Der Marktplatz

  • Micah und Shara, nachts bei einer Bank 4667-pasted-from-clipboard-png


    Das hatte er nicht gewollt. Das sagte sich immer so leicht, ja, aber das hatte er wirklich nicht gewollt. Vermutlich hatte er ihre Gutmütigkeit zu oft ausgenutzt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er sie provoziert. Von dem ständigen Hin und Her war es ja kein Wunder, dass Shara irgendwann so reagierte. Micah handelte immer unüberlegt, obwohl er alles andere immer bis ins kleinste Detail überdachte und überdachte ... Und doch wusste er gar nicht, was er eigentlich wollte. Das hatte er noch nie. Jedenfalls war es schon so, seitdem er denken konnte. Also seit der Tragödie von Alvarna. An die Zeit davor konnte er sich ja nur schemenhaft erinnern.
    Er hatte ein Gewitter herauf beschworen. Wie das Unwetter, dass sie vor einigen Stunden am Polisee heimgesucht hatte, hatte sich auch dieses langsam angekündigt, aber Micah hatte nicht auf dessen Warnungen reagiert. Wie immer. Für ihn kam es aus heiteren Himmel. Sozusagen. Er lebte in seiner eigenen Welt. Eine Welt, die durch Sharas plötzlichen Ausbruch bis ins Markt erschüttert wurde. Er hatte ihr den Rücken zu gewandt. Zum Glück. Obwohl er ihr Gesicht in der Dunkelheit sowieso nicht gesehen hätte, fürchtete er jeden Lichtstrahl, der vom Vollmond in ihr Zimmer gehen könnte.
    Ihre Worte zuckten wie Blitze über den Horizont. Und der daraufhin folgende Donner ließ seinen Körper vibrieren. Er kniff die Augen fest zusammen und ließ die Worte einfach ungehemmt auf seinen Körper prallen. "Was würde es ändern von mir zu hören, dass ich sauer bin?“ Micah rührte sich nicht von der Stelle. „Du würdest dich schlecht fühlen. Noch schlechter als es dir offensichtlich ohnehin schon geht." Ihre Wörter prasselten wie harter Regen auf ihn ein. „Vielleicht sind wir keine Freunde. Vielleicht waren wir es nie und wir hatten nur zufällig zur selben Freundesgruppe gehört.“ Es tat weh das zu hören. Die Wahrheit tat immer weh. Und er konnte ihr nicht widersprechen. „Aber ja lauf einfach wieder weg. Das kannst du schließlich gut." Er hatte den Kopf gesenkt, als er den frischen Luftzug spürte, den sie hinterließ, als sie an ihn vorbei ging, sich ihre Jacke schnappte und nach draußen ging. Sie ließ ihn einfach zurück. Mit seinen Kopf. Mit seinen Gedanken. Allein in der Dunkelheit. In der er glaubte sowieso schon zu Hause zu sein. Ihre Worte hallten noch nach. Immer wieder hörte er sie in seinen Kopf. Vielleicht waren sie nie Freunde. Vielleicht. Es tat so weh, als hätte er wirklich Verbrennungen am ganzen Körper. Warum war er so doof? Warum brauchte er erst so eine Ansage von ihr um das zu merken? Er hatte regelrecht darum gebettelt. Was sollte er jetzt machen? Am liebsten würde er einfach nach Hause gehen. Zu seinen Feldfürchten. Zu den Hühnern und Kühnen. Die einen zwar mitleidig anschauten, aber keine Fragen stellten. Micah legte beide Hände auf seine Augen. Sein Kopf tat weh. Zu viel Adrenalin. Zu viele Schuldgefühle. Zu viele Emotionen. In diesen Moment fragte er sich, wie er zuvor überhaupt gelebt hatte. Er hatte sämtliche menschliche Emotionen ausgestellt. Auf dem Feld war das auch viel einfacher, als im wirklichen Leben. Er hatte sich eigentlich schon nach Hause gehen sehen, das, was er gut kann, und doch trugen ihn seine Beine nach draußen, zu jener Bank, die im einzigen Mondschein vom Himmel stand. Er hatte sie ganz schnell gefunden. Die Arme hatte das Blumenmädchen um den Körper verschränkt. Tränen kullerten ihren Wangen herunter.
    Erst stand er nur da. Unfähig irgendetwas zu sagen. Was sagte man auch in so einer Situation? Was war richtig? Was war falsch? Jedes Wort könnte unwiderruflich einen weiteren Keil zwischen sie treiben. Wenn sie sich ohnehin nicht schon zu weit voneinander entfernt hatten.
    Langsam näherte er sich ihr. Am liebsten hätte er sie umarmt oder ihre Hand gehalten. Er mochte es nicht, sie so zu sehen. Sie weinte. Sie weinte wegen ihm. Er wollte sie trösten, ihr sagen, dass er es nicht wert war, Tränen zu vergießen, er ... Er wartete bis sie den Blick erhob und ihn anstarrte, dann sagte er: "Shara ... i-ich ..." So richtig wollten die Worte nicht aus ihm heraus. Seine Stimme versagte. Tränen liefen ihn die Wangen herunter. Er atmete schnell ein und aus. Und irgendwann kam es aus ihm heraus. Leider konnte er nicht mehr sagen, als: "Es tut mir leid ..."
     

