Beiträge von Seaice

    [Tori] & Gaius | im Hinterhof



    Noch immer spürte sie den sanften Schutz seiner Umarmung. Gaius hielt sie und das war das Einzige, was die Magd nicht in Verzweiflung und Trauer um einen Verlust, der doch noch gar nicht eingetreten war, fallen ließ. Gaius war hier. Noch war er hier. Doch würde er es auch bleiben? Sie musste es hören, wollte es wissen, doch konnte noch nicht einmal den Blick heben. Ihr Kopf war gegen seine Brust gelehnt, die Augen sahen zu den Füßen. Selbst ihre Arme befanden sich zwischen ihnen, so sehr, so plötzlich, hatte er sie eingefangen. Behutsam strichen ihre Fingerkuppen über den rauen Stoff seiner gegerbten Kleidung. Ein wenig wünschte sich die Maid hier einfach zu verharren. Die Zeit anzuhalten, einfach stehen zu bleiben, geborgen in der Wärme, die seine reine Anwesenheit ihr schenkte. Aber das würde nicht passieren. Und auch die Bestätigung ihrer Bitte würde Tori nicht erhalten. Ein sanftes Wispern gelangte leise an ihr Ohr, doch es waren nicht die Worte, die das Mädchen erwartet hatte. Sie riss die Augen auf, der Mund öffnete sich einen Spalt breit, wie um sofort etwas zu erwidern. Dafür musste sie aber erst einmal begreifen, welche Worte sie hier erreicht hatten. Ein seltsames Ziehen breitete sich in ihrem Bauch aus. 'Ist.. das hier, zwischen uns, was wir hier tun.. Ist das.. Liebe?' W-Wovon sprach er da? Aber wusste sie es nicht längst? War es nicht der Grund, warum sie egozentrisch und verlangend geworden war? Warum sie Dinge sagte, um Sachen bat, die ihr früher niemals in den Sinn gekommen wären? Deren alleiniger Gedanke sie als Frevel angesehen hätte? Dennoch wogte eine Welle des Schockes über die Magd hinweg. Liebe. Das war ein großes Wort, ein Mächtiges. Etwas, von dem sie nie ausgegangen war, dass es ihr einmal widerfahren sollte. Mit Glück wäre sie verheiratet worden, mit Pech als alte Jungfer geendet, mit noch ein wenig mehr Pech hätte der Orkkönig Grarag sie zur Braut genommen. Diese Aussichten waren in ihrem Innersten verankert gewesen, doch nun? Hatte sie tatsächlich ein Recht darauf seine Liebe einzufordern? Ach, sie wusste ja kaum was das war! Das Gefühl der Sicherheit in seiner Nähe? Der Geborgenheit, des Schutzes? Das er sie zum Lachen brachte und ihre Tränen wegtrocknete? Dass er schon so lange für sie da war, sie unterstützte, ihr Mut machte? Ja, dass sie ohne diese Gesten, die er ihr schenkte, schon gar nicht mehr konnte? Das sie sich ohne ihn nur halb vollständig fühlte, dieses Glück und diese Freude, die sie verspürte, ganz gleich, was er tat. Dass es sie nach ihm verzehrte, nach dem Glucksen, was seinem Hals häufiger als ein Lachen entwich, nach seiner zerstreuten, chaotischen, liebevollen Art. Ja. Das war so. Daher hatte sie es sogar gewagt ihren Wunsch zu äußern, ihm Raum in Form von Worten zu geben, mit dieser Bitte das Versprechen abzugeben, dass er blieb. Doch konnte es tatsächlich mehr als nur das sein? Mehr als Sehnsucht, mehr als Freundschaft, mehr als Vertrauen? Liebe. Es war so ein großes Wort, so eine abstrakte Angelegenheit. Woher wusste man ob man sich liebte? Und was bedeutete das genau? Würde... würde sich dadurch etwas zwischen ihnen ändern? Zum Negativen? War auch das eine Möglichkeit? Der Gedanke machte ihr Angst, dennoch überwog die Annahme - und mochte es Hoffnung sein - dass es sich... richtig anfühlte? Tat es das? Sie dachte nicht zum ersten Mal über diese Möglichkeit nach, doch nun, da Gaius es aussprach, fühlte sie, als würde der Boden unter ihren Füßen weg gezogen. Nur, dass das gar nicht schlimm war, denn er hielt sie noch immer fest. So konnte ihr nichts geschehen. Wenn also auch er darüber nachdachte, konnten sie... zusammen... diese Option in Erwägung ziehen? War das überhaupt wichtig? Zögerlich hob Tori den Kopf, das Kinn noch immer auf seiner Brust aufliegend und sah ihn aus feuchten Augen heraus an. Ihr Herz klopfte laut, doch der Rhythmus fühlte sich seltsam angenehm an. "I-Ich... ich g-glaube ja.", sprach sie, nicht minder zu ihrer eigenen Überraschung. Sie glaubte, sie wusste es nicht. Vielleicht gab es keine endgültige Gewissheit darüber, sondern man musste sich einfach darauf einlassen, auf dieses Gefühl - wie auch immer man es nun nennen mochte. War sie bereit dafür? War er es? Konnten sie es zumindest zusammen sein? War zusammensein überhaupt der richtige Ausdruck dafür? "W-Wäre... w-wäre d-das in O-Ordnung für d-dich?", fragte sie, ihre Stimme gleich dem Wispern des Windes. Falls es das war, dann, ja, hatte sie vielleicht doch eine Antwort auf seine vorherige Frage gefunden.

    [Doug] & Dylas | Dylas' Hütte



    Ach verdammt! Das Pferdegesicht ließ sich nicht so leicht über's Ohr hauen. Doug zog einen Schmollmund. Als Dylas ihm spöttisch anbot zu pusten, griff der Rotschopf mit einem leicht verärgerten Ausdruck wieder nach dem Messer. "Du bist ein Idiot.", beschimpfte er seinen Gastgeber. Was musste er ihn auch so aufziehen? "Wenn ich sterbe, bist du hiermit offiziell von der Beerdigung ausgeladen.", erklärte er noch, während Doug sich wieder über die Kartoffeln beugte. Ich hab keine Lust... Leider fing auch schon an sein Magen zu knurren, weswegen der Zwerg - tapfer, wie er fand - seine Arbeit ohne weitere Murren verrichtete. "Also, was nun Herr Meisterkoch?", erkundigte Doug sich frech. Dabei war er aufgestanden, hatte den Eimer voller Kartoffeln abgestellt und nun die Hände stramm an die Hüften gelegt, während er auf eine Antwort wartete.

    [Marlin] & Yumi



    Hmm? Ah. Sherlock hatte ihn durchschaut. Applaus, Applaus - nicht das er einen Hehl daraus machte. Marlin empfand es als gar nicht notwendig, seinen wahren Charakter zu verschleiern. Im Moment zumindest nicht, wozu die Mühe? Zumal sie selbst einen antipathischen Umgang pflegte, nicht wahr? Er bemerkte ihren Blick zu seinem letzten, einsamen Bier. Marlin hob die Flasche kurz an. "Vielleicht habe ich einfach nur kein Bares mehr?", entgegnete er auf ihre Feststellung. Beides stimmte natürlich - und nachdem er bereits ein wenig bei ihr geschnorrt hatte (nicht minder der Grund, warum sie überhaupt diese eloquente Konversation führten), dürfte sie das kaum verwundern. Sie ließ dabei ebenso nur wenig durchscheinen. Reserviert, keine Frage, argwöhnisch in gewissen Dingen sicherlich, doch stets in Kontrolle über sich selbst und die Situationen, in die sie sich beförderte? Da hatte er so seine Zweifel. "Ich habe nichts anderes angedeutet.", erwiderte er. Natürlich, das metaphorische Messer. Tatsächlich war Marlin ein Mann, der nur selten auf Gewalt zurück griff. Zumeist ein Akt für Blindgänger, die sich nicht anders zu helfen wussten, ihre Gefühle nicht im Griff hatten und mit dem Kopf durch die Wand rannten. Schwächlinge. Der gezielte, ermessende Racheakt sei hiervon einmal ausgenommen. Vielversprechend, aber wie sie ihn schon zitierte, nur ein kurzweiliges Vergnügen. Er schmunzelte, als die Fremde seine eigenen Worte an ihn zurückgab. Sympathisch, keine Frage...

    iiich meld mich so von 23/24.04 bis 03.05. ab, weil ich die Woche einen auf Erntehelfer mache und das ist ne 12 h Schicht 8D


    omg, ich hoffe ich überlebe das ahahahaha

    [Cinnamon] & Leo



    Leo machte sie lächerlich, aber davon ließ Cinnamon sich nicht beirren. Sie hatte genug Streitkämpfe mit ihrem Großvater ausgetragen, ständig ein Nein gehört. Trotzdem hatte sie nicht erwartet, dass der alte Schmied so störrisch war. Also klar, sie wusste von seinen Allüren, nachdem sie aber bereits seit einigen Jahren einer der Waffen aus diesem Etablissement getragen hatte, hatte sie schlichtweg nicht mehr mit gar so viel Gegenwehr gerechnet. Aber da hatte sie sich grundlegend getäuscht. Alter Sturschädel., dachte Cinnamon, ehe Leo sie plötzlich überraschte. Nach seinem Hohn und Spott hatte sie für einen Moment wirklich nicht mehr weiter gewusst. Sie war nun einmal nicht super wortgewandt und ihr waren damit wirklich die Worte ausgegangen. Daher gefiel ihr das Angebot Taten sprechen zu lassen umso mehr. Gleichzeitig wusste sie, dass die Aufgabe dadurch nicht leichter wurde. Im Gegenteil. Und plötzlich, da fürchtete sich der Rotschopf davor zu versagen. Häme gegenüber ihren Worten - das konnte sie ab, kein Problem. Sich jedoch auslachen lassen, weil sie in der Handlung selbst scheiterte? Die Blamage würde sie ihrer Lebtage wohl nicht mehr vergessen. Sie schluckte, als sie den Testspeer von Leo entgegennahm. Er lag schwerer in der Hand als ihre alte Waffe. Gaius hatte an einem wahrlich filigranen, dennoch tödlichem Werk gearbeitet. Ihre Hände wurden schwitzig, weil sie nervös war und ehrlich gesagt fühlte sich sich plötzlich tatsächlich vollkommen verunsichert. Genau das was er erreichen wollte, huh? Cinnamon zog eine Schnute, wie um zu sich selbst zurück zu finden. Sie konnte das! Einmal tief durchatmen. Oh man, aber wie genau sollte man denn mit so einer leblosen Puppe umgehen? Sie hatte geübt, das war nicht gelogen gewesen. Ab und zu mit Forte und wahnsinnig viel an Fischen am Fluss bei der Farm. Aber so war das nun wie mit allen Sachen: Für einige Wochen lang übte man quasi täglich (fast) und dann lag die Waffe wieder für Monate kaum angerührt in der Ecke. Sie wusste sie hätte sich mehr Mühe geben können, aber irgendwie, ja, da hatte sie der Frieden zu sehr eingelullt. Bis hin zu diesem vertrackten Vorkommnis auf der Pluvia-Insel. Ohne diesen Speer stünde sie wohl jetzt nicht hier, was? Aber war das Grund genug? Du hättest dir auch mehr Mühe beim Zaubern geben können., schalt sie eine innere Stimme. Sie wusste, sie sollte sich jetzt nicht ablenken lassen, nicht, wenn sie ihre grandiosen Bewegungen - die doch sehr steif aussahen - an der ollen Puppe verübte. Sie hatte sich die Waffe geholt, noch weit bevor sie zur Magie gelangt war. Der Zauber war noch immer neu für sie. Würde eine Waffe überflüssig werden, wenn sie die Magie meisterte? Aber wollte sie sich wirklich auf diesen einen Aspekt verlassen? Am Strand der Insel hatte es keine Wurzel gegeben, die sie hätte verzaubern können, selbst wenn sie das geschafft hätte. Das reichte um ihre Unsicherheit ob eine Waffe nach wie vor für sie relevant war, zu vertreiben. Für sie zumindest. Mist. Sie hatte sich doch zu sehr in Gedanken verloren, fatal im Kampf, auch... wenn das hier kein echter war. Das interessierte den Schmied herzlich wenig. Beinahe wäre ihr der Speer aus ihren schwitzigen Händen gerutscht und einmal wäre sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert. Dinge, die dem alten Griesgram sicher nicht entgangen waren. Jetzt reicht's mir aber. Wie lange sollte sie noch vor diesem ollen Strohmensch entlang tänzeln? Sie warf die Puppe um und spießte sie auf, so, wie sie es mit ihren Fischen gerne tat. Hmm, eigentlich... Wenn sie ihren Wurzelzauber so damit kombinieren könnte, würde das ja ganz wunderbar funktionieren. Vorausgesetzt sie schaffte es ihn ohne Umschweife herbei zu rufen. Und vorausgesetzt Leo erlaubte ihr weiterhin den Besitz einer Waffe... Der Rotschopf drehte sich zu dem Schmied um, die Speerspitze artig an die Decke gerichtet und ein Schulterzucken war alles, was sie ihm noch zu sagen hatte. Mehr konnte sie nicht machen.

