Chase und Alessa | Irgendwo am Kai
Edelmut… in Chases Augen war das sowieso nur so ein Wort und viel mehr noch eine Eigenschaft, die es nur in Märchen gab. Im Grunde genommen war doch jeder immer irgendwie darauf bedacht so zu handeln, dass irgendwas bei raus sprang für einen selbst. Und wenn es nur unbewusst das schlechte Gewissen war, das man besänftigen wollte. Zu schön für den Knast? Tja, war am Ende wohl auch eine gute Begründung. Sein Gegenüber war sich durchaus bewusst, dass sie gut aussah. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. “Oh, durchaus.” Selbstbewusste Menschen waren dem Jungen sowieso am liebsten. Mit Mauerblümchen hatte er noch nie viel anfangen können.
Tatsächlich war Chase ein klein wenig überrascht, dass sie das Angebot seiner Jacke annahm. Es war zwar eine 50/50-Chance gewesen, dennoch hatte er eher damit gerechnet, dass das Mädchen lieber ihrer Wege zog, als damit zuzugeben, dass ihr kalt war - quasi eine Schwäche zu zeigen. Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie sie sich langsam neben ihm niederließ. Selbstverständlich nicht sonderlich dicht, aber dennoch war zu spüren, dass es um diese Stunde angenehmer war, einen weiteren warmen Körper neben sich zu haben. Insbesondere jetzt, wo er selbst keine Jacke mehr trug und die kühle Nachtluft doch schneller durch Pulli und Hemd drang.
Und ein zweites Mal überraschte sie ihn, als sie recht ehrlich auf seine irgendwie beiläufige Frage antwortete. Seine Augen glitten musternd über ihre Gesichtszüge. Er öffnete für einen kleinen Moment die Lippen, schloss sie aber wieder, wandte dann den Blick ab und nahm noch einen Schluck aus der Bierflasche. Nicht wirklich, weil er noch Lust hatte es zu trinken, sondern eher, weil es gerade ein gutes Mittel war, um … ja was eigentlich? Sich abzulenken? Zum Abschießen reichte es heute sowieso nicht mehr. Dafür war er zu viel gewohnt. Alessas Aussage machte ihn seltsam neugierig, da er dieses Gefühl nur allzu gut kannte. Es fühlte sich fast schon so an, als hätte sie etwas aus seinem Inneren hervorgekramt, das eigentlich hätte vergraben bleiben sollen.
Bei der Gegenfrage verzogen sich seine Mundwinkel ein wenig, da es die Wut auf die Ohnmacht und in gewisser Weise auf seine Eltern aufwühlte, was er so mühevoll die ganze Nacht über wegzudrücken versucht hatte. Er schwieg für einen Augenblick, schwenkte dabei den Boden der Flasche ein wenig im Kreis und beobachtete die Flüssigkeit darin, wie sie sich um sich selbst drehte. Chase war nicht gut darin sich selbst oder sein Inneres anderen zu zeigen, war da doch immer die unbewusste leise Angst abgelehnt zu werden; in welcher Form auch immer. Und das obwohl ihm eigentlich die meisten Leute egal waren.
“Hm, ähnlich”, war daher zunächst seine ebenso knappe Antwort. War wohl ihrer beider Masche, um Zeit zu gewinnen. Er zögerte, ließ den Blick über das seichte Purpur am Horizont streifen. “Ist manchmal nicht so leicht mit gluckenhaften ambitionierten Eltern, wenn man nicht dem braven Wunderjungen entspricht, den sie sich am liebsten wie einen Keks gebacken hätten.” Nun wanderten seine Augen doch wieder zu seiner Mitschülerin, als sie ihn gewissermaßen aufzog. Ihr Zwinkern und das anschließende Lachen, zauberten diesmal ein ehrlich amüsiertes Grinsen in sein Gesicht. “Irgendwann macht dann auch mal die letzte Bar dicht, also muss man sich anderweitig behelfen, nicht wahr?” Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel, ein wenig Schalk lag immer noch in seinen Augen. Immerhin war sie ja auf die gleiche Idee gekommen an den alten Hafen zu gehen anstelle nach Hause. “Sie an, ein wenig Edelmut schlummert also doch in dir! Da muss ich mich ja glatt geehrt fühlen, dass dir mein Image am Herzen liegt.” Jetzt musste er doch selber lachen. “Interessant, dass du mich als Bad Boy betitelst.” Ja doch, das amüsierte ihn schon. Und streichelte gleichzeitig auch sein Ego.
Eine kurze Stille trat ein, in der Chase erneut über ihre Worte auf seine Frage nachdachte. Jetzt fiel ihm auch auf, was er gleich als komisch empfunden hatte: Die Klette war allein unterwegs. “Das nicht nach Hause wollen … hat es was mit Hina zu tun?”, fragte er schließlich etwas vorsichtig.