    Misasagi & Priscilla 4625-misasagi-png


    Misasagis Enthusiasmus schien die Kleine anzustecken. Sie war ganz aufgeregt und begeistert und lief freudig auf und ab. Wer hätte das gedacht. Wenn Murakumo das sehen könnte! Oder Hina! Beide meckerten ständig mit ihr, ihr Laden wäre zu kremplig und unaufgeräumt. So könne man keine Kunden anlocken, blablabla. Wenn sie das sehen könnten, wie begeistert die kleine Rosahaarige war. Das erfüllte das Halbwesen mit noch mehr stolz. "Woher ich das alles habe ...?" Das hätte die Kleine lieber nicht fragen sollen. "Komm ...!" Das Halbwesen schnappte ihre Hand und führte sie zu den Regalen. "Das sind seltene Edelsteine", verkündete sie und drückte der anderen, obwohl sie ebend gesagt hatte, sie soll nichts anfassen, einen Achat in die Hand. "Das ist ein Achat und das ist ein Aquamarin und hier habe ich noch einen Amethysten, die habe ich alle vom Ymir-Vulkan. Der ist immer eine Reise wert! Da findet man so viele tolle Edelsteine und Erze und ...", sie bückte sich und holte kurz darauf eine Reagenzglas in die Luft. "... und Eidechsen! Schau, die hab ich selbst konserviert!" Das Lächeln des Halbwesen reichte von einer Backe zur anderen. "Und schau hier im nächsten Regal, dass ist eine Meerjungfrauschuppe, die ich einer vor der Walinsel ..." abgemurkst habe ... upps!