    [Doug] & Dylas



    Das Pferdegesicht lachte. Na toll. Mit einem wütenden Funkeln in den Augen, aber noch immer mit dem Finger im Mund, sah Doug zu Dylas hoch. Das Kanickel soll sich ja nicht über in lustig machen, sonst setzte es was! Das behielt Doug jedoch für sich, immerhin war gerade auf seinen Kumpanen aus der Grotte angewiesen. Dylas zog ihm schließlich den Finger aus dem Mund und begann, seine - höchst schwere wohlgemerkt! - Verletzung zu verbinden. Der Zwerg sah dabei theatralisch und mit einer beleidigten Miene in die andere Richtung. Er wurde auch ganz sicher nicht rot! Das wäre ja noch schöner. "Natürlich überlebe ich das!", erwiderte Doug energisch. Vielleicht hätte er auch einen Scherz daraus gemacht, aber gerade war er einfach viel zu stolz dafür. Hitzkopf. Mit einem feixendem Ausdruck sah er dann aber zurück zum Kanickel. "... Ich weiß aber nicht ob ich in der Lage bin weiter zu machen. Es tut so weh!" Ausreden überlegen, um sich von der Arbeit zu drücken? Dude, diese Kunst praktizierte er schon ständig im Warenhaus - da konnte er hier gleich weitermachen.

    [Marlin] & Yumi



    Sex, Alkohol, Zigaretten, Rauschgift - scheiß egal zu was der Narr einer Geschichte griff, am Ende waren es alles dieselben Drogen mit denselben fucking Auswirkungen. Abhängigkeit. Mehr steckte nicht dahinter, nicht wahr? Ein Moment der Schwäche, nur der eine Versuch und schon betrat man die erste Stufe auf einer langen Abwärtsspirale. Doch was würden wir nicht alles tun, um uns noch einmal richtig gut zu fühlen? Nur noch dieses eine, letzte Mal? Einmal vergessen, sich noch einmal daran verzehren, in der Hoffnung, dass danach nichts mehr von uns übrig blieb. Ah. So tickten die Menschen nun einmal, war es nicht so? Verdorbene, selbstzerstörerische Spezies die sie waren. Ob er sich selbst davon ausnahm? Vielleicht. Eine dezent herablassende Eigenart formte nun einmal seinen Charakter. So kam es das, ja, natürlich hatte er der geradezu bezaubernden Frau neben sich ein unlauteres Angebot gemacht - doch Angebote gab es viele und nur in den seltensten Fällen wurden sie für ihn relevant. Die Dosis machte das Gift, wie so oft und Marlin war schon immer bemessen damit umgegangen. Ein Knecht der eigenen Begierde werden? Auf gar keinen Fall. Unterdies war es bei diesem speziellen Thema Abhängigkeit sogar so, dass er nicht nur auf sie herabschaute, sondern sie regelrecht verabscheute. Mochte auch nur ein Grund dafür sein, dass er Mia in ihrer Besessenheit - und um nichts anderes handelte es sich hierbei - nicht mehr loswurde. 'Als ob du das nicht auch ein wenig genießt.' Doch er hatte gesehen, was die Sucht, die Interdependenz, der unstillbare Hunger nach mehr aus schwachen Geistern machte. Erbärmliche Kreaturen, die für nichts anderes mehr lebten, als den nächsten großen Kick; heruntergekommene Gestalten, die sich treuherzig an ihre Illusion klammerten. War auch diese Frau auf dem Weg dorthin? Er hoffte es ihr nicht. Nein, ehrlich! Immerhin hatte sie ihm neben einer Zigarette mit einem Shot versorgt und bescherte ihn darüber hinaus eine fabelhaft distanzierte Konversation. Da konnte man jemanden schon einmal etwas Nettes wünschen. Gleich blendet mich meine eigene Gutherzigkeit... Sie ergriff erneut das Wort (gerade rechtzeitig, nicht das er noch unter die Heiligen ging) und offenbar hatte sie da etwas falsch verstanden. "Nicht ganz." Er hatte nicht aus eigener Erfahrung gesprochen. Sich in die Besinnungslosigkeit trinken und dabei jegliche Kontrolle verlieren? Verlockend, aber no fucking way. Marlin genoss lieber in Maßen und sah anderen Trotteln dabei zu, wie sie sich selbst zerstörten. Auch eine Art von Hochgefühl, oder nicht? Er sparte sich die Erklärung jedoch. Sie hatte also tatsächlich keine Alternative? Zwei bis drei Auswegmöglichkeiten sollte man stets parat haben, oder? Sagt der, der gerade kein Geld mehr übrig hat um in die nächste Stadt zu fahren. Na schön. Meistens. "Ihm ein Messer in die Brust jagen?", schlug er schulterzuckend und in einem fast schon nachdenklich angehauchten Tonfall vor. Was wusste er schon? Seine Methode war ja, ständig davon zu laufen. Für ihn hatte sich diese auch sehr gut bewährt, aber er bezweifelte, dass sie daraus einen Nutzen ziehen konnte. Er warf ihr einen schiefen Blick zu. "Ein Scherz~.", fügte er hinzu. Für den Fall der Fälle - die Wände hatten bekanntlich Ohren. Naja, zumindest ihn munterte ein - metaphorisches versteht sich - Leiden derer, die er nicht abkonnte auf. Doch er sollte ja nicht von sich auf andere schließen.

    ooh ich hab mir schon Sorgen gemacht Luna! Das erklärt es natürlich - hey, Abi macht man nur einmal und immerhin befinden wir uns immer noch in einer Krisensituation, also: durchatmen, Kopf frei kriegen und ich drück dir auf jeden Fall die Daumen, dass es bald wieder für dich läuft!

    Was mache ich hier? Er wusste es nicht. Aber, genau genommen, wusste er momentan von relativ wenig Dingen bescheid. Allein der heute Tag hatte ihm wieder gezeigt, wie blind er durch die Überreste seines Lebens spazierte. Warum war er geblieben? Meine Güte, warum hatte er sich auf diese Person ihm gegenüber eingelassen? Er kannte sie nicht, nicht wirklich. Aber für wen galt das überhaupt noch? Er hatte sich schon in so vielen Leuten getäuscht, allen voran auch sich selbst. Also, machte es wirklich einen Unterschied ob er sich mit jemand Bekannten oder jemand Fremden auseinander setzte? Trotzdem schien die Sachlage, sich nur schnell etwas zu Essen kaufen zu wollen (was er wohl sowieso nicht verspeist hätte) und stattdessen nun in einer geschlossenen Confiserie mit ihrer Besitzerin über Tarotkarten zu sitzen, einen äußerst schnellen Verlauf genommen zu haben. Aber taten das die Dinge nicht immer? Er hätte gehen können. Zuerst war er nur aus reiner Höflichkeit und der Ermangelung einer Ausrede mitgekommen. Zwischendurch hatte ihm ganz einfach die Kraft gefehlt, sich weiter gegen ihren Enthusiasmus zu wehren. Energielos, ja, das war er in letzter Zeit fast ständig. Es war nicht wirklich Neugierde, die ihn bleiben hat lassen, aber was, was, war es dann gewesen? In ihren Augen hatte für einen Moment die Herausforderung gefunkelt, ganz als wollte sie fragen: 'wagst du es?' Und im ernst – was sollte schon passieren? Das war ein Haufen lächerlicher Spielkarten da vor ihm und wenn es ihr ein Anliegen war, warum nicht? Ihr oder doch mir? Quatsch, als ob das funktionieren würde. Solche Leute kannten doch alle irgendwelche Tricks. Obwohl es schwer war die reizende Belgierin in eine Schublade mit Halsabschneidern und Quacksalbern zu stecken. Das Bild von der eleganten, zielsicheren und bodenständigen Antoinette passte nicht dazu. Allerdings hätte er ihr auch esoterisches Handwerk nicht zugetraut und wer war er schon das zu beurteilen?

    Acht Schwerter.“ Cedric sah auf. Antoinette hatte die erste Karte aufgedeckt, doch er hatte ja keine Ahnung was diese bedeuten sollte. Alles was er sah, war ein Bild in Gold und Violett. Ein... nicht allzu einladendes Bild. Eine Person stand in der Mitte, gefesselt und mit einer Augenbinde versehen. Im Hintergrund zierten acht Schwerter das Panorama, ganz offenbar nach dem Namen der Karte.

    „Und, was bedeutet das?“, fragte er. Den Sarkasmus in seiner Stimme konnte er dabei nicht ganz unterdrücken. Allzu glücklich sah die Frau mit den blauen Haaren und den weiten Kleidern jedenfalls nicht aus. Oder bildete er sich das nur ein? Er war, mit Verlaub, immerhin kein Experte was 'Glück' anging. Kurz zögerte sie, ehe sie ihm eine Erklärung lieferte.

    „Sie zeigt auf, dass du dich eingeengt und gefangen fühlst. Du siehst keinen Ausweg und keine Lösung.“ Wow, das sah man ihm vermutlich schon von zehn Metern Entfernung an. Herausragend.

    „Das ist auch eine Möglichkeit sich neue Freunde zu machen. Ihnen demonstrieren, wie scheiße es einem geht.“ Scheiße. Hatte er das gerade tatsächlich gesagt? Der Frust hatte aus ihm gesprochen, kein Wunder pulte sie gerade in den Wunden, derer er sich selbst bestens bewusst war. Dennoch war es nicht fair ihr gegenüber. Er wollte die Worte zurücknehmen, da kam sie ihm zuvor, seine Anfeindung komplett ignorierend.

    „Das ist noch nicht alles.“

    Er wollte ihre Fortführung unterbinden, aber etwas in ihrem Blick hielt ihn davon ab. Sie war verletzt, keine Frage, doch sie behielt die Contenance. Cedric lehnte sich stumm auf seinem Stuhl zurück und ließ sie gewähren.

    „Du tendierst dazu die Dinge zu überdenken und kreierst dir dabei selbst ein negatives Muster. Das verstärkt das Gefühl festzustecken nur noch. Möglicherweise hast du deine eigene Macht aufgegeben und sie jemand anderem übertragen und sei es einer höheren Macht. An die du natürlich nicht glaubst, das hast du schon gesagt.“

    Cedric sah sie einfach nur an. Obwohl er sie gerade offen angefeindet hatte, ging sie weiter auf ihn ein. Ob der letzte Satz als Scherz gemeint war oder bitterer Ernst konnte er dabei nicht deuten. Diesmal wich sie seinem Blick aus, hatte ihren Fokus ganz auf das Blatt der Acht Schwerter gelegt. Eine Ahnung überkam ihn, dass ihr selbstsicheres Auftreten nur Fassade war und sich etwas ganz anderes darunter verbarg. Oder schloss er nun von sich selbst auf andere?

    Die Deutung sollte ihn vielleicht schockieren, aber das tat es nicht. Vielmehr war da die fehlende Einsicht. Es war durchaus sehr treffend, was sie ihm da prophezeite, dennoch fand er die Aussagen völlig überzogen. Oder... etwa nicht?

    „Eine Sache noch. Sei offen für Unterstützung, doch deine Kraft kannst du nur selbst zurück gewinnen. Du willst es nicht sehen, aber du hast eine Wahl. Zwischen was, weiß ich nicht.“

    Schweigen legte sich über den Tisch, während der Tee langsam kalt wurde.


    Es war schon seltsam. Cedric war ihr ein Unbekannter, doch durch die Acht Schwerter hatte sie das Gefühl mehr zu verstehen, als ihr lieb war. Sie hatte ihm nicht alles erzählt. Wie er schon selbst erkannt hatte, ließen sich Karten immer verschieden auslegen. Bei einigen Sachen hatte sie einfach das Gefühl gehabt, untaktvoll zu sein. Nachdem sie nicht wusste, in welcher Situation er sich genau befand, wollte sie das Risiko nicht eingehen, ihn noch tiefer in sein Loch zu stürzen. Und das, obwohl seine Worte sie wirklich getroffen hatten. Da war es wieder – dieses stete Gefühl von Versagen, dass sie nie gut genug war und Leute nichts mit ihr zu tun haben wollten. Er hatte es ihr direkt ins Gesicht gesagt. Schön. Damit kam sie zurecht. Es war nie anders gewesen.

    Sie mochte die Darstellung der Acht Schwerter. Die gefesselte Frau mit Augenbinde müsste nicht mehr tun, als das Band abzunehmen, welches ihr die Sicht verschleierte. Dann könnte sie gehen. Doch sie befreit sich nicht und niemand sonst wird für sie kommen und so weiß sie zwar von dem Unheil, welches in Form der Schwerter über sie schwebten, kann der Gefahr jedoch nicht entrinnen.

    Sie deckte die nächste Karte auf und wurde stutzig.

    Neun... der Schwerter.“ Hatte sie etwa nicht ordentlich gemischt? Das Deck war neu, doch sie war relativ akribisch vorgegangen. Dennoch fühlte es sich ein wenig merkwürdig an.

    „Was heißt das nun?“, fragte ihr Gegenüber, nachdem sie wohl eine ganze Weile geschwiegen hatte.

    „Also... nun.“ Sie fühlte sich sichtlich unwohl, aber da musste sie nun wohl durch. Sie konnte das!

    „Vergiss nicht, wir blicken nun auf die Vergangenheit. Übermäßige Sorgen über etwas oder jemanden haben es düsteren Gedanken leicht gemacht, dich nach unten zu ziehen. Das ließ dich gestresst oder in Furcht zurück. Je mehr du dich reingesteigert hast, desto beunruhigter warst du und hat dich anschließend in den Kreislauf gebracht, in dem ein schlechter Gedanke den nächsten jagt.“

    Häufig endeten die Neun Schwerter in einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Das machten sie so zerstörerisch. Gerne werden die Schwerter, die in vielen Designs über einer Person schweben, als Monster ausgelegt, die sich der Betreffende selbst geschaffen hat. Das Blatt ist meist ein Indikator sich Hilfe zu suchen, nachdem Antoinette hier jedoch einen Blick in die Vergangenheit erhaschte, ersparte sie sich den Kommentar an dieser Stelle. Vielleicht könnte sie ihn später einbringen.

