie so entschieden wie möglich dem Rothaarigen mitteilte, dass sie nichts trank, musste Joe sich ein Schmunzel verkneifen. "Nicht?", fragte er überrascht, die Augenbraunen hochgezogen. "Trinkst du nie?" Für Joe persönlich jetzt nicht so nachvollziehbar, aber durchaus möglich. "Oder trinkst du einfach während deiner Schicht nicht?"

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    Der Ausdruck ihres Gesichtes überraschte ihn für einen Moment wirklich. Dann amüsierte es ihn. Süß. Anscheinend hatte er sie mit seiner Frage ein wenig aus der Fassung gebracht. Wobei der Hüne mittlerweile glaubte, dass es dafür nicht wirklich viel brauchte. Dann verschwand sie wieder eine Weile von der Bildfläche. Er spielte mit den Fingern an seinen Bart herum, während er Rita hinter dem Tresen quaken hörte. Sie war nämlich nicht besonders leise. Dann erschien das kleine Mäuschen wieder hinter dem Tresen mit einer neuen Flasche Wein in der Hand. Ob sie Rita etwa gefragt hatte, was sie jetzt tun sollte ...? Süß. Sie stellte ihn ein Glas hin und goss es voll. Neugierig warf Joe ein Blick in das Glas. "Rotwein?", fragte er. "Das hätte ich nicht gedacht ... ich hätte dich eher als Weißweintrinkerin eingeschätzt ... einen lieblichen Chardonnay vielleicht? Oder eine ... Scheuebe?" Wieder lächelte er sie charmant über den Tresen an, während sie sich nach weiterer Kundschaft umblickte. Versuchte sie ihn etwa zu ignorieren? Hihi. Das weckte nur noch mehr sein Interesse. "Entschuldigung?", lenkte er wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich. "Ich hatte doch zwei Gläser bestellt?"