Die Kapelle

  • Schnell hatte sie Alte den beiden Putzzeug besorgt, Barrett bekam einen Besen, sowie eine Schaufel in die Hände gedrückt und wurde zusätzlich mit einer Leiter beladen. Sophia hatte die Nonne einen Eimer voller Wasser und einen Wischmopp gegeben. Während sich die alte Frau hinter den Altar stellte sah Barrett genervt zu Sophia hinüber, dann zu Stella und dann wieder zurück. Die Nonne schien geistig abwesend, vielleicht dachte sie gerade an etwas oder die Demenz hatte just in dieser Sekunde zugeschlagen! Sollten sie türmen? ... Nein, das würde ihnen nur noch mehr Ärger einbringen, als sie sowieso schon hatten.
    Widerwillig tauchte das lilahaarige Mädchen den Wischmopp in den Eimer und Barrett kletterte mindestens genauso abgeneigt die Leiter empor und begann die Spinnweben aus den Ecken zu kehren, welche die Wände mit der Decke einschlossen. Dies war allerdings nicht so einfach, denn die Spinnennetze verklebten den kleinen Besen, welcher schon bald nicht mehr im Stande war sauber zu machen. "Drecks Gelump!", rief Barrett aufgeregt und seine Stimme wurde mehrfach von den hohen Wänden des Gebäudes zurückgeschleudert. Was Stella dachte war ihm allerdings egal. Genervt blickte er nach unten und sah, wie seine Begleiterin versuchte mit einer Bürste den Boden zu reinigen. Sophia bürstete allerdings nur auf einer Stelle - wenn es so weiter ging, dann würden sie erst in ferner Zukunft mit dem Putzen fertig sein. Konnte es sein, dass Sophia noch nie geputzt hatte? So stellte sich nämlich nur jemand an, der aus Frust nicht putzen wollte oder jemand, der es einfach nicht konnte. Barrett hatte schon das ein oder andere Dienstmädchen der Sainte Coquilles durch die Straßen laufen sehen, bestimmt hatten die Adeligen eine ganze Armada, die ständig putze, kochte und sie womöglich auch noch ankleidete!
    Der Junge schüttelte diesen Gedanken ab. Den alten, fetten Sainte Coquille wollte doch wirklich keiner ankleiden! Barrett hatte ihn schon einige male gesehen und sich seitdem immer gefragt, wie Sophia dessen Tochter sein konnte! Dass jemand wie sie unterm Strich rauskam konnte nur auf zwei Arten erklärt werden: Entweder musste ihre Mutter abgöttisch hübsch gewesen sein oder sie hatte ein Verhältnis mit einem Angestellten gehabt. Bei diesem Gedanken grinste er wieder, fühlte sich dann aber leicht schlecht, schließlich hatte er in Gedanken gerade die Familie seiner Freundin aufs Tiefste beleidigt.
    "Hey Sophia!", rief er von der Leiter herab, "du siehst zwar echt gut aus als Waschweib, aber wenn du immer nur eine Stelle putzt werden wir nie fertig!" Ein Grinsen besiegelte das Gesagte.

  • Nie hätte Sophia gedacht das Putzen wirklich SO lästig war. Klar hatte sie mal den Tisch mit einem feuchten Tuch abgewischt oder Schmuck poliert. Doch das akribische Schruppen des Fußbodens war ihr völlig fremd. Eigentlich würde sie am liebsten alles stehen und liegen und Barrett die Arbeit machen lassen, aber das wollte sie ihm nicht antun. Immerhin fand er das Ganze ebenso nervtötend wie sie und gemeinsam würde es schneller gehen. Also schruppte sie fleißig weiter.
    Ihr Kleid war an den Knien schon völlig durchgeweicht. Das Selbe würde vermutlich auch bald an den Waden der Fall sein. Zu blöd, dass Wasser zum reinigen des Bodens von Nöten war.
    Ein zartes Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, als Barrett vor sich hin schimpfte. Ob die Nonne irgendetwas dazu sagen würde? Kurz hielt Sophia inne und richtete ihren Blick in deren Richtung. Doch sie saß immer noch schweigend über ihrem Blatt Papier mit der Feder in der Hand. Ob sie es überhaupt bemerkt hatte? Naja was sollte es. War eigentlich gar nicht von Belang. Was könnte sie denn schon tun außer rumzumeckern? Richtig, gar nichts.
    Dann hallte wieder Barretts Stimme durch den Saal. Diesmal fiel ihr Name und die Adelstochter schwenkte den Blick zu ihm hinauf. Allerdings machte er sich mal wieder nur über sie lustig. Empört musterte sie ihn und strafte den jungen Mann mit einem finsteren Blick. Anschließend nahm sie den kleinen Lappen aus dem Eimer und warf diesen, so nass wie er war, in seine Richtung. Zum Glück hatte sie auch getroffen, wäre ja peinlich gewesen wenn nicht. "Sehr witzig Barrett!", schimpfte sie in einem lauten Tonfall. Doch angesichts seiner Reaktion auf den nassen Lappen, hellte sich ihre dunkle Miene wieder auf. Ein Kichern könnte sie sich einfach nicht verkneifen. Wow, putzen konnte ja auch lustig sein! Wie seltsam.