    „Die Karte steht generell für Sorge, Ängste und Verzweiflung. Kann es sein, dass dich das auch nachts wach gehalten hat?“ Albträume waren hier nicht selten der Fall. Er reagierte auf ihre Frage nicht, weswegen sie sich entschloss einfach weiter zu machen.

    „Du hast hier zwei Schwertkarten. Die Lösung die du suchst, wird also aller Wahrscheinlichkeit nach für mentale Probleme oder Konflikte benötigt sowie Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Schwerter können zum Teil sehr negativ mitschwingen, aber sie tragen dabei meist auch eine sehr starke Nachricht in sich. Nimm sie als Warnung.“ Vorsicht sollte er auf jeden Fall walten lassen.

    „Wieso, ich dachte wir reden von der Vergangenheit?“ Das klang schnippisch. Und offenbar hatte er nicht richtig zugehört! Anderseits wusste sie auch nicht genau, was sich bei ihm in seinem Oberstübchen gerade abspielte. Nur, weil sie die Karte gelegt hatte, wusste sie noch lange nicht, was ihn beschäftigte oder in seinem Leben vorgefallen war. Dafür müsste sie schon über richtige magische Kräfte verfügen. Antoinette tippte auf die beiden Karten.

    „Nicht ganz. Die Neun Schwerter mögen in der Vergangenheit begonnen haben, haben aber immer noch einen Einfluss auf deine Gegenwart. Das passt auch gut zusammen. Ebenso wird deine Gegenwart deine Zukunft beeinflussen. Die Acht Schwerter machen deutlich, dass du zwar gerade das Gefühl hast, nicht vor und zurück zu können, gleichzeitig zeigen sie, dass du Optionen hast und dich im bildlichen Sinne nur von den Fesseln befreien musst, um den Schwertern, die deine Probleme darstellen, zu entkommen.“

    „Nur.“, wiederholte er knapp.

    „Niemand sagt, dass es leicht wird. Die Karte ganz sicher nicht. Aber genauso wenig ist es unmöglich. Die Acht Schwerter sind nicht nur negativ, keine Karte ist das. Ebenso wenig die Neun Schwerter – sie sind eine Warnung.“

    Sie spürte förmlich, dass er nicht mit ihren Worten konform ging. Nungut. Hoffentlich würde die nächste – oder zumindest eine der Karten – ein wenig mehr Hoffnung in seine Misere bringen. Antoinette legte die Hand auf die nächste Karte und wartete auf sein Okay.


    Für ein Spiel zog ihn die ganze Angelegenheit wahnsinnig runter. Aber wen wunderte es? Er hätte es ja absehen können, dass selbst ein Haufen Plastikkarten nur Schlechtes für ihn bereit halten würde – wollte Antoinette das auch noch so sehr ins Positive drehen. Aber aufspießende Schwerter? Im ernst? Da hatte er wirklich andere Sorgen.

    „Die nächste Karte hält dann meine glanzvolle Zukunft bereit, oder?“, erinnerte er sich vage und konnte den Spott in seiner Stimme nicht ganz verstecken. Obwohl er der jungen Frau ganz sicher nichts Böses wollte, konnte er seine Vorbehalte schlichtweg nicht ablegen.

    Antoinette nickte kaum merklich und drehte das Blatt schließlich um.

    Fünf Kelche.“, sagte sie dabei nachdenklich. Bildete er es sich ein oder spiegelte sich seine Traurigkeit nun auch in ihrem Gesicht wider?

    Auf dem Abbild zu sehen war ein Mann, der einsam in der Mitte stand. Drei der fünf Becher waren dabei umgekippt. Aber wie sehr die Darstellung von Bedeutung war, konnte er bei aller Liebe nicht sagen. Genauso wenig hatte er eine Idee.

    „Und, was heißt das? Ertränke ich mich in naher Zukunft oder zeche mich in die Besinnungslosigkeit?“ Das eine klang wahrscheinlicher als das andere, doch Antoinette schüttelte nur den Kopf.

    „Kelche per se stehen für Emotionen-,“

    „Von denen habe ich nicht mehr viele.“, unterbrach Cedric sie. Oder zumindest nur noch eine Sorte. Er hatte sich immerhin alle Mühe gegeben sie zu vergraben, nicht wahr? Ansonsten wäre er in ihnen wohl ertrunken. Er hatte ihrer Intensität nicht mehr standhalten können, welchen anderen Weg hätte es gegeben, als sich selbst abzustumpfen?

    Antoinette sah ihn bedacht an, so, als wäge sie ab wie sehr sie seine Worte ernst nehmen konnte. Oder sollte.

    „Cedric, das Wasser in den Kelchen stellt deine Gefühle dar und in diesem Bild werden sie verschüttet. Von dir selbst oder jemand anderen.“, führte sie mit klarer Stimme fort und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.

    „Eine Situation wird nicht so ausgehen wie von dir erhofft und dich traurig, enttäuscht und bedauernswert zurücklassen. Die Gefahr ist, dass du dich hierbei in deinem Selbstmitleid verlierst und vergisst wieder nach vorne zu sehen.“

    Jetzt reichte es ihm langsam. Was sollte das werden, wenn es fertig war?

    „Selbstmitleid? Antoinette, sieh dir doch selbst an, was du mir hier auflegst.“ Auferlegt träfe es auch ganz gut. „Du prophezeist mir hier etwas von Düsternis, Ängsten und Verzweiflung und verlangst dann glücklich und positiv nach vorne zu blicken? Ist das dein ernst? Wie könnte jemand bei dieser Aussicht nicht in Hoffnungslosigkeit versinken?“

    Er war laut geworden. Das kam selten vor. Das letzte mal sich wirklich gegen Worte gewehrt, die man ihm entgegen gepfeffert hatte, war wahrscheinlich gegen Majo gewesen. Wie lange war das mittlerweile schon her?

    Antoinette hingegen behielt die Ruhe – wie auch immer sie das machte – und griff stattdessen zu der noch immer vollen Tasse Tee, die inzwischen wohl gänzlich abgekühlt sein musste. Er ließ seinen stehen, wartete stattdessen ungeduldig auf ihre Erwiderung.

    „Ich prophezeie nicht und ich verlange nicht.“, stellte sie erneut klar, ehe sie die Tasse mit einem leichten Klirren wieder auf ihren Untersetzer abstellte. „Die Karten fungieren gerade als Spiegel, mehr nicht.“

    Eine Wahrheit die er nicht sehen wollte. Eine Einsicht die er nicht hören wollte. Noch mehr ärgerte ihn, dass diese Frau jegliche Verantwortung von sich wies und stattdessen einen blöden Haufen Papier zur Rechenschaft zog. Das war doch bescheuert!

    „Alles was ich will, ist... ist-,“ Er wusste es nicht. Er hatte den Satz begonnen ohne zu überlegen, doch tatsächlich gab es keine Worte für das, was er sagen wollte.

    „... glücklich sein?“, half Antoinette ihm auf die Sprünge, doch ihre Antwort klang so lächerlich beschränkt, so unfassbar simpel und einfach, dass er nicht anders konnte als kurz aufzulachen. Der Laut klang furchtbar höhnisch und überhaupt nicht nach ihm. Aber alas, was war von ihm noch übrig?

    „Nein, so viel strebe ich gar nicht an. Ich will einfach nur, dass es aufhört.“ Cedric vergrub sein Gesicht für einen Augenblick in seinen Händen, ehe er einen Ellbogen auf dem Tisch absetzte und seinen Kopf mit dem Arm abstützte. Er konnte es nicht beschreiben. Jede noch so malerische Metapher konnte dennoch nicht einmal ansatzweise andeuten, was in ihm vorging. Die Dunkelheit in seinem Herzen, der Verlust von Liebe, das Erdbeben an Geschehnissen, welches an seinen Grundmauern rüttelte. Die Dissoziation, die sein Leben durchbohrte. Das Gefühl zu ertrinken, keine Luft mehr zu bekommen. Der Boden, der unter seinen Füßen weggezogen wurde, ihn im freien Fall zurückließ. Die Panik vor dem Aufprall. Die Angst vor dem Tod. Die Furcht vor dem Leben. Die Ausweglosigkeit, für die er keine Lösung hatte. Die Schwere, die auf seine Brust drückte. Eine unsichtbare Last, die er nicht ablegen konnte. Er wusste nicht, wie lange er das noch ertragen konnte, doch umso mehr fürchtete er sich davor, was danach kommen würde. Wenn das fragile Gebilde, was er gerade noch darstellte zusammenbrach, was dann? Was kam dann noch?

    Antoinette hatte in ihren Ausführungen bisher durchaus Recht behalten und am Ende doch nur an der Oberfläche gekratzt. Obwohl er es nicht einsehen wollte, dünkte ihm langsam, wie dieser Klimbim tatsächlich beim Reflektieren unterstützen konnte. Doch wollte er das überhaupt? Bisher war nichts dabei gewesen, was ihn in irgendeiner Art und Weise geholfen hätte. Sie nannte ihn nur das, was er auch schon selbst wusste und führte ihn dabei sein eigenes Leid ganz wunderbar vor Augen. Das musste er sich echt nicht geben, gleichzeitig fragte er sich unwillkürlich was die letzten beiden Karten für ihn bereit halten mochten.

    „Nimm einen Schluck Tee.“, bat sie ihn plötzlich. Er seufzte, tat ihr den Gefallen jedoch. Obwohl das Getränk nur noch lauwarm war, fühlte es sich gut an. Er hatte in letzter Zeit mehr auf Kaffee als auf Tee zurück gegriffen und vergessen, welch wohltuende Wirkung die heißen Kräuter haben konnten.

    „Kann ich die Zukunft denn noch ändern?“, fragte er sie schließlich in leisem Tonfall. 'Ach, ich dachte du glaubst sowieso nicht daran?' Um ihre Mundwinkel zuckte es kurz, ehe sie zur Antwort ansetzte.

    „Immer.“, sagte sie, „Aber ich war auch noch gar nicht fertig.“

    Irritiert sah er zu ihr auf. Antoinette hatte die Karte nun in ihre Hände genommen und hielt sie vor ihm hoch.

    „Wenn man sich den bisherigen Weg so ansieht, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass du dich erst einmal weiterhin in deinen negativen Emotionen verlierst. Die Karte ist wie eine gebeutelte Person, die täglich in die Bar geht um sich seine Sorgen weg zu trinken. Sie vermisst eine Vergangenheit, die nicht wiederhergestellt werden kann und bereut Fehler, die nicht rückgängig gemacht werden können. Aber.“ Antoinette hielt kurz inne um die Karte wieder auf ihren angestammten Platz zurück zu legen, „Sie zeigt auch Möglichkeiten auf. Nimm dir die Zeit die du brauchst, nimm dich deiner Gefühle an, aber lass dich nicht von ihnen hinweg schwemmen. Der Grad ist schmal, aber wenn du bereit bist, hilft dir die Karte auf deinem neuen Weg und-,“ Sie zögerte kurz, nicht sicher, ob sie fortfahren sollte. „Ein Rat, den die Karte dir geben kann lautet Vergebung.“

    Damit beendete sie das Blatt der Zukunft und zum ersten Mal an diesem Abend, war Cedric nicht feindselig sondern nachdenklich über ihre Worte gestimmt. Vergebung?


    Am liebsten hätte Antoinette einmal tief durchgeatmet. Die Spannung in diesem Raum ließ sich förmlich schneiden. Es war offensichtlich, dass Cedric gewisse Aspekte überhaupt nicht konfrontieren wollte, aber darin steckte palpabel ein Teil des Problems. Gleichzeitig wuchs auch die Besorgnis in ihr. Antoinette war ein mitfühlender Mensch, da war es ganz gleich wie gut sie diesen jungen Mann nun kannte oder nicht. Was hatte er damit gemeint, als er sagte 'Ich will, dass es aufhört?' Was aufhören? Doch nicht etwa-

    „Was kommt als nächstes?“ Antoinette sah auf, er hatte ihren Gedanken unterbrochen. Sie hörte die Erschöpfung aus seiner Stimme, so, als hätte er schon gar keine Kraft mehr sich gegen sie oder das Schicksal in den Karten zu behaupten. Hatte er aufgegeben? Es kam nicht selten vor, dass die Deutung von Tarot intensive Emotionen auslöste. Menschen waren verwirrt, uneinsichtig, fröhlich oder neigten zu Tränen, das kam ganz darauf an. Bei ihm hatte sie Wut vernommen, so, als wäre er tatsächlich aufgebracht über das, was ihm widerfuhr – was auch immer das war. Wie die Acht Schwerter indizierten, richtete sich seine Bitterkeit sicher auch an sein Umfeld oder eine höhere Macht, auch wenn er nicht aktiv daran glaubte. Nichtsdestotrotz hatte sich sein Zorn gedämpft angefühlt, so, als verlangte ein Teil von ihm jetzt wütend zu sein, ein anderer hatte sich jedoch längst damit abgefunden.

    „Der Grund.“, erklärte sie und griff langsam nach der vierten Karte, wobei sie für einen Moment inne hielt. Der Grund. Etwas in ihr fürchtete sich vor dieser Offenbarung. Sie wendete das Blatt.

    Ein Turm?“ Diesmal kam er ihr bei der Betitelung zuvor. Antoinette atmete kontrolliert aus. Sie hatte sich schon gefragt, wann eine Karte des Großen Arkana auftauchen würde. Aber warum musste es ausgerechnet der Turm sein?