  • [Auf einer Bank mitten in der Nacht] Micah & Shara



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    Reumütig sah er aus. Bedauern lag in seinem Blick als er sie sah. Als sie es nicht länger schaffte die Tränen zurück zu halten. Wie erbärmlich. So fühlte sie sich. Warum hatte er nach all den Jahren noch immer so viel Macht über sie? Warum berührte es sie noch immer obwohl es Jahre her war? Sie waren andere Menschen geworden. Beiden hatten sich weiterentwickelt. Es gab eine Zeitspanne in ihrem Leben in der sie getrennte Wege gegangen waren - einander nicht einmal beim Bäcker begegnet waren sondern eine Zeit in der von ihm jede Spur gefehlt hatte. Wie war es überhaupt möglich das sein Auftauchen nach all den Jahren immer noch etwas mit ihr machte. Wieso war es ihr nicht einfach egal? Sie hatte doch weiter gemacht. Auch ohne ihn. Ohne ihre Schwester. Ohne ihre Freunde. Sie war stark geworden oder zumindest hatte sie das geglaubt. Anscheinend hatte sie sich das nur vorgemacht. Gut genug um es selbst zu glauben aber nicht wahrhaftig sonst würde sie seine bloße Existenz nicht in die Knie zwingen. Shara wollte ihn nicht ansehen. Sie wollte nicht das er ihre Tränen sah und doch ließ es sich nicht verhindern das sich ihre Blicke begegneten. Sie war überrascht das die Tränen auch in seinen Augen glänzten. War weniger überrascht über die Worte, die über seine Lippen kamen. Eine Entschuldigung. Sie war niemand der Entschuldigungen ablehnte. Überhaupt nicht. Jeder machte Fehler. Das war menschlich und es zeugte von gutem Charakter wenn man sich dafür entschuldigte aber irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los oder zumindest fühlte es sich gerade für sie so an als sagte er diese Worte nur weil er vor einem weinenden Mädchen stand und das Gefühl hatte, dass es das war was sie hören wollte. „Was….genau?“ Ihre Stimme war brüchig - kaum hörbar als erwarte sie gar keine Antwort darauf. Was tat ihm leid? Was konnten diese Worte jetzt zwischen ihnen schon großartig ausrichten? Im Grunde gar nichts, richtig? Es war zu viel geschehen oder einfach nicht geschehen. Es war so viel Ungesagtes zwischen ihnen aber keiner von Beiden sprach es aus. War es schon immer so gewesen oder war es über die Jahre einfach komplizierter geworden? Hatten sie verlernt wie man miteinander umging oder sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt? War der Micah, der heute vor ihr stand der Micah für den sie damals heimlich geschwärmt hatte aber für den sie immer die Gefühle unterdrückt hatte weil es für ihn nur sie gegeben hatte? Vielleicht war sie es die sich entschuldigen sollte. Das sie nicht sie war. Das es nicht das Wiedersehen war, welches er sich erhofft hatte. Shara senkte den Blick und ein Seufzen verließ ihre Lippen. Sie waren rettungslos verloren. Entfernten sich immer weiter und weiter voneinander. Vielleicht nicht physisch aber auf emotionaler Ebene. Vielleicht musste man sich das manchmal eingestehen? Das eine Freundschaft so sehr man es sich auch wünscht wie auch eine Beziehung manchmal einfach zerbricht. Shara wischte sich die Tränen aus den Augenwinkel und rutschte ein wenig zur Seite damit auch er Platz nehmen konnte wenn er es denn wollte. Eine stille Bitte? Vielleicht. Aber sie vermochte sie nicht auszusprechen weil sie sich unsicher war ob sie das überhaupt wollte oder ob sie vielleicht lieber allein wäre. Shara wusste nicht was sie wollte. Ein Teil von ihr war verletzt. Verletzt weil er damals nicht da war ja aber auch verletzt weil er kein Wort davon erzählte was ihm passiert war. Warum er nicht mehr er war oder zumindest eine Art gebrochene Version dessen, „Vielleicht.. sollten wir einfach neu anfangen…“ schlug sie vor. Die Stimme nach wie vor brüchig. Wenn man nicht an dieser Stelle weitermachen konnte dann war das der letzte Weg, oder?