  • Statt eines Satzes bekam Barrett einen fliegenden, nassen Lappen zur Antwort. Als wäre Sophia eine preisgekrönte Diskuswerferin, flog der Lappen hoch durch die Luft und erwischte ihn dann am Kopf, wobei er sich um jenen wickelte und ein deutlich hörbares 'Flatsch' hinterlies. "Buärgh!" Der Junge riss sich den lauwarmen, mit Spülmittel getränkten Lappen vom Gesicht und warf ihn auf Sophia zurück, verfehlte sie jedoch um mehrere Meter. Naja, jetzt musste sie wenigstens aufstehen um den Lappen wieder zu holen!
    "Sehr witzig Barrett!", schallte es von unten herauf und er antwortete leicht erzürnt "Als ob das viel lustiger wäre! Warte nur... ich komm gleich runter!" Mit schnellen Kletterbewegungen näherte sich der Junge dem Boden und lief dann schnurstracks auf Sophia zu, die nicht ahnte, was sie erwartete. "Warte, du hast da was!", sagte er böse grinsend und zückte sein Arbeitsgerät. Mit seinem Spinnweben verhangenen Besen wollte er Sophias Gesicht bürsten, erwischte jedoch nur ihren Haarschopf, welcher die Spinnweben fast wie magisch anzuziehen schien. Zwar hatte Barrett nicht viel von ihr erwischen können, doch er hatte neben den Spinnweben seinen Trumpf ausspielen können: Eine dicke, schwarze, ausgetrocknete Spinne!
    Während das Tier nun deutlich sichtbar in Sophias Haaren klebte, wischte sich Barrett den Mund und die Nase trocken. Wer weiß, was in dem Lappen schon alles drin war? Eigentlich wollte er es nicht wissen, aber sein jetziger Streich war für Sophia sicher Lehre genug!

  • Barrett hatte die nasser-Lappen-Wurfaktion anscheinend nicht ganz so witzig gefunden wie Sophia. Eigentlich hätte sie sich auch denken können, dass er das nicht auf sich sitzen lassen würde. So ein Mist, da hatte sie echt nicht nachgedacht! Und da machte er sich auch schon auf den Weg um sich zu rächen, wobei Sophias Herz vor Schreck einen kurzen Aussetzer machte. Geschickt kletterter er die Leiter herunter und kam auf sie. Bestimmt hatte Barrett sich noch was viel fieseres einfallen lassen! Doch weglaufen würde jetzt auch nichts bringen. Erstens hatte er kein langes Kleid an und zweitens war Sophia sowieso viel zu langsam, zumindest würde sie darauf wetten, dass Barrett sie in Null Komma Nichts eingeholt hätte. Noch dazu konnte sie nicht sonderlich gut Haken schlagen und er hatte mit Sicherheit den einen oder anderen Trick auf Lager um sein Opfer geschickt einzufangen.
    Also blieb sie an Ort und Stelle. Etwas nervös und mit klopfendem Herzen sah sie dem jungen Mann entgegen. Zu gern hätte sie vorher gewusst was in seinen Gedanken umhergeisterte. Sein Gesichtsausdruck verriet leider nur, dass jetzt etwas ziemlich Böses kommen musste. Er zückte seinen Besen und steuerte diesen genau auf ihr Gesicht zu. Quietschend duckte sie sich so schnell es ihr möglich war, doch er erwischte noch ihr Haar. Nicht dass er es nur total zerstruffelte, nein, als Barrett den Besen wieder zurück nahm, schimmerte ihr violettes Haar nun nur noch in grauen Spinnwebfasern. Zu allem Überfluss stellte sie aus dem Augenwinkel heraus auch noch fest, dass sich eines der achtbenigen widerlichen Biester darin verfangen hatte. Egal ob es noch lebte oder nicht, es war einfach nur ekelhaft! "IIIH!", schrie sie aufgebracht, schüttelte ihr Haar bis das dicke schwarze Etwas zu Boden riselte. Das ganze Spinnwebgezottel blieb natürlich kleben. Kein Wunder, Barrett hatte das Zeug ja auch gut in ihr Haar eingearbeitet. Folglich war ihre Frisur auch völlig im Eimer. Na super. So sollte sie jetzt die ganze Zeit herrumlaufen?! Wie unglaublich rücksichtslos sie das von ihm fand! Wütend sah sie ihn an und presste ein "Schönen Dank auch!", zwischen den Zähnen hervor. Die Adelstochter stand auf, wandte ihm den Rücken zu und stampfte in Richtung des Lappens, den Barrett wieder zurückgeworfen hatte. Mürrisch hob sie ihn auf. Wieder am vorherigen Ort angekommen, schmiss sie diesen mit viel Kraft zurück in den Eimer, sodass ein wenig Wasser empor spritzte. Wie sehr sie das doch aufregte! Aber eine Rache wäre wohl nutzlos. Auch wenn Sophia es hasste nicht das letzte Wort zu haben. Wer weiß was er sich dann noch einfallen lassen würde. Also kniete sie sich wieder hin und schruppte weiter den Boden - dieses Mal an einer anderen Stelle.

  • War sie jetzt etwa beleidigt? Sophia hatte Barrett einen bösen Blick geschenkt und war dann wieder an die Arbeit gegangen. Barrett fand, sie brauchte sich gar nicht so anstellen, schließlich hatte sie ja damit begonnen ihm den Lappen ins Gesicht zu werfen! Ohne ein weiteres Wort zu sagen, aber mit einem Grinsen über Sophias Reaktion - die wirklich urkomisch war - lief er zurück zur Leiter, setzte sie an eine andere Ecke und kletterte hinauf. Diesmal befand er sich außerhalb der Wurfweite von Sophia, was vielleicht doch ganz gut war, schließlich kam er so einem Rachefeldzug zuvor. Doch da kam keiner.