    „Lass mich raten, das ist keine gute Karte?“ Obwohl seine Aussage wohl scherzhaft oder zumindest zynisch gemeint sein sollte, hörte sie nichts davon raus. Nicht mehr.

    „Zugegeben, niemand möchte den Turm in einer Lesung sehen.“, räumte Antoinette ein. „Das Gute hier ist jedoch, es ist nicht deine Zukunftskarte.“ Das war ihr ernst. Wer den Turm vor sich hatte, musste üblicherweise mit einem unheilvollen Event rechnen, Chaos, einer plötzlichen Veränderung.

    „Etwas sagt mir, dass du dir der Auswirkungen bereits bewusst bist?“ Die Frage klang zaghaft. Cedric schwieg für den Moment, nahm jedoch das Blatt in die Hand. Für einen Moment kam ihr der Gedanke, dass er der Turm war, was natürlich kompletter Nonsens war.

    „Sag trotzdem.“, bat er sie und allein das er unaufgefordert um eine detailliertere Aufforderung fragte, ließ sie aufhorchen.

    „Zerstörung. Das Unerwartete. Es handelt zum Beispiel von dem Tod eines Geliebten, schwere gesundheitliche Probleme, eine Wahrheit die ans Licht kam oder sonst ein Ereignis, das dein Fundament bis auf deine Wurzeln hin erschüttert.“ Veränderung war in der Regel etwas Gutes, etwas Wünschenswertes, wenn sie jedoch in Kombination mit dem Turm kam, stand eine raue Zeit bevor. Aber in seinem Fall hatte er diese schon hinter sich, oder? Ein derartiges Vorkommnis trat gerne dann ein, wenn man sich gerade wohl und sicher fühlte. Er hatte sein Leben auf falsche Annahmen, Unwahrheiten und Illusionen aufgebaut und dieses Gebilde war wohl an einem Punkt seines Lebens zusammen gefallen. Dennoch fragte sich Antoinette, ob er die Erneuerung seiner Grundmauern nicht wieder auf einem Lügengebilde gebaut hatte – und wenn es Lügen waren, die er sich selbst erzählte. Auch wenn die Grundkarte in der Regel Vergangenheit und Gegenwart erklärte, könnte sie nicht ebenso ein Indikator für seine Zukunft sein? Das war reine Spekulation, aber Tarot war nunmal auch eine Angelegenheit in der die Intuition eine große Rolle spielte.

    „Bei einem Turm fragt man sich nicht selten, wem oder was man noch trauen kann und was nicht.“, fügte sie hinzu. Danach ging man häufig gestärkt aus dem Ereignis hervor. Getreu dem Motto 'Was mich nicht umbringt, macht mich stärker' – nur dass das, was einen nicht umbringt, einen ebenso gebrochen zurück lassen kann. War dies bei ihm der Fall gewesen?

    Er seufzte. „Eine fehlt noch.“

    Sie nickte. „Noch eine.“


    Die letzte Karte. An dieser Stelle fragte sich Cedric wirklich, was noch kommen mochte. Obwohl sie die Erklärung gerade eher kurz gehalten hatte, war es dennoch so, dass dieses Blatt am meisten mit ihm resoniert hatte. Warum war das so? Weil es die meisten Wahrheiten für ihn parat hatte? Die Darstellung war grotesk. Der Blitz, der in den Turm einschlug, ihn in Flammen setzte und die Person, die von seiner Spitze fiel. Kein Wunder war diese Karte gefürchtet.

    Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie Antoinette bereits nach der letzten Karte griff – und sie ihm vorenthielt. Cedric warf ihr einen irritierten Blick zu. Was sollte das? Sie schien das in voller Absicht zu machen, doch sollte ihre Mimik ihr für einen Moment entfallen sein, so war es ihm entgangen. Dennoch wirkte sie ein wenig unruhig.

    „Diese Karte darfst du auf keinen Fall missverstehen.“, sagte sie mit einer ungewohnten Intensität, ihre Stimme blieb jedoch weiterhin klar. „Keine voreilige Fehldeutung, ehe du mir nicht zugehörst hast, bien?“

    Ein bisschen an der Melodramatik schrauben, oder wie? Cedric gab ihr mit einer Handbewegung das Zeichen, dass er verstanden hatte. Bringen wir es hinter uns. Zögerlich legte sie das Blatt vor ihm auf den Tisch, zurück auf seinen angestammten Platz. Die römische Dreizehn. Kurz musste er an eine seltsame Begegnung denken, die er vor einer ganzen Weile gehabt hatte, doch er verstand den Zusammenhang nicht. So verließ ihn der Gedanke ebenso schnell, wie er gekommen war.

    Das XIII war ebenso deutlich zu lesen wie die Buchstaben darunter. Death. Er hatte den Tod gezogen. Am liebsten hätte er kurz aufgelacht, doch der Ton blieb ihm im Halse stecken. Das war ja wohl ein schlechter Scherz. Was sollte das sein, dieses Theater? Ein Schauspiel ihrerseits? Besaß sie wirklich einen derart makaberen Humor?

    „Das ist eine gute Karte.“, wollte sie ihn sofort das Wind aus den Segeln nehmen.

    „Oh, ja sicher.“, entgegnete er und spätestens jetzt kehrte der Zynismus zu ihm zurück.

    „Sie steht für dein Potenzial!“ Jetzt klang ihre Stimme tatsächlich ein wenig schrill.

    „Was für ein Potenzial denn? Mein Potenzial zu sterben?“ Er war wieder lauter geworden, aber wehe dem, wer könnte es ihm verdenken?

    „Ich hab dir gesagt, du sollst nicht voreilig auf falsche Schlüsse kommen. Mon Dieu, hörst du immer nur das, was du hören willst?“ Sie war aufgebracht. Weniger wegen der Karte, sondern vielmehr wegen ihm, soviel stand fest. Ihre Zurechtweisung klang wie die einer Mutter zu einem störrischen Kind und dieser Fakt störte ihn massivst. Wer glaubte sie denn bitte, wer sie war? Kurz fragte sich Cedric, ob sie eigentlich jünger oder älter war als er selbst, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Unwichtig.

    „Schön.“, begann er, „Bitte. Korrigier mich.“

    „Der Tod.“, setzte sie zu Wort an und obwohl sie es verbergen wollte, hörte er einen Hauch von Unsicherheit heraus, „Steht für das Ende von etwas. Nicht dein Leben, bei aller Liebe nein. Eine Phase, etwas geht zu Ende, etwas Anderes beginnt. Altes raus, Neues rein. Im Gegensatz zum Turm-,“ Sie tippte kurz auf die besagte Karte, „Welcher drastische, unerwartete Veränderung mit sich bringt, ist die Wandlung beim Tod eine sanfte über Zeit. Die Möglichkeit hast du, aber du musst sie auch ergreifen.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr. „Du musst die Vergangenheit hinter dir lassen, damit sie ein Ende findet. Wer den Tod verweigert, dem stehen-,“ Sie schien nach dem richtigen Wort zu suchen, „Also, ein Schaden ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.“

    Dem stehen unsägliche Qualen und Leid bevor? Hatte sie das sagen wollen? Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Ironischerweise wirkte der Tod tatsächlich wie die positivste Karte auf diesem Tisch – wie war das möglich? Welchen Hinweis sollte ihm das geben? Und – was sollte das Gerede über 'die Vergangenheit hinter sich lassen'? Ich kann nicht. Das hatte er noch nie gekonnt. Hatte sich dieser Tatbestand nicht gerade nochmal so vor ihm manifestiert. Wenn er das aufgab, was blieb dann noch von ihm übrig?

    „Die sanfte Stille des Todes nimmt all deinen Kummer, all deinen Schmerz, verwandelt ihn und gibt ihn an dich zurück in Form von Liebe.“ Cedric sah irritiert zu der Dame ihm gegenüber auf. Ah. Antoinette hatte vorgelesen und packte das kleine Büchlein nun wieder an die Seite. Eine Welle des Schweigens breitete sich über dem Tisch aus.

    „Cedric, ich-,“ Sie brach ab, wusste offenbar nicht, was sie sagen sollte. Oder konnte. Aber da gab es nichts. Genau genommen, hatte sie schon genug gesagt. Mehr als er je hatte hören wollen. Doch ebenso musste er zugeben, dass ihn nichts davon wirklich überraschte. Oder hatte er ganz einfach auch dieses Gefühl verloren? Das Unheil, welches er stets als wabernden Rauch wahrgenommen hatte, schien sich nun jedoch manifestiert zu haben. So, als wäre ein klares Ende langsam in Sichtweite gekommen. Doch wohin dieser Weg führte, sah er noch nicht.

    „Ich sollte gehen.“, sagte er.

    „Ist alles in Ordnung? Du musst wissen, Tarot-,“ Er ließ sie nicht ausreden.

    „Mir geht’s gut.“ Die Antwort kam wie einstudiert – und das war sie auch, seit langem. „Danke für den Tee.“ Den Tee, den er schlussendlich kaum angerührt hatte. Cedric stand auf. Antoinette tat es ihm gleich, obwohl der Unterschied zwischen ihrer sitzenden und stehenden Person größentechnisch kaum der Rede wert war. Dafür war sie dennoch relativ schnell bei ihm und... zog ihn in die Arme? Cedric versteifte sich sofort, so ungewohnt, ja, so derart zuwider war ihm die Umarmung.

    „Gib auf dich Acht, oui?“, flüsterte sie in sein Ohr, ehe sie ihn nach einem kurzen Moment wieder losließ. Daraufhin jedoch drückte sie ihm noch einen Zettel in die Hand.

    „Meine Nummer.“, erklärte sie, „Kauf das nächstes Mal hier ein und schreib, wenn du... willst.“ Ein trauriges Lächeln machte sich auf ihren Lippen breit. Er nickte bloß, ehe er sich zur Ladentür wandte. Dort drehte er sich noch einmal um, ehe er fast schon fluchtartig die Confiserie verließ.


    Antoinette sah ihm eine Weile lang stumm hinterher, ehe sie sich wieder auf den Stuhl sinken ließ. Sie war vollkommen erledigt und wusste noch nicht einmal wieso. Hatte sie diesen Ausgang erwartet? Sicher nicht. Sonst hätte sie nicht gefragt, ihn nicht gedrängt. Aber womöglich war genau das ihre vom Schicksal auferlegte Aufgabe für heute gewesen? Sie nahm ihre Tasse kalten Tee in die Hand. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Fest stand nur, es war nun geschehen. Und sie machte sich Sorgen. Sie hatte selten so viele eher negativ behaftete Karten auf einer Hand gehabt. Natürlich ließ sich aus jedem Blatt auch etwas positives ziehen. Aber die Veränderungen von Turm und Tod? Sicher, der Zusammenhang war ganz unterschiedlicher Natur, nichtsdestotrotz fand sie diese beiden Karten miteinander als ungewöhnlich. Sie seufzte. Vielleicht sollte sie Nick schreiben? Die beiden waren doch gut befreundet, oder? Sie konnte ihm nicht verraten, was sie erfahren hatte – für sie war eine Lesung wie die Sitzung in einem Beichtstuhl. Geheim. - aber vielleicht konnte er ein wenig die Augen offen halten? Oder war das zu viel verlangt, mischte sie sich womöglich in Dinge ein, die sie gar nichts angingen? Einer Eingebung folgend, zog sie die oberste Karte aus ihrem Deck. Zurückhaltung oder Eingreifen? Sie schmunzelte ein wenig bei der Antwort und richtete sich schließlich auf. Zeit, den Tee weg zu räumen und nach Hause zu gehen.

    [Antoinette] & [Cedric]

    und wir ignorieren einfach den Fakt, dass Antoinette gerade busy ist und kreieren ein kleines Zeitparadoxon für zwei kleine Pöstlein, danach kehrt sie natürlich brav in ihre Timeline zu Wayne zurück.


    Cedric war aus genau einem Grund hierher gekommen – Einkauf. Der Aufenthalt im Krankenhaus war ein Desaster gewesen, zumindest für ihn. Seine Gedanken ließen sich in keine Ordnung pressen, sie wirbelten in seinem Kopf herum und verursachten Chaos. Wie immer also. Also tat er das, was er in letzter Zeit so gerne tat: alles ganz weit von sich weg schieben. Wie lange noch, bis ihn das einholen würde? Wie ein Bumerang, den man vergessen, der aber früher oder später ausweglos zu ihm zurückfinden würde. Mit voller Wucht.

    Er verspürte keinen Hunger. Nachdem er allerdings im Restaurant mit Alice schon nichts gegessen hatte, wollte er zumindest noch etwas einkaufen, bevor er in das Wohnheim zurückkehrte. Nur für den Fall der Fälle – und weil ihm dort sicher die Decke auf den Kopf fallen würde. Es war schon seltsam, befand er sich zu Hause, kostete es ihn alle Kraft der Welt um sein Zimmer zu verlassen, obwohl er auch dort nicht wirklich sein wollte. Aber gab es überhaupt noch einen Ort, an dem es sich aushalten ließe?

    „Cedric...?“ Überrascht sah er auf. Er konnte die Stimme zuerst nicht richtig zuordnen und trotz des auffälligen Kleides in dem die Person steckte, brauchte es einen Moment bis der Groschen fiel. War sie nicht auf der Hausparty gewesen, die Nick und Alice – der Gedanke an beide versetzte ihm einen kurzem Stich im Herzen – für ihn veranstaltet hatten, zur Feier seiner Genesung? 'Wunden des Teufels heilen nicht.' Tatsächlich wirkte die Erinnerung gerade wie aus einem anderen Leben. Wie war noch gleich ihr Name...?