  • Micah und Shara
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    Es war nicht zu beschreiben. Unmöglich. Das Gefühl, das er fühlte, das eiskalt seinen Rücken herunter rutschte, als er ihre tiefseemeeres blauen Augen sah, die seine dahin gesagte Entschuldigung zu verarbeiten versuchte. Er fühlte sich schuldig. So schuldig. So schlecht. Er war so ein schlechter Mensch, obwohl er zunehmend versuchte immer für den anderen das Beste zu wollen. Verdammt. Warum war er so? Warum war er so schlecht? Warum war er so dumm?
    "Shara ...", kam es ihm gerade so über die Lippen. Ja, was. Was genau tat ihm leid. Alles. "Alles." Alles, verdammt. Er hatte es gesagt. Noch immer stand er vor ihr. Wie ein Fels in der Brandung. Wie ein Häuflein Elend vor dem Kamin. Wie ein dummer Junge vor der tadelnden Lehrerin, der sich der Konsequenzen bewusst war, aber seiner Taten nicht bereute ... Was sollte er tun? Es gab so viel zu tun. Ihre Stimme war brüchig. Traurig. Er hatte sie so traurig gemacht und er hasste sich so sehr dafür. Vielleicht ... sagte sie ... sollten sie einfach neu anfangen. Neu anfangen? Ja. Es war, als wäre er betrunken. Als wäre er gar nicht richtig anwesend. Sein Rücken kribbelte immer noch, er spürte sie deutlich, die Gänsehaut, das unwohle Gefühl, das ihn voll und ganz beherrschte. "Shara ...", hörte er sich sagen. Vielleicht war es endlich so weit. Es schmerzte ihn sehr, weil es sie sehr schmerzen würde, aber vielleicht war es an der Zeit endlich mit offnenen Karten zu spielen. Womöglich würde sie ihn zu hören. Sicherlich würde sie ihn zuhören. Und wohlmöglich würde sie ihn verstehen. Sicherlich ... Shara war ein wunderbarer Mensch. Er erinnerte sich nicht an viel, aber er wusste, das sie es verstehen würde. Also fackelte er nicht lange, er hatte es schon zu lange hinaus gezögert - aus Angst, sie könnte schlecht über ihn denken. Aus Angst, sie ihr bestes geben würde, um ihn zu verstehen. "Shara ...", seine Stimme war genauso brüchig wie ihre. "Ich ... i-ich ... ich erinnere mich nicht an mein früheres Ich ...", wieder einmal sprach er in Rätseln. Das ärgerte ihn, weil er ja endlich die Karten offen legen wollte. Aber es fiel ihn so schwer. Jeder ausgesprochene Satz fiel ihn schwer. "Ich ... mein Gedächtnis ... hat so viele Lücken. Ich habe nichts gesagt ... weil ich dich nicht verletzen wollte, aber ... ich erinnere mich nicht wirklich an jene Nacht. An die Nacht in Alvarna, wo ... es tut mir leid." Mittlerweile hatte er sich neben Shara auf die Parkbank gesetzt. Keine Ahnung, wann genau das passiert war, aber es war passiert. "Ich erinnere mich nicht an unsere Freundschaft. Ich weiß von dir und von ... Raven, aber ich kann mich nicht an einzelne Momente erinnern. Vielleicht klingt es für dich wie eine Ausrede. Das würde ich an deiner Stelle auch vermuten, aber ... ich erinnere mich nur daran, dass ich dich gern gemocht habe, aber ich weiß nicht warum, ich weiß nicht mal genau, wer du bist, was dich aus macht. Du arbeitest im Blumenladen, das weiß ich, aber obwohl ich mich nicht genau an dich erinnern kann, weiß ich dass du ein perfekter Mensch bist, dass du oft für mich da warst und dass du ..." seine blauen Augen blickten in die ihre, er hatte ihre Hand ergriffen ohne es genau gemerkt zu haben. So lange hatte er schon nicht so viel geredet. "Verdammt ... ich würde gern mit dir von vorne anfangen ... ich würde gerne mehr Zeit mit dir verbringen, ich würde dich gerne auf meinen Hof einladen, aber jedes Mal, wenn ich dich sehe, blagen mich die Schuldgefühle, dass ich mich nicht an dich und unsere gemeinsame Zeit erinnern kann. Ich hasse mich so sehr dafür, dass ich ... ich wünschte ...", er seufzte tief, es tat gut sein Herz auszuschütten und gleichzeitig hatte er Angst vor ihrer Reaktion. "Und ... gleichzeitig wünsche ich mir nichts mehr als ... auch wenn ich fürchte, dass es mir nicht zu steht, wünsche ich mir nichts mehr als ... möchtest du ...", fragte er das gerade wirklich? "Möchtest du ... vielleicht morgen mit mir auf den Hof kommen? Ich würde so gerne Zeit mit dir verbringen, ich will mit dir ... von vorne anfangen ... "