    Es vergingen viele Stunden, in denen die beiden angestrengt den Boden, die Bänke, Wände und dir Orgel säuberten. Draußen wurde es schon dunkel, als die beiden die Kapelle gerade aufs Nötigste geputzt hatten. Zwar sah man an einigen schwer zugänglichen Stellen immer noch groben Schmutz, aber auch nur wenn man stur danach suchte.
    Barretts Hände waren ebenfalls nass geworden und ein muffig-feuchter Duft ging von ihnen aus. Sophias Hände rochen sicher genauso, doch das wollte er sich nicht zwingend beweisen. Notdürftig wischte er sie an seinen Hosenbeinen ab und packte dann seine Begleiterin, die immer noch mit einem Lappen an den Kirchenbänken schrubbte, an der Hand. "Lass gut sein, Sophia. Der alt' Oma wird das schon reichen, was wir sauber gemacht haben." Dann nahm er ihr den Lappen aus der Hand und warf ihn zurück in den Eimer, aus dem er gekommen war.
    "Wollen wir gehen?", fragte er sanft und nickte dann in Richtung Stella, die immer noch in Gedanken versunken etwas am Altar plante. Sophia blieb nichts anderes übrig als sofort zu verstehen, was Barrett meinte. Einer musste die beiden bei der Nonne noch 'abmelden' und das würde er ganz bestimmt nicht gern tun.

  • Kurz sah Sophia von ihrer Arbeit auf und warf einen Blick hinaus aus den großen Fenstern. Das Licht, welches durch diese hindurch fiel, war golden geworden. Ein wunderbarer Anblick wie sich die Straheln der untergehenden Sonne im Glas brachen. Ein seichtes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, dann widmete sie sich wieder der Bank.
    Es verging allerdings nicht viel Zeit, bis Barrett neben ihr auftauchte und ihr den Lappen abnahm. Auf seine Bemerkung, dass der alten Nonne das schon reichen würde was bis jetzt geputzt worden war, erwiderte sie nichts. Lediglich ihr Blick huschte zu der Frau am Altartisch hinüber. Die Frage des jungen Mannes benickte Sophia aber. 'Nichts lieber als das.' fügte sie in Gedanken hinzu. Es fühlte sich an als seien ihre Kleider schon ganz steif vor lauter aufgewirbeltem Schmutz und Staub. Von der völlig aufgeweichten Haut an ihren Händen wollte sie erst gar nicht reden.
    Allerdings mussten die beiden der Ordensschwester vor ihrem Aufbruch noch bescheid geben und Barrett war anscheinend der Meinung, dass Sophia das übernehmen sollte. Kurzzeitig musterte sie seine Gesichtszüge und seufzte anschließend. "Nagut", kam ihr noch über die Lippen, ehe sie ihm den Rücken zudrehte und langsam auf den Altar zuschritt. Die Hände verschrenkte die Adelstochter auf dem Rücken. Vor dem Tisch angekommen, blieb sie stehen und warf einen Blick auf das beschriebene Papier. Leider konnte sie über Kopf nicht lesen, was die Buchstaben dort für einen Sinn ergaben. Noch dazu warf die Handchrift der Nonne recht stark .... verziert. "Also Stella .... wir gehen dann jetzt.", ertönte die Stimme der Adelstochter. Als keine Antwort kam, beugte sie sich verwundert ein Stück zur Seite um der Frau ins Gesicht sehen zu können. Wie es aussah war sie eingenickt. Ihre Lippen verformten sich zu einem amüsierten Lächeln.
    Ohne vorerst den Blick von ihr zu nehmen, entfaltete Sophia ihre Hände und drehte sich dann langsam wieder um. Erst nachdem sie sich fast völlig dem Tisch abgewandt hatte, richtete sie die Augen wieder auf Barrett, raffte die Röcke und lief auf ihn zu. Kurz flüsterte sie ihm ein "Sie schläft gerade, nichts wie weg." zu und schob den Jungen bis zum Ausgang. Sophia legte die Hand auf die Klinke und öffnete die Tür. "Ich bin dafür, dass wir uns kurz das Badehaus ansehen.", wandte sie sich noch an Barrett ehe das schwere Holz ins Schloss fiel.
    --> Barrett und Sophia verlassen die Kapelle


    (Kannst dir aussuchen, ob die beiden jetzt dahin gehen oder woanders ;D )