    „Antoinette, richtig?“

    Mittlerweile war sie zu ihm heran getreten, ein leichtes Lächeln auf dem Lippen. Puh, er wusste also noch wer sie war! Sie war sich ja selbst bis zum Schluss nicht ganz sicher gewesen. Aber nachdem er ein Freund von Nick und Alex war und sie sich fest vorgenommen hatte, etwas offener zu sein, hatte sie die Gelegenheit einfach beim Schopfe gepackt! Trotzdem verspürte sie ein wenig Unsicherheit. Obwohl sie stets versuchte sich selbstbewusst zu geben, zweifelte sie im Inneren ständig an sich, gepaart mit der Sorge, anderen auf die Nerven zu gehen. Sie wollte ihn schon mit der altbewährten Eingangsfrage 'Wie geht’s dir?' oder 'Was treibt dich her?' bestürmen – denn wie sonst fing man ein Gespräch an mit jemanden, den man kaum kannte? - als sie ihn sein Gesicht sah. Die Antwort auf die unausgesprochene Frage lag auf der Hand. Sein Blick wirkte gehetzt, so, als wäre er vor etwas auf der Flucht. Gleichzeitig lag eine tiefe Melancholie in seinen Augen, die ihr seltsam vertraut vorkam. Vielleicht war das der Grund, warum sie nicht sofort wieder von dannen zog, obwohl sein Unwohlsein spürbar war. Ein 'Schön dich gesehen zu haben, aber ich muss weiter' hätte gereicht. Aber sie tat es nicht. Er würde sich schon empfehlen, wenn es ihm zu viel würde und sie daraufhin, wie so oft, bekümmert nach Hause gehen mit dem Bewusstsein, erneut in sozialer Konversation versagt zu haben. Achja. Langsam gewöhnte sie sich daran.

    Oui. Hast du gegebenenfalls etwas Zeit zu entbehren?“ Es war bereits spät, die meisten Läden hatten schon geschlossen, nur die Supermärkte hatten noch offen. Außerdem war es unter der Woche. Alles in allem gute Voraussetzungen keine Absage zu kassieren, wenn da nicht die erdrückende Gemütslage wäre, die er ganz offensichtlich mit sich herum schleppte.

    „Also... eigentlich...“ Er wollte nicht. Sacrément. Das kam zwar nun nicht wirklich überraschend – wer war sie schon? - dennoch unterbrach Antoinette ihn, bevor das irreversible Nein an ihre Ohren gelangte.

    „Du musst nicht! Mon Dieu, fühl dich auf keinen Fall genötigt, bien? Ich dachte nur, falls es dir zufällig genehm ist und du etwas Zerstreuung suchst...“ Ups. Das war ein wenig direkter gewesen, als es in ihrer Absicht gelegen hatte. Er sah ein wenig verwirrt aus, ehe sich schließlich die Skepsis in seiner Miene abbildete.

    „Worum geht es?“

    Antoinette legte die Fingerspitzen aneinander und führte sie leicht vor die Brust, während ein weiteres Lächeln sich auf ihrem zarten Gesicht widerspiegelte. Das war schon kein klares Nein mehr. Ob sie ihn überreden konnte? Dann würde sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Cedric sah tatsächlich so aus, als könnte ein wenig Ablenkung ihm gut tun. Dennoch machte sich die Nervosität erneut in ihrer Magengegend breit – sich mit neuen Leuten auseinander zu setzen, war für sie immer wie ein Weg auf Messer's Schneide! Rester positif! Positiv bleiben.

    „Mein Laden ist gleich um die Ecke, dann erzähl ich's dir.“ Zu viel des Guten? Sie hatte diese Reihenfolge gewählt, weil die Wahrscheinlichkeit, dass er jetzt abhaute wahrlich größer war, als wenn er sich schon in ihrer Confiserie befand. Dennoch spürte sie seinen Widerwillen deutlich. Sein Gesicht drückte Misstrauen aus, gepaart mit einer generellen Abneigung, die alles andere als aufbauend auf sie wirkte. Trotzdem fragte sie sich insgeheim, was ihn hatte so werden lassen.

    Ne t'inquiète pas – Keine Sorge, du kannst jeder Zeit gehen und ich werde dich schon nicht zum Abwasch verdonnern.“ Zu etwas Schlimmeren als das war die kleine Dame nun auch wirklich nicht in der Lage. Sie fragte sich, wie sie wohl auf ihn wirkte. Da überfiel ihn eine winzige Frau mit blauen Haaren und einem ausfallenden Kleid mit ausländischem Akzent (den sie weitgehenst abgelehnt hatte, d'accord?) und schleifte ihn Hals über Kopf in ihr Geschäft. Es war wohl zu ihrem Vorteil, dass sie alles andere als gefährlich aussah, welches ihn dazu brachte einzuwilligen. Ob es nun Mitleid war, reine Höflichkeit oder er einfach nicht mehr in der Lage war den inneren Widerstand weiter aufrecht zu halten, würde sie wohl nie erfahren. Mit einem theatralischem Seufzen und einem 'Na schön' folgte er ihr schließlich.

    „Du führst den Laden ganz alleine?“, fragte er nachdem sie ihre Confiserie betreten hatten. Sein Blick wich langsam durch die vollen Regale. Der Laden war klein, aber sie steckte all ihre Liebe hinein.

    „Hmm, ja. Ich habe noch eine Mitarbeiterin und bezahle eine Reinigungskraft.“, erwiderte sie und strich sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr. Wo hatte sie es nur hingelegt...? Der Grund warum sie nach Ladenschluss überhaupt noch einmal zurück zum Plaza gekommen war. Heute in der Mittagspause erst abgeholt und schon hier vergessen. Aber vielleicht hatte es ja so kommen sollen, denn sonst wäre sie Cedric nicht begegnet. Wer weiß, möglicherweise könnte er ein wenig fremde Gesellschaft wirklich gebrauchen. Oder gar einen Rat? Nicht von ihr, nein, so viel maßte Antoinette sich sicher nicht an, immerhin kannte sie ihn ja kaum. Aber womöglich...?

    „Tarot?“, las er vor, als sie ihm ihr zweites, neues Deck vor die Augen hielt. Da war es wieder: Der Argwohn, die Bedenken, die Ablehnung in seinem Gesicht. Aber da war noch etwas. Ein Ausdruck purer Erschöpfung, als fehlte es ihm ganz einfach an Kraft dazu, Widerspruch einzulegen. Was hatte diesen jungen Mann so müde, ja, regelrecht des Lebens müde, gemacht? Ihr Herz wurde schwer bei seinem Anblick, doch Mitgefühl würde keinem von ihnen helfen. Antoinette wollte ihn wahrlich zu nichts drängen, doch gleichzeitig glaubte sie wirklich ein Blick in die Karten könnte hilfreich sein. Auch wenn sie noch nicht die geübteste Legerin war.

    Oui, ich habe das Deck heute bekommen und würde es gerne einweihen.“, erklärte sie und ärgerte sich, dass ihre Stimme dabei so unsicher klang. Womöglich war das in Wirklichkeit eine ganz, ganz blöde Idee?

    „Antoinette, tut mir leid, aber ich kann mit Esoterik und--“, er schien nach dem passenden Wort zu suchen, „Hokuspokus echt nichts anfangen.“ Er sah gequält zu ihr her.

    Pas de probléme.“ Kein Problem. Oh, warum musste ihre Stimme nur so hoch klingen? „Es war nur eine Idee. Entschuldige, dass ich dich herbemüht habe.“ Lies sie ihn jetzt wirklich gehen? Aber was sollte sie auch sonst machen? Er nickte nur, in Ermangelung weiterer Worte. Antoinette sah ein wenig traurig auf das Deck in ihrer Hand, behielt jedoch ihre Contenance. Es war ja nicht so, als hätte sie seine Zurückweisung wirklich überrascht. Und sie war ja so oder so auf dem Weg hierher gewesen. Gerade als sie sich abwenden wollte, bemerkte sie, dass er sich im Türrahmen noch einmal zu ihr umgedreht hatte.

    „Glaubst du wirklich daran?“ Seine Stimme war so leise, dass sie ihn fast nicht gehört hätte.

    Oh.

    Sie war nicht minder erstaunt, dass er noch einmal innegehalten hatte. Genauso war der kleinen Dame bewusst, dass sie jetzt nichts Falsches sagen durfte, ansonsten würde er mit einem Kopfschütteln verschwinden.

    „Es ist weniger eine Glaubensfrage.“, begann sie langsam, „Sonden eher eine Art, hm, Ratgeber?“ Er runzelte die Stirn, woraufhin sie schnell fortfuhr: „Also, ich verwende sie gerne zur Selbstreflexion. Sie können eine Warnung oder einfach nur einen Stups in die richtige Richtung geben. Es ist von der Frage abhängig.“

    Sie war sich unschlüssig, ob ihre kurze Erklärung Früchte trug und auch er schien nach wie vor Zweifel zu haben. Das 'Hokuspokus' in seinem Kopf konnte sie förmlich bis hierher hören. Dabei war es das ganz und gar nicht! War Tarot nicht viel eher ein Mittel zum Verständnis? Antoinette nahm einen tiefen Atemzug, ehe sie ihm einen Vorschlag unterbreitete.

    „Weißt du was? Ich werde jetzt erstmal eine schöne Kanne Tee aufsetzen und mich an meinen eigenen Waren bedienen. Setz dich ruhig. In der Zwischenzeit kannst du gehen, wenn du möchtest – ich bin auch wirklich nicht böse! - oder, falls du willst, überleg dir eine Frage.“

    Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Antoinette – samt dem Klock, Klock ihrer hohen Schuhe – in die Küche. Wie gut, dass sie vor nicht allzu langer Zeit einen kleinen Tisch samt zwei Stühlen in ihrem Laden platziert hatte. Sie führte kein Café – oh nein! - doch für so manche Kunden die warteten, eine Pause brauchten oder gleich kiloweise einkauften war das nur allzu praktisch. Während sie leise vor sich hinsummte, setzte sie heißes Wasser auf und suchte nach einer schönen Kräuterteemischung. Das Geschirr welches sie da hatte war dazu passend wunderbar blumig, wie das einer alten Großmutter. Aber sie mochte es. Die kleine Dame suchte noch ein paar Kekse zusammen, strich ihre Röcke zurecht und machte sich nach einigen Minuten zurück in den Hauptraum. Ein wenig fürchtete sie schon, er wäre verschwunden – ihre Enttäuschung hätte sie dann wohl nicht mehr verbergen können, auch wenn er ihr wahrlich nichts schuldig war. Doch tatsächlich, nicht minder zu ihrer eigenen Überraschung, saß er da und blickte grüblerisch aus dem Fenster. Cedric. Welche Last nur schleppte er mit sich herum, dass es die Schultern so nach unten drückte und den Kopf so sehr hängen ließ?

    „Und? Entschieden?“, fragte sie sanft, während sie zwei Teetassen mit einem leisen Klirren abstellte und ihnen eingoss. Cedric hingegen zuckte nur mit den Schultern.

    „Meinetwegen.“ Ein Seufzen untermalte den sicher vorhandenen Enthusiasmus.

    Na, das war doch immerhin etwas. Antoinette studierte sorgsam seinen Blick, doch es war ihr unmöglich zu erraten, welche Gedanken sich hinter diesem dunklen Blau abspielten.

    „Freut mich.“ Damit hob sie kurz ihr Kleid ein wenig an, um sich leichter ihm gegenüber setzen zu können. Manchmal war der viele Stoff leider auch unpraktisch.

    „Also, wie funktioniert das nun? Du erzählst mir von meiner glorreichen Zukunft oder sagst mir, was ich hören will?“ Oh, der Sarkasmus in seiner Stimme war nun unverkennbar. So dagegen wie er eingestellt war, könnte sich die Lesung als schwierig entpuppen. Oje. Nicht verzagen!

    Non.“, entgegnete sie bestimmt, „Wie gesagt. Nimm es als Anmerkung, Mahnung oder Inspiration. Oftmals helfen sie auch, ein klareres Bild von der Vergangenheit oder Gegenwart zu bekommen, noch weit intensiver, als das was vor uns liegt.“ Das brachte ihn offenbar zum verstummen, denn er erwiderte nichts auf ihre kleine Ansage.

    „Hast du dir eine Frage überlegt?“, erkundigte sie sich daher, wieder weitaus zugänglicher.

    „Ich wüsste nicht, was ich fragen soll.“, erwiderte er sachlich. Antoinette hob kritisch die Augenbrauen, was ihn einkehren ließ. „Beziehungsweise... ich weiß nicht wo ich anfangen soll.“

    Antoinette wartete einen Moment, ob noch etwas kam, bevor sie einige Vorlage kund gab.

    „Im Grunde ist alles möglich. Von 'Betrügt mich meine Freundin?' bis hin zu 'Was hat das Universum im Moment mit mir vor?'. Es gibt keine Grenzen, außer die, die wir uns selbst setzen. Die Intention ist wichtig.“

    Hatte sie ihn schon wieder verloren? Nur gut, dass sie nicht das Beispiel 'Wohin soll meine Energie heute fließen' gebracht hatte. Etwas sagte ihr, dass das Thema Energieströme und der Ansatz, dass alles miteinander verbunden ist, zu abstrakt für den Rationalisten ihr gegenüber war.

    Er schwieg eine ganze Weile lang. Überlegte er? Oder verfluchte er sich dafür, sich auf sie eingelassen zu haben? Doch sie wusste aus Erfahrung, das selbst das Suchen einer geeigneten Frage bereits zur Herausforderung werden konnte.