  • [Auf einer Bank mitten in der Nacht] Micah & Shara



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    Ein Teil von ihr wollte verständnisvoll sein - wirklich. Er wollte wie das liebe Blumenmädchen sein, dass sie doch eigentlich verkörperte aber ein anderer und vielleicht größerer Teil hatte es satt. Sie hatte es satt vor allen immer nur zu katzbuckeln. Sie hatte es satt einfach immer Verständnis für alles zu haben weil man das als netter und zuvorkommender Mensch nun mal so machte wenn man mit seinen Mitmenschen klar kommen wollte. Vielleicht war es egoistisch und unfair aber es entkam ihr ein wertendes Schnauben als seine Antwort auf die Frage was genau ihm den Leid tat ein 'Alles' war. Das war die Art von Aussage die man tätigte wenn man nicht wusste was genau einem Leid zu tun hatte, richtig? Wenn man seinen gegenüber einfach nur beruhigen wollte. Wenn man die Wogen glätten wollte weil es sonst drohte zu eskalieren. So einfach würde sie es ihm nicht machen. Auch das war wahrscheinlich unfair aber wer behandelte sie schon fair? Das Leben ganz bestimmt nicht, denn es war verdammt noch einmal nicht fair das sie lebte und ihre kleine Schwester tot war. Wut blitzte aus ihren verheulten Augen, als sich ihre Blicke trafen. Als er da vor ihr stand wie ein Häufchen Elend. Wie ein geschlagener Hund. Als wäre sie diejenige, die ihm Leid zugefügt hätte. Als wäre sie die Böse in dieser Geschichte weil sie ihn endlich einmal mit den Dingen konfrontierte, die zwischen ihnen standen und nicht länger einfach nur lächelte und verständnisvoll war - wie sonst auch immer. Sie war müde. Ihr Name auf seinen Lippen ließ sie hellhörig werden aber er zögerte. Erneut ihr Name. Innerlich verfluchte sie ihn schon. Sie musterte ihn durch ihre blauen Augen. Seine Stimme zitterte als er nach den richtigen Worten suchte so als zögere ein Teil von ihm wirklich mit der Wahrheit herauszurücken weswegen seine folgenden Worte sie gleich doppelt überraschten. Die großen blauen Augen des Mädchens weiteten sich vor Überraschung. Ihre Lippen öffneten sich einen Spalt und ohne das sie irgendetwas sagte schlossen sie sich wieder, denn seine Worte machten sie sprachlos. Er hatte keine Erinnerungen mehr. Shara blinzelte und ließ seine Worte auf sich wirken - bemerkte gar nicht wann er sich zu ihr gesetzt hatte - neben ihr Platz genommen hatte. Irgendwie war jetzt der Moment gekommen in dem sie wahrscheinlich für ihn da hätte sein sollen immerhin waren sie einmal Freunde gewesen und nun waren sie.... nur noch Fremde und er war es der ihr gerade erklärte warum es sich die ganze Zeit so anfühlte als wäre ein unüberwindbarer Abgrund zwischen ihnen. Es war die Tatsache, dass ihre Erinnerungen nicht die selben waren. Sie erinnerte sich an diese Zeit, die ihr Halt gegeben hatte während sie bei ihm unwiderruflich ausgelöscht war. All das was ihr in schweren Zeiten Halt gegeben hatte war nun nicht mehr so wertvoll wie es vielleicht einmal gewesen war oder zumindest fühlte es sich für sie so an weil der Einzige, der aus ihrer Gruppe von damals noch greifbar war - erinnerte sich nicht. Seine Worte fühlten sich an wie Messerstiche, die sich in ihr Innerstes bohrten. Jedes einzelne Wort ein Volltreffer. Sharas Hände krallten sich in den Stoff ihres Kleides und sie ließ den Kopf sinken - hielt den Blick zu Boden gerichtet aber hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Seine Worte nahm sie nur