  • Die Einladungen waren verschickt worden. Jeder Haushalt in Trampoli hatte eine bekommen. Auch die neuen Einwohner. Vor allem die Neuen. Sie waren es die von dieser Situation betroffen waren. Sie hatten ihre Liebsten verloren. Menschen die ihnen wichtig waren. Menschen die sie bis zu jenem schrecklichen Tag in ihrem Leben begleitet hatten. Die betroffenen Personen wussten schon über den Verbleib ihrer Liebsten Bescheid. Jetz gebührte ihnen lediglich noch eine Abschiedsfeier. Ein Tag der nur ihnen gewidmet war. Ein Tag an dem ihrer Aufopferung Anerkennung zu Tage wurde. Ihre Taten gerühmt wurden. Auf Ewig würden sie in den Erinnerungen ihrer Freunde und Verwandten weiterleben. Nie in Vergessenheit geraten. Gordon, der hiesige Priester, war gerade dabei sich auf sein Rede vorzubereiten. Er saß in seinem Zimmerchen und notierte sich zu der Rede, welche ihn die Nonne Stella freundlicherweise zusammengestellt hatte, einige Notizen und fügte ihr noch einige Worte hinzu. Seine persönliche Note. Heute würden sie den Verstorbenen gedenken. An ihren Gräbern stehen. Letzte Worte an sie richten. Ob ihre Worte sie noch erreichen war fraglich. Aber ausgesprochen mussten sie werden. Soviel war sicher. Alleine um das Leid der Zurückgebliebenen zu lindern. Gordon hatte lange überlegt wie er diese Trauerfeier gestalten sollte und er hatte sich dafür entschieden sie am Friedhof anzuhalten. Die Leichnamen der Verstorbenen waren bereits begraben. Wo sonst hätten sie diese Vielzahl bis zum heutigen Datum lagern sollen. Außerdem waren die Überbleibsel der Verstorbenen nicht gerade ansprechend. Es war besser wenn die Zurückgeblieben sie so in Erinnerung behalten würden, wie sie einst waren und nicht das was die Monster von ihnen zurückgelassen hatten.
    Gordon schnappte sich den Zettel, welchen er vor sich liegen hatte, zerknüllte ihn und warf ihn in den Mülleimer. Er würde improvisieren. Seine ehrliche Meinung dazu sagen und nicht strikt den Vorgaben folgen. Der ältere Herr erhob sich von seinem Sessel und begab sich nach draußen. Noch hielt sich die Anzahl der Gäste in Grenzen. Kein Wunder. Er war auch viel zu früh dran. Schon bald würden sich hier die Menschen einfinden. Gordons Blick wanderte über die zahlreißen Gräber. Schnee hatte sich über die frische Erde gelegt und dennoch konnte man die Namen auf den Kreuzen noch sehr gut lesen. Die Schneedecke glitzerte im Sonnenlicht. Es war ein so schöner Tag und doch würde niemand diesen Tag mit einem Lächeln begrüßen. Gordon stapfte durch den Schnee und wartete auf die Ankunft der Gäste.


  • ~Rosalind, Bianca und Jasper kommen an~
    Auch das Adelsgeschlecht Sainte-Coquilles hatte sich auf der Trauerfeier eingefunden. Sie hatten ebenfalls jemanden verloren. Sogar zwei ihrer Sorte. Um ihnen zu gedenken hatte Rosalind sogar ihren Streit mit Jasper beiseite gelegt und auch Bianca, die Kühlheit in Person, verzichtete einen Tag lang auf abfällige Bemerkungen bezüglich der anderen Anwesenden und auf ihre Arroganz. All dies war nicht wichtig. All die kleinen Streitigkeiten und Unwichtigkeiten waren vergessen. Jetzt zählte Wichtigeres. Der Ernst des Lebens und auch der Tod machte auch vor den Reichen keinen Halt. Alles Geld der Welt hatte Max und Eliza nicht retten können. Jegliche Hilfe kam für sie und die anderen Verstorbenen zu spät.
    Alle drei hatten eine Rose in den Händen. Weiß war ihre Farbe. Je eine Rose für einen geliebten Menschen. Eliza und Max waren nicht die einzigen Verluste, die das Haus Sainte-Coquilles hatte. Auch Biancas Zofe Tabatha hatte in dieser Schlacht ihr Leben gelassen. Unter anderem um das Leben ihrer Herrin zu retten. Alleine bei dem Gedanken an Tabatha stiegen Bianca die Tränen in die Augen und sie lehnte sich an die Brust ihres Vaters, welcher sie sogleich in den Arm nahm. Für Bianca war Tabatha immer so etwas wie eine Schwester gewesen. Sie war mit ihr herangewachsen und die Beziehung die die Beiden hatten überschritt das Arbeitsverhältnis. Es war vielmehr eine Art Freundschaft für Bianca gewesen und jetzt war der Zeitpunkt gekommen indem sie bereute, es ihr nie gesagt zu haben. Sie nicht besser behandelt zu haben. Ihre Wut an ihr ausgelassen zu haben.
    Rosalind hatte die weiße Rose in ihren Händen fest umklammert. Ihr Blick war gen Boden gerichtet und sie war in Gedanken versunken. In Gedanken bei ihrem geliebten Bruder. Sie waren vielleicht nicht immer einer Meinung aber dennoch verband die beiden ein inniges Band. Rosalinds Gedanken waren so weit weg,dass sie gar nicht bemerkte, dass die Dornen der Rose ihre Hand aufgeschnitten hatten. Die Augen der Blauhaarigen waren mit Tränen gefüllt obwohl sie sich geschworen hatte nicht zu weinen. Es brachte ihr nicht ihm nachzuweinen. Er war für immer fort. Sie würde sein Lächeln nie mehr sehen. Seine Stimme niemals wieder hören. Es war vorbei. Im Gegensatz zu ihrer Cousine versuchte Rosalind standhaft zu bleiben. Nicht schwach zu werden. Wahrscheinlich würde sich das spätestens dann ändern, wenn der Priester das Wort ergreifen würde.

  • Gemächlich und nichtsahnend trottete Zaid in Richtung Kapelle. Schon von weitem hatte er ein paar Leute gesehen die hineinspaziert waren. Warum sein Weg ihn nun ausgerechnet hierhin geführt hatte, konnte der Blonde sich auch nicht erklären. Vielleicht war es, trotz seiner Orientierungslosigkeit, ein Instinkt gewesen? Als der junge Mann in die nähe der Kapelle trat, verhärteten sich seine Gesichtszüge, als er sah, dass wohl gerade eine Art Zeremonie angefangen hatte. Am liebsten wäre er auf der Stelle umgekehrt doch irgendetwas hielt ihn davon ab. Bemüht möglichst leise zu gehen, trat er etwas näher an das geschehen heran. Es waren fast keine Leute hier , ausschließlich der Pfarrer, zwei junge Mädchen und ein etwas älterer Herr. Immernoch sehr ernst dreinblickend schaute Zaid sich um. Er konnte einen Blick auf eines der Mädchen erhaschen und sah, wie ihr eine Träne aus dem Augenwinkel lief "Ach du Scheiße..." murmelte der Wolf und hoffte niemand hatte es gehört Was zum...? Er beließ es dabei, denn anscheinend schien es den Mädchen sehr ernst. Wie in Zeitlupe lief er ein paar Schritte zurück um alles aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Sein Blick ruhte auf dem Pfarrer. Was auch immer es war, es hatte eindeutig sein Interesse geweckt.