    „Was... passiert hier?“ Seine Stimme klang brüchig. Antoinette sah überrascht zu ihm, wollte seinem Blick entgegnen, doch er hatte sich abgewandt und sah nun aus dem Fenster. „Ich meine... ich habe das Gefühl die ganze Welt gerät aus den Fugen und-,“ Cedric presste die Lippen aufeinander, ehe er fortfuhr, „-als gehöre ich nicht hierher. Ich weiß es nicht. Was muss ich tun, damit es-,“ Er stockte noch einmal, korrigierte sich offenbar, „damit ich nach vorne blicken kann?“

    Eins stand fest: Die Worte stimmten nicht. Nicht, dass ihr vorübergehender Gast log, nein ganz und gar nicht. Die Offenheit war da, sie war nur nicht vollkommen. Die Worte stimmten nicht und der Grund war aller Wahrscheinlichkeit nach, dass er sich – was auch immer ihn beschäftigte – selbst noch nicht ganz eingestehen konnte. Oder er versuchte es zu vermeiden, nicht vor ihr, nicht zwingend, sondern vielmehr vor sich selbst. Das war ein Problem. Aber die Karten konnten helfen, Klärung zu bringen, die Perspektive zu verschieben, die Sicht zu öffnen. Dennoch fragte sich Antoinette zum ersten Mal an diesem Abend ob sie dieser Aufgabe, dieser Frage, gewachsen sein würde.

    „Okay.“, hauchte sie, nachdem sie eine Weile stumm geblieben war. Das war zwar nun nicht unbedingt ein klares Gesuch zum arbeiten, aber sie hoffte es würde dennoch nicht zu kompliziert werden. Der Tee blieb nach wie vor unangetastet. Antoinette mischte die Karten – dadurch, dass sie neu waren noch sorgfältiger als sonst – ehe sie ihm den Stapel hinlegte, damit er abheben und daraufhin fünf Karten ziehen konnte. Sie bedeutete ihm auch, in welchem Muster und Reihenfolge er sie vor sich platzieren sollte, ehe sie das Deck zurücknahm. Immerhin kamen nun keine sarkastischen Kommentare mehr, sie war auch so schon ein klein wenig angespannt.

    Die Karten waren in einem Kreuz angeordnet.

    Antoinette nahm nochmal einen tiefen Atemzug, bevor sie Anfing die Position der Karten, die noch immer verdeckt vor ihnen lagen, zu erklären.

    „Die Karte in der Mitte repräsentiert deine Gegenwart.“, begann sie und deutete auf das besagte Zentrum, „Oder zumindest, den generellen Rahmen in dem wir uns befinden. Links davon.“ Sie wanderte mit dem Finger weiter, „Beschreibt ein Vorkommen in der Vergangenheit, die noch immer Einfluss auf dein jetziges und künftiges Leben hat.“ Die dritte Karte lag rechts von der Mitte. „Hier wird deine Zukunft offen gelegt.“ Bei dieser Aussage sah sie kurz zu ihm auf, immerhin war genau das der Punkt, den er zuvor herabgewürdigt hatte. Doch seine Miene war eisern, sie konnte rein gar nichts daraus deuten. Also senkte sie den Blick wieder auf das Tarot vor sich. „Unterhalb der Gegenwart erkennen wir den Grund. Es kann eine Auflösung zu deiner Frage sein oder eine Verbindung zu deiner Vergangenheit ausweisen.“ Noch immer schwieg ihr Gast, weswegen sie schnell zu Ende erklärte. „Die Karte oben.“ Sie tippte kurz auf das verdeckte Blatt. „Zeigt dein Potenzial in der Situation auf. Etwa eine Möglichkeit, derer du dir bewusst werden kannst.“ Sie endete und sah darauf hin wieder zu ihm auf. „Das war es, was ich meinte mit, Tarot kann dir einen Hinweis geben und dabei helfen, das innere Chaos etwas zu entwirren.“

    Da blitzte es wieder in seinen Augen auf: Der Misstrauen. Sie hatte ihn offenbar noch immer nicht ganz überzeugt.

    „Das mag ja schön und gut sein, wie du das sagst, aber dahinter steckt einfach keinerlei Logik.“, wandte er ein, „Die Karten sind zufällig gemischt, wie soll hier ein Bezug zu mir.. meiner Frage oder was auch immer bestehen? Du könntest vermutlich alles Mögliche hinein interpretieren und die Hälfte hast du wahrscheinlich aus meinem Gesicht abgelesen. Ich glaube nicht, dass--.“

    Sie unterbrach ihn scharf. Zu ihrer eigenen Überraschung wohlgemerkt, aber Antoinette konnte nicht zulassen, dass er sich weiter in Ablehnung hineinredete.

    „Du glaubst nicht. Bien. Das musst du auch nicht. Aber glaube zumindest mir, dass ich mir nicht irgendetwas ausdenke. Das habe ich nämlich nicht nötig.“

    Er schwieg. Sie ebenfalls. Ein wenig konnte sie seine Zweifel ja verstehen, im Grunde sehr gut sogar, aber wenn er Tarot mit seinem analytischen Denken oder was auch immer nicht als möglich ansah, warum nahm er es dann überhaupt so ernst? Er musste ja keine Wissenschaft draus machen. Sie selbst fand es einfach spannend zu sehen und sie zog einiges aus den Karten, was sie einfach gefühlt ein wenig weiter brachte. Schaden konnte es ja nicht, non? Außerdem, Cedric war zumindest kurzweilig offen gewesen, als er seine äußerst schwammige, aber dennoch gültige Frage gestellt hatte. Die kam ja nicht von irgendwoher. Langsam dünkte ihr, ob das nicht vielleicht genau der Grund für seine vehemente Aversion war. Er wollte gar keine Antworten hören, konnte das sein? Ein wenig irritierte sie der Gedanke. Ganz gleich ob er seine Problemlösung nun durch Tarot oder durch den Rat von Freunden oder eine rationale Vorgehensweise anging, doch egal was ihn beschäftigte, er konnte nicht ewig in Stagnation verweilen. Oder fürchtete er sich so sehr davor, voran zu schreiten?

    „Tut mir leid.“ Das Gemurmel ihres Gegenübers ließ Antoinette aus ihren Gedanken aufhorchen. Eine Entschuldigung hatte sie tatsächlich nicht erwartet. Doch ihre Gesichtszüge glätteten sich und Freundlichkeit wie Verständnis breiteten sich stattdessen aus.

    „Schon in Ordnung.“, sagte sie und legte die Fingerspitzen auf die erste Karte. „Bist du bereit?“

    Sein knappes Nicken gab ihr das Zeichen, das Blatt umzudrehen.

    [Marlin] & Yumi



    Milde, doch nicht minder reservierte, Überraschung zeigte sich für einen Moment auf seiner gleichgültigen Miene, als die Frau neben ihm, ihm ein Angebot zur Seelsorge unterbreitete. Wenn er denn noch eine Seele hätte. Und Sorgen hatte er ebenfalls keine - zumindest nicht länger. Mia war keine Sorge für ihn, sie war nur ein nerviges Bündel, welches er nicht loswurde, aber dafür hatte er sich ja bereites einen Plan zurecht gelegt. Sweet resolution. Nichts leichter als das. Nun, zugegeben, der Ärger über seine Ex-was-auch-immer-Beziehung war noch nicht gänzlich verpufft, doch zumindest gut vergraben, also nichts, worüber man sich wirklich Sorgen machen müsste. Dennoch belustigte ihn ihr Angebot - einfach nur daher, weil sie beide wussten, dass es sie überhaupt nicht interessierte. Marlin sparte sich diese Tatsache als Kommentar in Worte zu packen - wozu, wenn sie sich auch wortlos verstanden? Sein amüsiertes Schnauben war Antwort genug. Auffallend war dabei vielmehr die Teilerklärung ihres ach so selbstlosen Angebotes. Sie würde Geld dafür verlangen? Er warf ihr einen weiteren, kurzen Blick zu. Bei dieser Beschreibung dachte er spontan an Prostituierte, Friseur und Seelenklempner. Oder wie sagte man korrekterweise heute? Psychologe. Achja. Davon hielt er nur wenig. Mia könnte allerdings einen gebrauchen, um ihre Besessenheit endlich abzulegen. Dachte er schon wieder über diese Frau nach? Heute war er wirklich unmöglich. Jahrelang hatte er keinen Gedanken an sie verschwendet, doch kaum lief er über den Weg, setzte sie sich in seinem Kopf fest, obwohl er sie längst wieder zum Teufel gejagt hatte. Fuck it. "Vielleicht kann ich mich künftig ja anders erkenntlich zeigen~." Nachdem er stets pleite war, musste man eben sehen wo man blieb. Nicht, dass er das ernst meinte - das tat er nie. Who cares? Für eine Psychostunde müsste er erst einmal jemanden finden, der ihm ebenbürtig war und selbst dann, wer konnte sagen, wer abgefuckter daraus hervorging? Teufel bewahre. Vielleicht war sie ja doch nur angehende Friseurin, dann musste er sich keine Sorgen machen. Obwohl, wenn der Rat von ihr stets lautete, sich in der Bar betrinken zu gehen, würde er sich tatsächlich freiwillig in ihre sicher fürsorgliche Pflege begeben. Sofern der Alkohol inklusive war, verstand sich. Marlin nahm den letzten Zug seiner Zigarette, ehe er den Stummel in die leere Bierflasche stopfte. Dahin, der Rauch. Ein Jammer. Tatsächlich überraschte es ihn ein wenig, dass sie ihm offen antwortete. Aber so war das mit Fremden - sie waren am selben Abend noch vergessen, daher war es scheiß egal was man ihnen erzählte. Von dem Luxus hatte er die letzten Jahre nur allzu oft Gebrauch gemacht. Dennoch enttäuschte ihn die Erwiderung ein wenig. Sie wusste es nicht? Zeigte sich da tatsächlich Unsicherheit in ihrer unnahbaren Fassade? Ihr Auftreten war kühl und reserviert, doch womöglich war ihr Selbstbewusstsein dahingehend nur erkauft? Schade. Er hatte geglaubt, sie würde ihren Wert kennen, doch wenn auch sie nur der Liebe hinterher rannte, hatte er ihre Geschichte schon millionenfach gehört. "Funktioniert auf Dauer nicht.", ließ er sich dennoch noch zu einer lapidaren Antwort herab. Das wusste sie vermutlich selbst, davon ging er nach wie vor aus, doch hatte sie einen Plan B oder hoffte sie einfach, wenn Alkohol schon keine Lösung war, würde es doch die Liebe sein oder sonst irgendein Hokuspokus?