peripher war. Erst als Micah ihre Hände ergriff und ihre Blicke sich wieder trafen wurde sie aus dieser Trance gerüttelt in welche sie seine Worte katapultiert hatten. Er wirkte hoffnungsvoll und doch war es genauso wie er sagte. Sie konnten in Wirklichkeit doch nicht von vorne anfangen weil sie die alten Erinnerungen mit sich trug und er eben nicht und das war eine Hürde die irgendwie unüberwindbar schien oder zumindest war das ihr erster Gedanke weswegen sie ihre Hände auch zurückzog und sich von der Bank erhob. Shara schlang ihre Arme um sich und ihre Gedanken rasten in alle Himmelsrichtungen. "Micah ich..." kam es über ihre Lippen und plötzlich fühlte sich sein Name ganz fremd an auf ihrer Zunge. "...also irgendwie war das nicht das ganz die Art von von vorne anfangen die ich meinte..." Sie war überfordert mit dem Schwall an Informationen, die da aus ihm heraus gebrochen waren und das zeigte sich vermutlich auch in der Unsicherheit, die sich in ihrem Blick spiegelte. Wie unwohl er sich in ihrer Nähe gefühlt haben musste. Ihr vertrauter Umgang mit einem quasi Fremden. Ihr Herz schmerzte. Das tat es wirklich. Es fühlte sich an als wäre es gebrochen und das obwohl sie längst geglaubt hatte das er keinen so großen Platz mehr darin eingenommen hatte. Jeder Moment, der ihr Herzklopfen bereitet hatte war nun nicht mehr da und vielleicht war auch er nicht mehr der Mensch dem sie im Geheimen ihr Herz geschenkt hatte. Sie blickte ihn an. "Weißt du ich bin echt schlecht in diesen Kennenlerngesprächen..." Ihre Mundwinkel zuckten - irgendwie gequält denn ihr war keineswegs zum Lachen zu Mute. "...wahrscheinlich werde ich keinen sonderlich guten Eindruck machen." Seine Anwesenheit bereitete ihr Schmerz doch auch seine Abwesenheit, denn im Grunde war der Micah, den sie in Erinnerung hatte für immer verloren und der Mensch, der hier vor ihr war wirkte nahezu wie ein Betrüger, der sich lediglich als er ausgab. Das klang bescheuert, oder? Aber steckte vielleicht auch irgendwo noch ein Fünkchen von dem Menschen in ihm, der ihr so viel bedeutet hatte? Sie wollte ihren Freund aus der Vergangenheit in die Arme schließen - wollte ihm trösten und erfahren wie es dazu gekommen war. Sie wollte für ihn da sein und gleichzeitig fühlte es sich an als hätte sie nicht das Recht dazu weil sie im Grunde Fremde waren also hielt sie sich zurück was tatsächlich nicht so schwer war wie man es vielleicht meinen konnte, denn die Distanz zwischen ihnen war nahezu greifbar. Sollte sie nachharken oder war es zu viel des Guten? Sollte sie seine Worte vielleicht lieber erst einmal verdauen - eine Nacht darüber schlafen? Unwahrscheinlich das Shara heute auch nur ein Auge zu tun würde. "Weißt du... warum du dich nicht erinnerst oder ist das eine schlechte Frage für ein neues Kennenlernen?" kam es holprig über die Lippen des Blumenmädchens und sie sah in das erschöpfte und abgekämpfte Gesicht des Anderen. Sie fuchtelte folgend mit den Händen vor ihm herum. "Moment. Ich will einen zweiten Versuch!" Sie räusperte sich und versteckte den Schmerz in sich - schluckte die Tränen hinunter, die immer wieder drohten an die Oberfläche zu kommen weil es sich anfühlte als hätte sie einen Freund... verloren. "Ich bin Shara und wer bist du?" Sie streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin und wusste selbst nicht ob sie es überhaupt ertragen konnte ihn zu berühren. Ihm nahe zu sein und irgendwie auch nicht...