  • Wie ihr Vater hatte auch Dorothy sich auf diesen Tag vorbereitet. Höchstwahrscheinlich in unterschiedlicher Art und Weise aber dennoch mit dem selben Zeitaufwand. Sie hatte viele Tage geweint und sich die Frage gestellt warum nicht sie an Cammys Stelle gewesen war. Warum es ausgerechnet Cammy treffen musste. Die Kleine hatte noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt und nun war es einfach zu Ende. So schnell konnte es passieren und Dorothy hatte sich nicht einmal von ihr verabschieden können. Nicht ein letztes Mal einen Blick auf ihr Gesicht werfen können. Sie nicht noch einmal in den Arm nehmen können. Das Mädchen hätte alles dafür gegeben nur um ihr ein letztes Mal auf Wiedersehen zu sagen. Alleine bei dem Gedanken kullerten Dorothy wieder Tränen über die Wange. Sie konnte sie nicht mit Gewalt zurückhalten. Der tiefe Schmerz in ihrer Brust war einfach zu stark. Unerträglich. Atemraubend. Das Mädchen drückte ihren Stoffhund Fern näher an sich und sie musste hustete. Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Dorothy erhob sich von ihrem Bett und lief schnellen Schrittes nach draußen. Bestimmt würde die Trauerfeier gleich beginnen. Ein paar Gäste hatten sich schon eingefunden. Die Trauer stand ihnen ins Gesicht geschrieben. An der frischen Luft angekommen atmete Dorothy ein paar Mal tief ein und dann wieder aus. Sie brauchte die frische Luft. Hier hatte sie nicht das Gefühl zu ersticken. Ihre Atemnot besserte sich von Atemzug zu Atemzug. Der Griff um ihren Stoffhund Fern lockerte sich und dennoch hatte sie ihre Fingernägel in sein Fell gekrallt. Er gab ihr Sicherheit. Jetzt da Cammy tot war, hatte Dorothy das Gefühl all das Selbstvertrauen, welches sie durch Zaid erlangt hatte, war wie weggeblasen. Fast so als hätte sie einen Schritt nach vorne gemacht und anschließend wieder fünf zurück. Dorothys Blick wanderte hinüber zu ihrem Vater. Er wirkte konzentriert. Lies sich nicht von seinen Gefühlen leiten. Auch er hatte eine Tochter verloren und dennoch machte es nicht den Eindruck als ob er trauern würde. War es für ihn mittlerweile Routine geworden oder gehörte das zum erwachsen werden dazu? Aus der Ferne entdeckte Dorothy Zaid. Er stand abseits von der Menschenmenge. An eine Mauer gelehnt. Für einen Augenblick dachte Dorothy darüber nach sich ihm zu nähern. Ihr Leid mit ihm zu teilen. Doch sie wäre nur eine Belastung für ihn. Ein Hindernis auf seinem Lebensweg. So senkte Dorothy ihren Kopf und starrte wie gebannt auf den Schnee unter ihren Füßen. Er funkelte wie eine Million Edelsteine, doch selbst dieser Anblick konnte das Mädchen nicht erfreuen. Wie denn auch? Schließlich hatte sie als große Schwester versagt. Es nicht geschafft Cammy zu beschützen...

  • ~Iris kommt an.


    Überrascht hatte Iris die Einladung gelesen. Waren doch einige Tode zu beklagen? Und wer waren diese Menschen? Eigentlich kannte sie nur wenige der Neuankömmlinge, doch irgendwie war sie nicht ganz so gefühlskalt wie andere und schon gar nicht so ängstlich, dass es schlimm war, diesen Menschen zu helfen. Langsam kam sie in die Kapelle und und sah sich um. Eigentlich nicht unbedingt der Ort, den sie gerne besuchte, doch heute ging es darum andere zu ehren, die im Kampf und auf der Flucht ihr Leben wohl auch für andere gegeben hatten.
    Neugierig sah sie sich um. Sie war früh dran, viel zu früh, und obwohl viele der vorderen Reihen frei waren, nahm sie einen Platz in der hintersten Reihe ein. Sie wollte nicht unsicherheit verbreiten, wie sie es zu oft tat. Dabei war sie noch harmlos gegenüber anderen, und trotzdem wurde sie immer wieder einmal angefeindet. Man konnte eben nicht alles haben. Nun musste Iris nur noch versuchen, nicht zu neugierig auszusehen, immerhin hatten wahrscheinlich die meisten Opfer irgendwelche Verwandten, die draufgegangen waren. Von denen, die schon in der Kapelle saßen, kannte sie eh keinen, also konnte sie nicht einmal sagen, ob diese Anwesenden zu den Leidtragenden gehörten. Dabei wusste sie, wie schwer es war, jemanden zu verlieren, gerade wenn man ihn liebte.