    [Cedric] geht~


    Wann haben wir angefangen uns alle Masken aufzusetzen? (seit Corona) Die Fassade bröckelte, Nick's Lächeln erstarb und seine Mimik wurde düster. Cedric erschrak ein wenig bei der Miene seines besten Freundes. Das war Nick. Nick, der in den miesesten Momenten optimistisch blieb, der sich nicht unterkriegen ließ, der stets alle um ihn herum wieder hochzog, wenn sie gefallen waren. Davon schien gerade nichts mehr übrig zu sein. Oder hatte er nur nie richtig hingesehen? Sich nur stets auf der Gutmütigkeit seines Freundes ausgeruht, nur genommen, nie gegeben? Ich bin das Letzte. Sein Herz krampfte sich zusammen bei dem Anblick den der Schwarzhaarige gerade abgab. Doch damit nicht genug. "Was... sagst du da?" Nicht mehr nur die Fassade bröckelte, nein, die Grundmauern seiner Welt - die doch stets nur auf wackeligen Beinen gestanden waren - bekamen tiefe Risse. Er wollte das nicht hören, gleichzeitig schien es so, als könnte er nicht länger vor der Wahrheit davon laufen. Aus diesem Zimmer gab es keinen Fluchtweg. Wie lange hatte er schon die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen? Seit Jahren. In jeglicher Hinsicht, in allen Aspekten. Vielleicht auch schon sein ganzes Leben lang. Die Abneigung, die Nick ungeschönt zu Tage brachte, löste Entsetzen in ihm aus. Es waren nicht nur die Tatsachen, die er kund tat, die auf groteske Weise Sinn ergaben, sich in ein Puzzle einfügen. Es war vielmehr auch das wutverzerrte Gesicht, welches Ced so noch nie erlebt hatte. Obwohl der Zorn in den blauen Augen nicht weichen wollte, bahnten sich nun auch die Tränen einen Weg über dessen Wangen. Und Cedric? Er sah weg. Wandte den Blick ab, denn er konnte es nicht ertragen, seinen besten Freund so zu sehen. Doch was für ein Freund war er eigentlich? Er sollte Nick aufmuntern, so wie er es immer tat, ihn auf andere Gedanken bringen, Trost spenden, solange, bis sich die Wut und der Kummer wieder ein wenig legten. Am besten noch ein wenig Alkohol herein schmuggeln, denn es stand außer Frage, dass Nick das für ihn tun würde - auch wenn er es gar nicht wollte. Aber oft wusste der Schwarzhaarige sogar besser, was er brauchte. Warum konnte er das umgekehrt also nicht leisten? Cedric schluckte. Die Illusion, die er von seinem Bruder hatte aufrecht erhalten wollen, hatte zwar bereits seit dem letzten Mal angefangen zu zerfallen und ihm war längst klar gewesen, dass es sich nicht wie von Simon behauptet um ein geplantes Kind gehandelt hatte. Dennoch weigerte sich ein Teil von ihm die Aufklärung von Nick als gegeben hin zu nehmen, so, als wollte er schlichtweg nicht einsehen, dass sich die grausame Vorstellung bestätigte. Was machte das dann aus ihm? Eine weitere zerbrochene Beziehung, eine weitere falsche Annahme, der er hinterher gejagt war, ein weiterer Vertrauensbruch, den er bereits vorhergesehen hatte. So kam es, dass Cedric sich auf irrationale Weise selbst ein wenig durch Nick's Worte angegriffen fühlte - immerhin beschuldigte dieser hier gerade seinen vermaledeiten Zwilling. Zu wem sollte er dann halten? Zu seinem besten Freund? Seiner Familie? Ging es tatsächlich soweit, dass Blut dicker als Wasser galt, selbst wenn es von den Wurzeln auf so verdorben war, wie das ihre? Konnte das noch Recht sein? "Das meinst du nicht so.", entgegnete Cedric schwach, ehe seine Stimme brach. Nick klang so entschieden, sah sich so bestätigt in seiner Aussage, dass es unmöglich wirkte, ihn irgendwie umzustimmen. Und wäre das überhaupt richtig? Es traf ihn, denn ganz offensichtlich setzte Nick gerade seine Freundschaft mit Alice aufs Spiel - war es das wert? Wie viel Kampf hatte der Schwarzhaarige da schon hinter sich? Und wenn dem so war, wollte er dann überhaupt noch etwas mit ihm zu tun haben? Er war nicht viel besser als sein Bruder, teilten sie nicht dasselbe Blut, dieselbe verfluchte Zerstörungskraft? Trotzdem wollte er das Ganze irgendwie gerade biegen, auch wenn er weder in der Position dazu war, noch die Kraft dazu hatte. Er wollte Nick schütteln, ihm den Kopf waschen, bis er wieder differenziert eine Überlegung anstellen konnte und schließlich seinen Bruder zur Rede stellen. Aber er konnte nicht. Trotz allem, was Nick je für ihn getan hatte, konnte er es nicht. Sich nicht einmal revanchieren, ja, nicht einmal seinem Blick entgegnen. Er wollte nicht glauben, dass sein bester Freund nichts mehr mit Alice und ihrer Familie - schloss ihn das nicht in gewisser Weise auch mit ein? - zu tun haben wollte, dass er tatsächlich dabei war zu brechen. Er hoffte, dass er die Aussage nur im Eifer des Gefechtes getroffen hatte. Dennoch machte es all die anderen Schilderungen nicht ungeschehen. Cedric konnte nicht länger weg sehen, doch genauso wenig fühlte er sich in der Lage dem etwas entgegen zu setzen. Zu einer anderen Zeit, in einem anderen Universum hätte er es vielleicht gekonnt. Hätte die Stimme erhoben, die Welt ein wenig gerader gerückt. Aber wer war er schon? Oder besser gesagt: Was war er noch? Was war noch von ihm übrig, was ihn ausmachte? Er bekam ja nicht einmal mehr sein eigenes Leben auf die Reihe, wie könnte er da in der Lage sein, andere bei ihrem Kummer zu unterstützen? Der Berg an Problemen, an Sorgen, Nöten, Qualen wirkte schon jetzt so groß, so derart kolossal, so absolut unbezwingbar. Er konnte nicht. Er konnte ganz einfach nicht mehr. Und es war nicht klar, wann es angefangen hatte. Nicht erst seit gestern, nicht erst seit letzter Woche. Aber spielte das überhaupt noch eine Rolle? Er hatte den falschen Weg eingeschlagen, an irgendeiner Stelle, vielleicht hatte es auch nie einen anderen gegeben. Nun befand er sich auf einem Pfad, der ihn nur noch immer weiter abwärts führte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er vor den Höllentoren stand, nicht wahr? "Ich sehe morgen nochmal vorbei.", murmelte er und stand schließlich auf. Er sollte nicht gehen. Er sollte hier bleiben, das tun, was ein verdammter Freund nun einmal zu tun hatte. Er wusste das und trotzdem wirkte die Machtlosigkeit so gewaltig, dass er ganz einfach aufgab. Aufgeben - darin war er gut. Also verließ er den Raum ohne sich noch einmal umzudrehen.

    Ein Teil von ihm wollte nach Alice sehen, falls sie überhaupt noch hier war. Natürlich hatte er sich davor gehütet, dass so zu Nick zu sagen. Vielleicht könnte sie ihm ja etwas zu den Anschuldigen erzählen. Offenbar hatte hinter den passiv aggressiven Kommentaren im Restaurant weitaus mehr Wahrheit gesteckt als angenommen. Vor dem Zimmer saß sie nicht, doch ein kurzer Blick den Gang runter verriet ihren Aufenthaltsort. Sie war nicht alleine. Scheiße. Sie war nicht alleine. Da war die Möglichkeit, die er schon lange hatte ergreifen sollen. Seinen Zwilling zur Rede stellen, fragen was los war, herausfinden, was in seinem verkorksten Kopf (den sie sich offenbar teilten) vorging. Doch Cedric stand nur reglos da. Es gab so viele Fragen, so viele offene Wunden, so viele Geheimnisse - wie sollte er dem entgegen treten? Wo sollte er anfangen? Wie sollte er das noch aushalten? Er sollte Wut verspüren, doch stattdessen war Müdigkeit das Einzige, was ihn gerade ausfüllte. Ihm fehlte die Stärke sich mit seinem Bruder auseinander zu setzen. Vielleicht hatte Cedric aber auch einfach Angst, zu viel herauszufinden - mehr als er verkraften konnte. Wenn er jetzt zu ihnen ging, was würde passieren? Würde er überhaupt ein Wort herausbekommen? Für einen Moment fühlte er sich wie herausgeschnitten aus der Zeit. Nick im Krankenzimmer, Simon und Alice den Flur runter, alles so unerträglich langsam, alles dunkel und kalt. Er war ein unwissender Narr gewesen, niemanden, den man mit einbeziehen konnte. Er war nicht in der Lage, die vielen Bruchstücke wieder zusammen zu fügen und wollten sie überhaupt, dass er sich einmischte? Wohl kaum. Dann hätten sie wohl einfach gefragt. Er war nicht mehr wichtig, die Erkenntnis sickerte langsam zu ihm durch. Sie würden ihn nicht vermissen, niemand würde das. Da konnte er es ihnen und auch sich selbst einfacher machen. Also wandte er sich ab. Machte auf dem Absatz kehrt, drehte ihnen den Rücken zu und verließ leisen Schrittes das Krankenhaus in der anderen Richtung~

    [Marlin] & Yumi



    Marlin zog ein weiteres Mal an der Zigarette. Er spürte bereits wie ihn das Nikotin in seinen Venen entspannte und er zu seiner üblichen Ausgeglichenheit - oder besser gesagt Gleichgültigkeit - zurückkehrte. Die Frau neben ihm hatte wahrlich der Himmel geschickt oder eher, um korrekt zu bleiben: Die Hölle, wenn man bedachte, wo seine Seele längst Platz gefunden hatte. Es war einerlei. Ihm entging nicht, dass sie erneut orderte und er sich offenbar doch noch etwas ausrechnen konnte. Ein wenig amüsierte ihn der Gedanke, immerhin hatte er es nicht darauf angelegt, doch er hatte nichts dagegen einzuwenden. "Das ist klar.", entgegnete er. Was machst du so. Woher kommst du. Wie lange bist du unterwegs. Schlechtes Wetter heute, nicht wahr? Das war reinste Quälerei und ein leider notwendiges Übel, sich damit hin und wieder auseinanderschlagen zu müssen. Manchmal waren die Optionen rar, doch gerade schien er tatsächlich an jemanden geraten zu sein, der - man will nicht sagen menschenfeindlich, doch zumindest jemand der keine unnötige Zeit an Trivialitäten verplempern wollte. Enttäusch mich nicht. "Ich denke, das ist zumindest einmal ein Anfang.", kommentierte er, als der Barkeeper Nachschub brachte und sie ihm tatsächlich einen Shot herüber schob. Alkohol schenkte noch immer eine zufriedenstellende Zerstreuung, nicht wahr? We drink to forget. Zwar nicht sein Motto - vergessen sah er als pathetisch an - doch immerhin Worte, die doch allzu oft seinen Zweck erfüllten. Er beobachtete die distanzierte Blondine für eine Weile, die Mimik, die sich in ihrem Gesicht abspielte, während sie sich mit dem Handy beschäftigte. Es schlussendlich auf den Tresen liegen ließ ohne es aus den Augen zu lassen. Marlin kümmerte die mangelnde Aufmerksamkeit in keinster Weise, im Gegenteil war sie ihm sogar ganz Recht. Er hatte nicht vor allzu lange zu bleiben oder sagen wir: je nachdem, wie lange er noch trinken konnte. Sollte er sich schlecht fühlen, weil er einer armen Studentin auf der Tasche lag ohne sich erkenntlich zu zeigen? In keinster Weise. Mal davon abgesehen, dass er nicht um viel gebeten hatte - bitte, hört hört - besaß dieser Mann schon lange nicht mal mehr annähernd so etwas wie ein Gewissen. Wie sonst hätte er Freundin samt Kind ohne mit der Wimper zu zucken zurück lassen können? 'Als ob es dich wirklich so kalt gelassen hat.' Ach, da war er wieder der Spott. Das letzte bisschen eines Ethos, was ihm geblieben war. Fast musste er lachen und tatsächlich kam ihm ein Glucksen über die Lippen, als seine reizende Barbekanntschaft ihn fragte, für wen die Ablenkung denn sei. "Nun, ich glaube da nehmen wir uns beide nichts.", meinte er und in seinen grünen Augen blitzte es kurz auf. "Wartest du bis er angekrochen kommt oder wirst du schwach?" Marlin machte eine Kopfbewegung in die Richtung ihres vermeintlichen Loverboys. Er hatte keine Ahnung wer von diesen Halbstarken ihr - passt auf - Auserwählter war, das interessierte ihn auch nicht und er musste es auch nicht wissen. Fakt waren nur die verstohlenen Blicke die sie, trotz aller Mühe, nicht verstecken konnte. Ob sie in dieser Bar auch Popcorn servierten?

    [Marlin] & Yumi



    Na, da schien aber wirklich Jemand in Gedanken versunken zu sein. Musste also ernst um sie bestellt sein. Wie auch immer. Zufrieden nahm Marlin die Zigarette an ohne sich dafür erkenntlich zu zeigen. Bitte und Danke waren auch nur überflüssige Floskeln, ein wenig falsche Höflichkeit um sich freundlich zu geben - darauf verzichtete er gerne. Die Welt war schon heuchlerisch genug. Mal gab man, mal nahm man, am Ende glich sich immer alles aus. Who cares? Sie entzündete ihm noch das giftige Genussmittel und beinahe begierig nahm er den ersten Zug. Alkohol für's Blut, Nikotin für die Nerven. Oder so ähnlich. "Stimmt.", bestätigte er ihre lapidare Aussage gemeinhin. Lag da ein Vorwurf in ihrer Stimme? Das hätte ihm schon fast ein Schmunzeln entlockt, wäre er heute nicht so schlechter Laune. Als ob. Er würde sich von dieser Lappalie doch nicht aus der Fassung bringen lassen? Sieht aber ganz danach aus. Nagut, schlechte Laune war trotzdem relativ - ein Sonnenschein war er ja noch nie gewesen. "Habe heute unerwarteten Bedarf.", bemerkte er und nahm einen weiteren Zug. Er hatte kein Problem offen zu reden, wenn ihm danach war. Es war einfach viel leichter, wenn man wusste, dass Fremde auch weiterhin Unbekannte bleiben würden und neue Gesichter nur einige von vielen waren, die schnell wieder verblassen würden. Er musste nur darauf achten, nicht ungewollt fest zu sitzen, das war alles. Was voraussetzte, dass er sie nicht noch einmal traf. Wie Mia wohl reagiert hatte? War sie wie ein Häuflein Elend zusammen geschrumpft? Hatte sie einen Aufruhr im Supermarkt veranstaltet? War sie ihm hinterher gelaufen wie eine Fanatikerin? Fast ein wenig schade, dass er sich das Spektakel nicht hatte ansehen können, aber da gab es nun wirklich keine Option. Wie dem auch sei. Ihm entging nicht, dass sie mit ihren Augen stets auf der Suche war, doch ebenso war das Missfallen in ihrem Blick unverkennbar. "Ablenkung gefällig?" Ein großzügiges Angebot - nicht ganz uneigennützig, so viel war klar. Er hätte sie auch direkt offen legen können, was sich mit ziemlicher Sicherheit in ihrem hübschen Köpfchen abspielte, aber ganz ehrlich gesagt, so genau interessierte ihn das dann auch wieder nicht. Das wäre wohl der Moment gewesen, wo er ihr einen Drink (immerhin neigte dieser sich schon wieder gefährlich dem Ende entgegen) ausgeben sollte, aber - abgesehen davon das er pleite war - war Marlin noch nie der spendable Typ gewesen. Wo kämen wir da auch hin?