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    Collette & Chris | in der Bäckerei


    „Was meinst du denn damit? Ich bin immer vorsichtig!“ Collette betonte das Wörtchen ‚immer‘ ganz besonders, auch wenn sie wusste dass ihre Worte vielleicht ein kleines bisschen geflunkert waren. Immerhin war sie dafür bekannt besonders tollpatschig zu sein. Es waren bei ihrer Arbeit schon so einige Eier am Boden gelandet und hin und wieder hatte sie das Mehl von überall weg putzen müssen. Aber hey, sie war eben immer voller Eifer dabei und da passierten eben so kleine Missgeschicke! Das Bäckersmädchen folgte ihrem Brüderchen gut gelaunt und stieß einen kurzen Laut der Überraschung aus als sie gegen ihn lief. Er hatte die Tür zu ihrer Bäckerei geöffnet und war stehen geblieben, weshalb sie ihn überrumpelte. Aber er war stark genug und blieb stehen. Ihr starker Bruder! Die junge Frau rümpfte die Nase als sie an ihm vorbei schaute, den Kopf weiter in das miefige Haut steckte und einmal niesen musste. „Was ist denn hier passiert?“ Oder eher, was war hier nicht passiert? Der Staub türmte sich schon fast und gelüftet hatte hier seit Monaten auch niemand mehr. Aber gut, wer hätte sich darum auch kümmern sollen? Die Geschwister hatten schließlich nur sich. Chris drehte sich zu ihr herum und auf seinen kleinen Witz hin, stemmte sie die Hände in die Hüfte. „Brüderchen, wir werden hier nicht vor der Arbeit flüchten!“ Es war schon beinahe ironisch dass sie ihm einen Vortrag halten wollte, war es doch meistens sie selbst, die vor solch langweiligen Aufgaben wie Aufräumen und Putzen flüchtete. „Aber ich.. finde die Idee klingt reizend.“, murmelte sie und schob die Lippe vor. Collette trat hinein und machte ein paar Schritte durch ihr staubiges Zuhause bevor sie ihre Tasche auf den Boden fallen ließ und sich dadurch alles aufwirbelte. „Wääähhh!“ Schnell wedelte sie mit ihren Händen in der Luft als könnte sie den Staub bekämpfen, machte es aber irgendwie nur schlimmer. Schnell hüpfte sie zu einem der Fenster und öffnete es weit um frische Luft zu schnappen. Gut, wahrscheinlich war es längst nicht so schlimm wie sie tat aber angenehm war es trotzdem nicht. „Ich glaube ich brauche erst etwas zu essen..“ Mit leerem Magen konnte man nicht gut arbeiten. Eine Tatsache!

  • Chris & Collete / in der Bäckerei


    Colette knallte gegen ihn, weil er mitten in der Tür stehen geblieben war. Vielleicht war Chris einfach noch nicht bereit gewesen in die dreckige Stube einzutreten - es fühlte sich nicht wie zu Hause an. Aber wie etwas, dass ein zu Hause werden könnte. Vielleicht.