  • ~Barrett kommt zur Kapelle~


    Er hatte die Einladung am selben Morgen bekommen. Der Schock hatte zwar schon ein wenig nachgelassen, doch Barrett stand immer noch etwas neben sich. Erst hatte er es nicht glauben wollen: Sein Vater...tot... einfach nur tot - und das schon Wochen! Barrett hatte sich nie gefragt, wo sein alter Herr geblieben war, schließlich war er der Grund, wegen dem es überhaupt soweit gekommen war. Das Fest, die Monster, die Zerstörung Alvarnas... Er hatte die ganze Zeit geglaubt, dass sein Vater sich um einen Weg kümmerte, wie sie wieder in die Stadt zurück kämen oder dass er sich vor zu vielen Menschen zu verantworten hätte und deshalb keine Zeit hatte seinem Sohn ein Lebenszeichen zu schicken. Aber da konnte er nicht, er war tot. Er musste sich nun keine Gedanken mehr machen, über das, was er getan hatte oder über das was er nun hätte tun müssen.
    Der alte Mann, der sich sein Vater schimpfte wollte die Welt verbessern und hatte dafür mit seinem Leben gezahlt. Barrett entspannte die Hände, welche er zu Fäusten geballt hatte, so dass die Knöchel weiß hervortraten, um die Tür der Kapalle zu öffnen. Drinnen war noch recht wenig los. Er erkannte kein bekanntes Gesicht, doch dann glänzten ihn silbrig-graue Haare aus der letzten Bank an. Langsam ging Barrett zu der Person. "Iris", murmelte er leise, betrat dann die Bank, in der das Mädchen saß und stellte sich schweigend neben sie. Ein kleines "Hallo" entfuhr ihm, dann starrte er weiter geradeaus.
    Wie sein Vater wohl gestorben war? Ob er hatte leiden müssen? Barrett hoffte, dass er wenigstens noch in einem Stück war, als ihn wildfremde Leute beerdigten, die ihn nicht einmal kannten. Wieso hatte man ihm nicht schon früher Bescheid gesagt, dass er nun ein Waise war? Zwar hatte er seinen Vater nie wirklich lieb gehabt, doch trotz allem wäre er gerne bei seiner Beerdigung dabei gewesen...

  • ~Alicia kommt an


    Wieso war sie überhaupt gekommen? Die ganze Feier hier, erinnerte sie doch nur wieder an den Kampf, Baretts Verletzung und... Der ganze Vorfall war nicht schön. Trampoli war ihr Neuanfang, den wollte sie doch nicht mit einer schlechten Erinnerung bestücken! Aber sie hatte gehört, dass Barretts Vater unter den verstorbenen weihte. Daher zog sie es hierher. Auch wenn der alte Bürgermeister und sein arroganter Sohn sich ja nicht besonders verstanden hatten, sah Alicia, wie der Braunhaarige die Kapelle betrat. Sie stand noch eine Weile draußen. Der Tag hatte eine seltsame Stimmung mit sich gebracht.
    „Also... dann los geht’s!“, murmelte Cia sich selbst zu. Ihre wunderschönen blauen Augen suchten, als sie die Tür öffnete, den großen und schönen Saal ab. Schnell erkannte sie den Braunhaarigen. War auch nicht gerade schwer. Alicia würde Barrett wohl unter hunderten finden – auch wenn die beiden sich seit Wochen nicht gesehen hatten.
    Sie fuhr sich mit der Hand einmal durch ihre rosanen Locken, ehe sie den Weg zu ihm ansetzte. Zunächst wortlos setzte sie sich neben ihn.
    „Sollte ich etwas wie 'Mein beileid' sagen?“, sie grübelte. Sie hatte absolut keinen Schimmer, wie der Braunhaarige auf sie oder allgemein die Situation reagieren würde.
    Lange Momente vergingen, zu lange nach Cia.
    „Lange nicht gesehen, nicht wahr?“, war das erste, was sie etwas brüchig heraus brachte. Ihre Stimme war trocken, sie war etwas unsicher. Die Rosahaarige war noch nie der Typ für derartige Gespräche gewesen. Sie sah strikt gerade aus, bis sie schließlich ihren Kopf wandte um ihm in die Augen zu blicken.

    • "Ich bin keine Puppe, die man aus einem verstaubten Regal holt, wenn Jemand gerade nicht da ist, und wenn dieser Jemand wieder zurückkehrt, achtlos ins Regal gestellt wird und wieder von allen... gehasst wird." •

  • Er war völlig in einen Mischmasch aus Erinnerungen und Gedanken über seinen verstorbenen Vater versunken, als sich Alicia zu ihm gesellte. "Lange nicht gesehen...", warf sie ihm unvermutet an den Kopf und der Junge drehte sich sofort um. Er erkannte sie sofort: Das rosahaarige Mädchen sah gut aus - wie immer. Mit der Zeit die vergangen war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie wieder stärker geworden und sah nicht mehr so geschwächt aus wie bei seinem Besuch im Krankenhaus. "Ach du bist es...", sagte er mit einer Müdigkeit in seiner Stimme, die nichts über seinen Zustand verriet. Wusste Alicia bereits davon, dass Byron tot war? Wie sollte sie aber... schließlich hatte nur er eine Einladung bekommen. Oder... hatte Alicia auch eine bekommen? Konnte es sein, dass...?! Er hatte Ray die ganze Zeit hier noch nicht gesehen! Doch kurz bevor er dessen Schwester fragen wollte, fiel ihm auf, das außer ihrer bedrückten Stimme nichts an Alicia einen Trauerfall erkennen lies. Sie hätte bestimmt schwarz getragen oder geweint, wenn Ray gestorben wäre.
    "Alicia...", sagte er leise, hörte kurz auf zu sprechen, blickte in ihre Augen und fuhr dann fort, "...Byron ist tot." Mehr brauchte nicht gesagt werden. Fragend beobachtete er das Gesicht der jungen Frau neben ihm. Am liebsten würde er sie in die Arme nehmen, doch das würde ihn wie ein Kind wirken lassen. Allerdings hatte er nichts dagegen selbst in den Arm genommen zu werden.