    [Marlin] & Yumi



    Mit einer Handbewegung bestellte Marlin das nächste Bier, welches - bedauerlicherweise - gleichzeitig sein Letztes sein musste. Sein Kassensturz hatte nicht mehr hergegeben, dass war der Nachteil, wenn man von der Hand in den Mund lebte. Nicht, dass es ihn bisher Probleme bereitet hatte, er hatte sich noch immer irgendwie durchgeschlagen und würde es auch weiter tun. Dennoch war der Alkohol noch lange nicht genug gewesen, um über die unschöne Begegnung von diesem Tage hinweg zu waschen. Natürlich besaß er einen Notgroschen - er war kein Narr - doch tatsächlich besaß Marlin genug Disziplin um diesen auch tatsächlich nur in den äußerst misslichsten Lagen anzutasten. Obwohl man in dieser Stadt wohl kaum darum fürchten musste ausgeraubt und überfallen zu werden, doch dafür rüttelte das Laster hier an ganz anderen Stellschrauben. Emotionalen. Wie dem auch sei. Gerade als der bestellte Nachschub an ihn gereicht wurde, gesellte sich jemand direkt neben ihn an die Bar. Nun, von Gesellschaft konnte nicht wirklich die Rede sein, denn auch ohne aufzusehen war bereits klar, dass diese Person weder Interesse an belanglosem Geplänkel noch an sonst etwas hatte. Die Antipathie die sie umgab, wirkte durchaus reizend, doch noch viel reizender war das, was sie kurz darauf auspackte. Marlin hatte den Überblick verloren in welchen Ländern ein armer Tropf noch rauchen durfte und in welchen es schnell teuer wurde. Ob erlaubt oder nicht war auch nicht weiter relevant, fest stand nur, seine Nerven fanden den Gedanken einer Zigarette zwischen den Fingern äußerst ansprechend und als perfekte Ergänzung zu dem Alkohol, den er sich nicht länger leisten konnte. Marlin drehte sich leicht in die Richtung der Frau. Attraktiv, keine Frage, ein wenig kaputt, mit Sicherheit. Wie gut, dass er nur auf ihre Drogen aus war. "Was dagegen, wenn ich mich bediene?", fragte er mit einer knappen Geste zu der kleinen Schachtel. Seine Miene bekam einen fast schon leicht interessierten Ausdruck für den Moment. Nicht wegen der Zigaretten, obwohl sich das naheliegend so deuten ließe. Nein, tatsächlich bekam ihre Mimik kurz einen Riss, in dem selben Moment, als er seine verwegene Bitte an die Fremde gerichtet hatte. Na, was da wohl wieder der Auslöser gewesen war? Liebe, hundertpro. Mit dieser Antwort ließ sich ein Großteil aller Unsicherheiten mit einem Schlag beseitigen. Zumal er noch ungefähr im Kopf hatte, wer dort alles saß, da musste er sich nicht einmal nochmal umsehen. Nicht, dass sich der Schlag Mensch, der sich hierher verirrte, allzu sehr voneinander unterschied. Den Schreck, der kurz in ihrem hübschen Gesicht aufgetaucht war, hatte sie schnell wieder unter Kontrolle. Marlin war nicht für neue Kontakte hier eingekehrt, doch etwas sagte ihm, ein wenig Ablenkung würde ihr genauso wenig Schaden wie ihm. Naja, mal sehen.

    [Doug] & Dylas | in der Hütte




    Doug musterte Dylas von oben bis unten, als dieser andeutete, jeden Monat eine Runde schwimmen zu gehen. Waren Schwimmer nicht immer unglaublich gut gebaut? Das Bild was sich danach kurz in seinen Kopf festsetzte, vertrieb der Zwerg sofort wieder. Uuuäääh! Das Angebot, welches das Pferdegesicht ihm daraufhin unterbreitete, lehnte Doug daher auch sofort ab. Vielleicht etwas zu schnell. "Nein, danke!!" War es eigentlich schon immer so heiß hier drin gewesen? "Du solltest echt mal durchlüften.", empfahl der Rotschopf ein wenig mürrisch, ehe ihn die Aussicht auf eine Mahlzeit wieder aufheiterte. Daher meckerte er ausnahmsweise auch gar nicht weiter, als Dylas ihn mit Kochaufgaben dirigierte. Oh man er war echt so untalentiert. "Ich werd's versuchen.", erwiderte er daher, ungewöhnlich einwilligend und machte sich daran, die Kartoffeln erst einmal grob zu waschen (von ordentlich konnte nicht die Rede sein. Bei Doug? Nie!) und sie dann mit einem Messer zu schälen. Dabei ging der Zwerg äußerst grobschlächtig vor, andere Leute würden das wohl als Verschwendung betrachten. "Gemüse mit Kartoffeln... das klingt echt nach Kaninchenfutter.", murmelte Doug leise, doch kaum abgelenkt, schnitt er sich prompt in den Finger. "Autsch! Mist..." Sofort steckte er den Finger in den Mund, damit sich das Blut nicht auf dem Essen verteilte und wartete bis es aufhörte.

    [Cedric] bei Nick (& Alice) | im Patientenzimmer


    Selbst einem Stein wie ihm konnten die Spannungen, die sich in diesem Raum anstauten, nicht mehr entgehen. Oder besser gesagt: Cedric konnte sie nicht mehr länger ignorieren. Spätestens nachdem Alice das Zimmer mit einer kleinen Ausrede verließ, lagen die Karten offen. Er selbst hätte es dem schwangeren Mädchen am liebsten gleich getan und wäre abgehauen. Darin war er mittlerweile ganz gut geworden - Situationen zu meiden, Menschen aus dem Weg gehen. Er wollte nicht hier sein, nein, aber es lag nicht daran wo er war oder mit wem, sondern es handelte sich dabei eher um eine generelle Konstante. Vielleicht wollte er auch einfach nicht mehr sein. Diese Annahme sollte ihn erschrecken, doch er fühlte sich einfach viel zu müde, um einen weiteren, energieraubenden Gedanken daran zu verschwenden. Nachdem Alice ihm die Verschwindenummer also vorweg genommen hatte, brachte Cedric es nicht über sich, seinen besten Freund alleine in der Misere hängen zu lassen. So viel Anstand besaß er dann doch noch. Vielleicht war es ja ein gutes Zeichen, dass er noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen hatte - dann stimmten zumindest einige Aspekte seiner Moralvorstellungen noch. "Du hast noch nicht gewusst, dass sie schwanger ist, oder?", brachte Cedric es ohne weiter darum herum zu Reden auf den Punkt. Er war es leid, dem wahren Kern auszuweichen, bestand doch stets das Risiko sich letzten Endes doch daran zu verbrennen. Damit ließ er auch die Erklärung des Krankenhausaufenthalts hinten liegen. So rot, wie Nick gerade angelaufen war, dünkte auch ihm langsam, dass sein Freund nicht alles erzählt hatte, es aber ebenso nicht der höchsten Brisanz entsprach. Was ist überhaupt noch wichtig? Cedric musterte ihn eine Weile stumm. Nick und Alice standen sich mindestens so eng, wie er selbst. 'Enger', wisperte die Stimme in seinem Hinterkopf. Er versuchte es abzudrehen, dieses Flüstern, welches ihm seine eigene Wertlosigkeit immer häufiger, immer stärker, immer lauter, ins Ohr raunte. Doch mit jedem Mal fiel es ihm schwerer sich dagegen zu wehren. Nick. Ced versuchte auf das Wesentliche zurück zu kommen. Alice hatte ihm bisher nichts davon gesagt, warum nicht? Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm eines - oder gar mehrere - Puzzleteile hier fehlten. Nichts, was mich angeht. Offenbar nicht, ansonsten hätten sie ihn ja mit einbezogen. Aber wer sollte ihm noch Vertrauen entgegen bringen? Im Gegensatz zu Nick hatte er selbst ja quasi direkt davon erfahren - und sich danach direkt mit seinem Bruder verkracht. Weil er helfen wollte. Ja, genau. 'Niemand braucht deine Hilfe, du machst alles nur noch schlimmer.' Richtig. Niemand brauchte ihn. Noita nicht, Simon nicht und Nick und Alice offenbar ebenso wenig. Wenn er da an ihre Tränen, das wutverzerrte Gesicht seines Bruders und die Spannung in diesem Raum dachte, richtete er stattdessen nur noch mehr Schaden an. Warum war er dann überhaupt noch hier? Welche Sinnhaftigkeit hatte seine Existenz dann denn noch?! Bleib ruhig. Wenn Nick nicht hier gewesen wäre, würde er sich gerade unter einer Bettdecke verkriechen, in der Hoffnung so nie mehr das Tageslicht erblicken zu müssen. Die Flucht wurde ihm jedoch nicht gewährt. So kaschierte er einen tiefen Atemzug mit einem ebenso tiefen Seufzen und war heimlich dankbar für die beschwichtigende Stimme, die nur noch so selten von sich hören ließ. "Wir können daran nichts ändern." Man muss das Leben nun einmal so ertragen, wie es ist. Oder? "Aber wir können für sie da sein. Als ihre Freunde." Der letzte Satz kam unfassbar zäh und quälend über seine Lippen. 'Freunde? Darf ich lachen?' Er wusste nicht, warum er das mit Alice' Schwangerschaft so indifferent zur Kenntnis nahm. Vielleicht hatte es zur gleichen Zeit einfach genug anderen Scheiß in seinem Dasein gegeben, als das er sich damit weiter hatte befassen können. Vielleicht konnte er die Tragweite dessen auch nicht ganz erfassen. Weiter denken als bis zur nächsten Stunde? Unmöglich. Die Zeit war schon immer sein Feind gewesen.

    <-- Innenstadt


    [Marlin] kommt an



    Er war wütend. Das kam selten vor. Mittlerweile war der Abend längst hereingebrochen und auf der Suche nach einer ordentlichen Bar hatte er sich schlussendlich auf den Weg hierher gemacht. Auf das Bier aus dem Supermarkt hatte er immerhin ja jetzt verzichten müssen. Aus gewissen Gründen. Verdammt. Er konnte nicht fassen, dass er ausgerechnet Mia wieder begegnet war. Wer aus diesem scheiß Kaff fleuchte hier noch herum? Marlin setzte sich direkt an die Bar und bestellte sich das erste Bier. Weitere würden folgen, so viel war klar, doch er war schon immer trinkfest gewesen. Das musste er auch sein, denn er hasste es, die Kontrolle über sich und seine Aktionen zu verlieren. Kurz warf er einen Blick durch den Raum, wollte wissen, welcher Schlag Mensch sich hier versammelte. Vom Barkeeper über das Turteltäubchen hinten in der Ecke, zu der großen, gröhlenden Gruppe weiter links bis hin zum Loverboy mit seinen beiden Hühnern. Bei Letzterem sah er kurz zweimal hin. Ach. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie dem auch sei. Marlin warf kurz einen Blick in seine schmale Geldbörse und überschlug seine Überreste. Nicht genug. Scheiße. Dennoch suchte er nach möglichen Verbindungen - Hauptsache raus aus dieser Stadt. 'Feigling'., versuchte sein Ego ihn zu verspotten. Damit würde es keinen Erfolg haben. Er war ständig auf der Flucht - oh jah, das war er. Das war nichts anderes. Mia konnte ihm nichts, rein gar nichts. Er hatte ihr gerade erneut eine Abfuhr erteilt. Nachdem er ihr indirekt seine Liebe gestanden hatte - naja, mehr oder weniger. 'Einmal, für einen klitzekleinen Moment' - waren das nicht ihre Worte gewesen? Vielleicht hatte er das ja tatsächlich. Doch selbst wenn, dann war das lange her. Dass sie tatsächlich auf die bescheuerte Idee gekommen war, dies auf die Gegenwart zu übertragen, war schon eine starke Leistung. Allerdings hatte Mia noch nie richtig nachgedacht, zumindest nicht, wenn er selbst dabei im Spiel gewesen war. Das hatte sie ja erst in diese hoffnungslose Abwärtsspirale gebracht, in der sie sich nun offensichtlich befand. Das war nicht seine Schuld - Marlin weigerte sich für sie oder irgendetwas was mit ihr zu tun hatte Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung nein, die hatte er noch nie gut tragen können, daher war er ja auch immer lieber selbstständig unterwegs. Alleine. Sein eigener Herr, stets für sich. Er war ein Nomade, jegliche Versuche ihn festzuketten, würden in weiteres Brechen ebenjener und mehr enden. Marlin legte sein Handy beiseite. Es hatte keinen Zweck. Das scheiß Geld reichte einfach nicht, er brauchte einen Job. Fuck it. Na schön, würde er eben bleiben. Vielleicht begegnete er ihr ja noch einmal, dann würde er sehen, wie sie seine - erneute, wohlgemerkt - Zurückweisung verkraftet hatte. Mia, wollen wir wirklich wieder miteinander spielen? Wenn er das Spielfeld nicht verlassen konnte, würde er das tun. Ursprünglich hatte er sich nie wieder mit ihr, mit allem was mit seinem früheren Leben in Verbindung stand, befassen wollen. Die Vergangenheit kümmerte ihn ebenso wenig wie die Zukunft. Wichtig war für ihn das, was direkt vor ihm lag. In gewisser Weise mit heute also auch wieder diese Frau? Er wollte das nicht, er wollte sie nicht mehr. Warum war er dann so sanftmütig mit ihr umgegangen? Ich werde alt. Ihr Zustand war wahrlich besorgniserregend - doch das sollte ihn nicht mehr kümmern. Sie war nicht seine Angelegenheit und es war an der Zeit, dass sie das auch kapierte. Job. Geld. Weg. Doch auf diesem kurzen Plan konnte alles Mögliche dazwischenkommen, denn tat es das nicht immer? Rührte das Schicksal nicht stets in den Leiden der Menschen? Kurz zuckte es um seine Mundwinkel. Na schön. Er war flexibel. Er hatte keinen Stress, keine Bindungen, keine Verpflichtungen. Es würde sich schon zeigen, was die Gegenwart weiter für ihn bereithalten würde und er würde mitspielen, das tat er stets. Er ging Herausforderungen aus dem Weg, sofern das möglich war, doch er kniff den Schwanz nicht ein, wenn sie geradewegs auf ihn zusteuerten. Wer weiß, vielleicht würde es schlussendlich doch wieder eine spannende Partie?