    Seine Schwester schob sich an ihm vorbei und schalt ihn, weil er sich vor der Arbeit drücken wollte. Das Gesicht was sie dabei machte, sah dabei aber ganz und gar nicht ernst aus. Das konnte sie auch gar nicht. Collette war ein zuckersüßer Wirbelwind in allem was sie tat und das liebte er so an ihr. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, dass nur noch breiter wurde, als sie seiner Idee schließlich doch zustimmte. Weiterreisen. Wohin der Duft frisch gebackenen Brotes sie führte. So hatte er es bisher gehandhabt, bis er seiner Schwester wieder begegnet war. Sesshaft zu werden und sich etwas mit ihr aufzubauen klang nach einer wundervollen Idee, aber Chris war sich unsicher, ob ihm das wirklich gelingen würde. Ob er an einem Ort bleiben konnte.

    Er verdrängte den trüben Gedanken jedoch schnell, als der Staub, den Collette aufwirbelte in seine Lungen gelangte und er einen Hustenreiz nicht unterdrücken konnte. Schließlich stieg Chris doch über die Schwelle und riss das Fenster gegenüberliegend auf. Aah!

    "Rate, wer noch etwas in seinem Proviantbeutel hat.", meinte er schelmisch, ging zurück nach draußen und kramte in ihren Sachen nach besagtem Beutel, den er einladend hochhielt. Mit seinem Kopf deutete er Richtung Hinterhof. "Im Dreck will ich nicht essen, komm mit!" Chris schlich sich durch die schmale Gasse, durch die man hinter dem Gebäude herauskam. Es war ein abgeschotteter, gemütlicher kleiner Platz, umrahmt von den umliegenden Bauwerken.

    Chris setzte sich auf die Treppe, die zur Bäckerei führte und zog ein langes Baguette und ein Stück Käse heraus. Von beiden brach er etwas ab und reichte es seiner Schwester. "Das ist das letzte Brot was ich habe. Wir müssen schleunigst mit dem Backen anfangen!" Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: "Meinst du, wir kriegen das hin?"

  • [Priscilla] & Misasagi in ihrem Laden


    Die junge Frau stieß überrascht den Atem aus als ihre neue Bekanntschaft sie an der Hand fasste und mit sich zu den Regalen zog. Doch die Überraschung wich schnell der Begeisterung. Hatte Misasagi ihr kurz vorher noch deutlich gesagt, sie solle nichts anfassen, drückte sie ihr nun selbst einen ihrer Schätze in die Hand. Beinahe hätte Priscilla den wertvollen Stein fallen gelassen, doch ihre etwas schwitzigen Finger klammerten sich gerade rechtzeitig um die glatte Oberfläche. "Oh..." Ihre Augen funkelten als sie ihn betrachtete, die Ringe die ihn zierten. Er war wirklich wunderschön. Doch viel Zeit, sich mit dem Schatz zu beschäftigen, hatte sie nicht, denn Misasagi zeigte ihr munter viele weitere schöne Stücke, welche sie auf ihren Abenteuern ergattert hatte. "Wow..." Priscillas Begeisterung überschattete ihre anfängliche Furcht und die Tatsache, dass die Frau vor ihr ein Halbmonster war, war ihr nun vollends entfallen. Was vermutlich besser so war, denn ansonsten würde sie vielleicht doch noch die Flucht ergreifen. "Das ist... unglaublich..." Flüsterte sie mit piepsig hoher Stimme, ihre Augen glänzend. Es waren wirklich viele Informationen auf einmal und nicht alles blieb bei der Rosahaarigen hängen. Aber eines war sicher. "Du bist so mutig." Die Worte kamen wie von selbst, während ihre Augen begeistert über die ganzen Schätze wanderten. Selbst die Eidechsen, auch wenn die ein wenig ekelig waren. "Und du verkaufst die alle? Oder sammelst du sie nur?" Fragte die Rosahaarige interessiert, die Finger noch immer um den Achat geklammert. Bloß nicht fallen lassen. Bloß nicht fallen lassen. Sie war so konzentriert darauf, dass es ihr gar nicht auffiel, wie sie einen halben Schritt nach hinten machte und gegen ein anderes Regal stieß.

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