  • Anette kommt an.


    Auch Anette hatte eine Einladung bekommen. Es war eher überraschend, da sie die meisten der Verstorbenen überhaupt nicht kannte. Dennoch entschloss sie sich dazu die Trauerfeier zu besuchen. Immerhin sah es so aus als ob sehr viele Menschen kommen würden und Anette dann nicht die einzige sein wollte, die nicht teilnimmt. Auch von dem Attentat damals hatte sie nicht viel, eigentlich gar nichts mitbekommen. Daher war sie sich doch noch ein wenig unschlüssig hinzugehen, aber kurz davor konnte sie nun auch nicht mehr kneifen. Als sie in Richtung Kapelle kam, sah sie schon einige Menschen. Einigen sah man die tiefe Trauer bereits aus der Ferne an. Anderen wiederum nicht. Nun näherte sich das blonde Mädchen Schritt für Schritt der Kapelle; in ihren Gedanken drehte sich alles um ihr Verhalten. Anette war zuvor noch nie zu so einem Anlass geladen, also wusste sie nicht wie sie sich verhalten sollte. Einfach Stillschweigen und zuhören? Beileid den Hinterblieben aussprechen? Ach ich weiß es nicht! Noch ein wenig unentschlossen stand Anette nun vor der Kapelle. Es war ein recht hübsches Gebäude, kaum zu glauben, dass hier eine Trauerfeier stattfinden soll. Nach einem tiefen Atemzug betrat sie schließlich das Gebäude. Es waren noch gar nicht so viele Leute eingetroffen, wie sie dachte. Einige bekannte Gesichter erspähte ihr Blick, aber auch viele unbekannte. Ohne auf jemanden zuzugehen begab sie sich langsam zur Mitte des Ganges. Festgeklammert an ihrer Tasche bog die in die Reihe zu ihrer Linken und setzte sich neben einen Unbekannten.

  • ~kommt bei der Kapelle an~


    Raven stapfte schweigend durch den Schnee.
    Sie hasste das Geräusch, welches ihre Schuhe machten, wenn sie in die kalte, weiße Pracht eindrangen.
    Dieses Knirschen und Knarschen… im Winter konnte man sich nirgends anschleichen, immer wurde man
    von diesem nervigen Geräusch verraten!
    Und dabei wollte sie doch eigentlich unentdeckt an der Trauerfeier teilnehmen… Sonst würde sie nur wieder
    angesprochen werden, von irgendeiner übersozialen Person, die nicht wollte, dass sie alleine dastand.
    Sie hatte eigentlich gar keinen Grund gehabt her zu kommen, wollte es auch erst ganz bleiben lassen.
    Doch dann hatte sie sich im letzten Moment, wegen Gewissensbissen um entschieden.
    Auch den Monsteropfern von Alvarna sollte Respekt erwiesen werden, wenn die Stadt auch für immer verloren war…
    Raven stellte sich sehr abseits von den bereits Versammelten. Sie verschränkte die Arme vor der Brust
    und mummelte sich tief in ihren dicken Schal. Es war sehr kalt heute, der Schnee fing schon fast an, ihre
    Hose zu durchweichen, die eigentlich mehr als wintertauglich war.
    Sie hasste den Schnee und sie hasste den Winter… Das einzig schöne am Winter, war das Feuer, welches
    man im Kamin entfachen konnte und das Eintopf-Fest. (Extra gegoogelt! xD)
    Sie mochte Eintopf.
    Bibbernd hoffte das Mädchen, das die Trauerfeier bald zu Ende gehen, bzw. endlich einmal anfangen würde,
    damit sie sich wieder in der kuscheligen Schmiede ans warme Feuer stellen konnte.

  • ~Dylas kommt an.
    Nur widerwillig folgte der Silberhaarige dem Ruf des Priesters. Ohnehin war dieser Priester aus Alvarna gewesen daher ging ihm die Einladung am Allerwertesten vorbei. Stattdessen würde er seine eigenen Beweggründe für diesen Weggang angeben, wenn ihn jemand danach fragte. Hier würden nämlich höchstwahrscheinlich seine Eltern liegen. Schon von Weitem war zu sehen, dass es sich um eine Vielzahl von neuen Gräbern handelte. Besonders lang bestand Trampoli ja nicht, dass sich hier eine große Anzahl an Gräbern hätte anhäufen können. Vollkommen emotionslos suchte Dylas das Grab seines Vaters und wurde erst nicht fündig. Es war auch nicht besonders einfach, hier etwas zu finden, was man suchte, denn dieser Ort wurde nicht gerade knapp besucht. Und dann geschah es. Er fand das Grab seiner Mutter. Der vermutlich meistgehassten Person in diesem Kaff nach Kanno wenn es nach Dylas ging, wurde tatsächlich ein Grab gewidmet. Verächtlich sah er auf diesen gammligen Stein herab und durfte der erste sein, der etwas beilegte. Blumen schleppte er logischerweise nicht mit sich rum, aber was viel netteres... Speichel. Eine saftige Ladung davon entleerte er vor dem Grab und ging unauffällig weiter. Jedem das was er verdient... Das war natürlich nur eine schwache Rückzahlung für all ihre Taten, aber es war ein Anfang. Was die anderen Gräber mit den fremden Namen anging, die meidete er bis auf's Blut, genauso wie die Fremdlinge, die sich um sie scharten. Für das Grab seines Vaters wollte er sich dann doch mehr Zeit lassen und auch wenn Dylas was das anbelangte noch nicht fündig geworden war, so wollte er lieber warten bis sich die Veranstaltung hier in Luft auflöste. Dieser Trubel, sofern man ihn so nennen konnte, gefiel ihm nämlich überhaupt nicht. Abseits der Gräber stützte er sich an eine Wand und suchte weiter nach seinem Vater. Irgendwo musste er ja schließlich liegen...

  • Da sich momentan immer mehr Menschen in ihrer Umgebung versammelten, rückte Raven noch etwas weiter abseits des Geschehens. Sie musste nicht unbedingt mitbekommen, was der Priester zu sagen hatte, um den toten ihren Respekt entgegen zu bringen und auf einen nervigen Smalltalk, welcher für ihr Gegenüber sowieso nur endtäuschend enden würde, hatte sie auch keine Lust.
    Sie sah sich etwas auf dem Friedhof um.
    Viele Gräber gab es ja Gott sei Dank nicht… oder wurden sie nur alle vom Schnee bedeckt, sodass man sie nicht richtig sehen konnte?
    Ebenfalls etwas abseits, konnte sie einen jungen Mann entdecken, der gerade an einem Grabstein trauerte.
    Es wirkte auf jeden Fall so und Raven wollte schon wieder den Blick von ihm nehmen, um ihn nicht zu stören, als ihr die flauschigen Ohren an seinem Kopf auffielen.
    Noch ein Halbwesen!, voller Interesse schenkte sie dem jungen Mann jetzt ihre komplette Aufmerksamkeit. Sie bewegte sich sogar unbewusst in dessen Richtung, ohne den geringsten Plan, wie sie ihn überhaupt ansprechen sollte.
    Natürlich war es so auch kein Wunder, dass sie mitbekam wie er auf das Grab spuckte.
    Was für eine abwertende Geste, dachte Raven traurig.
    „Warum hast du das gemacht?“, platzte es aus ihr heraus, wobei ihre Stimme jedoch leise und ruhig klang. Sie sah den Fremden mit einem traurigen Blick an, auch wenn er wahrscheinlich seine Gründe für die Tat hatte, so konnte sie Raven, momentan, in keinster Weise verstehen.

  • Natürlich blieb Dylas nicht einmal an einem Ort wie diesem ein Gespräch erspart. Denn gleich nachdem er sich in Sicherheit gebracht hatte, musste ihn ein rothaariges Mädchen ansprechen. Ihr Interesse galt seiner Geste an seine Mutter wie es schien. "Was geht dich das an?" Sie war offensichtlich eine Angehörige der ehemaligen Alvarna-Bewohner, daher konnte der Silberhaarige nicht anders als sie vorerst garstig zu empfangen. Letztendlich wurde er sie aber mit seiner Frage und Unhöflichkeit nicht los, so dass er auspacken musste. "Diese Frau hat es nicht anders verdient, sie hätte genauso auf mein Grab gespuckt, wenn nicht sogar ein Ei gelegt." Nichts wäre seiner Rabenmutter lieber gewesen als dass er ins Grab biss, doch glücklicherweise wusste er irgendwann sich zur Wehr zu setzen... mit Unterstützung von seinem Vater. Doch eigentlich lag es ihm momentan fern, hier in der Kapelle handgreiflich oder laut zu werden, damit das fremde Mädchen verschwand. Daher blieb ihm nichts anderes übrig als sie vorerst irgendwie halbwegs nett zu behandeln, so schwer es ihm auch fiel. "Und hast du hier etwa keinen dem du auf's Grab spucken kannst?" fragte er schließlich mit einem merkwürdig gezerrten Gesicht, das so etwas wie Lächeln hervorbringen sollte, was aber kläglich daneben ging...

  • Raven wurde angefahren.
    Eine Reaktion, die sie durchaus verstehen konnte, sie hätte genauso gehandelt.
    Es ging sie wirklich nichts an, was die verstorbene Person dem jungen Mann getan hatte und so ruhte ihr trauriger Blick, ohne Erklärung, einfach weiter auf dem Halbwesen, bis dieser sich doch noch rechtfertigte.
    „Aha…“, meinte die Rothaarige nur knapp und zog ihre verschränkten Hände noch etwas dichter an ihren Körper, da die Kälte so langsam sogar durch ihre dicke Jacke krabbelte. „Es tut mir leid, dass du mit ihr nicht noch Frieden schließen konntest, bevor sie starb… Hass ist etwas furchtbares, wenn er sogar über den Tod hinaus reicht…“
    Sie senkte ihren Blick auf das Grab und wurde nachdenklich.
    Die Stille des Friedhofs, der ganze kalte Schnee und die traurige Stimmung, welche sich durch die Gräber schlich, gaben Raven ein seltsames, beklemmendes Gefühl.
    Als der Fremde sie noch etwas fragte, sah sie wieder zu ihm auf.
    „Nein… niemanden…“, sie hatte wirklich niemanden, niemanden auf dessen Grab sie spucken konnte, aber auch niemanden, der an ihrem Grab trauerte, wenn sie sterben würde. Eigentlich wollte sie sich gar nicht mehr weiter mit dem Fremden beschäftigen. Man merkte förmlich, dass er sich nicht mit ihr unterhalten wollte und sein Smalltalklächeln hatte er genauso gut drauf, wie Raven selbst (nämlich überhaupt nicht). Doch sie musste sich unbedingt noch von etwas vergewissern:
    „Sind deine Ohren echt… also sind sie… bist du ein Halbwesen?“